AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 2/2008

Vergessene Orte Atombombe im Gully

Eine Gruppe von Hobby-Historikern spürt die Reste der Festung Deutschland auf: geheime Kriegsanlagen, die einst den Vormarsch sowjetischer Panzer stoppen sollten.

Von

Michael Grube

In Wahrheit gehörten die Männer zu den sogenannten Wallmeister-Einheiten der Bundeswehr. In der Zeit des Kalten Krieges standen die Wallmeister bereit, um an strategisch wichtigen Punkten Deutschlands Infrastruktur in Trümmer zu legen, falls die Panzertruppen des Warschauer Pakts angreifen sollten. Dafür hatten sie fast 6000 geheime Sprengfallen bundesweit präpariert, vor allem an Brücken, Straßen und Tunneln. Es waren versteckte Bohrlöcher oder getarnte Gully-Schächte, die teils gewaltige Sprengladungen aufnehmen konnten. Die Munition wurde an nahegelegenen Standorten gelagert oder in getarnten Bunkern, in denen bis zu fünf Tonnen TNT bereitlagen - jahrzehntelang.

Nach dem Fall der Mauer verloren die Sprengfallen ihre Bedeutung. Doch eine Gruppe von Hobby-Historikern um den Niedersachsen Michael Grube spürt die "vorbereiteten Sperren", so die bundeswehrinterne Bezeichnung, nun auf - ebenso wie etwa provisorische Kriegsflugplätze. Für Grube ist es schlicht "wahnsinnig, in welchem Grad das Land militarisiert war". Der Unternehmer aus Bispingen betreibt im Internet die Seite geschichtsspuren.de und dokumentiert dort die oft überwucherten oder verschütteten Militärspuren aus der Nachkriegszeit.

Akribisch tragen er und andere Fans der "vergessenen Plätze" Dokumente, Fotos und Berichte zusammen: Aufgegebene Autobahnteilstücke, verwaiste Flugplätze, ins Nichts führende Schienenstrecken und überwucherte Bunker haben es der "Interessengemeinschaft für historische Militär-, Industrie- und Verkehrsbauten" angetan. Mit Militaria-Freaks wollen sie nichts zu tun haben, es geht ihnen um den Spaß an der detektivischen Suche und darum, ein Stück jüngerer Geschichte festzuhalten. Die Mitglieder durchstöbern Archive, werten die Literatur aus oder sichten uralte Drucksachen des Bundestags. Behilflich sind manchmal auch Bundeswehrstellen und ehemalige Angehörige der aufgelösten Einheiten.

Via Internet tauschen die Spurensammler Koordinaten leerstehender Bunker und verwitterter Gebäude aus wie andere Leute Briefmarken. Oft gestochen scharf sind dann über das Programm Google Earth Überreste von Landebahnen oder Straßentrassen zu erkennen. "Viele wissen glücklicherweise gar nicht, wie intensiv sich Deutschland auf einen Krieg vorbereitet hat, der nie stattfand", sagt Grube.

Die Gedankenspiele aus der Zeit des Eisernen Vorhangs wirken heute furchteinflößend.

Mit Tausenden Panzern würden die Truppen des Warschauer Pakts den Westen angreifen und schnell bis an den Rhein vorstoßen, so erdachten die Nato-Planer den Tag X. Um Zeit für das Einfliegen der US-Reserven zu gewinnen, sollten nicht nur einfache Sprengstoffladungen gezündet werden, um Verkehrswege für den Feind unpassierbar zu machen. Es gab sogar US-Planspiele, größere Brücken, Tunnel oder ganze Häfen und Güterbahnhöfe mit Atomminen zu zerstören.

Die kleinste Atomic Demolition Munition (ADM) hatte den Durchmesser einer Großpizza (40 Zentimeter) und wog 68 Kilogramm. Sie hätte die Sprengkraft von bis zu 1000 Tonnen TNT entwickelt - und die Umgebung verstrahlt.

Wo genau die Mini-Atombomben zum Einsatz kommen sollten, ist ungewiss - die Pläne unterliegen bis heute der Geheimhaltung. Mit Ende des Kalten Kriegs wurden die ADM aus den Depots der US-Armee in Deutschland entfernt.

Mitunter ließen sich die Wallmeister-Ingenieure auch weniger explosive Sperrtechniken einfallen. So wurden am Eingang des Hamburger Elbtunnels noch im Dezember 1989 gewaltige Betonklötze auf Querträgern über der Fahrbahn angebracht. Wären die Russen gekommen, hätten Pioniere die Träger gesprengt. Mehrere jeweils 107 Tonnen schwere Betonteile hätten sich in die sechs Meter tiefer liegende Fahrbahn gebohrt und die Verbindung unter der Elbe blockiert.

