Vergessene Orte Autogrammjäger im Geisterdorf

Das einstige Olympische Dorf der Spiele von 1936 bei Berlin liegt seit Jahrzehnten im Dornröschenschlaf. Fritz Wandt hat hier 1936 als Junge von den Stars Autogramme erbettelt- über 70 Jahre danach zieht es ihn immer noch magisch an den verwunschenen Ort.

Von Kristin Oeing


Fritz Wandt hat das kleine, schwarze Büchlein über all die Jahre aufgehoben. Stürmische Zeiten gingen an dem ledernen Erinnerungsstück vorüber. Der Zweite Weltkrieg, der Mauerbau, die Wende. Über siebzig Jahre hatte es in einer Schublade gelegen. Sein kleiner Schatz, seine Erinnerung, sein Andenken - das in schwarzes Leder gebundene Büchlein, gefüllt mit Unterschriften von Olympiasportlern des Jahres 1936.

Seine kräftigen Hände umschließen das Büchlein fest. Vorsichtig öffnet er es, streicht mit den Fingern über die vergilbten Seiten. "Das hier stammt vom Spielführer der indischen Hockeymannschaft, den späteren Olympiasiegern", sagt Fritz Wandt und zeigt auf krakelige, mit Bleistift geschriebene Buchstaben. Der 85-Jährige ist als Junge aus seinem Heimatdorf Dyrotz fast täglich vier Kilometer zum Olympischen Dorf bei Dallgow-Döberitz im Berliner Westen gelaufen. Stundenlang hat er vor dem Empfangsgebäude ausgeharrt, nur um ein Autogramm zu ergattern.

Heute gibt es das Empfangsgebäude nicht mehr, die fünfzig Fahnenstangen, an denen einst die Flaggen von fünfzig Nationen wehten, wurden längst abmontiert. Nur die alte Straße ist hier noch erhalten, inzwischen ist sie übersäht mit Schlaglöchern und Rissen. Und dann gibt es noch die Mauer, auf der sich Fritz Wandt damals zusammen mit zwei italienischen Athleten fotografieren ließ. "Das Olympische Dorf ist ein Unikat. Es muss erhalten bleiben!", sagt Wandt und blickt auf den grauen Zement. Doch der Zahn der Zeit nagt an den noch stehenden Gebäuden aus dem Jahr 1936, überall bröckelt der Putz, rostet der Stahl und pfeift der Wind durch zerbrochene Scheiben. Es ist eine gespenstische Kulisse.

Autogramme sammeln verboten

Seit fünf Jahren können Besucher das einstige Olympische Dorf der Sommerspiele des Jahres 1936 von April bis Oktober besuchen, das einst aus über 150 Gebäuden bestand: ein- und zweigeschossigen Wohnbauten für die Olympioniken, Schwimmhalle, Sauna, Krankenstation und "Kommandantenhaus", Küchentrakt, Speisegebäude und "Hindenburghaus" als Veranstaltungszentrum für die Sportler. Etwa 24.000 Menschen erkundeten 2008 den geschichtsträchtigen Ort. Eine gemeinnützige Stiftung setzt sich für den Erhalt des einzigartigen Ensembles ein, seit Dezember 2005 gehört das denkmalgeschützte Areal der DKB-Stiftung für gesellschaftliches Engagement.

Die Geschichte des Dorfes reicht von der Errichtung der Gebäude unter der Leitung des Architekten Werner March, der auch das "Reichssportfeld" und das Olympiastadion entwarf, über den Einzug der Olympioniken für die Spiele, später dann der Wehrmacht bis hin zur Übernahme der Gebäude durch die Einheiten der Roten Armee im Mai 1945 - von Anfang an hatten die Nationalsozialisten die Anlage, welche eine Fläche von fast siebzig Fußballfeldern umfasst, für eine spätere Nutzung als Kaserne vorgesehen.

Während der Spiele waren die Vorschriften innerhalb des Dorfes streng, erinnert sich Fritz Wandt. Den Athleten waren Frauen, Alkohol und nächtliche Ausflüge verboten, den Fans das Autogramme sammeln. Trotzdem schlich sich der junge Fritz immer wieder zum Empfangsgebäude. Einmal hielt ihn ein Polizist an. "Ich war auf dem Heimweg. Er fragte mich, ob ich Autogramme bei mir hätte. Ich log, doch er glaubte mir." Auch seine Eltern waren nicht begeistert von den Ausflügen ihres Filius. Sie brauchten seine Hilfe auf dem Hof, zeigten sich aber schließlich einsichtig und ließen ihn ab und zu ziehen - die Olympischen Spiele in der Nachbarschaft, das war doch etwas ganz besonderes. Einmal nahm Fritz Wandt einen Cousin mit, der dann das Foto von ihm und den italienischen Sportlern machte. Wandt hat es sich vergrößern lassen und trägt es in einer grünen Plastikmappe bei sich. "Wenn ich hier stehe, sehe ich das alles vor mir, wie es damals war."

