Vergangenheitsbewältigung Brauner Sumpf in der Idylle

Vergangenheitsbewältigung: Brauner Sumpf in der Idylle Fotos
Stadtarchiv Freiburg

Nazis auf der Kanzel und Philosophen als NS-Sympathisanten: Das beschauliche Freiburg war im "Dritten Reich" alles andere als ein Hort der Freidenker. Ein früherer Oberbürgermeister hat jetzt pikante Details aus der braunen Vergangenheit der Studentenstadt aufgespürt. Von Bruno Schrep

Haben Sie sich auch mit der Nazi-Vergangenheit Ihres Wohnortes befasst? Haben Sie oder Ihre Bekannten Erinnerungen oder Fotos an das "Dritte Reich" in Ihrer Heimatstadt? Schreiben Sie Geschichte auf einestages!

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren
  • Zur Startseite
    3.1 (595 Bewertungen)

Die Häscher kamen in aller Frühe. 250 Polizisten und SA-Männer jagten die Juden aus ihren Wohnungen, trieben sie in Lastwagen, karrten sie zum Güterbahnhof. Von dort wurden Männer, Frauen und Kinder wie Vieh in ein Sammellager ins südfranzösische Gurs transportiert. Für die meisten bedeutete die Deportation vom 22. Oktober 1940 eine Verschleppung in den Tod.

67 Jahre später hat der langjährige Freiburger Oberbürgermeister Rolf Böhme, heute 73, den Leidensweg der Freiburger Juden nachgezeichnet. In einem Buch*, das Ende Oktober erscheint, enthüllt er nicht nur unbekannte Details, sondern räumt auch mit einer Illusion mancher Einheimischer auf: dass nämlich in der beschaulichen, vor dem Krieg streng katholischen Schwarzwald-Metropole - überragt vom berühmten Münster und bekannt als Hort der Geisteswissenschaften - die Nazis weniger brutal gehaust hätten als im übrigen Deutschland.

Keine Hilfe von der Kirche

An der Freiburger Universität, eine der ältesten deutschen Hochschulen, verloren schon kurz nach der Machtübernahme 38 jüdische Professoren ihren Lehrstuhl, darunter so berühmte Wissenschaftler wie der Mediziner Siegfried Thannhauser, der Jurist Fritz Pringsheim und der Philosoph Edmund Husserl.

Für den Rausschmiss und die Gleichschaltung der Uni sorgte ebenfalls ein Philosoph: Martin Heidegger, der 1933 zum Rektor der Universität ernannt wurde und zumindest zeitweise mit dem Gedankengut der Nazis sympathisierte. Bis heute gilt Heidegger als einer der bedeutendsten Denker des 20. Jahrhunderts. Für seinen Mentor Husserl, dem er jahrelang assistiert hatte und dessen Theorien er weiterentwickelte, rührte er seinerzeit keinen Finger.

Von der katholischen Kirche war ebenfalls kein Beistand zu erwarten: Erzbischof Conrad Gröber, genannt "der braune Conrad", hielt im Münster antisemitische Predigten, trat als förderndes Mitglied in die SS ein und salutierte zackig mit Hitlergruß.

Eine neue Synagoge

Auch die Enteignung jüdischen Eigentums ging in Freiburg besonders fix: Schon 1939, schreibt Autor Böhme, war Freiburgs Wirtschaft "judenfrei". Die Firmeneigner, die ihre Unternehmen für lächerliche Beträge zwangsveräußern mussten, wurden dabei oft doppelt betrogen: Weil die Behörden ihre Bankkonten beschlagnahmten, gingen sie völlig leer aus. Kaum zu glauben: Der Beamte, der in Freiburg den staatlichen Raub am jüdischen Besitz organisiert hatte, wurde nach dem Krieg mit der Entschädigung der jüdischen Eigentümer beauftragt.

Zur Erinnerung an begangenes Unrecht initiierte und förderte Sozialdemokrat Böhme zwei Jahrzehnte lang zahlreiche Wiedergutmachungsaktivitäten. Während seiner Amtszeit von 1982 bis 2002 wurde eine neue Synagoge für die inzwischen wieder angewachsene jüdische Gemeinde gebaut. Auch wurden Überlebende des Holocaust mit Kindern und Enkeln zu "Begegnungswochen" in die alte Heimat eingeladen, und Schüler reisten mit einer Kinderoper nach Israel. Im Freiburger Rathaus diskutierten deutsche und jüdische Schriftsteller über Vergangenheit und Zukunft, außerdem wurden - wie in anderen deutschen Städten auch - Gedenktafeln enthüllt und Hunderte von sogenannten Stolpersteinen vor Häusern plaziert, in denen früher jüdische Familien gelebt hatten. In seinem Buch mit dem Untertitel "Vom Umgang mit dem Holocaust in einer deutschen Stadt nach 1945" beschreibt Böhme ausführlich all diese gut gemeinten Aktionen und Projekte.

"Do you know Mengele?"

Viel spannender sind jedoch jene Passagen, in denen deutlich wird, dass die Vergangenheit trotz aller Erinnerungskultur noch nicht vergangen ist.

Etwa wenn beim heute noch beim fröhlichen städtischen Altennachmittag mit Musik und Kaffeeklatsch eisige Stille entsteht, weil die Ankunft ehemaliger jüdischer Mitbürger angekündigt wird. Oder wenn ein Gast aus Israel schroff die Frage verneint, ob er Freiburg als seine Heimatstadt empfinde: "Freiburg ist meine Geburtsstadt. Meine Heimatstadt hat mich vertrieben." Oder wenn ein Journalist der "Washington Post" im Rathaus anruft und den Oberbürgermeister mit der Frage konfrontiert: "Do you know Mengele?" Und dann den ahnungslosen Verwaltungschef mit dem Umstand konfrontiert, dass der berüchtigte KZ-Arzt Josef Mengele, der auf der Rampe von Auschwitz Zehntausende ins Gas schickte, in Freiburg verheiratet war und der Sohn dort unter dem Namen Mengele eine Anwaltskanzlei betreibe. (Der Sohn hat später seinen Namen geändert).

"Kann man in einem solchen Haus leben?"

Wie schnell einen die Geschichte einholen kann, erfuhr Buchautor Böhme, als während einer Begegnungswoche plötzlich ein jüdisches Ehepaar vor seiner von der Stadt gemieteten Villa stand - es waren die ehemaligen Eigentümer Robert und Barbara Weil, die das Anwesen 1938 zu einem Spottpreis an die Stadt Freiburg verkaufen mussten.

Böhme lud die Eheleute, die längst in New York heimisch geworden waren, zur Besichtigung ein. Und fragte sich selbst hinterher: "Kann man überhaupt in einem solchen Haus leben?" Noch während seiner Amtszeit beantwortete der Oberbürgermeister diese Frage mit ja beantwortet und kaufte die Villa. Seine Begründung: "Ich wollte eine räumliche Mitte für meine Familie schaffen." Zur Erinnerung an das jüdische Ehepaar, das inzwischen in den USA gestorben ist, sollen demnächst zwei Stolpersteine gesetzt werden.

*Rolf Böhme: "Orte der Erinnerung - Wege der Versöhnung." Herder Verlag, Freiburg; 128 Seiten; 14,90 Euro.

Lesen Sie auch:

"Drittes Reich": Wie die Nazis Bibliotheken plünderten

Interview mit Judith Kerr: "Im Exil die Sprache verloren"

Nazi-Erbe: Der Wahn von der Autobahn

SS-"Lebensborn": Die Kinderraub-Maschine der Nazis

Artikel bewerten
3.1 (595 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH