Vergessene Kinderstars Überdosis Ruhm

Vergessene Kinderstars: Überdosis Ruhm Fotos
ddp images

Den Oscar mit zehn, Kokain mit 15: Den Sprung vom süßen Fratz zum Schauspieler schaffen Kinderstars nur selten - und je verzweifelter sie dem flüchtigen Ruhm nachjagen, desto schlimmer kommt es. einestages zeigt, was aus den Kinderstars von einst geworden ist. Von

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 16 Kommentare
    3.4 (150 Bewertungen)

Ein Freund fand Jonathan Brandis am 11. November 2003 gegen 11.40 Uhr in seiner Wohnung in Los Angeles. Jonathan Brandis, der umschwärmte Nachbarsjunge in Comedy-Serien wie "Full House" und "Wer ist hier der Boss?". Der Bastian Bux aus die "Unendliche Geschichte II". Jonathan Brandis, der sich in den neunziger Jahren in der Science-Fiction-Serie "SeaQuest DSV" mit seiner Rolle als jugendliches Computergenie im Baseball-Hemd in die Herzen aller Teenie-Mädchen gespielt hatte. Der Jonathan Brandis, der mit seinen weichen Gesichtszügen und den feingliedrigen Händen, dem forschenden Blick und dem selbstsicheren Lächeln wirkte, als könnte er alles erreichen.

Nun baumelte er leblos von der Decke - er hatte sich erhängt. Die Ärzte im Cedars-Sinai Medical Center konnten nur noch seinen Tod feststellen. Er wurde 27 Jahre alt.

Der Weg von seiner Glanzzeit als gefeierter Kinder- und Jugendstar bis zu dem Moment, in dem sich die Schlinge um seinen Hals zuzog, war ein langsamer Abstieg in die Bedeutungslosigkeit. Nachdem die TV-Serie "SeaQuest DSV" nach drei Staffeln abgesetzt worden war, gelang es Brandis einfach nicht mehr, im Filmgeschäft Fuß zu fassen. Die letzte Hoffnung auf ein Comeback, so hatte er es sich ein Jahr vor seinem Tod ausgerechnet, war der Film "Das Tribunal" mit Bruce Willis, in dem er eine kleine Rolle hatte. Dann wurde Brandis Part aus dem fertigen Film herausgeschnitten. Er verfiel dem Alkohol und Depressionen und wählte schließlich den Freitod als letzten Ausweg.

Drogen und skrupellose Ärzte

Kinderstars in Hollywood stecken in einem irrwitzigen Dilemma. Während sie sich mit rasender Geschwindigkeit verändern und erwachsen werden, hält ein Film immer nur eine kurze Station ihrer Entwicklung fest. Der Körper wächst, die Stimme wird dunkler, das Gesicht markanter. All die niedlichen Stupsnasen, die neunmalklug mit der Kamera flirten, werden irgendwann erwachsen - selbst dann, wenn mit allen Mitteln versucht wird, diesen Prozess soweit es geht, zu verlangsamen.

Als sich bei den Dreharbeiten zu "Der Zauberer von Oz" herausstellte, dass die 16-jährige Judy Garland langsam aber sicher zu reif für die Rolle der kleinen Dorothy wurde, verordnete ihr der Arzt des Filmstudios große Mengen Amphetamine. Die Appetitzügler sorgten dafür, dass sie für die Dauer der Dreharbeiten ihre kindliche Figur behielt.

Doch um der Versuchung durch Drogen zu erliegen, brauchen viele Jungstars gar keinen skrupellosen Doktor am Set. Macaulay Culkin ("Kevin - Allein zu Haus") landete in der Entzugsklinik, Haley Joel Osment ("Sixth Sense") überschlug sich unter Alkoholeinfluss mehrfach mit seinem Wagen und wurde zu 26 Sitzungsstunden bei den Anonymen Alkoholikern verdonnert. Als Fans auf der ganzen Welt darauf hofften, dass Edward Furlong in "Terminator 3" wieder in der Rolle des John Connor antreten würde, fiel er aus, weil er wegen einer Überdosis ins Krankenhaus eingeliefert werden musste. Der traurigste Fall ist bis heute der Tod von River Phoenix ("Stand By Me - Das Geheimnis eines Sommers", "Indiana Jones und der letzte Kreuzzug"). Die große Hoffnung Hollywoods brach 1993 in der Halloween-Nacht plötzlich leblos vor Johnny Depps neuem Club Viper Room am Sunset Boulevard von L. A. zusammen. Todesursache laut Pathologen: ein Killer-Cocktail aus Heroin und Kokain.

