Vergessene Orte Fotoschätze aus der Goldrausch-Geisterstadt

1880 machte der Goldrausch das US-Nest Bodie zur verruchtesten Stadt im Wilden Westen, im "Meer der Sünde" kam es fast täglich zu Schießereien. Heute ist der Ort eine Geisterstadt – und profitiert vom spektakulären Charme seines Verfalls.

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Der Fund seines Lebens kostete ihn sein Leben. Wakeman S. Bodey war extra aus der Kleinstadt Poughkeepsie im Bundesstaat New York ins ferne Kalifornien gereist. Angelockt vom Goldfieber im Südwesten der USA, getrieben von der Hoffnung nach dem einen ganz großen Fund, der das Leben verändern kann.

Und Wakeman Bodey hatte Glück. 1859 entdeckte er Gold, als er mit drei anderen Abenteurern die Berge der Sierra Nevada durchstreifte. Das Team schwor sich, niemanden etwas zu erzählen und teilte sich auf: Bodey blieb mit einem Kollegen bei der Fundstelle. Auf der Suche nach Verpflegung gerieten die beiden Männer im November 1859 in einen heftigen Schneesturm. Bodey, so berichtete sein Begleiter später, brach zusammen und erfror. Seine Überreste wurden erst Monate später gefunden, angefressen von Tieren, der linke Arm fehlte.

Sein tragischer Tod war kein Einzelfall, und doch unterschied sich sein Schicksal von dem anderer gescheiterter Glücksritter: Bodey wurde post mortem zum Namensgeber der wohl verwegensten Stadt des Wilden Westens. Denn der Goldrausch machte das kleine Nest Bodie binnen kürzester Zeit zu einem Magneten für Investoren, Abenteuer und Halunken.

Hier, auf einem kargen Hochplateau rund 300 Kilometer östlich von San Fransisco, schossen plötzlich Spielhöllen aus dem Boden. Das zog auch zwielichtige Gestalten an: Fast täglich kam es in Bodie zu Schießereien, Prostituierte und Kartenspieler wurden zu Berühmtheiten. Oder, in Zahlen ausgedrückt: Um 1880 zählte Bodie etwa 8000 Einwohner, 60 Saloons, 15 Bordelle - und noch immer keine einzige Kirche.

"Letzte Woche kein Mord!"

Der Ort, schimpfte deswegen zu dieser Zeit ein Geistlicher, sei "ein Meer der Sünde, von den Stürmen der Wollust und Leidenschaft gepeitscht". Andere flüchteten sich in Zynismus: "Bodie wird zum Kurort", verkündete ein Lokalreporter, "letzte Woche hat es keinen einzigen Mord gegeben." Verängstigt vom Ruf der angeblich gefährlichsten US-Stadt notierte ein kleines Mädchen 1880 in ihr Tagebuch: "Auf Wiedersehen, lieber Gott, morgen fahren wir nach Bodie."

130 Jahre später ist der Schrecken verblasst, die Spielhöllen geschlossen und auch die Nachfahren der schießwütigen Revolverhelden sind längst fortgezogen. Die einstige Boomtown mit mehr als 2000 Gebäuden brannte 1932 fast vollständig ab. Die verbliebenen 168 Holzhäuser bilden heute den Kern einer windschiefen, knarzenden Geisterstadt - ein Paradies für Fotografen und Wildwest-Nostalgiker. Lebte Bodie im 19. Jahrhundert noch vom Gold, so profitiert es heute vom Charme seines Verfalls.

Am Ortseingang verrostet ein Chevrolet Coupé, einige Häuser sind zu Ruinen zusammengesunken, andere trotzen immer noch dem unwirtlichen Klima mit seinen klirrend kalten Wintern. Die Holzfassaden sind vom Wind abgeschliffen, drinnen schält sich die Tapete von den Wänden, auf uralten Schaukelstühlen sammelt sich zentimeterdick Staub, in Regalen stapeln sich die Waren einer untergegangenen Epoche. Und selbst in den einst lärmenden Saloons scheint die Zeit stillzustehen: Am Tresen und den Tischen verstauben die Bierflaschen.

Welt voller Anekdoten

Bodie ist heute ein "Historic Park", ein Freiluftmuseum, bei dem alles so bleiben soll, wie es war. Repariert wird nur, was die Ursprünglichkeit nicht stört. Damit unterscheidet sich die Geisterstadt wohltuend von etlichen anderen verlassenen Goldrausch-Metropolen, die zu Disney-ähnlichen Erlebnisparks umgebaut wurden. Eine Fahrt nach Bodie hingegen wird zu einer Reise in eine andere Zeit, in eine Welt voller Anekdoten und Legenden.

