Vergessene Fotos Das wahre Leben

Verschwitzt und schmutzig statt im Sonntagsstaat: Eugen Sauter fotografierte in den Fünfzigerjahren die Bauern des schwäbischen Dorfs Neenstetten wie sie sonst niemand zu Gesicht bekam - eine Sensation. Jahrelang lagerten seine Bilder im Privatarchiv. Jetzt werden sie veröffentlicht.

Landesmedienzentrum Baden-Württe

Von Alice Kohli


Sie müssen sich schon ein bisschen gewundert haben, als der Dorfschullehrer seine Fotoausrüstung mitten im Kartoffelfeld aufstellte und sie bei der Arbeit fotografierte. Die Bauern aus dem kleinen Dörfchen Neenstetten in der Schwäbischen Alb waren es bis dahin gewohnt, sich für Fotoaufnahmen extra schick zu machen. Bilder wurden schließlich bei Taufen und Hochzeiten gemacht, frisch gebadet und im Sonntagsanzug - nicht während man verschwitzt und schmutzig auf den Äckern schuftete. Wer sollte denn solche Motive in der guten Stube aufhängen?

Doch die Fotos, die Eugen Sauter aufnahm, waren nicht als Wandschmuck für die Wohnzimmer der Dorfbewohner gedacht. Die Motive sollten eine Abschlussarbeit für Sauters Ausbildung zum Lehrer illustrieren. Zumindest die ersten Bilder, die der begeisterte Hobbyfotograf festhielt und mit wissenschaftlichem Ernst archivierte. Denn auch, als die Arbeit an dem Aufsatz längst abgeschlossen und die Prüfung mit Bravour bestanden war, knipste der Dorfschullehrer weiter. So wuchs seine Sammlung zwischen 1949 und 1960 auf über 2000 Bilder an. Allesamt ordentlich abgelegt mit Namen, Datum und Ortsangaben versehen und nach Themen sortiert. So wurde der Fundus mit Bildern von kernigen Bauersleuten, pausbäckigen Schulkindern, Theateraufführungen und Beerdigungen zu einer einmaligen Sammlung.

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Fotos vom Alltag: Das Leben auf dem Dorf

"Die akribische Dokumentation der Bilder ist das, was Eugen Sauters Werk für uns so wertvoll macht", sagt Marcus Bugbee, Leiter des Fotoarchivs des Landesmedienzentrums Baden-Württemberg. Die Bildstelle hat Sauters Aufnahmen gesichtet und für den Schulunterricht zugänglich gemacht. Bugbee und seinen Mitarbeitern werden viele private Fotoarchive ausgehändigt, um sie für die Nachwelt zu erhalten. Doch meist können diese mangels Hintergrundinformationen nur schwer in einen historischen Kontext eingeordnet werden. Beschreibungen und Daten, wie sie Eugen Sauter mit großer Akribie unter die Bilder setzte, sind hingegen ein Glücksfall für den Archivar.

Wie das Dorfleben für Furore sorgte

Trotzdem schlummerten die Aufnahmen drei Jahrzehnte in Sauters Privatsammlung. Zwar wurde der Lehrer, nachdem er 1962 nach Ulm gezogen war, im Nebenamt Leiter des örtlichen Kreismedienzentrums der Stadt und war in dieser Funktion ständig auf die Suche nach Vorkriegsbildern. Doch dass sein eigenes Archiv zeitgeschichtlich relevant sein könnte, war ihm nicht bewusst. Erst als Anfang der neunziger Jahre der Wartberg Verlag einen Bekannten von Sauter nach einer Quelle für "ländliches Fotomaterial" ansprach, erhielten seine Bilder größere Aufmerksamkeit.

Der Bildredakteur des Verlags besuchte Eugen Sauter zu Hause und bat um die Erlaubnis, eines seiner Alben mit ins Büro nehmen zu dürfen. Dort müssen die Bilder aus der Backstube, vom Krautstampfen der Neenstettener Frauen und der Brezel-Vesper am Feldrand für Aufsehen gesorgt haben. Nur wenig später rief der Redakteur ihn noch einmal an und bat um das restliche Material: "Schicken Sie uns alles!" Eugen Sauter schnürte also zwei Pakete von je 20 Kilogramm Gewicht und ließ sie dem Verlag zukommen. Dieser entschloss sich, einen Bildband mit den Farbfotos herauszugeben - allerdings in Schwarzweiß, aus Kostengründen.

Es war der Bürgermeister von Neenstetten, der die Farben der fünfziger Jahre rettete. Er sicherte die Abnahme von 500 Exemplaren des Bildbands zu. Keine unwesentliche Investition für das kleine Dorf auf der Schwäbischen Alb, schließlich hatte Neenstetten Anfang der neunziger Jahre nur knapp 800 Einwohner. Doch so wurde ein Farbdruck für den Verlag profitabel - und die Bildbände wurden ein Erfolg.

