Verdrängter Skandal Tod eines Ministers

1957 erschoss sich Walter Ulbrichts Maschinenbau-Minister Gerhart Ziller. Der SED-Funktionär hatte vergeblich auf Wirtschaftreformen gedrängt und schließlich den Sturz Ulbrichts geplant. Dann verplapperte er sich gegenüber einem Spitzel.

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Von Axel P. Schröder


Es ist kurz nach Mitternacht, der 14. Dezember 1957 ist gerade angebrochen. In seiner Wohnung im Majakowskiring 55 im DDR-Regierungsviertel Berlin-Pankow sitzt Gerhart Ziller auf dem Sofa. Neben dem hageren Mitvierziger liegt seine Dienstwaffe, Marke Walther M9.

Ziller ist Wirtschaftssekretär beim ZK der SED. Nebenan wohnt Ministerpräsident Otto Grotewohl, um die Ecke Walter und Lotte Ulbricht, ein paar Schritte weiter residiert der junge FDJ-Chef Erich Honecker. Schlagbäume schirmen das kleine Villenviertel ab, in dem praktisch die gesamte Führungsspitze der DDR wohnt. Vor Ziller auf dem Tisch liegt die Erstausgabe von Erich Kästners "Als ich ein kleiner Junge war" und "Die Dialektik der Natur" von Friedrich Engels.

Aus dem KZ ins ZK

Seit seinem fünfzehnten Lebensjahr ist Ziller Kommunist. In Abendkursen hat sich der Volksschüler zum Ingenieur emporgearbeitet, wird dann Redakteur des KPD-Blatts "Die Arbeiterstimme. Als die Nazis an die Macht kommen, rollen wiederholt die schwarzen Limousinen der Gestapo vor sein Haus und holen ihn ab. Ziller unterstützt die Widerstandsgruppe um Anton Saefkow, die in Berliner Rüstungsbetrieben agitiert und zur Sabotage aufruft. Saefkow wird 1944 verhaftet und hingerichtet, und auch Ziller kommt in KZ-Haft nach Sachsenhausen.

Nach der Befreiung stürzt sich Ziller in die Arbeit: Schon im August 1945 ist er Ministerialrat und Leiter der "Abteilung Kohle, Treibstoff und Energie" der sächsischen Landesverwaltung. Nach Gründung der DDR 1949 wechselt ins Wirtschaftministerium nach Ost-Berlin und wird im Jahr darauf Minister für Maschinenbau. Ziller kennt die Betriebe, weiß um die Stimmung der Belegschaften und um ihre Probleme: Die Sowjets demontieren ganze Kraftwerke und Fabriken, die Löhne sind zu hoch, die Produktivität zu niedrig. Der Minister drängt auf Veränderungen, verfasst Analysen und Gegenentwürfe zu den starren Fünf-Jahr-Plänen.

In der engen Idylle des Funktionärs-Gettos am Majakowskiring fällt Ziller aus dem Rahmen. Dort taucht ab und zu prominenter Besuch auf: Mit Erich Kästner, den die Zillers aus Dresden kennen, unternehmen sie Ausflüge, von seinen neuen Büchern schickt der Schriftsteller immer eines an Ziller. Nebenbei publiziert der Maschinenbau-Minister schöngeistige Monographien: zwei kleine Bände mit Lithographien von Honoré Daumier und Holzschnitten von Frans Masereel. Ziller ist ein untypischer SED-Funktionär, ein weltoffener Typ, der mit seinen Genossen auch gerne über die unterschiedlichen Wege zum Sozialismus debattiert - stundenlang, bei Rundgängen um den Majakowskiring.

Machterhalt um jeden Preis

So weiß Ziller, dass er nicht allein ist mit seiner Kritik an SED-Chef Ulbricht, der selbstherrlich einsame Beschlüsse fasst oder die seiner Minister ohne Rücksprache aufhebt. Ulbricht treibt die Kollektivierung der Landwirtschaft voran und ignoriert die alarmierenden Wirtschaftdaten. Immer mehr volkseigene Betriebe schreiben rote Zahlen und sind verschuldet. Ziller will die Produktivität erhöhen und im Ernstfall auch Lohnkürzungen durchsetzen. Aber Ulbricht verfügt: die Löhne bleiben wie sie sind, einen zweiten Aufstand wie den 17. Juni 1953, der ihn fast die Macht gekostet hätte, will er um jeden Preis verhindern. Augen zu und durch.

