Vergessene Berufe Ex und Job

Schon mal was von einem Gasriecher gehört? Oder einen Maulwurffänger gesehen? Nicht? Kein Wunder - viele Berufe, die früher gutes Geld einbrachten, sind heute längst ausgestorben. einestages zeigt die Jobs, die hops gingen.

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Auf Klaus Lippmanns Reeperbahn geht es gemächlich zu. Im Schritttempo zieht ein motorisierter Wagen dünne Fäden die Produktionsstrecke hinunter und dreht sie langsam ineinander. Der Apparat, der leise klirrt und scheppert, verzwirbelt die Schnüre immer wieder - so lange, bis das Seil die gewünschte Dicke hat. Die riesige Halle ist beheizt, schummriges Tageslicht dringt durch die schmalen Fenster. Plötzlich läutet es: Ein Arbeiter hat die Maschine gestoppt. Sein Kollege steht am anderen Ende der Bahn, 342 Meter entfernt. Zu weit zum Rufen, deswegen wird mit einer Glocke kommuniziert.

Lippmanns Seilfabrik mit der Länge von drei Fußballfeldern ist in einem unscheinbaren, roten Klinkerbau im Industriegebiet von Hamburg-Hausbruch untergebracht - und sie ist weltweit "die wohl größte noch in Betrieb befindliche Reeperbahn", wie der Besitzer nicht ohne Stolz erklärt. Fast auf die gleiche Weise wie vor Hunderten Jahren werden auf der Hausbrucher Anlage Taue hergestellt. Nur die Arbeit des Schlittens mit dem kleinen Elektromotor erledigte früher ein Mann von Hand.

Als der Maulwurfsfänger noch jagte

Klaus Lippmann führt eines der letzten traditionellen Tauwerke in Norddeutschland in vierter Generation. Das Seiler-Handwerk, mit dem sein Urgroßvater begonnen hatte, sei "das zweitälteste Gewerbe Hamburgs", sagt Lippmann, "das älteste findet auch auf der Reeperbahn statt". Er meint die Prostitution, die seit Jahrhunderten auf Hamburgs Amüsiermeile floriert und keine Krisen zu kennen scheint. Anders als der Beruf des Seilers, der mittlerweile vom Aussterben bedroht ist. Es mangelt an Auszubildenden, weil kaum ein Jugendlicher mit dem Lehrberuf noch etwas anfangen kann.

Sie sind nur noch wenige. Doch es gibt sie immerhin noch, Taumacher wie Lippmann, die ein traditionelles Handwerk am Leben erhalten. Andere Berufe sind längst ausgestorben und vergessen. Berufe, die einst das Straßenbild in Deutschland prägten wie der des Zeitungsjungen, der die neueste Ausgabe laut schreiend anpries. Der Gasriecher, der nach versteckten Leitungslecks schnüffelte. Oder die Kohleträger - schmutzig vom Staub und mit Körben auf dem Rücken, in denen sie die Briketts in deutsche Keller trugen.

Sie alle wurden irgendwann Opfer des Fortschritts, der Mobilität oder der Massenproduktion - und verschwanden aus der Erinnerung. In einem Aufruf hatte einestages deshalb gefragt: Welche Berufe gibt es heute nicht mehr? Insgesamt 250 vergessene oder kuriose Tätigkeiten fielen den Lesern ein. Sie erinnerten an Maulwurfsfänger rund um den Starnberger See oder an die Schriftsetzerin bei der "Leipziger Volkszeitung". Sie bedauerten die Wäscherin, die sich einst am Rubbelbrett die Hände wundschrubbte. Und sie vermissten den Gaslaternenanzünder, der durch die Stadt radelte und die Straßen erleuchtete.

Einige Berufe klingen, als stammten sie aus grauer Vorzeit. Dabei gab es den Gaslaternenanzünder noch bis in die achtziger Jahre. Andere Metiers überlebten in der Erinnerung der Menschen, weil sie zu Familiennamen wurden: "Müller", "Böttcher", "Schuster". Noch etwa 16.000 Menschen gibt es in Deutschland, die "Seiler" heißen - überdurchschnittlich viele, wie das Namensverzeichnis verrät. Aber echte Seiler gibt es nur noch wenige.

