Vergessene Orte Wo der Kalte Krieg am kältesten war

Vergessene Orte: Wo der Kalte Krieg am kältesten war Fotos
Henri Hirschfeld

Alarmanlage in der Arktis: Mit 25.000 Mann und einem Milliarden-Budget bauten die USA in den fünfziger Jahren ein gigantisches Frühwarnsystem. Eine Kette riesiger Radarstationen sollte vor Atomangriffen der Sowjets schützen. Heute sind die bizarren Bauwerke Zeugen einer fatalen Fehleinschätzung. Von

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Ein eisiger Wind fegte über die endlose weiße Fläche. Die Thermometer sackten auf 50 bis 60 Grad unter null. Männer und Maschinen kämpften sich durch die unüberwindbar scheinende Eiswüste. Unaufhaltsam bahnten sie sich einen Weg durch das lebensfeindliche Terrain - zu einem Ort, an den die Zivilisation bislang nicht vorgedrungen war. Amerikanische Medien feierten den Vorstoß wie eine erfolgreiche Expedition ins Unbekannte. Wer das letzte große Abenteuer suchte, so klang es, musste dabei gewesen sein - 1954, als der Kalte Krieg den nördlichen Polarkreis erreichte.

Spezialisten aus allen erdenklichen Berufen gehörten mit zu jener Expeditionscrew, die rekrutiert worden war, um Neuland zu erschließen: die Arktis als Vorposten der bedrohten westlichen Welt. Durch die Installation einer gigantischen Alarmanlage würde sie zum Auge und Ohr der Supermacht USA. Ein Projekt, an dem zeitweise rund 25.000 Menschen mitarbeiteten und das Milliarden des amerikanischen Verteidigungshaushaltes verschlang.

Der Rüstungswettlauf zwischen den USA und der Sowjetunion erforderte neue Strategien der Abwehr, denn er hatte neue Bedrohungen hervorgebracht: Mit der Atombombe und ihren Langstreckenbombern waren die Sowjets von Beginn der fünfziger Jahre an in der Lage, das amerikanische Festland zu erreichen. Für die USA ein Trauma. Der kürzeste Weg von Europa und Asien nach Washington führte dabei über die Polkappe, durch den Luftraum über dem ewigen Eis. Dort entlang, wohin Amerika nun seine ganze Aufmerksamkeit richtete: mit einer Kette mächtiger Radarstationen, die vor feindlichen Eindringlingen warnten.

Das Alarmsystem am kältesten Schauplatz des Kalten Krieges wurden zu einem Symbol für technischen Fortschritt, amerikanischen Einfallsreichtum und die Überlegenheit des Kapitalismus - wenn auch auf andere Weise, als von den US-Militärs beabsichtigt.

Iglus aus Kunststoff

Wissenschaftler des MIT Lincoln Laboratoriums hatten bereits 1952 vor der Gefahr aus dem Norden gewarnt. Dem US-Verteidigungsministerium empfahlen sie die Einrichtung eines Frühwarnsystems, das den USA und ihren Verbündeten die Chance auf einen Abschuss der Angreifer oder einen Gegenschlag geben würde. Die US-Regierung reagierte umgehend und beauftragte Experten im ganzen Land mit der Entwicklung einer Radaranlage, die den gesamten Luftraum von der Westküste Alaskas über Kanada bis nach Grönland überwachen konnte. Zwei Stunden würden dem Militär so bei einem Angriff bleiben, um zu reagieren - und der Zivilbevölkerung, um sich in Sicherheit zu bringen.

Das Konzept sah eine 4800 Kilometer lange Kette von Radarstationen vor, die mittels überlappender Reichweiten jeden Flugkörper ausmachen würden. Die sogenannte Distant Early Warning Line (DEW-Line) sollte entlang des 69. Breitengrades verlaufen, etwa 300 Kilometer nördlich des Polarkreises. Zentrale Basen in direkter Nachbarschaft von Antennen und Radarschüsseln würden zu kleinen Städten ausgebaut - mit eigenen Strom- und Heizkraftwerken, Bürogebäuden, Straßen und Wohnhäusern und sogar Freizeiteinrichtungen für das dort tätige Personal.

Eine besondere Herausforderung lag darin, die riesigen empfindlichen Antennen vor der rauen Witterung zu schützen. Jedes noch so kleine Bauteil, jede Maschine, jedes Fahrzeug musste unter großem Aufwand über Tausende Kilometer erst in die Arktis transportiert werden. Für den Bau selbst blieb nur der kurze arktische Sommer. Alles musste daher möglichst leicht und dennoch robust sein, einfach und schnell zu montieren. Das Pentagon heuerte den Architekten Richard Buckminster Fuller an, der 1953 für die Ford Motor Company eine Kuppelhalle konstruiert hatte, die ganz ohne Stahl und Beton auskam.

Das Prinzip der Schalenbauweise kannte man bereits seit den zwanziger Jahren aus Deutschland, wo es vornehmlich für Produktionshallen und andere Zweckbauten genutzt worden war: Metallstreben werden dabei netzwerkartig zu Dreiecken zusammengesetzt, die wiederum eine Kuppel bilden.

