Merkels Gedenken in Verdun "Das Wort Vaterland hat ihr nicht gepasst"

Gerd Krumeich hat Angela Merkel und François Hollande am Sonntag auf der Gedenkfeier von Verdun begleitet. Hier erzählt der Historiker, warum die Kanzlerin kurz irritiert war.

AP

Ein Interview von


Zur Person
  • Professor Gerd Krumeich, Jahrgang 1945, gilt als einer der renommiertesten Experten auf dem Gebiet des Ersten Weltkriegs. Ende der Siebzigerjahre besuchte der Historiker erstmals das Schlachtfeld um Verdun, mit seinen Studenten veranstaltete er regelmäßig Exkursionen zum Kriegsschauplatz. In seinem jüngst erschienenen Buch "Verdun 1916" beleuchten Krumeich und sein Kollege Antoine Prost die Schlacht und den Mythos aus deutsch-französischer Perspektive.

einestages: Kranzniederlegung auf dem Soldatenfriedhof, Rathausbesuch in Verdun, gemeinsames Arbeitsessen, Gedenken im Beinhaus - und dazu eine Ausstellungsführung mit Ihnen: Waren die beiden Regierungschefs überhaupt noch aufnahmefähig für den Geschichte-Crashkurs am Nachmittag?

Krumeich: Angela Merkel wirkte recht bewegt, ganz so, als nehme sie sich das alles sehr zu Herzen. Man sah ihr überhaupt nicht an, dass sie so viel um die Ohren hat. Und François Hollande gab mir die Hand und sagte: "Merci Monsieur le Professeur."

einestages: Was war Ihre Rolle gestern?

Krumeich: Ich war dabei, als die beiden Politiker gemeinsam mit EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker und EU-Parlamentspräsident Martin Schulz durch die Gedenkstätte geführt wurden. Zudem habe ich eine kurze Rede gehalten.

einestages: Wie kam sie an?

Krumeich: Es wurde sehr intensiv zugehört. Als ich davon sprach, dass die Soldaten auf beiden Seiten der Front in dem Bewusstsein starben, für ihr Vaterland zu sterben, zuckte Merkel kurz zusammen. Man hat deutlich gemerkt: Das Wort Vaterland hat ihr nicht gepasst.

Fotostrecke

11  Bilder
Historische Momente: Guten Freunden gibt man doch ein Küsschen

einestages: Wieso?

Krumeich: In Verdun fiel gestern kein einziges nationales Wort. Die beiden Regierungschefs haben sehr deutlich gemacht: Es geht hier nicht um Deutsche und Franzosen, sondern um Kriegstote generell: um Menschen, die ihrer Jugend beraubt wurden. Die Gedenkkultur hat sich von dem Bezug auf Vaterland und Nation verabschiedet und ist auf dem Wege, eine transnationale zu werden. Ob das dann in der Praxis so hinhaut, ist eine andere Frage.

einestages: Merkel und Hollande haben im Beinhaus von Douaumont eine Inschrift enthüllt, für die Sie sich jahrelang eingesetzt haben. Auf einer neuen Gedenktafel steht nun: "Deutsche wie Franzosen wünschten sich, dass ihr Opfer nicht in Vergessenheit gerät. Lieber Besucher, verstehe und erinnere dich an diese gemeinsame Geschichte."

Krumeich: Das erfüllt mich mit großem Stolz. Endlich wird daran erinnert, dass dort die Knochenreste von rund 130.000 französischen und deutschen Soldaten liegen. Bislang war Verdun ein rein französischer Erinnerungsort. Was wurde ich in der Vergangenheit angefeindet, als ich dafür eintrat, in Verdun auch der deutschen Kriegstoten zu gedenken! Sogar der deutsch-französische Vermittler Alfred Grosser hat mich kritisiert und darauf bestanden, dass ich Verdun den Franzosen lasse.

einestages: 1984 reichten sich der französische Präsident François Mitterand und der deutsche Kanzler Helmut Kohl über den Gräbern von Verdun die Hände, die Geste ging um die Welt. Was bleibt vom 29. Mai 2016?

Krumeich: Merkel und Hollande haben sich kurz in den Arm genommen, davon abgesehen aber gar nicht erst versucht, ihre Vorgänger zu kopieren. Was an Bildern haften bleiben wird, ist vor allem das bunte Gewusel zwischen den Gräbern: die sehr lebendige, von Regisseur Volker Schlöndorff inszenierte Choreografie der 4000 Jugendlichen aus Deutschland und Frankreich, die dort gemeinsam gerappt und eine Art Totentanz aufgeführt haben. Ansonsten lautet das Signal vom 29. Mai: Unser Europa ist aus Krieg entstanden, aus gegenseitigem Tothauen. Und es muss alles vermieden werden, was die europäische Idee schwächt.

insgesamt 73 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Maya Uhde, 30.05.2016
1. Gut so
Mir gefällt das Wort "Vaterland" auch nicht. Dieser ganze Nationalquatsch hat schließlich zu diesem furchtbaren Gemetzel geführt. Also lasst uns doch einfach Europäer/innen sein, die sich ihrer gemeinsamen Geschichte bewusst sind und lasst uns - trotz aller Schwächen und Probleme - die EU hegen und pflegen.
Bert Sokolovski, 30.05.2016
2.
Ein wunderbar aufbereiteter Beitrag. Er nimmt einen voll in den Bann. Nie wieder möge Krieg von deutschen Boden ausgehen. Man kann nur an die Politiker apellieren :werdet vernüftig und redet miteinander!!!
Steffen Wohltmann, 30.05.2016
3.
wer es braucht, ich persönlich halte nichts davon Soldaten zu gedenken, egal welcher Nation.
Steffen Wohltmann, 30.05.2016
4.
es hätte gereicht einfach der Toten zu gedenken. Soldaten mach(t)en den Irrsinn ja erst möglich, deswegen finde ich solche Gedenken generell falsch.
Christian Pohlenz, 30.05.2016
5.
Muß es denn heutzutage nicht VäterInnenland heißen?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.