Die deutschen "Kinder der Schande" Verbotene Liebe

In der NS-Zeit zeugten viele französische Kriegsgefangene mit deutschen Frauen Kinder, trotz harter Strafen. Die Mütter schwiegen aus Scham oft lebenslang. Und Kinder wie Rainer Gessert suchten verzweifelt nach ihren Vätern.

Sammlung Rainer Gessert

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Ein kleiner, gelber Zettel nur. Einer, der Rainer Gessert immer noch traurig und wütend macht. Mit unruhigen Fingern zieht er ihn aus einem Ordner alter Fotos und verblichener Briefe, wirft ihn auf die blau gemusterte Decke seines Gartentisches, als wäre es eine Anklageschrift.

Auf dem Zettel steht: Rénald Raimond Gaston Denolf, geb. 21.3. 1915, Lille.

Mehr als diese kargen, eilig hingekritzelten Informationen hat Rainer Gesserts Mutter Rosemarie nie preisgegeben über den Mann, den sie einst liebte, über den aber nicht geredet werden durfte. Er blieb für Rainer Gessert jahrzehntelang ein Schatten. Dabei war der Mann sein Vater.

Der Grund: Rénald Denolf war Franzose, Kriegsgefangener der Deutschen. Im NS-Staat war es illegal und lebensgefährlich, den Feind zu lieben, schlimmer noch: Kinder mit ihm zu zeugen. Wer es doch tat, machte sich der "Wehrkraftzersetzung" schuldig. Es drohten Haftstrafen, mindestens aber die soziale Ausgrenzung: Deutsche Frauen, die sich mit Kriegsgefangenen einließen, wurden wie Hexen kahlrasiert durch ihre Dörfer getrieben, so schilderten es später Zeitzeugen.

Fotostrecke

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Liebschaften mit dem Feind: Scham, Schande, Schweigen

Rosemarie Gessert schwieg auch dann noch über ihren französischen Liebhaber, als das NS-Reich untergegangen war. Obwohl ihr Geheimnis sowieso nahezu jeder im 300-Seelen-Dorf Slate im heutigen Mecklenburg-Vorpommern kannte. "Na, da kommt ja der kleine Franzose!", riefen zu DDR-Zeiten die Kinder, die es gut mit Rainer Gessert meinten.

Die anderen beschimpften ihn als "Bastard".

"Kinder der Schande" nannte man in Frankreich die Nachkommen, die Wehrmachtssoldaten zur Besatzungszeit mit Französinnen gezeugt hatten. Über diese Kinder sind etliche Bücher erschienen, eine Weile diskutierte das ganze Land über Scham, Lügen und die Last einer verlorenen Jugend.

Umgekehrt aber sind die Schicksale der Kinder, die französische Kriegsgefangene mit deutschen Frauen zeugten, bis heute kaum bekannt und füllen keine Bücher oder Studien. Manche "Franzosenkinder" sind inzwischen weit über 70 Jahre alt und ahnen kaum etwas von ihrer eigenen Geschichte. Andere verzweifeln daran.

176 "Franzosenkinder" in Mecklenburg-Vorpommern

Eine Spurensuche nach den vergessenen Kindern führt in das Gebiet des heutigen Mecklenburg-Vorpommern. Dort waren etliche Kriegsgefangene aus Frankreich interniert, etwa 10.000 Franzosen allein im Stammlager II E bei Schwerin. Anders als die russischen Gefangenen, die das NS-Regime aus ideologischen Gründen verhungern und zu Tode schuften lassen wollte, durften viele Franzosen tagsüber ihr Lager verlassen. Sie arbeiteten auf den Feldern und in den Wäldern, aßen mit deutschen Familien, was offiziell verboten war. Manche mussten abends nicht ins Lager zurück, blieben aber meldepflichtig. Sie übernachteten, mitunter eingesperrt, auf Höfen und in Betrieben.

Die deutschen Frauen, lange auf sich gestellt, waren dankbar für die Zwangsarbeiter. Ihre Männer waren seit Jahren an der Front, gefangen, vermisst oder gefallen. Und manch Deutsche verliebte sich in einen Helfer aus Frankreich.

