Verbotener Sport Siegfrieds Kampf für den Drachen

Verbotener Sport: Siegfrieds Kampf für den Drachen Fotos
Sammlung Ebert

Drachenflieger in der DDR lebten gefährlich, nicht nur wegen der Unfallgefahr: Denn der Sport war strengstens untersagt. Hobbyflieger Siegfried Stolle machte Wind gegen das weltweit einmalige Verbot - und ahnte nicht, wen er da plötzlich als heimlichen Verbündeten an seiner Seite hatte.

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Alles war aus. Vorbei. Von einer Minute auf die andere. Ich saß vor meinem Zelt und hielt die Reste meines zertrümmerten Fliegers in der Hand. 41 Jahre war ich alt, von Kindheit an hatte ich mich für das Modellfliegen begeistert, unzählige Segelflugmodelle gebaut, an Meisterschaften teilgenommen, sogar den DDR-Höhenrekord geflogen. Und nun, beim Versuch, einen neuen Geschwindigkeitsweltrekord aufzustellen - das Ende. Ich hatte das Flugzeug gegen den Hang gesetzt. Das war der Bruch, nicht nur für den Flieger. Die Wochen und Monate, in denen ich mühsam an dem Gerät gebaut hatte - alles war umsonst in diesem Sommer 1981. Ich hatte die Schnauze voll von der Modellfliegerei.

Während ich am Fuß des Berges Raná in der Tschechoslowakei saß und noch immer über die Absturzursache grübelte, riss mich ein tschechischer Freund aus den Gedanken. "Siggi, hör doch auf mit deinen Modellfliegern. Lern lieber Drachenfliegen, das ist viel schöner!" Josef versuchte, mich aufzuheitern. Ich winkte ab. Als es Abend wurde, machten sich meine Freunde auf den Weg in die Kneipe. Ich wollte dableiben und die Zelte bewachen, mir war nicht nach Geselligkeit. Bevor Josef ging, deutete er noch einmal auf seinen Drachen: "Er liegt da", rief er mir zu, "du kannst ja ein bisschen üben, wenn du willst."

Ich aber starrte weiter in die Landschaft. Mein Blick fiel wieder auf Josefs Drachen. Wie funktioniert der überhaupt? Vorsichtig nahm ich ihn hoch, hängte die Unterverspannung ein und trug ihn vor mir her. Dann begann ich zu laufen und merkte, wie der Drache anfing, sich anzuheben. Er trug sich jetzt fast von allein. Ich stieg ein Stück den Hang hinauf, hakte mich in den Karabiner ein, lief - und plötzlich verlor ich den Kontakt zum Boden. Ich flog! Es war fantastisch. Den nächsten Morgen konnte ich kaum erwarten. Ich lernte fliegen.

Seit Jahrzehnten war das nordböhmische Raná ein Mekka vor allem der Segelflieger. Fast jedes Wochenende kamen sie hierher. Der Umgang mit ausländischen Gästen war freundschaftlich. Abends traf man sich im Ponorka, dem "U-Boot", einer rustikalen Gastwirtschaft. Mit dabei in den achtziger Jahren: viele Hobby-Piloten aus der DDR. Sie kamen gern und oft nach Raná - nicht nur des grünen Hügels und der sanft abfallenden Landewiese wegen. Was die Flugbegeisterten in Scharen über die Grenze trieb, war ein weltweit einmaliger Umstand: Die DDR war das einzige Land, in dem Gleitschirm- und Drachenfliegen verboten waren. Schon der Besitz des Sportgeräts stand unter Strafe. Siegfried Stolle, der im Sommer 1981 seine Leidenschaft für das Drachenfliegen entdeckte, wusste das. Doch der temperamentvolle Berliner Maschinenbauingenieur war nicht der Typ, der sich von einem solchen Verbot abschrecken ließ.

