Vergeltung für "La Belle"-Anschlag Bomben gegen Beduinen

Schon einmal gingen US-Bomben auf Tripolis und Bengasi nieder: 1986 übten die USA mit einem Luftangriff Vergeltung für den Terroranschlag auf die Berliner Discothek "La Belle". Doch der zwölfminütige Blitzkrieg war ein Fehlschlag - von dem am Ende vor allem die Amerikaner gezeichnet waren.

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Trotzig reckt sich die linke Blechfaust in den libyschen Himmel. Ihre gigantischen Finger zerquetschen einen im Vergleich zur Faust lächerlich kleinen amerikanischen Kampfjet. Mühelos wirkt der zerstörerische Akt, ganz so, als handle es sich nicht um ein stählernes Flugzeug, sondern eine überreife Banane.

Die hochgestreckte Faust steht vor der Kaserne Bab al-Asisija, dem "Prächtigen Tor", wie das legendäre Kommandozentrum Muammar al-Gaddafis genannt wird: ein von doppelten Betonmauern umgebener, sechs Quadratkilometer großer Festungskomplex südwestlich von Tripolis, der das Hauptquartier des Despoten beherbergt. Genau hier, im Herzen der Macht, schlugen am frühen Morgen des 15. April 1986 die Laser-gelenkten US-Bomben ein, die Gaddafi hätten töten sollen.

Doch der von Präsident Ronald Reagan als "tollwütiger Hund des Nahen Ostens" gegeißelte Herrscher war ausgeflogen. Die Aggression der Amerikaner, bis dato größter Luftangriff der USA seit Vietnam, hatte ihr unausgesprochenes Hauptziel verfehlt - und Gaddafi ließ die golden glitzernde linke Faust aufstellen: als Denkmal für die eigene Unverletzbarkeit und die Widerstandsfähigkeit des kleinen, rebellischen Libyen gegenüber der Weltmacht USA. Die schon lange nach einem Grund gesucht hatte, um ihren arabischen Erzfeind endlich zu attackieren.

T-Shirts mit "Kill Gaddafi"-Aufdruck

Sie fanden ihn in der Nacht zum 5. April 1986, in Berlin-Friedenau. Um 1.40 Uhr detonierte in der vor allem von schwarzen US-Soldaten frequentierten Discothek "La Belle" unweit der Tanzfläche ein drei Kilo schwerer, mit Nägeln und Eisenstücken gespickter Sprengsatz. Zwei Amerikaner und eine Türkin starben, mehr als 200 Menschen zerriss der durch die Explosion entstehende Luftdruck das Trommelfell.

Bereits einen Tag nach dem Anschlag stand für den US-Präsidenten der Hauptschuldige fest. Es gebe "unmittelbare, genaue, unwiderlegbare Beweise, dass Libyen hinter dem Anschlag steht", teilte Reagan mit. Und nur 48 Stunden darauf gab er die Weisung an das Pentagon, den Luftangriff auf Libyen auszuführen. "Operation El Dorado Canyon" lautete die pittoresk anmutende Bezeichnung für die todbringende US-Mission, die den vermeintlichen Boss des internationalen Terrorismus ein für alle Mal in die Schranken weisen sollte. Denn seit dem Sturz der Monarchie und der Machtübernahme Gaddafis 1969 standen sich die USA und die mit der Sowjetunion sympathisierende Ölmacht Libyen zunehmend feindlich gegenüber.

Die Gewaltspirale gegenseitiger Bedrohungen, Terrorakte und Kampfhandlungen hatte einen Monat zuvor einen vorläufigen Höhepunkt erreicht: Im März 1986 versenkten US-Flugzeuge fünf libysche Schnellboote im Mittelmeer, weil Gaddafi die Libyen vorgelagerte Bucht der Großen Syrte widerrechtlich als sein Hoheitsgewässer deklariert hatte. T-Shirts mit "Kill Gaddafi"-Aufdruck wurden in den USA zum Bestseller, fast täglich berichteten die US-Medien über den laut SPIEGEL zum "Frankenstein der internationalen Politik" avancierten Star-Schurken. Der "La Belle"-Anschlag war nur der Funke, der die lange aufgestauten Aggressionen explodieren ließ.