Eine Militärkapelle begrüßte die Olympioniken

Er erinnert sich an die australische Mannschaft, die als erstes ankam, "und an die Schweizer natürlich." Wie jedes Team wurden die Sportler aus der Alpenrepublik von einer Militärkapelle begrüßt. Aber die Schweizer stachen die Gastgeber mit einem eigenen Spektakel der besonderen Art aus: "Sie hatten einen Fahnenschwinger dabei, der die olympische Fahne hochwarf und wieder fing. Das war faszinierend".

Heute liegt der Eingang zum Dorf auf der anderen Seite des Geländes. Er besteht aus einem schlichten Gittertor, beim ersten Vorbeifahren übersieht man es schon mal. Wer für die Nazi-Zeit typische Protzbauten erwartet, wird enttäuscht. Beim Betreten des Geländes fällt der Blick auf einen von Wildschweinen umgepflügten Sportplatz. Davor wartet Klaus Michels. Der pensionierte Lehrer aus Dallgow ist ehrenamtlicher Führer im Olympischen Dorf, lernte hier im Becken in den siebziger Jahren neben sowjetischen Soldaten das Schwimmen. Er und Wandt kennen sich seit einigen Jahren; das Interesse für das Olympische Dorf verbindet sie, auch wenn der fünfzehn Jahre jüngere Michels es nicht zur Zeit der Spiele erlebt hat.

Bedächtig gehen die beiden Männer über den jahrzehntealten Asphalt und bleiben vor einem fast schon zerfallenen Gebäude stehen. Es ist die alte Schwimmhalle. Sie steht noch, allerdings wurde sie bei einem Brandanschlag im Jahr 1993 schwer beschädigt und droht nun einzustürzen. "Hier habe ich meine Füße desinfiziert", sagt Michels aufgeregt und zeigt auf das mehrere Meter lange Desinfektionsbecken, das vor dem Eingang der einst hochmodernen Schwimmhalle noch zu sehen ist.

Schwimmkurs im Olympiabecken

Beim Betreten der Ruine zieht Michels seinen dunklen Anorak zurecht und mahnt zur Vorsicht. Einige Wände sind bereits teilweise eingestürzt, auch von der Decke rieselt der Putz. Im Becken, in dem immer noch die lichtgrünen Kacheln zu sehen sind, liegt Laub. Die Fensterrahmen sind verrostet. Die Szenerie wirkt irreal, fast wie eine Filmkulisse. Die Uhr über dem Becken steht auf kurz nach 12 Uhr. Wie ein schlechtes Omen, denn für die Schwimmhalle ist die Zeit abgelaufen. "Eine Sanierung würde sich wohl kaum noch lohnen", sagt Michels und blickt auf das Drei-Meter-Brett, das seit mehr als sieben Jahrzehnten hier steht.

Fritz Wandts letzter Sprung von diesem Brett ist über siebzig Jahre her, das war bereits nach den Olympischen Spielen. Damals ging er hier mit dem Jungvolk der Hitlerjugend schwimmen. Das erste Mal betreten hatte er das Dorf aber sogar schon vor den Spielen von 1936. Im Mai und Juni hatte die Bevölkerung Gelegenheit bekommen, das Olympische Dorf zu besichtigen. 50 Pfennig zahlte der junge Fritz damals für die Führung. Erst als die Sportler eintrafen, wurde das Dorf für Besucher gesperrt. "Wir waren alle furchtbar aufgeregt", erinnert sich Fritz Wandt und rückt seinen grünen Cordhut zurecht. Für den 12-jährigen Jungen waren die Olympischen Spiele eine Sensation. Menschen aus anderen Nationen waren dem Sohn eines Landwirts noch ganz und gar fremd. "Damals war die Welt bekanntlich nicht so offen".

Deutschland, nach dem Austritt aus dem Völkerbund und aufgrund der Verfolgung Andersdenkender und Juden, international stark isoliert, wollte sich der Weltöffentlichkeit mit einem Sportfest der Superlative als friedliebende und offene Nation präsentieren. Die Protestbewegungen gegen ein "Nazi-Olympia" nahm der junge Fritz nicht wahr, die lief vor allem im Ausland. "Die NSDAP hatte doch seit 1933 längst alle Oppositionellen weggesperrt", sagt Wandt. So jubelten in Deutschland die Menschen, Hakenkreuzfahnen wehten auf den Straßen. Über der Unterführung vor dem Empfangsgebäude hing ein Transparent mit der Aufschrift "Dass wir hier bauen, verdanken wir dem Führer".