Besitzer des "gelben Elends"

Schon bald hatte ich auch meinen Modellfliegerfreund überzeugt: Wir fuhren nach Pilsen und kauften uns unseren ersten eigenen Drachen. Zusammengenäht aus hell leuchtendem Anorakstoff war es ein sehr einfaches Modell. Ich nannte es "das gelbe Elend". Da wir nicht wussten, wie die tschechischen Behörden auf unsere auffällige Neuanschaffung reagieren würden, wollten wir jedes Risiko vermeiden und mit dem Transport auf die Nacht warten. An einem Hang probierten wir unseren Drachen aus - und tatsächlich: Das gelbe Elend flog.

In Raná fanden wir einen älteren Herrn, bei dem wir unseren Drachen unterstellen konnten. Von nun an fuhren wir jeden Monat, manchmal sogar jedes zweite Wochenende, in die CSSR. Jedes Mal 350 Kilometer runter und 350 Kilometer wieder rauf - Strapazen mit dem Trabanten. Die Fahrerei nervte, und erst recht die Kontrolle an der Grenze. Das wollte ich ändern und schrieb an den Staatsrat. In meiner Eingabe bat ich um die Zulassung des Drachensports in der DDR.

Eine Bitte zur Unzeit. Als der Brief im April 1984 im Büro von Staatschef Erich Honecker eintraf, war die jüngste Änderung des DDR-Luftfahrtgesetzes gerade erst ein Jahr alt - und mit ihr "der Besitz, die Herstellung, der Vertrieb und die Benutzung von Hängegleitern, Geräten zum Betreiben des Wasserskifliegens sowie Geräten mit gleicher oder ähnlicher Funktionsweise" untersagt. Im Verkehrsministerium, in dem Stolles Eingabe landete, dachte man nicht daran, auch nur einen Buchstaben zu ändern.

Das Verbot, bereits 1980 eingeführt, war mit einer Überfüllung des Luftraumes und der damit verbundenen Unfallgefahr begründet worden. Tatsächlich aber wohl fürchtete die Staatsführung, die Trendsportart könnte Bürgern des SED-Staates neue Fluchtmöglichkeiten eröffnen. Indes stand die DDR in ihrem restriktiven Umgang mit dem Luftsport innerhalb des sozialistischen Lagers allein dar - Ungarn richtete im August 1986 gar die Drachenflug-Europameisterschaften aus.

Hobby-Pilot Stolle ließ sich die nicht entgehen. Doch auf dem Heimweg über das Drachenflieger-Mekka Raná machte er eine schockierende Entdeckung: Es hatte eine Razzia gegeben. Die tschechische Polizei hatte das Fluggelände abgesperrt, Dutzende Drachen, darunter viele von DDR-Bürgern, waren beschlagnahmt worden. Unter den Fliegern machte das Gerücht die Runde, die Stasi stecke dahinter.

Stolle in Rage

Ich war stinksauer. Wenige Tage später sollte es in der DDR eine Festveranstaltung zum 90. Todestag von Otto Lilienthal geben. Ich war eingeladen nach Rhinow, nicht weit von Berlin. Dort, wo der Luftfahrtpionier geflogen und schließlich verunglückt war, wurde ein Denkmal eingeweiht. Ich hatte einen Kranz mit Schleife mitgebracht. 'Zu Ehren Otto Lilienthal', stand darauf, 'die Drachenflieger der DDR'.

Als ich eine halbe Stunde später wieder nach meinem Gebinde sah, war es verschwunden. Wütend stürmte ich in das Festzelt, in dem die Offiziellen saßen, und fragte laut in die Runde: "Wo ist mein Gebinde?" Da war plötzlich Ruhe, ich glaube, man hätte in diesem Moment eine Stecknadel fallen hören können. Sie haben dann versucht, mich zu beruhigen und mein Gebinde wieder hingelegt.

Als die Veranstaltung aus war, bin ich nach Hause gefahren und habe erneut eine Eingabe geschrieben, diesmal an den Minister für Staatssicherheit, "Herrn Mielke persönlich". 14 Tage später bekam ich einen Anruf von einem Mann, der sich mit mir treffen wollte.