Pro Hinrichtung ein neuer Auftrag

"Seiler waren Menschen, die durch langsames Rückwärtsgehen schnell vorwärts kommen wollten", zitiert Klaus Lippmann einen alten Spruch seiner Zunft. Sein Urgroßvater, Friedrich Lippmann, blieb 1850 auf seiner Wanderschaft in dem Fischerdorf Altenwerder hängen. Der Seiler aus dem Harz hatte sich in ein Mädchen verguckt. Der junge Mann blieb aus Liebe, gründete eine Familie und einen Betrieb auf der Elbinsel. Seine Seilerbahn war nur rund 40 Meter lang. Aus der Schürze vor seinem Bauch holte er Hanffasern hervor und hängte jeweils ein Büschel in ein hölzernes Rad. Mit der rechten Hand kurbelte er an dem Geschirr vor sich und brachte es zum Drehen, mit der linken zog er neue Fäden aus dem Kittel. Dabei schritt Meister Lippmann langsam rückwärts die Bahn entlang - und sponn sich so sein Seil. An manchen Tagen legte er fast 20 Kilometer zu Fuß zurück.

Sein Urenkel nimmt lieber den Trittbrett-Roller, um den langen Weg abzufahren - und das "Rückwärtsgehen" und Drehen, im Fachjargon auch "Schlagen" genannt, erledigt inzwischen eine Maschine. Als sein Urgroßvater die Fäden in den Händen hielt, gab es in Altenwerders Nachbargemeinde Moorburg noch rund 30 Seiler.

Auf der Reeperbahn nachts um halb elf tanzen die Spulen

Die Hansestadt Hamburg war seit Mitte des 17. Jahrhunderts ein Seiler-Zentrum. Die berühmt-berüchtigte Vergnügungsmeile in St. Pauli verdankt den Reepschlägern ihren Namen. Der Stadtteil war damals noch ein Vorort und hieß "Hamburger Berg". Um 1800, als noch keine leichten Mädchen unter den Laternen auf Kundschaft warteten, waren hier noch 24 Zwirbelmeister ansässig: Kräftige Männer verdrillten auf der schnurgeraden Allee im Akkord Schnüre aus Hanf, Jute, Sisal oder Baumwolle zu Reepen. Tonnenweise wurden die Taue als Festmacher und Takelage für die Lastensegler gebraucht. Das Handwerk boomte deswegen vor allem in Hafenstädten. Aber auch Fischer und Landwirte kauften bei den Reepschlägern ein - etwa für Netzleinen oder Zuggeschirre. Und zu ihren Stammkunden zählten sogar Henker: Jeder Exekutionskandidat habe am Galgen einen "frischen" todbringenden Strick erhalten, sagt Lippmann.

Als jedoch Ende des 19. Jahrhunderts immer mehr Menschen mit den Schiffen ankamen und bleiben wollten, brauchte die Stadt Platz für neue Wohnungen: Die Seilmacher von St. Pauli mussten wegziehen. "Ein typisches Schicksal. Reeperbahnen wurden traditionell vor den Stadttoren gebaut. Wenn die Stadt wuchs, mussten sie weichen."

Ähnlich erging es auch den Lippmanns auf der anderen Seite des Flusses. Als Anfang der achtziger Jahre der Hamburger Containerhafen erweitert wurde, mussten sie ihren Stammsitz in Altenwerder räumen. In Hausbruch fand Klaus Lippmann schließlich eine 14.000 Quadratmeter große neue Fläche - groß genug, um sich dort wieder eine Reeperbahn zu bauen, ganz traditionell. "Die Leute haben damals gesagt, ich ticke nicht mehr ganz richtig", erinnert sich der 69-Jährige. Warum er sich eine solche altmodische Anlage baue, wenn doch die modernen Maschinen viel platzsparender und schneller seien, fragten sie Lippmann. Seine Antwort ist dann immer die gleiche: "Die Qualität ist eine ganz andere." Und im Gegensatz zu den modernen Geräten könne die Reeperbahn alle Stärken produzieren: von hauchdünn bis baumstamm-dick und so stark, dass "man einen Mercedes daran hängen kann".