"Wir haben sie in den Arsch getreten!"

"Wenn unsere Landsleute irgendwo in der Welt angegriffen werden, dann werden wir antworten - und zwar solange ich im Oval Office sitze", tönte Reagan und schickte seine in Südengland stationierten Flieger los. 24 mit Bomben gespickte F-111 stiegen zu ihrem Flug nach Tripolis auf, flankiert von fünf, mit modernster Hightech vollgepackte EF-111 "Raven", um feindliches Radar zu zerstören.

Da die Europäer keine Überfluggenehmigung für den umstrittenen Einsatz erteilt hatten, mussten die US-Maschinen einen gewaltigen Umweg über die offene See um Frankreich, Spanien und Portugal herum durch die Straße von Gibraltar in Kauf nehmen und in der Luft aufgetankt werden: ungünstige Voraussetzungen, die dazu führten, dass die Piloten nach dem 5200 Kilometer langen Non-Stop-Flug bereits vor der Attacke erschöpft am Ziel eintrafen.

Trotzdem hätte die Mission glücken können: Ein Aufklärungssatellit und Spionageflugzeuge lieferten Fotos der fünf strategischen Ziele in Libyen, im Meer wimmelte es vor Flugzeugträgern, Jagd-U-Booten und US-Zerstörern. Die USA hatten alle Register gezogen, um das Land kleinzukriegen. Um 01.59 Uhr Ortszeit Tripolis erschien Gaddafis Hauptquartier in der Bab al-Asisija-Kaserne auf den Monitoren der Kampfjet-Bordcomputer auf. Zwölf Minuten später war alles vorbei.

Die US-Soldaten hatten eine Bombenlast von 60 Tonnen auf Tripolis und Bengasi abgeworfen, um Flughäfen, Kasernen, einen Marinestützpunkt sowie ein Ausweichquartier Gaddafis zu treffen. Mit Ausnahme eines F-111-Bombers, der von einer libyschen Rakete abgeschossen wurde, kehrten alle Jets auf ihre Stützpunkte nach England zurück. "Wir haben sie in den Arsch getreten!", triumphierte ein US-Flieger nach der Landung, "Recht ist geschehen" titelte die sonst so Reagan-kritische "New York Times" feierlich. Schon bald mussten sie ihr Urteil revidieren.

"Dieser Angriff war eine ungeheure Dummheit"

Zwischen 60 und 100 Libyer waren von den Bomben getötet worden, Hunderte Menschen erlitten schwerste Verletzungen. Vor allem die Bomben auf den Tripolis-Stadtteil Bin Aschur ließen die Zahl der toten Zivilisten in die Höhe schnellen. "Dieser Angriff war eine ungeheure Dummheit", resümierte ein Luftwaffenexperte im Pentagon eine Woche nach der Attacke zerknirscht. Zumal das zwar nie offen kommunizierte, aber doch offensichtliche Hauptziel, die Eliminierung Gaddafis, gescheitert war. Der Grund: Der "König der Könige" hatte Wind von der US-Geheimaktion bekommen.

Wie 2008 öffentlich wurde, soll Italiens damaliger Regierungschef, der Sozialist Bettino Craxi, dem libyschen Despoten die geheimen Angriffspläne der Amerikaner verraten haben. Sie waren in Rom bekannt - schließlich hatten die Amerikaner Italien vergeblich um Überflugrechte für die USA-Bomber gebeten. Auch der maltesische Premier Karmenu Mifsud Bonnici soll geplappert haben: Mitten in der Nacht, als die amerikanischen Kampfjets ohne Erlaubnis durch Maltas Luftraum donnerten, soll er den Oberst telefonisch vorgewarnt haben.

In aller Ruhe zog Gaddafi, so die Überlieferung, ein paar Hundert Meter weiter, in sein Beduinenzelt, um seinen Nachtschlaf auf einer schmalen Pritsche fortzusetzen. Einzige Schäden an dem Zelt waren laut offiziellen Darstellungen ein winziges Loch in der Zeltwand sowie das gesplitterte Glas eines gerahmten Fotos.