Den Namen des Mannes kannte Stolle zu diesem Zeitpunkt nicht. Den Inhalt des Gesprächs mit dem Stasi-Hauptmann aber sollte er Jahre später in aller Ausführlichkeit nachlesen können - auf nicht weniger als zehn Schreibmaschinenseiten. Der Buchautor Claus Gerhard war bei seinen Recherchen zum Hängegleitersport in der DDR 2006 auf die umfangreiche Dokumentation des MfS über die DDR-Drachenflieger und die Aktivitäten des Siegfried Stolle gestoßen. Protokolliert hatte die Behörde auch jene Begegnung vom 30. September 1986, bei der Stolle das Flugverbot "eine Schande für die Rechtsprechung der DDR" schimpfte. In der Sache erfuhr Stolle bei diesem Gespräch wenig Neues, wohl aber ahnte er, dass er von nun an unter besonderer Beobachtung stehen würde.

“Was macht mein Antrag?“

Immer, wenn ich jetzt an die tschechische Grenze kam und meinen Ausweis vorzeigte, ging erst einmal die Klappe runter und der Posten zum Telefon. Danach erst bekam ich meine Papiere wieder. Das dauerte jedes Mal zwischen acht und neun Minuten, irgendwann hatten wir begonnen, die Zeit zu stoppen.

Ansonsten aber rührte sich nichts. Ich machte die Tippel-Tappel-Tour: Sprach bei der Luftfahrtinspektion, beim Verkehrsministerium und zum wiederholten Male bei der Gesellschaft für Sport und Technik vor - am Ende sogar beim SED-Zentralkomitee. Immer wieder habe ich gefragt: "Was macht mein Antrag?" Ich ließ nicht locker, aber sie vertröstete mich immer nur. So ging das über Monate, über Jahre. Ich konnte bald an nichts anderes mehr denken, abends ging ich damit ins Bett, morgens stand ich damit auf.

Und dann kam plötzlich die Wende. Und alles war vorbei, meine ganze Arbeit - umsonst.

Die Hobby-Piloten aus der DDR durften auf einmal ungestraft fliegen. Was er mit seinen Bitten, Eingaben und Beschwerden nicht hatte erreichen können, der Mauerfall hatte es bewirkt - so jedenfalls dachte Stolle. Dabei hatte das beharrliche Insistieren nach Gerhards Recherchen durchaus Wirkung. Was Stolle nicht ahnen konnte: Während er scheinbar ergebnislos gegen die DDR-Behörden angerannt war, hatte das MfS seine Meinung längst geändert.

Einer der Auslöser: die Razzia der tschechischen Polizei 1986 auf dem Segelfluggelände in Raná, in deren Folge viele DDR-Drachenflieger auf andere Plätze ausgewichen waren - unkontrollierbar für die Staatssicherheit. Etwa 120 aktive DDR-Piloten, so schätzte man, gab es mittlerweile. Das Flugverbot drohte, dem internationalen Ansehen der DDR zu schaden - die damit mittlerweile auch eine olympische Disziplin boykottierte. Das MfS ließ daher prüfen, ob es nicht doch sinnvoll wäre, eine Drachenflugerlaubnis zu erteilen. Bedingung: Das Fliegen erfolgt unter der Regie der staatlich gelenkten Gesellschaft für Sport und Technik – und nach einer politischen Eignungsprüfung jedes Piloten. Über Stolle hoffte man, Einfluss auf andere Drachenflieger zu nehmen.

Ende 1987 erreichte der Vorschlag die SED-Spitze - und wurde befürwortet. Doch die konkrete Beschlussvorlage ließ auf sich warten. Als der stellvertretende Stasi-Chef Rudi Mittig die Kriterien für die Überprüfung der potentiellen Drachenflieger abzeichnen sollte, stellte er fest, dass noch immer eine genaue Definition des Flugdrachens fehlte. Mittlerweile war es September 1989. Ungarn hatte seine Grenze zu Österreich geöffnet, Tausende DDR-Bürger flohen in den Westen.