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Verdrängter Skandal: Tod eines Ministers

Viele der Minister wünschen sich einen Wechsel an der Spitze. Doch Kritik an der politischen Linie gilt als Revisionismus, als Verrat an der Partei und der sozialistischen Idee. So zögern die meisten, denn sie kennen Ulbrichts Umgang mit seinen Kritikern aus nächster Nähe: Immer wieder trifft prominente Bewohner des Majakowskirings der Zorn von SED-Chef Ulbricht. Zillers Freund Rudolf Herrnstadt etwa wird nach dem 17. Juni aus dem Politbüro entlassen und verliert seinen Chefredakteursposten beim "Neuen Deutschland", Stasi-Chef Wilhelm Zaisser wird als Minister für Staatssicherheit abgesetzt und fliegt ebenfalls aus dem Politbüro.

Dennoch entschließen sich Ulbrichts Kritiker im November 1957 zum Handeln. Allen voran zwei verdiente Genossen: Ernst Wollweber, bis Sommer 1957 Chef der Staatssicherheit und gerade abgelöst vom Ulbricht-treuen Erich Mielke, sowie Karl Schirdewan, der ZK-Sekretär für Kaderfragen, auch Mitglied der Sicherheitskommission der SED. Er gilt als "zweiter Mann" hinter Ulbricht. Ziller kennt Schirdewan seit den zwanziger Jahren, ihm vertraut er und verspricht Unterstützung.

Umtrunk mit dem Spitzel

Anfang Dezember 1957 nehmen ihre Pläne Gestalt an: Wollweber und Schirdewan wollen den Frontalangriff auf Alleinherrscher Ulbricht auf der 35. ZK-Tagung im Februar 1958 wagen. Ziller will den Mann an der Staatsspitze dort angehen. Unterstützung kommt auch von ZK-Mitglied Fritz Selbmann, ungewiss bleibt die Haltung der anderen Politbüro-Mitglieder. Und keiner ahnt, dass Mielkes Spitzel die Gruppe schon lange beobachten.

Dann begeht Gerhart Ziller den entscheidenden Fehler. Am Montag, dem 9. Dezember, beginnt Zillers Arbeitswoche in Karl-Marx-Stadt mit einer Vorstandssitzung der Wismut AG. Die sowjetisch-deutsche Firma schaufelt Uran für die russische Atombombe aus der ostdeutschen Erde. Sowjetische und deutsche Vorständler nehmen teil, Fritz Selbmann und Ziller als Sekretär für Wirtschaftsfragen. Am Nachmittag ist die Tagesordnung abgehakt, die Herren treffen sich im Gästehaus der Wismut zum Umtrunk.

Mit dabei ist auch ein Spitzel der Staatssicherheit. Penibel notiert er: "Nachdem ich am Tisch Platz genommen hatte, füllte man mir ein Glas mit Wodka (150 Gramm) und forderte mich auf, zu trinken (alles auf einmal). Um das nachzuholen, was die anderen schon getrunken hätten. (...) Die Genossen Ziller und Selbmann waren sehr gesprächig und haben von 14.30 Uhr bis ca. 24.00 Uhr mit allen Anwesenden an einem Tisch die Unterhaltung geführt."

"Ich werde auspacken!"

Ziller ahnt, dass ihn die Stasi im Visier hat und seine Telefone abhört. Er ist misstrauisch und fragt nach, bei einem alten Bekannten: bei Otto Last. Der MfS-Mann kümmert sich um die Führungsriege der SED; er war es, von dem Ziller zum Amtsantritt seine Dienstwaffe bekommen hatte. Ziller und Last sind keine Freunde, aber der Minister vertraut dem Sicherheitsmann. "Beantworte mir meine Frage", will Ziller wissen: "Sind meine Telefone abgehört worden?"