200 Schiffsköche brutzelten für die Sportler

Adolf Hitlers Propagandamaschine lief auf Hochtouren. Am Hindenburghaus, errichtet zur Unterhaltung der Sportler und im Andenken an den Reichspräsidenten Paul von Hindenburg, prangten Sätze wie "Ich baue fest auf dich, deutsche Jugend". Noch heute sind sie an der Wand zum Hof hin erkennbar, wenn auch nur mühsam: Gelbe Farbe überdeckt die einst schwarzen Buchstaben. "Wir dürfen die Farbe nicht abkratzen, sie nicht wieder lesbar machen", sagt Michels, "sonst könnten sich Neonazis von dem Ort angezogen fühlen."

Der Held der Olympischen Spiele war der amerikanische Leichtathletik-Star Jesse Owens, ein Afroamerikaner, der Hitlers Glauben an die Dominanz der arischen Rasse mit gleich drei gewonnenen Goldmedaillen ad absurdum führte. Unter den sechzig Unterschriften, die Wandt gesammelt hat, ist die von Jesse Owens nicht zu finden. Er weiß auch nicht, ob er ihn gesehen hat. "Vielleicht schon", sagt er und zuckt die Schultern. "Jeder will ihn gesehen haben, jeder hat ihm die Hand geschüttelt oder mit ihm gesprochen, aber das ist doch alles nur Hochstaplerei", ärgert sich der pensionierte Landwirt.

Kurz nach dem Ende der Sommerspiele, übernahm die Wehrmacht das Kommando im Olympischen Dorf. "Kaum waren die Sportler raus, waren die Landser drin", erinnert sich Wandt. Als Hitlerjunge kehrte auch er hierher zurück und lernte schwimmen. Dann kam der Krieg, 1942 die Einberufung. "Ich wurde schwer verletzt, bin den Russen aber immer von der Schippe gesprungen", erzählt er. Sein Bruder aber landete 1944 mit Wolhynischem Fieber in dem von der Wehrmacht eingerichteten "Olympia-Lazarett" im ehemaligen Speisehaus der Nationen. Wo einst 200 Köche des norddeutschen Lloyd für die Athleten kochten, lagen nun Kranke. "Dort sah ich ihn zum letzten Mal", sagt Wandt und schaut auf den elipsenförmigen Betonbau. Viele Fenster sind mit Holzplatten verrammelt, auch hier bröckelt Putz und Farbe von den Wänden. Sein Bruder wurde bald an die Front zurückgeschickt. "Er gilt als vermisst. Seit 65 Jahren", sagt Wandt. Er dreht sich weg und schaut über die weitläufigen Wiesen, die vor dem imposanten Bau liegen.

Kaum Interesse an der Erhaltung

Klaus Michels streicht mit der Hand über den geribbelten Putz. "Scharrierter Muschelkalkputz", sagt er bestimmt, "eine Marotte der Nazis". Überall findet er sich wieder, auch an den sechzehn verbliebenen Mannschaftsgebäuden. Die Waschräume sind seit über 70 Jahren unverändert. Eine alte Badewanne rostet vor sich hin. Nur das Zimmer, indem damals Jesse Owens wohnte, wurde neu gestaltet und eingerichtet. Auf dem kleinen Holzschreibtisch steht ein Foto des Sportlers, um den Rahmen hängt ein goldener Lorbeerkranz. "Wer weiß, ob er überhaupt hier in dem Zimmer gewohnt hat", sagt Wandt. "Ich habe gehört, er hat gar nicht in diesem Haus gewohnt, aber wen interessiert das heute schon noch so genau."

Das geringe Interesse an der Erhaltung des Olympischen Dorfs schmerzt Fritz Wandt, auch weil seine Lebensgeschichte so eng mit dem Ort verwoben ist. "Nur als die Sowjets hier lebten, waren wir Deutsche auf dem Gelände nicht gerne gesehen". Einmal, so erinnert er sich, war er noch im "Magasin", einem russischen Einkaufsladen, gleich neben dem ehemaligen Speisehaus der Nationen. "Da gab es besseres Bier als bei uns und sogar Orangen", erinnert er sich. "Großartig umsehen konnte ich mich aber nicht. Ich musste das Gelände nach dem Einkauf wieder verlassen".

Erst 1994 kehrte Wandt durch eine Lücke im Zaun erneut an den Ort zurück, mit dem er viele der schönsten Momente seiner Kindheit und Jugend verband. "Die Wochen der Olympischen Spiele, das waren fröhliche Tage", seufzt Fritz Wandt, "die letzten für eine lange Zeit."



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