"Rambo" traute sich nicht mehr raus

Der moralische Schaden, den die USA hingegen nahmen, hätte größer nicht sein können. Die Uno-Vollversammlung verurteilte die Luftangriffe als "Verstoß gegen die Charta der Vereinten Nationen und das internationale Recht", einzig die britische Regierung unter Margaret Thatcher erklärte sich mit US-Präsident Reagan solidarisch. Die anderen Bündnispartner hingegen äußerten sich entsetzt.

"Die Liebe der Amerikaner zu Rambo", wetterte etwa der frühere französische Außenminister Claude Cheysson über die Luftangriffe, "hat in dieser Aktion ihren Ausdruck gefunden. Man stelle sich nur vor, die Sowjets hätten etwas Ähnliches getan." Die wiederum sprachen von "barbarischen Handlungen, die sich über die allgemeinmenschliche Moral" hinwegsetz. Und erwartungsgemäß wetzte vor allem Iran verbal die Messer: Der Schlag gegen Libyen sei ein Angriff auf die gesamte islamische Welt, und Washington werde nun die "fällige Antwort" erhalten, drohte der iranische Ministerpräsident Hussein Musawi.

Weltweit gingen die Menschen auf die Straße, um gegen den als "Rambo-Reagan" geschmähten US-Präsidenten zu demonstrieren - während sich der echte "Rambo" nicht mehr vor die Tür traute: Aus Angst vor Terroranschlägen zog Sylvester Stallone seine Teilnahme am Filmfestival in Cannes zurück. Auch Popstars wie Prince und Lionel Richie sagten ihre Europa-Tourneen aus Angst vor Übergriffen ab. Und statt nach Europa fuhren US-Touristen in jenem Sommer 1986 lieber in die Karibik.

"Allah ist mächtiger als die USA"

Gaddafi hingegen schlachtete die US-Aggression genüsslich zu Propagandazwecken aus. Nachdem er zwei Tage lang untergetaucht war, trat der Despot am Mittwochabend in schneeweißer Uniform im Fernsehen auf, um den "armseligen Schauspieler" und "Kindsmörder" Reagan zu geißeln. Seine - bis dato niemandem auf der Welt bekannte - 15 Monate alte Adoptivtochter Hanna sei bei dem Angriff getötet worden, ebenso hätten seine Frau sowie zwei seiner leiblichen Kinder Verletzungen davongetragen.

"Allah ist mächtiger als die USA und stärker als die Nato. Es ist eine göttliche Ehre, dass hier ein kleines Land allein vor den amerikanischen Flotten und der Nato steht", verkündete Oberst Gaddafi. Zudem ließ er auch militärisch die Muskeln spielen. Am gleichen Nachmittag des Bombardements vom 15. April ließ Gaddafi zwei Scud-Raketen auf eine Nato-Basis auf die nahe Sizilien gelegene Mittelmeerinsel Lampedusa feuern. Sie erreichten ihr Ziel jedoch nicht, sondern plumpsten ins Wasser.

25 Jahre später lässt der selbsternannte "Vorkämpfer des Arabertums" zwar keine Raketen mehr auf Lampedusa abfeuern - an der Macht indes klebt er immer noch, wie eh und je mit grimmig herabgezogenen Mundwinkeln, Sonnenbrille und hoch erhobenen Fäusten. Ob es den USA und ihren Verbündeten gelingt, den Despoten diesmal durch Luftangriffe zur Strecke zu bringen, bleibt ungewiss. Noch reckt sich die linke Blechhand siegesgewiss den über sie dahindonnernden Jagdbombern entgegen.