Als Last verneint, bricht es aus Ziller heraus: "Wenn dem so ist, dann kann ich ja loslegen. Verlasse Dich darauf: Ich, Gerhart Ziller, werde auspacken! Was meinst Du, was sich auf dem 35. Plenum abspielen wird. Genosse Schirdewan legt los, das ist gewiss, dann wird Genosse Selbmann sprechen, dann ich und Genosse Fred Oelßner und die Wittkowski! Wir sind gut vorbereitet!"

So redet Ziller sich und seine Mitstreiter um Kopf und Kragen: "Es geht auf Biegen und Brechen. Wir lassen uns nicht einen nach dem andren abschießen. Entweder wir gehen vor die Hunde oder wir gehen als Sieger hervor", zitiert Last Ziller in seinem Bericht - den SED-Chef Walter Ulbricht schon am folgenden Tag auf dem Tisch hat.

Showdown am Freitag, dem 13.

Der setzt sofort für Freitag, den 13. Dezember eine außerordentliche Politbüro-Sitzung an. Vor dem obersten Gremium der SED muss erst Fritz Selbmann Rede und Antwort stehen, nach ihm ist Ziller dran. Beide bestreiten alles. Nein, sagt Ziller, er könne sich an keine derartigen Gespräche erinnern. Doch gleich fünf MfS-Leute bestätigen die Vorwürfe und verweisen auf die "guten Kontakte" zwischen Wollweber, Schirdewan, Selbmann und Ziller. Der Plan, Ulbricht zu stürzen, ist schon im Ansatz gescheitert. Den Beteiligten drohen Parteiausschluss, Ämterverlust und gesellschaftliche Ächtung.

Am Tisch seiner Wohnung schreibt Ziller am Abend zwei Briefe. Der eine ist an seine Frau Gerda gerichtet, der andere an Ministerpräsident Otto Grotewohl. "Es ist schwer, dass Vertrauen der Genossen zu verlieren", heißt es darin: "Nach dem, was mir gesagt wurde, muss ich annehmen, dass man glaubt, ich hätte mich parteischädigend verhalten. (...) Ich halte nichts von Selbstkritik in diesem Fall. Wir stehen einem noch immer mächtigen Feind gegenüber, der schonungslos innere Fehler und Versäumnisse gegen uns nutzt. Es würde uns allen, der ganzen Partei und unserem sozialistischen Land sehr nützen, wenn wir eine vertrauensvolle, wirklich kollektive Arbeit in der Leitung entwickelten. (...) Jetzt bin ich zu überanstrengt, ich ertrage es nicht, denn es ist meine Welt, die ich mit erträumt und erkämpft habe, und es sind meine Genossen und Freunde, die sich abwenden würden. Also Genossen, verzeiht, die Schuld liegt bei mir." Die Rollläden im Esszimmer hat Gerhart Ziller heruntergelassen. Im Magazin seiner Waffe stecken fünf Patronen. Niemand hört den Schuss.

Zynische Todesanzeige

Zillers Frau findet ihren Mann am Morgen tot auf dem Teppich neben dem kleinen Lesetisch. Nur Stunden später wird Gerhart Zillers Abschiedsbrief im Politbüro verlesen. "Dann können wir das Ganze ja dem Archiv übergeben", ist Ulbrichts eisiger Kommentar: Dann beschließt das Politbüro den Text für die Todesanzeige im "Neuen Deutschland": "In einem Anfall von Depression verübte Genosse Gerhart Ziller Selbstmord."

Karl Schirdewan und Ernst Wollweber werden im Februar 1958 auf der ZK-Tagung, auf der sie eigentlich Ulbricht hatten stürzen wollen, selbst ihrer Posten enthoben. Schirdewan wird ins Archiv strafversetzt, Wollweber erhält eine "strenge Parteirüge" und muss sein Volkskammer-Mandat niederlegen. Auch Fritz Selbmann wird aus allen politischen und staatlichen Ämtern gedrängt. Im Sommer 1958 müssen Gerda Ziller und ihre Söhne die Wohnanlage der SED-Führung am Majakowskiring verlassen.



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