Liste im Schweriner Archiv (Signatur: Best. 6.11-21 Nr. 3936)
Landeshauptarchiv Schwerin

Liste im Schweriner Archiv (Signatur: Best. 6.11-21 Nr. 3936)

Wie häufig solche illegalen Liebschaften vorkamen, lassen Listen aus dem Landeshauptarchiv Schwerin erahnen, und sie zeigen sicher nur einen kleinen Teil der Fälle. Darauf finden sich die Namen von 176 Kindern, die "von Angehörigen der französischen und belgischen Nation erzeugt worden sind". Im September 1947 hatte der Französische Kontrollrat in Berlin, Teil der alliierten Besatzungsregierung, gezielt nach diesen Kindern in Mecklenburg gesucht. Die Jugendämter sollten "sofort" alle Fälle "listenmäßig" melden, um die Mütter mit Spenden zu unterstützen.

Den Vater "knapp verpasst"

Auch Rainer Gessert stand auf der Liste. Doch Scham und Schweigen blieben in seiner Familie. Erst als er schon ein junger Mann war und nicht länger auf Formularen nur einen Strich bei seinem Vater machen wollte, als habe es nie einen gegeben - erst als Gessert deswegen wieder und wieder nachhakte, lag da dieser gelbe Zettel. Kommentarlos hatte seine Mutter ihn auf dem Küchentisch hinterlassen.

"Ich wusste, damit war die Sache für sie endgültig erledigt", erinnert er sich an den verletzenden Moment. "Es wäre doch ihre verdammte Pflicht gewesen, mir Antworten zu geben. Hätte ich nie gefragt, okay. Aber so ..."

Gessert stockt, ratlos, noch nach Jahrzehnten. Er wohnt in einem mehr als hundert Jahre alten Haus mit großem Garten. Geweihe hängen an den Wänden und es gibt einen fast museumsreifen, kohlebetriebenen Herd, den er jederzeit benützen könnte. Der 73-Jährige mag es gemütlich. Er lebt in einer Idylle, die ihm als Kind fehlte.

Rainer Gessert
SPIEGEL ONLINE

Rainer Gessert

"Eine Mutter im eigentlichen Sinne hatte ich nie", sagt er. "Man funktionierte in ihrer Nähe, mehr nicht." Ob der Vater anders, wärmer, herzlicher war? Als Gessert endlich nach ihm suchen konnte und seinen Wohnort 1997 ausfindig machte, war sein Vater schon tot. Seit sieben Jahren.

"Sieben Jahre", wiederholt er. "Eigentlich habe ich ihn nur knapp verpasst." Vielleicht, so hofft er, findet er eines seiner vier französischen Halbgeschwister. Zwei sind bereits verstorben, ob und wo die anderen zwei leben, ist unklar.

So bleiben von Rénald Denolf nur ein paar Briefe und Fotos, einige aus dem Nachlass seiner Mutter. Sie zeigen einen lächelnden Mann mit dichten Haaren in Winterkleidung und Stiefeln auf einem verschneiten Feld. Auf der Rückseite steht auf Französisch: "An meine Liebe für immer".

Briefe ohne Antwort

Rénald und Rosemarie. Er war schon in Frankreich verheiratet, sie ungebunden, als sie sich kennenlernten. Ein ungewöhnliches Foto belegt die verbotene Liebschaft (siehe Fotostrecke): Leichtbekleidet stehen die beiden in den Getreidefeldern, sie schaut ihn innig an. Rénald, der sich im Dorf unverzichtbar gemacht hatte, weil er alles reparieren konnte, trägt nur eine kurze Hose. Man sieht seinen durchtrainierten Oberkörper, den linken Arm hat er um Rosemaries Schulter gelegt, an der rechten Hand trägt er einen Ring, womöglich seinen Ehering.

Eine gefährliche Aufnahme. Rainer Gessert glaubt, dass die beiden damals in flagranti erwischt wurden, von Richard Herbst, dem Forst-Vorarbeiter im Dorf. "Hau-Herbst" nannten ihn alle, und er hätte das Paar verraten können, etwa beim Großbauern Hahn, einem SA-Mann, auf dessen Hof der Franzose wohnte.