Die Rätsel beginnen schon mit dem erfrorenen Namenspatron. Hieß Bodey nun mit Vornamen Wakeman, William oder Waterman? Und wo kam er her? Historiker können bis heute darauf keine eindeutige Antwort geben. Die wahrscheinlichste Fährte führt in die Kleinstadt Poughkeepsie, wo eine Sarah Bodey plötzlich nie wieder Post von ihrem sonst so verlässlichen Gatten bekam, der sich zuvor auf Goldsuche nach Kalifornien begeben hatte.

Ebenso wirft die Schreibweise "Bodie" Fragen auf. Wurde der Ort nur deshalb so genannt, weil "Bodey" zu sehr "body", englisch für "Leiche", geähnelt hätte? Oder war es einfach nur ein banaler Schreibfehler, als um 1860 ein erstes Hinweisschild mit der Aufschrift "Bodie Stables" aufgestellt wurde?

Fest steht nur: Nach dem Tod Bodeys begruben ihn seine Kameraden in der Nähe der Fundstelle und tauften ein nahegelegenes Lager zu seinen Ehren. Doch trotz des Fundes brach hier in den ersten Jahren noch kein richtiges Goldfieber aus. Nur wenige Unternehmer und Goldgräber zog es in die entlegene Bergregion, reiche Funde im Bundesstaat Nevada versprachen damals weit größere Profite.

Märchenhafte Gewinne

Als 1877 eine Minengesellschaft auf eine sensationell reiche Goldader stieß, war es aber mit dem gemächlichen Treiben schlagartig vorbei. Binnen eines Jahres förderte die "Bunker Hill Mine" Gold und Silber im Wert von sagenhaften 784.523 US-Dollar und schüttete ihren Aktionären vier Monate hintereinander hohe Dividenden aus.

Der spektakuläre Gewinn rüttelte ganz Amerika wach. Nur ein Jahr später gab es in Bodie bereits 22 Minen. Innerhalb von zwei Jahren explodierte die Bevölkerung und wuchs von wenigen Familien auf 8000 Einwohner. Sogar eine Chinatown wurde aus dem Boden gestampft. Bis 1881 eine Bahnlinie gebaut wurde, mussten die chinesischen Hilfsarbeiter aus zwanzig Meilen Entfernung mühsam Holz mit Maultieren auf die baumarme Hochebene schleppen. Denn Holz war nicht nur für die Häuser begehrt, sondern wurde besonders für die mit Dampfkraft betriebenen Pumpen in den Minen gebraucht.

Mit dem Geld kam die Gewalt nach Bodie. Im Januar 1878 fand die erste tödliche Schießerei statt. Ungezählte weitere folgten. Kaum ein Täter wurde verurteilt. "Es gibt eine unwiderstehliche Macht in Bodie, die uns dazu antreibt, uns gegenseitig abzustechen und zu erschießen", schrieb eine Regionalzeitung und suchte ratlos nach Gründen. Schließlich schlussfolgerte der Autor bierernst: "Es muss an der Höhe liegen." Doch auch die Arbeit in den Minen hatte ihre Tücken: Dutzende Menschen starben bei Unfällen in den schlecht gewarteten Anlagen.

Einigen Schreibern der sensationslüsternen Presse reichte die reale Tragik und Gewalt nicht aus. Und so erfanden sie manchmal gruselige, dann wieder humorige Legenden von einem notorischen Bösewicht, der als "Bad Man from Bodie" zu einer festen Redewendung in ganz Amerika bekannt wurde. Schießduelle? Grundlos vom Zaum gebrochene Kneipenprügeleien? Ein Halunke, der mit seiner übermenschlichen Kampfkraft prahlte? Klar, dass dieser Kerl nur aus Bodie kommen konnte.

Das Leben anderer Menschen klang dagegen wie aus einem Roman, doch sie lebten tatsächlich in Bodie. So etwa die bekannteste Kartenspielerin der Stadt, "Madame Moustache", die mit bürgerlichen Namen Eleanor Dumont hieß. Die gebürtige Französin war nicht nur für ihre auffällige Oberlippenbehaarung berühmt, sondern wurde im ganzen Wilden Westen als faire, aber kaum besiegbare Gegnerin gefürchtet.