Geldgierige Eltern

Warum die Eltern schauspielender Kinder ihren Nachwuchs vor solchen Eskapaden nicht schützen? Oft genug sind sie Teil des Problems. Sie setzen ihre Schutzbefohlenen unter Erfolgsdruck, schieben sie zwischen die Fronten eines Sorgerechtsstreits oder verprassen deren verdiente Millionen. Schon einer der ersten Kinderfilmstars überhaupt stand - endlich volljährig - auf einmal mit leeren Taschen da.

Jackie Coogan spielte 1921 den kleinen Jungen in Charlie Chaplins Filmklassiker "The Kid" und wurde mit einem Schlag zu einem begehrten Star, ja zur Marke. Mit seinen Filmen, Auftritten und Merchandising-Produkten wie Coogan-Erdnussbutter und -Spielzeugfiguren verdiente er in wenigen Jahren drei bis vier Millionen Dollar - damals eine gigantische Summe. Die sollte Jackies Vater bis zu dessen Volljährigkeit verwalten. Doch Jack Senior starb wenige Monate bevor er seinen Sohn auszahlen konnte bei einem Autounfall. Das Geld erbte die Mutter, obwohl die Coogans getrennt lebten.

Innerhalb kürzester Zeit brachte sie zusammen mit Jackies Stiefvater das Vermögen des Sohnes durch. Am Ende blieben dem Kinderstar aus "The Kid" nur noch 126.000 Dollar - doch selbst die musste er sich in einem umstrittenen Prozess erklagen. Dass jemand seine eigene Mutter vor den Richter schleppte, stieß damals vielen Menschen auf. Nach diesem Fall wurde das sogenannte Coogan-Gesetz erlassen, welches immerhin die rechtliche Grundlage zum Schutz der Einkünfte von Kindern schuf.

Zu jung für den Traum Erwachsener

Trotz solcher Abgründe im Geschäft mit den Jungstars - es gibt auch auch positive Beispiele. Hollywood-Größen wie Kirsten Dunst, Jodie Foster oder auch Elijah Wood scheinen ohne größere Probleme den Sprung vom Kinderstar zum ernstzunehmenden Schauspieler geschafft zu haben. Doch viele andere verschwinden irgendwo auf dem Weg dahin von der Bildfläche. Oder wissen Sie was der Hauptdarsteller aus "Free Willy", der Junge aus "Shining" oder Radost Bokel, das Mädchen aus "Momo" heute machen?

Oft genug stecken hinter sang- und klanglosen Abgängen traurige Geschichten über Menschen, die Stars wurden, bevor sie alt genug waren, überhaupt zu verstehen, welcher Maschinerie sie sich auslieferten. Jonathan Brandis dachte sicherlich nicht über einen Durchbruch als Schauspieler nach, als er mit sechs Jahren seinen ersten Auftritt in einer Soap Opera hatte.

Artikel bewerten
3.4 (150 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 16 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Claus - M. Friemuth 01.09.2009
Wer mir fehlt ? Was ist aus Tatjana Trieb ("Jenseits der Stille") geworden ?
2.
Ingo Rentz 01.09.2009
Fred Savage ("Wunderbare Jahre"), der würde mich mal interessieren...
3.
Richard Schulz 01.09.2009
Es fehlen Tommy Ohrner (Manni, der Libero) Patrick Bach (Silas)
4.
karl ursus 01.09.2009
Neil Patrick Harris (Doogie Houser M.D.)
5.
Andreas Fastl 01.09.2009
HEINTJE hätte man auch dazunehmem können. Film z.B. "Hurra die Schule brennt" mit Peter Alexander.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH