Gangsterlegende Jacques Mesrine Frankreichs brutaler Robin Hood

Gangsterlegende Jacques Mesrine: Frankreichs brutaler Robin Hood Fotos
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Manchmal überfiel er zwei Banken an einem Tag, bei seinen Verhaftungen offerierte er den Polizisten Champagner: Jacques Mesrine war in den siebziger Jahren Frankreichs meistgesuchter Verbrecher. Mord, Entführung und Raub gingen auf sein Konto - und trotzdem feierten die Franzosen ihn als Superstar. Von Fabienne Hurst

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Der Killer küsst die Hand seiner Anwältin: "Es tut mir so leid, Madame", haucht er. Dann steigt Jacques Mesrine auf den Tisch der Sprechzelle im Hochsichertrakt des Pariser Santé-Gefängnisses und holt aus einem Lüftungsschacht Revolver, Tränengasbomben, Zangen, einen Haken und ein Seil. Plötzlich steht sein Komplize François Besse neben ihm. Zusammen schlagen sie die verdutzten Aufseher bewusstlos, rauben ihnen Uniform und Dienstwaffe und spazieren über den Gefängnishof. Mitten am Tag. Sie klettern über die Gefängnismauer, Schüsse fallen, doch die beiden entkommen mit einem geklauten Wagen. Zwanzig Minuten später haben über tausend Polizisten ganz Paris abgeriegelt, im Fernsehen läuft die Suche auf allen Sendern. Aber Mesrine ist verschwunden. Wie er es diesmal schaffte, bleibt bis heute ein Rätsel.

Als Jacques Mesrine am 8. Mai 1978 zum vierten Mal aus einem Gefängnis ausbricht, kann sich so mancher Franzose ein spöttisches Lächeln nicht verkneifen. Deckte dieser Bandit doch den verstaubten, undurchsichtigen Filz der französischen Behörden auf - und die Unfähigkeit Tausender Polizisten, einen einzigen Gangster zur Strecke zu bringen.

Der damals 41-Jährige selbst sah sich als modernen Robin Hood, kultivierte sein Image als heldenhafter Bekämpfer des Kapitalismus und seiner menschenunwürdigen Gefängnisse. Er war kein gewöhnlicher Krimineller, darauf legte er Wert: Er war der Superstar der Unterwelt. Bei Verhaftungen offerierte er den Polizisten gerne ein Glas Champagner, im Gerichtssaal trug er Schlips und Maßanzug. Doch der, der sich damit brüstete, "niemals unnötig zu töten", war in Wirklichkeit einer der grausamsten Verbrecher des vergangenen Jahrhunderts.

Staatsfeind Nummer eins in zwei Ländern

Nach der spektakulären Flucht verließ Mesrine nicht wie sein Komplize das Land. Er hatte kein Interesse daran, ein neues Leben in Südamerika zu beginnen. Dann wäre er viel zu weit weg gewesen von dem Ort, an dem ihn jeder kannte. Er blieb in Frankreich. Hier, wo Zeitschriftenredakteure die Titelseiten für ihn freiräumten, wo die Bevölkerung so gebannt seine Polizeijagden, Raubüberfälle und Prozesse verfolgte wie sonst nur Krimis im Fernsehen.

In Frankreich hatte er es zu etwas gebracht: Er, der Sohn zweier Textilarbeiter aus Clichy, der als Junge Gangsterfilme liebte und Spielzeugpistolen mit sich herumtrug. In 16 Jahren war er vom Kleinkriminellen zum "Staatsfeind Nummer eins" aufgestiegen - und das gleich in zwei Ländern: Frankreich und Kanada. Rund 40 Morde gingen auf sein Konto, außerdem Geiselnahmen und unzählige Banküberfälle, manchmal zwei am Tag. In Québec hatte Mesrine Ende der sechziger Jahre mit seiner Partnerin Jeanne Schneider einen Milliardär entführt, 200.000 Dollar Lösegeld erpresst und mehrere Banken ausgeraubt. Das Gangsterpaar wurde gefasst und zu zehn Jahren Haft verurteilt - türmte aber aus dem Gefängnis. Mesrine und Schneider, die neuen Bonnie und Clyde. Das gefiel den Franzosen.

Katz und Maus mit der Polizei

Nun, im Frühjahr 1978, war er also wieder auf der Flucht. 18 Monate lang änderte er unentwegt Wohnort, Aussehen und Identität, wurde schließlich als "Mann mit den tausend Masken" berühmt. Ständig wechselten seine Frisuren, seine Haarfarbe, sein Schnauz- oder Vollbart, seine Mützen und Hüte.