Mittlerweile sind schon acht Bildbände erschienen, und sie werden immer wieder neu aufgelegt - manche bereits zum zehnten Mal. "Kindheit auf dem Lande" und "Schwäbisches Dorfleben" machten 1995 den Anfang, es folgten Bücher über alle möglichen Aspekte des Neenstettener Landlebens. Am besten verkauften sich die Bände im Ländle selbst, aber auch im Rest der Bundesrepublik fanden sie große Beachtung. Kein Wunder. Die Bilder von hutzeligen Frauen, geschäftigen Bauern und wackeligen Leiterwagen sind Dokumente einer beschaulichen Dörflichkeit, die nicht nur jenen, die dabei waren, ein sehnsüchtiges Seufzen entlocken.



insgesamt 3 Beiträge
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Axel Mixa, 31.07.2008
1.
Diese Fotoserie dokumentiert auch einen Teil meines Lebens in einem kleinen Dorf unweit Geislingen/Steige in den 50-iger Jahren. Neenstetten liegt ca 33 km oestlich. Ich kann mich sehr gut an den Bauernhof/Gasthaus erinnern, wo ich die ersten Monate verbrachte, nachdem meine Eltern wieder aus Oesterreich berufsbedingt zurueckkehrten. Auch wir Kinder haben auf dem Bauernhof mitgearbeitet, Most getrunken, Kartoffeln auf dem freien Feld geroestet, mit dem Bulldog (Traktor) und Leiterwagen mitgefahren auf die Alb zum Heumachen und Getreide einbringen. Wir hatten damals kein Gemeindebackhaus. Die Milchsammelstelle war gerade schraeg gegenueber dem Bauernhof. abends (auch spaeter nachdem wir nochmals umgezogen sind sind) haben wir abends eine Kanne frisch gemolkener Rohmilch beim Bauern abgeholt. Der abgesetzte Rahm war mit das Beste. Wir hatten die gleichen Spielzeuge wie auf den Fotos gezeigt. Schule und Schulverhaeltnisse (hoelzerne Doppelbank)waren genau die gleichen. Eine Doppelklasse in einem einzigen Schulraum war etwas ganz normales. Die Laugenbrezeln haben damals viel besser geschmeckt als heute. Fuer all diejenigen, die in dieser Gegend damals aufgewachsen sind, und keine Fotos (mehr) haben, eine wahrhaft einmalige Erinnerung and eine Zeit, die uns gepraegt hat.
Ferdi Keuter, 31.01.2011
2.
?Eine Foto Skizze (1943) aus dem Gedächtnis? Vergessen habe das Foto bis heute hin nicht. Auf der Dorfstraße bewegen sich 3 Jungen im Alter von ca. 5 Jahren. Sie ziehen einen stinkenden, lehren Jauchewagen hinter sich her. Einer von ihnen hat Strümpfe an, die von Strapse verschwinden in den Hosenbeinen der kurzen Hose. An den Füßen sind Gebilde, die man nicht unbedingt als Schuhe bezeichnen kann. Für einen Künstler, der ?arme Kinder? malen möchte, hier wäre sein Modell gewesen. Nun geschieht das Außergewöhnliche: Ein Personenwagen hält an, der Fahrer steigt aus und unterhält sich mit uns. Er fragt, ob er von uns eine Aufnahme machen dürfe. Wir stimmen zu, er macht sein Foto und verspricht uns ein Bild in nächster Zeit. Wir haben diesen Moment lange vergessen, da kommt jener Autofahrer, trifft uns auf der Straße wieder, und schenkt jedem einen Abzug. Das Foto kommt in irgendeine Schublade und wird auch wieder vergessen. Jahre später, meine Verwandtschaft im Ort stirbt, Habseligkeiten werden gesammelt und mit nach Eschweiler gebracht. Dann fällt mir das Bild wieder ein. Meine Nachfrage ergibt: ?Das habe ich vernichtet, da musste man sich ja als Mutter schämen?. Unwiederbringlich weg, denn den anderen zwei Fotos war es nicht anders ergangen. ?Unsere Kinder haben so nie ausgesehen?!!! Frage heute, wirklich nicht??
Norbert Mayer-Lauingen, 17.12.2014
3. Bilder der Vergangenheit
Ich bin oft mit der Kamera unterwegs und finde die Bildbände einfach super in unserer Welt der Perfektion und Überfluss,einfach zum anschauen,wie es nach den Jahren des Krieges,mit Hunger und Elend der Mensch seine Welt wieder aufbaute und nach seinen verlorenen gegangenen Glauben an Gott und Recht,sich auf das nötigste beschränkte,und der Jugend eine bessere Zukunft schaffte.Heut hat man kaum eine Gelegenheit tägliches Leben einzufangen ohne Gefahr zu laufen Persöhnlichkeitsrechte zu verletzen
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