"Sie war fett und ihr Gesicht zeigte zweifellos die Spuren des Alters", erinnert sich einer ihrer Gegner, der in kurzer Zeit sein gesamtes Erspartes gegen die Meisterin verzockt hatte. Doch nach jahrzehntelangem Erfolg endete auch ihre Glückssträhne. Mit 300 Dollar verschuldet und, wie sie schrieb, "müde vom Leben", beging "Madame Moustache" 1879 in Bodie Selbstmord.

Damals befand sich die Stadt auf dem Höhepunkt ihres zweifelhaften Ruhms und begann auf einmal, sich wieder an Wakeman Bodey zu erinnern. Es war bizarr: Erst suchte man nach Gold, dann nach den Gebeinen des Mannes, der als erster am Goldrausch gestorben war. Ende 1879 spürte ein Team schließlich sein Grab auf und exhumierte Bodeys sterbliche Überreste. Feierlich wurde der Goldsucher auf den offiziellen Friedhof der Stadt umgebettet.

Doch schon wenige Jahre später zog der Tross aus Prostituierten, Glücksspielern und Minenarbeitern weiter nach Colorado, in weniger ausgebeutete Regionen. Eine Lokalzeitung nannte Bodie schon 1883 "eine ruhige Stadt", drei Jahre danach zählte man nur noch etwa 1500 Einwohner. Eine elektrische Stromleitung konnte die Betriebskosten für die Minenbetreiber zwar noch einmal senken, doch Bodies goldene Zeiten waren vorbei.

Als nach dem Brand von 1932 die letzten Bewohner nach und nach die Stadt verließen, war aus den Böden der Umgebung insgesamt Gold und Silber im Wert von 34 Millionen Dollar gefördert worden. Die Stadt versank in der Vergessenheit, ebenso wie ihr mysteriöser Namensgeber: Denn niemand hatte 1879 daran gedacht, das zweite Grab des Wakeman Bodey für die Nachwelt kenntlich zu machen.

Weitere Bilder unter www.ghosttowngallery.com.

Zum Weiterlesen:

Michael H. Piatt: Bodie: "The Mines are looking well…", North Bay Books.



insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
paul osten, 22.02.2011
1.
Es ist sooo langweilig. Hochgedrehte Sättigung und/oder Kontrast und extreme Weitwinkel. Gibt's keine 50mm Objektive mehr? Und Photoshop gehört heute wohl zur "Fotografie" wie Silicon zu den "Models". Schlecht, einfach schlecht...
Gerald Freyer, 22.02.2011
2.
Nette Story, leider schon tausendmal gesehen und selbst dagewesen. Jeder Fotograf mit etwas Anspruch muss mindestens in New York und in Bodie gewesen sein. Habe selbst von deutschen Fotografen gehört, die sich in diesem vergessenen Ort per Zufall getroffen haben. Aus eigener Erfahrung kann ich nur den Tipp geben: Achtung in Bodie beim Spazierengehen, schnell kann man über ein aufgestelltes Stativ oder Kameratasche stolpern. Aber trotzdem ist die USA immer für Fotografen immer eine Reise.
Christian Beckmann, 22.02.2011
3.
Hi! Mindestens eines der Fotos ist falsch beschrieben! Foto #13 zeigt mitnichten das Leichenschauhaus, sondern zeigt zur Linken das Hotel Dechambeu und wenn ich mich noch recht entsinne, dann zeigt Foto #2 das Innere davon. Zudem gibt es auch noch ein paar wenige weitere Gebäude, die betreten werden können. Dies gilt u.a. für die Kirche sowie das Museum, das die gesammelten Relikte zeigt. Bild #31 zeigt tatsächlich die Schule, aber das Museum befindet sich in einem anderen Gebäude und zwar der ehemaligen Miners Union Hall an der Main Street . Ansonsten kann ich nur feststellen, daß sich ein Besuch dieser Geisterstadt wirklich lohnt, wenn auch die Zufahrt nur über eine kilometerlange Schotterstraße möglich ist. Servus, Christian
Matthias Vorndran, 22.02.2011
4.
Also "schlecht" ist wirklich was anderes. So wahnsinnig viel Photoshop erkenne ich in den Bildern auch nicht. Übrigens: Auch PS oder Lightroom oder was auch immer muss man erst mal bedienen können, wie eine Dunkelkammer auch. Mir vermitteln die Bilder einen guten Eindruck des Ortes, ich sehe sie mir gerne an.
Steven Doll, 22.02.2011
5.
Genau. Tausend Mal gesehen... und 500 mal davon war's auf Spiegel Online.
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