Verfallsforscher Hinter schwedischen Ruinen

Verfallsforscher: Hinter schwedischen Ruinen Fotos
Jan Jörnmark

Jan Jörnmark war ein Wirtschaftshistoriker am Schreibtisch, bis er der rauen Wirklichkeit begegnete: Fabrikruinen, verlassene Wohnhäuser, verwilderte Vergnügungsparks. Seither hat er sich die Dokumentation des vergessenen Schwedens zur Aufgabe gemacht. einestages zeigt seine faszinierendsten Funde. Von

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In der Biografie mancher Menschen gibt es ein eindeutiges "Vorher" und "Nachher". Ein unerwartetes Ereignis - ein Autounfall, ein Lottogewinn - gibt dem Leben eine völlig neue Richtung. So war es auch bei dem Schweden Jan Jörnmark. Der Tag, der sein Leben veränderte, war ein Tag im Mai 2004.

"Ich fuhr mit meiner Frau Carina durch das Gebiet Bergslagen in Värmland", erzählt der promovierte Wirtschaftshistoriker. "Auf dem Weg nach Molkom erahnten wir aus dem Augenwinkel etwas Geheimnisvolles. Als wir nach einer Vollbremsung aus dem Auto stiegen, sahen wir, dass es keine Halluzination war. Vor uns lag ein verlassener, zugewachsener Volkspark."

Lindfors Folkets Park war in den sechziger Jahren einer der bekanntesten Vergnügungsparks in Schweden. In jener Zeit wurde das Vergnügen von diversen Behörden streng reglementiert. Die Tanzpaläste in den Großstädten erhielten nur selten die Genehmigung, Alkohol auszuschenken. Aber auf den Parkplätzen der ländlichen "Folkparkerna" floss der Schnaps aus mitgebrachten Flaschen. Der Automobilismus hatte sich auf breiter Front durchgesetzt, und junge Leute fuhren kreuz und quer durch Schweden auf der Jagd nach den besten Amüsierlandschaften. Trotz der zunehmenden Verstädterung und einer liberaleren Alkoholpolitik lockten die Volksparks auch in den achtziger Jahren noch Publikum an. Als Jan Jörnmark nun mit seiner Frau zwischen den verfallenen Bauten in Lindfors Folkets Park herumlief, begriff er, dass etwas typisch Schwedisches unwiderruflich verschwunden war.

"Eine ganz unglaubliche Phase"

Jörnmark war zu diesem Zeitpunkt ein angesehener Dozent für Wirtschaftsgeschichte an der Technischen Hochschule Chalmers in Göteborg. In seiner Doktorarbeit hatte er sich mit dem Zusammenbruch der westeuropäischen Kohle- und Stahlindustrie beschäftigt. Es folgten mehrere Bücher - der Weg zum Professorentitel schien vorgezeichnet. Nun aber änderte er seine Pläne. Ihm wurde klar, dass die Volksparks nicht die einzigen modernen Ruinen im ländlichen Schweden waren. Im Gegenteil.

Mit der Digitalkamera seiner Frau ausgerüstet, machte er sich auf eine Entdeckungsreise, die bis heute andauert. Die erste Station war ein halb gesprengter Dammbau zwischen Göteborg und Malmö. "Wenn die Leute die Fotos sahen", sagt Jörnmark, "glaubten sie, es seien Inka-Ruinen." Es folgten aufgegebene Papierfabriken, die einst der Stolz ihrer Standorte gewesen waren, verlassene Landgasthöfe, die den Bau neuer Autobahnen nicht überlebt hatten, und Feriendörfer, die schließen mussten, als die schwedischen Urlauber ans Mittelmeer reisten. Für Jan Jörnmark wurde es zu einer regelrechten Obsession, dieses vergessene Schweden zu dokumentieren.

"Der Herbst 2005 und das folgende Jahr waren eine ganz unglaubliche Phase in meinem Leben. Es konnte passieren, dass ich ein paar verschwommene Bilder im Internet entdeckte, fünfhundert Kilometer quer durch Schweden fuhr und dann in einen 20 Meter hohen, kathedralenähnlichen Gasometer einstieg, den seit Jahrzehnten niemand mehr betreten hatte. Mir kommen fast die Tränen, wenn ich daran zurückdenke", sagt Jan Jörnmark. Damals aber war er längst nicht mehr der einzige, den Schwedens moderne Ruinen anlockten.

Teile eines globalen Musters

Die Subkultur, die "Urban Exploration" heißt, hatte sich in Detroit und in Belgien, wo es längst mehr geschlossene als neue Fabriken gab, bereits in den achtziger Jahren formiert. Der Sieg des Internets machte es möglich, dass die Enthusiasten untereinander Kontakt aufnahmen und Tipps über neue Entdeckungen austauschten. Schon vor der Reise nach Lindfors hatte Jan Jörnmark einige Zeit in der schwedischen Sektion dieses Internetforums verbracht. Aber im Unterschied zu anderen, die er "Ruinenromantiker" nennt, sah er die verfallenden Bauten im Licht seiner wirtschaftshistorischen Untersuchungen. Er erkannte, dass all diese untergegangenen Projekte nur Teile eines globalen Musters waren. Jörnmark hatte seine sichere akademische Bücherwelt verlassen und sich in eine Realität begeben, deren Wände buchstäblich auseinanderfielen.

Er richtete seine Website "Övergivna platser" (Verlassene Orte) ein, deren Besucher die Fotos der Ruinen betrachten, aber auch nachlesen konnten, was deren Zustand herbeigeführt hatte. Sie konnten Kommentare schreiben und sich gegenseitig weitere Orte empfehlen. Bald war "Övergivna platser" nicht nur in Schweden, sondern weltweit die meistbesuchte Website für Urban Exploration. Mit dem Begriff selbst ist Jörnmark allerdings nicht ganz glücklich, weil er sich seiner Meinung nach vor allem auf die Erforschung stillgelegter Tunnelsysteme und anderer Relikte in Großstädten bezieht.