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Jürgen Baez, 15.04.2011
1.
Interessant, dass diejenigen Kräfte, die damals gegen diesen Einsatz waren (Frankreich, Italien), heute Hauptunterstützer der Angriffe sind. Ebenso interessant, dass die europäische Linke heute den Einsatz tendenziell unterstützt, und damals als agressiven amerikanischen Akt abtat. Das ist wohl Ironie der Geschichte. Natürlich ist die Situation damals mit der heutigen nicht vergleichbar, aber man hat es zumindest mit dem selben Gaddafi zu tun. Damals beriefen sich die Amerikaner darauf, ihre Staatsangehörigen vor Terroranschlägen zu schützen, heute wird eben ein Teil (welcher eigentlich) der lybischen Bevölkerung zu schützen versucht. Interessant, wo der Wind der Geschichte so hinbläst, und wer sein Fähnchen wann in den Wind hält
Wolfgang Sohst, 15.04.2011
2.
An der heutigen Situation ist auf Seiten der NATO-Länder vor allem erstaunlich, dass die kritischen Stimmen der gegenwärtigen Kriegspolitik kaum zu Worte kommen. Westerwelle wird trotz gültiger Argumente (die praktisch nie veröffentlicht werden) als weinerlicher, unentschlossener Schuljunge dargestellt, einfach weil er gegen diesen Krieg ist. Das deckt sich gut mit der Art der Berichterstattung über Afghanistan: Auch hier wird der Krieg wie eine chronische Krankheit als "lästig, aber notwendig" dargestellt. Niemand (bis auf "Die Linke") verlangt das Ende dieser absolut unsinnigen Unternehmung. Niemand sagt laut, dass es sich bei diesen beiden Kriegen um eine Fortsetzung der Wirtschaftspolitik mit kriegerischen Mitteln handelt; zur Durchsetzung von Menschenrechten wurde in der gesamten Geschichte der Menschheit noch nicht ein einziger Krieg geführt. An der Einseitigkeit der Berichterstattung ist seltsam, dass insbesondere betr. Afghanistan, aber auch betr. Libyen ein großer Teil zumindest der deutschen Bevölkerung keineswegs diese Einsätze gutheißt. Wer und mit welchen Mitteln sorgt hier eigentlich für die ganz überwiegende "Krieg!Ja!Ja!"-Berichterstattung?
Alex Knoll, 18.04.2011
3.
Craxis Entschluss, Gadhafi zu retten hat viele Menschen das Leben gekostet, allen voran den Passagieren der Flüge UTA 772 (170 Tote) und PanAm 103 (270 Tote). Craxi wurde übrigens später zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt und flüchtete nach Tunesien, wo er eine Rolle bei der Machtergreifung des gerade gestürzten Ben Ali gespielt haben soll. Gadhafi ist zwar eine härtere Nuss, aber diesmal wird er wohl nicht davonkommen. Späte Genugtuung für Reagan.
Vittorio Ferretti, 18.04.2011
4.
Zur Frage der Zulässigkeit eines "Tyrannenmordes" habe ich noch keine überzeugende Antwort gefunden. Persönlich tendiere ich zum Nein, denn es sind meist nicht Einzelpersonen, die die Staaten bewegen, sondern Kollektive (Gesinnungsgenossen, Mitarbeiter, Miltläufer, Prifiteure...), sodass man durch den Austausch des Tyrannen an sich nicht viel bewirkt, sondern nur die Gewalttätigkeit wieder hoffähig gemacht hat.
Dirk Gerhardt, 18.04.2011
5.
Damals wie heute sollte man mißtrauisch sein, wenn "unumstößliche Beweise" innerhalb eines Tages vorliegen sollten. Vor allem, wenn die "zufällig" in die politsche Agenda packen. Ich verrate wohl kein Geheimnis, wenn ich feststelle, dass weder der LaBelle Anschlag noch Lockerbie nicht auf das Konto von Ghaddafi geht. Man wundert sich nur, warum die Medien nicht darüber berichten. Ihr müsst es selbst herausfinden, warum es nicht Ghaddafi war. Stichworte, Susan Lindauer, David Yallop, Ed Wilson, Frank Terpil, und der arme Verurteilte im Falle Lockerbie wurde nicht zuletzt deshalb freigelassen, um die Neuaufnahme des Prozesses in Schottland zu entgehen. Aber solche Nachrichten sucht man im Mainstream ja vergeblich...
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