Vergangenheitsbewältigung Zurück nach Hoffenheim

1938 wurden Heinz und Manfred Mayer aus ihrer Wohnung vertrieben - von Emil Hopp, dem Vater des Software-Milliardärs Dietmar Hopp. Die beiden jüdischen Brüder überlebten. Sie sind inzwischen mit den Hopps befreundet.

Filmlichter

Zwei ältere Männer gehen durch Hoffenheim. Es ist ihre Geburtsstadt, aber sie haben lange gebraucht, um zurückzukommen. Sie sind einmal Deutsche gewesen, doch in ihrer Muttersprache können sie nicht mehr miteinander sprechen.

Sie hatten einmal Eltern, doch die Erinnerung an sie ist unscharf. In dem badischen Städtchen lebten sie in einer Wohnung. Die wurde zerstört, wobei einige Hoffenheimer sich auch bedienten: Gegenstände daraus fanden sich über 60 Jahre später bei Nachbarn von damals wieder.

Mayer hieß die jüdische Familie, Mathilde und Karl die Eltern, Manfred und Heinz die Söhne. Ihre Eltern sahen die beiden Jungen zum letzten Mal im Februar 1941 in einem Lager im französischen Gurs. Sie starben wenig später in Auschwitz. Die Söhne überlebten. Menachem Mayer nannte sich der jüngere, der als gläubiger Jude nach Israel ging. Der ältere Manfred verdrehte seinen Namen zu Frederick Raymes. 1946 emigrierte er in die USA. Er wollte kein Jude mehr sein.

Am Montagabend standen die beiden Brüder in der Nähe von Leonardo DiCaprio und Michail Gorbatschow auf einer Bühne in Berlin. Der Film "Menachem und Fred" bekam im Rahmen der "Cinema for Peace"-Gala einen Preis als "most inspirational Movie of the year". Der Film erzählt die fast unglaubliche Rettung der Brüder, die mehrmals knapp der Deportation entkommen konnten. Und er folgt ihnen auf ihrer zaghaften Rückkehr in ihre deutsche Geburtsstadt.

Auch der SAP-Gründer Dietmar Hopp und sein Bruder Rüdiger treten in dem Film auf. "Sie sind Teil unserer Geschichte", sagt Menachem Mayer. Der Name Hopp, er stand am Anfang der Vertreibung der Mayers. Und wenn Menachem Mayer heute sagt: "Es ist komisch, aber wir sind gute Freunde geworden", dann ist das wohl die erstaunlichste Wendung des Films.

"Jetzt können Sie zeigen, ob Sie Nationalsozialist sind"

Karl Mayer, der Vater der beiden Brüder, war im Ersten Weltkrieg mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet worden. Er hatte für Deutschland den Kopf hingehalten. Am 10. November 1938, einen Tag nach der "Reichskristallnacht", musste der Synagogendiener und Viehhändler zusehen, wie einige seiner Schul- und Kriegskameraden morgens gegen sieben begannen, das Synagogendach abzudecken. Angezündet wurde das Haus nur deswegen nicht, weil es zu nah an den Nachbarhäusern stand.

Den Befehl zur Zerstörung hatte der SA-Obersturmbannführer des Kreises Sinsheim gegeben. Auch die Wohnung der Familie in dem Gotteshaus wurde geräumt. "Ich stand auf der Straße und sah zu, wie die Randalierer unsere Möbel aus dem Fenster im ersten Stock warfen", erinnert sich der damals sechsjährige Heinz. Vorn mit dabei war einer der beiden Dorflehrer, der SA-Truppführer Emil Hopp. Er ist der Vater von Dietmar, seinem Bruder Rüdiger und ihrer Schwester Karola, die mit Heinz Mayer zur Schule ging. "Jetzt können Sie zeigen, ob Sie Nationalsozialist sind oder nicht", spornte der Obersturmbannführer Hopp an. Und Hopp gehorchte. "Unser Vater war ein überzeugter Antisemit", sagt Rüdiger Hopp.