Im März 1990 trat die im Januar angekündigte Änderung des Luftfahrtgesetzes in Kraft, die das Drachen-, Gleitschirm- und Ultraleichtfliegen in der DDR erlaubte. Bei Stolle klingelte wieder das Telefon. Am 3. März 1990, so erfuhr er nun, würde in Laucha an der Unstrut das Anfliegen stattfinden - mit ihm als Startleiter. Es sollte die erste und einzige offizielle Flugveranstaltung der DDR werden. Wenige Monate später war der Staat ohne Drachenflieger Geschichte.

Aufgezeichnet von Solveig Grothe.

Zum Weiterlesen:

Claus Gerhard: "Der begrenzte Himmel - Drachen- und Gleitschirmfliegen in der DDR." Metropol Verlag, 2011, 367 Seiten.

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1.
Ingo Meyer 30.01.2012
Schöner Bericht! Das sollten unsere Linken mal lesen! Kauri
2.
Hardy Sandig 30.01.2012
@ Herr Meyer Und was hat das mit den Linken von heute zu tun? Vielleicht so viel wie Umweltbibliothek mit Hexenverbrennung.
3.
Dirk Schoeps 30.01.2012
Ich schließe mich meinem "Vorredner" an! Wie armselig von einem Staat, seinen Bürgern ihre Hobbys zu verbieten, nur weil man Angst hatte sie könnten den Staat verlassen!
4.
Hans Maus 30.01.2012
Herr Schoeps, so weit von der Realität ist das garnicht weg. Killerspielverbot, Paintball verbot, Anscheinswaffenverbot.... die BRD im Jahr 2012 versucht auch wo es geht den Bürgern in ihre Hobbys zu spucken.
5.
Volker Altmann 30.01.2012
Ich sehe förmlich die Schlagzeile vor meinem geistigen Auge: Verbot des Grenzübertritts durch die Regierungspartei Die Linke. Meine Herren, wer ernsthaft glaubt, dass es eine DDR 2.0 geben wird, der glaubt sicher auch, dass alle politischen Kräfte der derzeitigen Regierung absolut und zweifellos für das Wohl des gesamten deutschen Volkes einstehen. Dass der politische Kurs in Deutschland den Reichen immer mehr Geld in die Taschen spült, während ein sehr großer Teil der Bevölkerung Angst vor Altersarmut hat, das ignoriert man offenbar gerne. Die DDR hatte vierzig Jahre Bestand. Zwanzig Jahre ist sie nun schon Geschichte. Der Kalte Krieg ist vorbei, Europa hat sich vereint ? eine DDR 2.0 wird es nicht geben. Herr Prantl, seines Zeichens Richter, Staatsanwalt und Mitarbeiter der Süddeutschen, hat es gestern bei Herrn Jauch auf den Punkt gebracht: ?Man sollte Kapitalismus nicht mit Demokratie verwechseln?. So wie man meiner Meinung nach, sozialistisches Gedankengut nicht per se mit Gulags und Ausreiseverboten in einen Topf werfen sollte. Ein wenig mehr Sachlichkeit in den Debatten könnte nichts schaden. Warum hält man ehemalige SED-Mitglieder, die jetzt konservativen Parteien angehören, für geläutert, stellt denen einen Persilschein aus, bringt sie nicht in den Verdacht der Maulwurftätigkeit, während man Politikern der Linken permanent unterstellt, sie wollten uns eine neue Diktatur aufdrücken? Macht man es sich da nicht etwas einfach? Herr Gabriel von der SPD verkündete die Tage, dass es nicht wichtig sei, im Wahlkampf gegeneinander zu arbeiten, das Miteinander sei wichtig. Da hat doch jemand schon wieder den bequemen Regierungssessel im Hinterkopf ? auch, wenn dafür das eigene Parteiprogramm als nichtig erklärt wird. Denn ? auch die gute alte Tante SPD hatte mal einen linken Anstrich. Das hat man nur vergessen, beim Bestreben, abermals Merkels willfähriger Juniorpartner zu werden. Eine Demokratie lebt nicht zuletzt auch durch die Opposition. Die kann ich im Bundestag aber immer weniger erkennen.
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