Den großen Durchbruch erlebte Jörnmark, als er kurz hintereinander zwei Bücher veröffentlichte: "Övergivna platser", Band 1 und 2. Darin hatte er Aufstieg und Niedergang von etwa 30 Orten gründlich recherchiert und künstlerische Fotos hinzugefügt. Die Bücher wurden Bestseller, alle schwedischen Zeitungen schrieben darüber. Das Fernsehen produzierte eine Serie, in der Jörnmark als Führer durch verlassene Bauten auftrat.

"Creative Destruction"

Inzwischen widmen sich Tausende von Schweden der Suche nach modernen Ruinen. "Leider hat die öffentliche Aufmerksamkeit bewirkt, dass viele der Ruinen vom Verschwinden bedroht sind. Die Kommunen in ganz Schweden fürchten, dass solche Relikte ihrem Image schaden und die falsche Sorte Touristen anlocken könnten. Zurzeit wird massenhaft abgerissen", sagt Jan Jörnmark.

In diesem Sommer hat er auf seiner Entdeckungsreise den nächsten großen Schritt gemacht: Er hat eine englischsprachige Website für moderne Ruinen aus aller Welt eingerichtet, die "Creative Destruction" heißt. "Ich hatte eine amerikanische Rankingliste der wichtigsten Wirtschaftsblogs gelesen und gesehen, dass meine schwedische Website unter den fünf besten war", erklärt er. Denn so sieht er das, was im Jahr 2005 zu seinem Lebenswerk wurde - als eine Art Aufklärungsprojekt in Sachen Ökonomie. Er will erklären, wie der Kapitalismus wirklich funktioniert.

"Creative Destruction" ist ein Begriff aus der ökonomischen Theorie, der Anfang der vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts von dem österreichischen Volkswirtschaftler Joseph Schumpeter geprägt wurde. Sie besagt, dass der Kapitalismus von Investoren und Unternehmern vorangetrieben wird, die, sobald sie neue Geschäftschancen, neue Produktionsformen und bessere Vermarktungswege sehen, andere Betriebe unerbittlich verdrängen. Auch Großkonzerne können diese Rollen übernehmen.

Wie der Kapitalismus wirklich funktioniert

Jan Jörnmarks moderne Ruinen erzählen die Geschichte von Unternehmen, Kommunen und Branchen, die zu spät oder unangemessen auf Ereignisse in ihrer Umgebung reagiert haben. Jörnmark meint, dass Globalisierung und Deregulierung, leichterer Zugang zu Risikokapital und immer schnellere Technik diese Prozesse beschleunigen: Der Kapitalismus werde in zunehmendem Tempo Betriebe entstehen lassen und wieder zugrunde richten.

Das steht im Gegensatz zu dem, was die etablierteste aller volkswirtschaftlichen Theorien behauptet - die neoklassische Schule (im alltäglichen Sprachgebrauch heißen ihre Anhänger die Neoliberalen). Nach dieser Theorie beinhaltet der Kapitalismus eine viel gemächlichere Entwicklung, die zu wirtschaftlichem Wohlstand für alle führt. Würde man alle hemmenden Gesetze, Regulierungen und Subventionen abschaffen und den Kapitalismus sich völlig frei entfalten lassen, so wird behauptet, könnte eine Art harmonisches Gleichgewicht entstehen, in dem Menschen und Unternehmen rationale Entscheidungen treffen, die ihnen selbst nützen - und zugleich dem Kollektiv.

Diese Theorie, zu deren bekanntesten Vertretern der Amerikaner Milton Friedman zählt, bildete in den vergangenen Jahrzehnten die Grundlage für viele politische Entscheidungen, auf nationaler wie auf internationaler Ebene.

Joseph Schumpeter war kein Gegner des Kapitalismus, im Gegenteil. Aber in seinem Szenario sind die Verlierer weitaus in der Mehrheit, jedenfalls auf kürzere Sicht. Seit der jüngsten globalen Finanzkrise finden die Neo-Schumpeterianer, zu denen man Jan Jörnmark rechnen kann, zunehmend Gehör. "Wenn ich mit meinen Forschungen, meinen Büchern und meinen Websites dazu beitragen kann, dass die Menschen besser verstehen, was um sie herum passiert und was sie in Zukunft erwartet, bin ich sehr froh. Ich möchte die Entfremdung abbauen. Dafür tue ich das alles. Nicht, weil ich unbedingt über Zäune klettern und in verlassenen Gebäuden herumschleichen will. Auch wenn das manchmal so spannend ist, dass ich Gänsehaut bekomme", sagt Jan Jörnmark.

Der Text erschien zuerst in der Herbstausgabe 2010 von"NORR - Das Skandinavien-Magazin". einestages veröffentlicht ihn in leicht gekürzter Fassung.

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1.
Godwin Kornes 15.09.2010
Glücklicherweise hat Schweden ja auch eine großartige Industrial-Musikszene, die den passenden Soundtrack zu den Bildern liefert: http://www.youtube.com/watch?v=t7oA1YoKEAw
2.
Pär Pettersson 29.06.2013
Ich habe vor kurzem in Uppsala eine Vorlesung Jörnmarks besucht, und staunte über die Fähigkeit seiner Bilder, Wissensdrang in den Betrachtern zu wecken. Fern von Science Slam und anderen angestrengten Versuchen, Forschung zu beleben, erwecken diese schönen Bilder unwillkürlich ein Gefühl von ?Das geht mich an!?
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