Es war in der Adventszeit 2002, als sich die Wege der Mayers und Hopps 64 Jahre nach Zerstörung der Hoffenheimer Synagoge erneut kreuzten. Eine Hoffenheimerin, die mit Dietmar zur Schule gegangen war, hatte sich bei Rüdiger Hopp gemeldet. Der Grund: Heinz und Manfred Mayer hatten ein Buch geschrieben. Es lag vorerst nur auf Englisch und Hebräisch vor. Aber an mehreren Stellen tauchte der Name Hopp auf. Das Buch beschreibt die Odyssee ihrer Flucht aus Deutschland, die sie erst von ihren Eltern trennte und nach dem Krieg die Brüder entzweite. 26 Jahre dauert es, bis sie sich erstmals in Israel wiedersahen.

Vergangenheit auf Distanz gehalten

Es erzählt auch von vier Besuchen in Hoffenheim, einer typischen deutschen Kleinstadt, die sich lange nicht recht erinnern wollte. Trotz rühriger Forschung der örtlichen evangelischen Pfarrer wird eine eigene Gedenktafel für die deportierten Juden jahrzehntelang verhindert. Vor dem Buch habe er 35 Jahre lang die Vergangenheit auf Distanz gehalten, sagt Menachem Mayer heute.

Die Briefe der Mutter aus dem Lager im französischen Gurs - jahrelang lagen sie ungeöffnet in einer Schublade. "Hattet ihr mich eigentlich noch gesehen?", schrieb die Mutter am 1. März 1941, kurz nachdem die Eltern ihre Söhne einem Kinderschutzbund anvertraut hatten. "Als Euer Auto vorbei fuhr, stand ich gerade auf der Holzbrücke und winkte. Es ging aber sehr schnell ab bei Euch."

Mayer konnte diese Briefe lange nicht lesen. Auch die Hopps versuchten, ihre Vergangenheit auf Distanz zu halten. "Die Bekannte meines Bruders aus Hoffenheim sagte zu mir: 'Bei dem Buch, da musst du was machen, am besten die Übersetzung verhindern oder zumindest euren Namen rausnehmen und bloß dem Dietmar nichts sagen'."

Rüdiger Hopp wandte sich an Matthias Uhlig, den Pfarrer, der einen Arbeitskreis zur jüdischen Geschichte Hoffenheims gegründet hat, nachdem er sich 1986 mit Menachem Mayer in Paris getroffen hatte. Uhlig machte sich für eine deutsche Übersetzung stark und suchte Sponsoren. "Ich habe argumentiert, der Name würde zu weit führen, der sollte besser draußen bleiben", so Rüdiger Hopp. Menachem Mayer und Fred Raymes waren damit zuerst einverstanden. Doch Mayers Kinder lehnten das ab. Wenn die Opfer Namen hätten, sollten auch die Täter welche haben.

"Ich habe da mit 65 Jahren das erste Mal wahrgenommen, was unser Vater wirklich gemacht hat", sagt Dietmar Hopp. "Das war beklemmend." Bis dahin hatte Hopp die NS-Vergangenheit so gut es ging aus seinem Leben ferngehalten. Als er Léo Apotheker, den heutigen Vorstandssprecher von SAP 1988 einstellte, wusste er nicht, dass Apotheker Jude war. Dass dessen Bruder den Nazis ebenso zum Opfer fiel wie die Großeltern, ist Hopp neu. "Mich wundert", sagt Dietmar Hopp, "dass er den Film noch nicht angesprochen hat."

Silberbesteck von ehemaligen Nachbarn

Um die Hoppsche Aufarbeitung kümmerte sich vor allem sein Bruder Rüdiger. Als klar war, dass der Name ihres Vaters im Buch bleibt, respektierten die Brüder das und sagten die Finanzierung der deutschen Übersetzung zu. Auch die Kinofassung des Films unterstützten sie. Sie sorgten für eine ordentliche Gedenktafel am Hoffenheimer Rathaus. "Ohne Dietmars Geld", glaubt Menachem Mayer, "wäre das nicht möglich gewesen."

Zur Einweihung der Gedenktafel im Jahr 2005 haben sich die Familien von Menachem Mayer und Fred Raymes erstmals getroffen - in Hoffenheim, von wo aus die Brüder mit ihren Eltern 65 Jahre zuvor auf einen Lastwagen gestoßen worden waren. Cousinen, die als Siedler in der umkämpften Westbank lebten, trafen ihre amerikanischen Cousins, die christlich geheiratet hatten. Die einen waren Söhne und Töchter eines im orthodoxen Glauben aufgewachsenen Juden, die anderen Kinder eines Mannes, der als Ingenieur für die von den Amerikanern gehegte Truppe des Nazi-Raketenforschers Wernher von Braun arbeitete.