Mesrine raubte zuerst das Casino von Deauville aus und danach einen Waffenladen. Kurz darauf tauchte er in einer Polizeizentrale in Evian auf, gab sich als Polizist aus, um an Uniformen heranzukommen, wurde erkannt und flüchtete erneut. Sein Versteckspiel mit der Polizei ging in eine neue Runde. Die französischen Ermittler führte er genauso an der Nase herum wie zuvor die Kanadier, das FBI und Scotland Yard. Er liebte die Machtspielchen mit seinen Verfolgern.

Schon im Jahr 1973 war es zu einer legendären Verhaftung gekommen: Die Beamten hatten Mesrine umzingelt, er verbarrikadierte sich in seiner Wohnung und stellte Forderungen: Nur der bekannte, von ihm respektierte Kommissar Robert Broussard dürfe ihn verhaften. Und er müsse alleine kommen. Unbewaffnet. Als der Kommissar zur Festnahme kam, hatte Mesrine Champagner kaltgestellt. Mit einem feierlichen Grinsen und einer dicken Zigarre im Mund öffnete er die Tür: "Monsieur le Commissaire, das ist doch mal 'ne Verhaftung mit Stil, oder?"

Im Gefängnis wettete Mesrine mit den Polizisten: "Wenn ich es schaffe, innerhalb der nächsten drei Monate auszubrechen, schuldet ihr mir eine Kiste Champagner." Grinsend schlugen die Beamten ein - und verloren. Er hat die Flaschen nie abgeholt.

Liebesbriefe und Handgranaten

Auch als Liebhaber hatte Mesrine viele Seiten. Das verraten unter anderem die 180 Liebesbriefe, die das Auktionshaus Drouot vor drei Jahren in Paris versteigerte. Mesrine hatte sie aus dem Pariser Santé-Gefängnis seiner Geliebten Joyce Deraiche geschrieben. In einem Brief dichtet der Killer: "Joyce, meine Liebe, wie süß es meinem Herzen ist, Dir meine Liebe gestehen zu können, ich habe Dich nie vergessen." Das Briefpapier verzierte er mal mit sorgfältig ausgemalten Filzstift-Herzchen, mal mit quietschgelben Tweetie-Zeichnungen.

Doch der Mann, der stets eine Handgranate mit sich herumgetragen haben soll, war keineswegs immer der gefühlvolle Charmeur, als den ihn die Öffentlichkeit gerne darstellte. Seine Frau Soledad, die Mutter seiner drei Kinder, ließ er spüren, wer im Haus der Mächtige ist. "Ich habe sie zweimal hintereinander geschlagen, sie an den Haaren gezogen", schreibt Mesrine in seiner Biografie. "Als ich meine Pistole hervorholte, blutete Soledad aus dem Mund (…), ich wusste, dass ich sehr nah dran war, sie zu töten."

Manipulator der Massenpresse

Dass er in den Medien trotzdem so gut wegkam, lag an seinem unermüdlichen Drang zur Selbstdarstellung. Konsequent arbeitete Mesrine an seiner eigenen Mythisierung. Die PR-Arbeit dafür übernahm er höchstpersönlich. Immer wieder fand er - meist linksorientierte - Journalisten und Intellektuelle, die das verklärte Image der sagenhaften Räuberfigur aufrechterhielten. Er schaffte es sogar, das Manuskript seiner Autobiografie aus dem Gefängnis zu schmuggeln und dafür einen Verleger zu finden. "Manche Menschen geraten in die Welt des Verbrechens wie andere ins Kloster, einfach aus Berufung", schreibt er in dem Buch.

Drei Monate nach seiner Flucht aus dem Hochsicherheitstrakt kam es in Frankreich zum Skandal. Die Polizei tappte noch immer im Dunkeln, doch das Pariser Klatschmagazin "Paris Match" titelte: "Mesrine gefunden!" Bei Lammbraten, Champagner und Obsttorte hatte der flüchtige Verbrecher der jungen Pariser Journalistin Isabelle de Wangen ein Interview gegeben. "Ich habe Sie kontaktiert, weil Sie während meines Prozesses korrekt waren", sagte Mesrine zu der Reporterin, die wenig später den Leiter seines Anwaltskollektivs heiratete.

Nicht alle Journalisten genossen Mesrines Gunst. Weil ihm die kritische Berichterstattung von Jacques Tillier, Reporter bei der stark rechtskonservativen Zeitung "Minute", missfiel, stellte Mesrine dem Journalisten eine Falle: Mit dem Versprechen auf ein Exklusivinterview lockte er Tillier in einen Hinterhalt, fesselte ihn nackt in einer Grotte, verprügelte ihn und schoss ihm drei Kugeln in den Kiefer, eine in den Hals, eine in die Schulter. Mesrine fotografierte sein Opfer und schickte die Fotos an die Zeitung "Le Monde", die die Bilder später veröffentlichte. Tillier überlebte.