Gleichwohl musste auch Lippmann Maschinen anschaffen. Mehr als 160 motorisierte Seilschlag- und Flechtapparate rattern ohrenbetäubend neben der zweigleisigen Reeperbahn. Rasend schnell sausen die Garnrollen über die Spulen. Manche laufen die ganze Nacht durch, Lippmanns 40 Angestellte arbeiten im Zwei-Schicht-Betrieb bis nachts um elf.

Riesenpython aus Kokosfaser

Das dickste Tau, das Lippmanns Werkstatt jemals verließ, maß 30 Zentimeter im Durchmesser, wog zwei Tonnen und sah aus wie eine 220 Meter lange Riesenpython aus Kokosfaser. Der Kabelschlag wurde nach Südamerika verschifft und verankerte dort Schiffe auf offener See. Das war in den sechziger Jahren. Aufträge dieser Größenordnung gehen nur noch selten ein. Auf den großen Frachtern kommt heutzutage meist billigere Importware aus Fernost zum Einsatz.

Um sich gegen die globale Konkurrenz durchsetzen zu können, suchte Lippmann Marktnischen: Klettertaue für Spielplätze, Startleinen für Segelflieger, Ankertrosse für Bohrinseln - mit solchen Spezialanfertigungen schaffte es der "Reeperbahn-König", sein Unternehmen trotz industrialisierter Massenproduktion ins neue Jahrtausend zu führen. Er stellt sogar "Baumwollseide für Sado-Maso-Spiele" her, damit komme sein Unternehmen "der Reeperbahn wieder näher". Sorgen um das Familienunternehmen, das seine Tochter bereits übernommen hat, macht sich Lippmann deshalb nicht: "Tauwerk wird man immer brauchen."



insgesamt 19 Beiträge
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Mathias Völlinger, 09.05.2011
1.
Und nun gehen wir mal z.B. nach Indien. Da gibt es diese Berufe fast alle noch. Die sind halt nur in hochtechnologisierten Gesellschaften verschwunden. Und sagt mir keiner Indien wäre ein HiTec-Land. Davon profitieren höchstens 1/3 der Leute dort.
Joachim Trettin, 09.05.2011
2.
Es gab eine heute unvorstellbare Anzahl von Berufen, die mit den privaten Haushalten zu tun hatten. Statt neu zu kaufen, wurde repariert. Die meisten dieser Arbeiten waren gering entlohnt, wobei ein Argument dafür gewesen sein dürfte, dass die ?Haushaltsbesucher? andere Kosten einsparen konnten. So gab es zum Beispiel den Beruf des Pfannenflickers. Dazu den erleuchtenden Spruch: ?Der Pfannenflicker zieht den Hut. Adieu Madame, der Flick war gut!?
Weee W000t, 09.05.2011
3.
Der Mueller gehoert definitiv nicht auf diese Liste, da er heute noch genauso arbeitet wie damals, bzw. prinzipiell mit den selben Maschinen. Es werden zwar heute keine Mehlsaecke mehr herumgetragen, sondern der Prozess ist ziemlich voll automatisiert, jedoch gibt es den Beruf noch immer, und ein ausgebildeter Mueller ist auch heute noch in der Lage mit einer alten Muehle Mehl herzustellen. Es gibt ihn noch, er arbeitet zwar nicht mehr so wie damals, das Prinzip ist jedoch das selbe, nur die Arbeit ist leichter geworden. Deswegen bitte ich diesen Beruf von der Liste zu streichen.
Wilfried Huthmacher, 10.05.2011
4.
>Der Mueller gehoert definitiv nicht auf diese Liste, da er heute noch genauso arbeitet wie damals, bzw. prinzipiell mit den selben Maschinen. Es werden zwar heute keine Mehlsaecke mehr herumgetragen, sondern der Prozess ist ziemlich voll automatisiert, jedoch gibt es den Beruf noch immer, und ein ausgebildeter Mueller ist auch heute noch in der Lage mit einer alten Muehle Mehl herzustellen. > >Es gibt ihn noch, er arbeitet zwar nicht mehr so wie damals, das Prinzip ist jedoch das selbe, nur die Arbeit ist leichter geworden. > >Deswegen bitte ich diesen Beruf von der Liste zu streichen.
Hanno Stamm, 10.05.2011
5.
Ich lebe seit 16 Jahren in Kambodscha und Vietnam, viele der obigen Berufe (und einige mehr) sind hier noch sehr lebendig.
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