Dabei überlegte sich die Bundeswehr nicht nur, wie sie möglichst effektiv den Feindverkehr behindern könnte. Auf der anderen Seite trachteten die Militärs danach, Ausweichmöglichkeiten für sich zu schaffen - insbesondere für die Jets der Luftwaffe und ihrer Alliierten.

Bereits in den sechziger Jahren machte sich die Führung Gedanken, wie sie Autobahnabschnitte als "Notlandeplätze" (NLP) präparieren könnte. In einer Krise hätte die Nato Hunderte Kampfflugzeuge nach Westdeutschland überführt - für die auf den regulären Basen gar kein Platz gewesen wäre. Zudem gingen die Planer davon aus, dass die Sowjets militärische Fliegerhorste als Erstes angreifen würden.

Bei der Suche nach einer Lösung des Problems konnte die Bundeswehr auf frühere Erfahrungen zurückgreifen: Am Ende des Zweiten Weltkriegs nutzte die Wehrmacht geeignete Strecken auf den "Reichsautobahnen", nachdem die regulären Flugplätze bombardiert worden waren.

Schon bei der Planung neuer Autobahnstrecken saßen im Kalten Krieg deshalb meistens Beamte des Verteidigungsministeriums mit am Tisch, um ihre Wünsche durchzusetzen. Das führte dazu, dass aus militärischen Erwägungen ganze Trassen anders durch die Republik verlegt wurden, als sich die Verkehrsplaner das dachten. Denn die Generäle brauchten für ihre NLP etwa drei Kilometer lange, möglichst ebene Geraden - natürlich ohne Brücke auf dem gesamten Abschnitt.

Grubes Spurensucher haben die 24 getarnten Pisten im Westen identifiziert, sie sind aber auch nicht allzu schwer zu erkennen: Die Mittelstreifen wurden dort nicht begrünt, sondern durchbetoniert, die Leitplanken nur im Boden eingesteckt, um sie schnell demontieren zu können. An beiden Enden der einstigen Notpisten liegen bis heute seltsam überdimensionierte Parkplätze - im Kriegsfall Abstellflächen für Flugzeuge. Bei einigen wurden Fernmeldekästen, Kabelschächte und Stromanschlüsse installiert. Innerhalb von 24 Stunden hätte die Bundeswehr mobile Tower, Radargeräte und Pistenbeleuchtung montieren können. Ähnliche Plätze gab es auch in der DDR. Dort richteten Kollegen von der gegnerischen Seite ein Dutzend Autobahnabschnitte ein, die sie für Militärflugzeuge nutzen konnten.

Das Konzept funktionierte, jedenfalls in Friedenszeiten: Bei der letzten westdeutschen Großübung "Highway 84" landeten im Frühjahr 1984 mehrere Düsenjäger und Transportflugzeuge auf der A 29 bei Oldenburg. "Kein Problem", lautete das Fazit der Piloten in ihrem Bericht.

Auch das Bundeskabinett, damals noch in Bonn, erhielt eine eigene Geheimlandebahn - 1973 wurde ein Streckenabschnitt der A 61 bei Gelsdorf im Rheinland als Notflugplatz hergerichtet. In der Nähe lag die "Dienststelle Marienthal", jener Atombunker in der Ahr-Eifel, von dem aus der Kanzler das Schlachtfeld Deutschland weiter regieren wollte.

Auch Eisenbahnstrecken und Wasserstraßen hatten die Planungsstäbe im Blick. So durfte die Bahn jahrzehntelang nur Strecken stilllegen, wenn die Bundeswehr zustimmte. Denn manche Bahntrasse war vielleicht unrentabel in Friedenszeiten - aber fest eingeplant für Nachschub- oder Panzertransporte im Kriegsfall. Der CSU-Politiker Gerold Tandler forderte zu Beginn der achtziger Jahre noch den Ausbau des hochumstrittenen Rhein-Main-Donau-Kanals mit der Begründung, dieser habe "strategische Bedeutung" als Panzersperre und zur "Heranführung von Reserven".

Seit der Wende gehören die Sprengfallen wie auch die Autobahnflugplätze der Vergangenheit an. Nach und nach werden Hohlräume und Schächte an Brücken und Tunneln beseitigt. Die Bundeswehr hat auch mehr Fliegerhorste, als sie benötigt.