Architekt Fuller hatte die Erfindung des deutschen Ingenieurs Walther Bauersfeld weiterentwickelt. Er verwendete Kunststoffe wie etwa Fiberglas und nannte seine Bauten "geodätische Dome", abgeleitet von dem Begriff, der in der Mathematik die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten auf einer gekrümmten Fläche beschreibt. Die einzelnen Teile dieser Dome ließen sich industriell in großer Zahl fertigen, leicht transportieren und rasch montieren. Die Dreiecke verband Fuller dabei zu Fünf- oder Sechsecken und setzte diese Platten ähnlich einem Leder-Fußball zu Kuppeln zusammen, die dann die Radarantennen umhüllten.

Vorstoß nach Osten

Überdimensionalen Iglus gleich wurden die ballonartigen Aufbauten zum augenfälligsten Teil des arktischen Abwehrschirmes. In nur zwei Jahren und acht Monaten war es der Western Electric Corporation und ihren Subunternehmern gelungen, das Projekt im Auftrag der Regierung planmäßig im Juli 1957 fertigzustellen.

Der Kampf gegen die Naturgewalten war damit gewonnen - doch den Rüstungswettlauf hatte die DEW-Line bald verloren: Nicht einmal ein Jahr später war bekannt geworden, dass die Sowjets mittlerweile über Raketen von interkontinentaler Reichweite verfügten, die in der Luft nicht von den Radargeräten der DEW-Stationen erfasst werden konnten. In absehbarer Zeit, so war anzunehmen, würden die Sowjets ihre Bomber durch die schnelleren Fernraketen ablösen.

Zwar rüsteten Kanada und die USA nach - mit nunmehr fußballfeldgroßen Radaranlagen und noch gigantischeren Kuppeln, je eine in Grönland, England und Alaska. Die Vorwarnzeit zwischen der ersten Wahrnehmung einer Rakete und ihrem Einschlag aber schrumpfte auf 15 Minuten zusammen. Das Frühwarnsystem war weitgehend obsolet geworden. 1963 wurden die ersten Stationen abgebaut, offiziell stellten Kanada und die USA den Betrieb der DEW-Line 1993 ein.

Das vier Milliarden Dollar teure Luftwarnnetz aber hatte sich als Motor der amerikanischen Wirtschaft und Antrieb für den wissenschaftlich-technischen Fortschritt erwiesen. Fullers langlebige Kuppelbauten etwa waren praktisch über Nacht zum Symbol amerikanischen Erfindergeistes geworden. Das futuristische Aussehen und die leichte Bauweise machten sie zu einem begehrten Objekt bei internationalen Messen - sogar im Ostblock. An der arktischen Front wurde daher nicht nur Technikgeschichte geschrieben, sondern auch ein Kapitel der avantgardistischen Architektur.

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1.
Siegfried Wittenburg 11.01.2012
"Das vier Milliarden Dollar teure Luftwarnnetz aber hatte sich als Motor der amerikanischen Wirtschaft und Antrieb für den wissenschaftlich-technischen Fortschritt erwiesen." Welch ein Trost!
2.
gerhart wiesend 11.01.2012
Mich würde mal interessieren, welche ökologischen Folgen dieser von den USA und der Sowjetunion angezettelte Wahnsinn des Kalten Krieges hatte und noch hat, was Energieverbrauch, radioaktive Verseuchung und sonstige Umweltschäden angeht.
3.
Siegfried Wittenburg 11.01.2012
"...dieser von den USA und der Sowjetunion angezettelte Wahnsinn..." Dieser Wahnsinn war die Folge des Wahnsinns zuvor.
4.
Bjoern Nadrowski 11.01.2012
"Heute sind die bizarren Bauwerke Zeugen einer fatalen Fehleinschätzung." Mich wuerde mal interessieren, von welcher "fataler Fehleinschaetzung" die Rede ist. Wirtschaftlich scheint es jedenfalls kein Unsinn gewsen zu sein, wie die Autorin selbst schreibt: "Das vier Milliarden Dollar teure Luftwarnnetz aber hatte sich als Motor der amerikanischen Wirtschaft und Antrieb für den wissenschaftlich-technischen Fortschritt erwiesen." Die Stationen waren auch eine Zeit lang in Betrieb, also war auch ihr militaerischer Nutzen nicht gleich Null. Von jeder Menge toedlichen Unfaellen (fatal bezieht sich ja auf, nun ja, fatale Konsequenzen) steht auch nichts da. Alles in allem scheint es sich eher um ein militaerisches Grossprojekt mit positiven wirtschaftlichen Konsequenzen gehandelt zu haben. Ein Krieg ist dadurch auch nicht ausgebrochen. Angenommen, die Stationen waeren nicht gebaut worden, weil man geglaubt haette, dass die Sowjets doch nicht mit Langstreckenbombern angreifen, die Sowjets dann aber genau das getan haetten - dann waere der Nicht-Bau der DEW STationen eine fatale Fehleinschaetzung gewesen. Ich aber kann keine fatale Fehleinschaetzung beim Bau der DEW Stationen erkennen.
5.
Michael Richter 11.01.2012
Es handelt sich übrigens nicht um Radar- sondern um TropoScatter Antennen... Diese Stationen dienten als Relais um Funksignale weiterzuleiten... Was für einen Sinn macht eine Arktis-Radarstation, wenn da keine Flüge stattfinden?
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