Sammlung Rainer Gessert

Stattdessen freundete sich "Hau-Herbst" mit Rénald an und half ihm auch nach dem Krieg: Er übersetzte die Briefe, die Rénald, zurück in Frankreich und bald geschieden, an Rosemarie schrieb.

Wie es seiner "Rosi" ergangen sei, wollte er wissen und berichtete von seiner schweren Zeit in Lille. Sein Haus sei zerstört, es gehe ihm schlecht. Das Wichtigste am Ende: seine Adresse.

Wusste Rénald überhaupt von seinem Sohn?

Rosemarie aber wollte keinen Kontakt mehr mit dem Mann, der womöglich gar nichts ahnte von seinem unehelichen Sohn. Denn Rainer wurde erst kurz vor Kriegsende geboren, am 21. April 1945; seine Mutter war da schon seit Monaten nicht mehr im Dorf Slate, sondern arbeitete in Schwerin als Lazarettschwester.

Hochschwanger hat Rénald sie vermutlich nicht mehr gesehen, bevor er im Mai 1945 nach Frankreich zurückkehrte. Die beiden trafen sich nie wieder; acht Jahre später heiratete Rosemarie einen Deutschen.

Vieles davon lässt sich nur rekonstruieren, weil eine Frau Jahrzehnte später Rainer Gessert überraschend eine Schachtel mit alten Briefen in die Hand drückte: Es war die Tochter von "Hau-Herbst", der einige der Schreiben aus Frankreich bis zu seinem Tod aufbewahrt hatte.

Für Rainer Gessert werden diese Briefe nie den Kontakt zum Vater oder die Gespräche mit der Mutter ersetzen. Und doch hütet er sie wie einen Schatz.


Die vertuschte Hinrichtung: "Plötzlicher Herztod" stand auf der Sterbeurkunde - lesen Sie hier, wie eine 39-jährige Frau wegen ihrer Affäre mit einem Franzosen höchstwahrscheinlich unter dem Fallbeil starb.

insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
Michael Winkelmann, 09.01.2019
1. deutsche franzosen
ich habe auch einen fall in meiner familie. gibt es jemand, der die fälle sammelt?
Hüdai Demirhan, 09.01.2019
2. Diskriminierung bis zum Tod
Eine Schande für uns , die sich als eine moderne aufgeklärte Gesellschaft sieht. Es sind Menschen-Kinder von Menschen gezeugt. Es sind immer noch ideologische Altlasten wie Religion, Nationalismus ect.. welches den Menschen fest gekettet hält. Heute noch werden Religion, Nationalismus ect.. in den Schulen in die Köpfe der Kinder eingebrannt.
Robert Schulz, 09.01.2019
3. Irrtum?
Liebe Redaktion, lieber Autor, Kann es sein, daß man in der Bildstrecke Klütz in Mecklenburg und Klucz (deutsch Klütz) in der Woiwodschaft Westpommern miteinander verwechselt?
Lothar Krause, 09.01.2019
4. Im Deutschland der heutigen Zeit immer noch ein elendiges Thema
nicht, weil die damalioge Ideologie der Nazis weiterwirkt, sondern weil die heutige Gesellschaft nicht zum Humanismus findet. Ein anderes Beispiel - der MDR sendet Unwahrheiten über die Russenkinder und ist nicht gewillt, die Wahrheit zu bringen. https://www.russenkinder.de/index.php/monatliche-informationen An Michael Winkelmann - sehen Sie sich einmal die Seite http://www.coeurssansfrontieres.com/de/ an. Es könnte sein, dass Sie dort Hilfe bekommen. Von ganzem Herzen viel Glück dabei!
Gerhard Strohmaier, 09.01.2019
5. Fürchterlich,
diese Mutter! Sie wiederholte die Verbrechen der Nazis mit dem eigenen Sohn als Opfer! Und dem Geliebten, der sie unter Einsatz seines Lebens geliebt hatte. Wie kann man nur so kalt sein? Rénald hatte eine bessere Frau verdient. Ich hoffe, er hat sie gefunden.
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