Auch viele Hoffenheimer kamen an dem Tag. Eine Frau fragte Menachem Mayer, ob er etwas von ihr annehmen würde. Sie gab ihm Besteck, das am Tag der Zerstörung der Synagoge aus der Wohnung der Mayers entwendet worden war.

Die Hopps und die Mayers schreiben sich inzwischen fast jede Woche. Menachem Mayer war bereits zweimal mit bei Spielen der TSG Hoffenheim. Das erste Spiel, das er sah, ging verloren. "Aber das andere", sagt Mayer, "haben wir gewonnen."

Zum Weiterlesen:

Frederick Raymes und Menachim Mayer: "Aus Hoffenheim deportiert - Menachem und Fred - Der Weg zweier jüdischer Brüder". Regionalkultur Verlag, Ubstadt-Weiher 2008, 208 Seiten.



insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Rainer Ellering, 16.02.2009
1.
Die Aussage "Erst im Alter von 65 Jahren setzte sich Hopp das erste Mal mit den Taten seines Vaters im Nationalsozialismus auseinander" ist nachweislich nicht korrekt und unqualifiziert. Bereits vor 20 Jahren - lange bevor er so in der Öffentlichkeit stand - hat er sich nachweislich damit auseinandergesetzt. Herrn Hopp zu diskredditieren ist einfach ein Unding (siehe www.Dietmar-Hopp-Striftung.de). Etwas mehr Seriosität bitte. Der Kommentar zu Bild 6 gehört korrigiert oder entfernt.
Harie Harrison, 12.03.2012
2.
>Die Aussage "Erst im Alter von 65 Jahren setzte sich Hopp das erste Mal mit den Taten seines Vaters im Nationalsozialismus auseinander" ist nachweislich nicht korrekt und unqualifiziert. Bereits vor 20 Jahren - lange bevor er so in der Öffentlichkeit stand - hat er sich nachweislich damit auseinandergesetzt. Herrn Hopp zu diskredditieren ist einfach ein Unding (siehe www.Dietmar-Hopp-Striftung.de). Etwas mehr Seriosität bitte. Der Kommentar zu Bild 6 gehört korrigiert oder entfernt. Sehr geehrter Herr Ellering, auf Ihren Hinweis habe ich die Stiftungs-Webseite von Herrn Hopp untersucht - ich finde keinen Hinweis, dass seine Stiftung insbesondere jüdischen Belangen kompensatorisch Gutes tun möchte. Herr Hopp möchte seine Heimatregion als "Wiege seines Erfolges" unterstützten, auch den "Schwächsten unserer Gesellschaft" helfen. Dies ist sehr lobenswert und verdient Anerkennung. Allerdings war es wohl auch eher so, dass OHNE das Buch von Herrn Mayer und Herrn Raymes das Thema kaum das Licht der Öffentlichkeit erblickt hätte. Zunächst, so erwähnt der ältere Bruder ehrlicherweise, war man bemüht, möglichst wenig Aufmerksamkeit zu erzeugen. Um die Reputation des Bruders nicht zu gefährden. Nicht alle deutschen Milliardäre gründen gemeinnützige Stiftungen, so dass die Entscheidung von Herrn Hopp Anerkennung verdient. Allerdings stellt die Stiftung jedenfalls nach aussen hin keine Wiedergutmachung oder Auseinandersetzung mit familiärer Schuld am Holocaust dar. Und Herr Hopp sagt selbst, dass sein Vater nie mit ihm über seine Taten im Dritten Reich gesprochen habe - er selbst aber offenbar ein solches Gespräch auch nicht gesucht hat. Oder eine Konfrontation. Summa summarum ist zumindest durch Ihren Hinweis auf die Stiftung von Herrn Hopp kein Beweis erbracht, dass die Aussage des SPIEGELS "nachweislich nicht korrekt" oder "unqualifiziert" ist. Die Stiftung hat mit Vergangenheitsauseinandersetzung nichts zu tun - es handelt sich um eine Entscheidung, die viele zu Reichtum gekommene Deutsche treffen. Der Holocaust und die damit verwickelte Familiengeschichte ist nicht Beweggrund für die Gründung gewesen, jedenfalls nicht explizit. Mit freundlichen Grüßen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.