Tod durch Erschießen

Spätestens seit diesem Gewaltakt war das Bild des edlen Ganoven stark lädiert. Der französische Staatspräsident Valéry Giscard d'Estaing hatte genug von diesen Grausamkeiten und bat seinen Innenminister, den Spuk so rasch wie möglich zu beenden. Lange war keine Sondereinheit für Mesrine gebildet worden, sondern man hatte nach jedem Coup den jeweiligen Verantwortlichen des Amtsbereichs zum leitenden Ermittler ernannt.

Nun wurde der Spezialtrupp "Anti-Mesrine" auf den Gangster angesetzt. Am 2. November 1979 durchsiebte ein Einsatzkommando Mesrines BMW 528 an der Porte de Clignancourt im Norden von Paris. Angeblich aus Notwehr, weil der Gangster damit gedroht hatte, seine Handgranate zu werfen. Mesrine trafen 18 Kugeln. Um sicherzugehen, dass er auch wirklich tot war, feuerte ihm ein Agent eine letzte Kugel in den Kopf. Die Staatsbehörde wusste sich am Ende nicht mehr anders zu helfen, als ihren Feind zu töten.

Schnell machte die Nachricht von Mesrines Tod die Runde in Paris. Große Erleichterung erfüllte das Innenministerium, im Elysée-Palast triumphierte der Präsident, und auf vielen Polizeirevieren knallten Champagnerkorken. Schon wieder Champagner. Doch diesmal gossen ihn die Ermittler ein.

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insgesamt 7 Beiträge
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1.
Wilfried Huthmacher 13.05.2013
Der "Agent der Einsatzkommandos" - war er ein Spezialagent im Sinne einer Art Sonderpolizei oder war er viuelleicht ein normaler Polizist als Mitglied eines Polizeieinsatzkommandos. Denn meines Wissens nach gilt der Ausdruck für jeden normalen Polizisten, ob nun Flic auf der Straße oder im Einsatzwagen. Und ob der Mehrfachverbrecher nun von Staats wegen oder wegen eines nach dem Feuergefecht übernervösen und vorsichtigen- Polizisten einen Kopfschuß erhielt, geht auch nicht aus dem Text hervor. Es klingt natürlichj immer reißerischer, wenn daas arme Opfer und mehrfacher Mörder vom Staat ermordet und nicht im Feuergefecht in Notwehr getötet wurde
2.
Christian Schultz 13.05.2013
Mesrine, ja ehemaliger Staatsfeind nr.1 in Frankreich... Hört unbedingt sein auf Tonbant aufgenommenes Testament (youtube), an seine Geliebte Loredana H. Gewindmet, indem er sein Erschiessen durch die Polizei vorahnte. Der Zwei Teilige Film mit Vincent Cassel ist auch sehr interessant.
3.
Christian Schultz 13.05.2013
Ich korrigiere, seine letze Frau hiess Sylvia JEANJACQUOT,
4.
Phil Geller 14.05.2013
Sind die 40 Morde belegbar? Ich habe seine im Knast geschriebene Autobiographie gelesen, da spricht er selbst von 39 STRAFTATEN, seine Morde an zwei Forstbeamten in Kanada und ansonsten im Gangster Milieu kann man an einer Hand abzählen. Übersetzungsfehler, nehme ich an, aber 40 Morde stimmt einfach nicht. Er war sicher kein Robin Hood, aber auch kein Massenmörder. Das waren praktisch ausnahmslos Eigentumsdelikte bzw. damit zusammenhängend.
5.
Christian van Neuves 16.05.2013
Ein interessantes Thema, hier behandelt im Stil von interessanten Artikeln über oft recht exotische Themen die einmal pro Woche oder so ähnlich in Samstagsausgaben von Provinzzeitungen erschienen und immer gute Unterhaltung boten. Die scheint auch generell das Leitmotiv von "einestages" Artikeln zu sein. Akkuratesse steht hier nicht immer im Vordergrund. Unklar bleibt bspw, wie der Autor auf "40" Morde kommt. Nachgewiesen sind zwei, freigesprochen wurde er in einem Fall, und zwei Personen bleiben vermisst wo er möglicherweise etwas damit zu tun haben könnte. Dem geneigten Leser seien Wikipedia Artikel in Deutsch, Englisch und Französisch anempfohlen.
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