Nur auf der A 7 in Schleswig-Holstein, in der Nähe von Jagel, scheint der Kalte Krieg noch nicht beendet. Dort befindet sich der Autobahn-Notlandeplatz "I/1", in unmittelbarer Nachbarschaft zum Fliegerhorst Jagel. Eigentlich ein "lost place", die Abstellflächen für die Düsenjäger sehen aus wie Autobahnparkplätze. Doch vor kurzem bemerkte Grube, dass dort die Anschlusskästen für das militärische Gerät im Kriegsfall noch intakt sind. Und die Zuwege, die andernorts längst überwuchert sind, wurden bei Jagel noch im Herbst gründlich gemäht.



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insgesamt 9 Beiträge
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Klaus Herbst, 09.01.2008
1.
Die heutige A 9 zwischen Berlin und dem Hermsdorfer Kreuz war ja zu DDR-Zeiten auch krass ausgebaut: viele Kilometer lang, ohne Mittelleitplanke, sechsspurig - und das alles gewiss weder für die vielen Trabis noch zur Sicherung der Transitwege. Was mich interessieren würde: Wurde dieser Flugplatz erst zu DDR-Zeiten angelegt; gibt es dazu irgendwelche Dokumente? Oder haben ihn schon die Nazis gebaut? Letzteres glaube ich nicht, weil das Teil war riesig, und solch lange Pisten wurden von den Nazis wohl nicht benötigt - aber wer weiß? Freundliche Grüße, Klaus Herbst
Thorsten Kellermann, 09.01.2008
2.
Ich komme auch Burghausen an der Salzach. Von der Altstadt am Ufer der Salzach gibt es zwei Bruecken Richtung Oesterreich. Um einen Einfall der Roten Arme ueber Oesterreich zu verzoegern wurden beide Bruecken mit Sprengkammern versehen. Ein der beiden Bruecken wurde auf der Deutschen Seite mit einer ausfahrbaren Betonwand versehen, die in Burghausen allgemein als Panzersperre bekannt ist. Ich weiss allerdings nicht ob diese Betonwand noch vorhanden ist. Thorsten Kellermann
Matthias Pintsch, 09.01.2008
3.
So unbekannt sind die Pläne zum Einsatz der Mini-Atombomben nicht - das Parallel History Project der ETH Zürich hat dazu Dokumente der Staatssicherheit aufgesprürt, die diese beim Klassenfeind abgefasst hat: 1.) Planning of V Corps/US Army on Support of Non-American Units in NATO Ground Forces with Nuclear Mines http://www.php.isn.ethz.ch/collections/colltopic.cfm?lng=en&id=17213&navinfo=15296 2.)US and NATO Military Planning on Mission of V Corps/US Army During Crises and in Wartime http://www.php.isn.ethz.ch/collections/colltopic.cfm?lng=en&id=17214&navinfo=15296 3.) Internal Military Assessment of West German Forces by the US http://www.php.isn.ethz.ch/collections/colltopic.cfm?lng=en&id=17212&navinfo=15296 2000 weitere Originaldokumente zur Geschichte des Kalten Krieges unter: www.php.isn.ethz.ch/collections Grüsse aus Zürich, Matthias Pintsch
Andreas Gorsler, 10.01.2008
4.
Abgesehen vom Einsatz von Atomwaffen waren die Sperren nicht so geheim wie hier schlagzeilenträchtig darstellt. Jeder Wehrpflichtige der Pioniertruppe der Bundeswehr übte diese Verteidigungsmaßnahmen. Ich finde es auch nicht so schlimm, dass das Land so militarisiert war, wie es im Text heißt. Diese Maßnahmen beweisen schließlich den defensiven Charakter von Bundeswehr und NATO, während die DDR/NVA erst unter der letzten, demokratischen Regierung mit defensiven Konzepten zu arbeiten begann. Tempi passati.
Tobias Conrad, 10.01.2008
5.
Naja, "Sprebgfalle" ist eher ein schlechter Begriff, da man aus sicherheitsgründen mit der Sprengung nicht gewartet hätte, bis der Feind auf der Brücke (o. a.) ist. Auch war nicht jeder dieser Gullideckel zur Aufnahme einer Sprengladung gedacht! Teilweise sollte in diesen Panzersperren zusammen mit Beton eingelassen werden. So sollte z. B. die lübsche Altstadt so von Kampfhandlungen frei gehalten werden.
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