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Vergessene Orte Versteckspiel um Leben und Tod

Vergessene Orte: Versteckspiel um Leben und Tod Fotos
Daniela Friebel

Rund 6000 Juden tauchten im Zweiten Weltkrieg in Berlin unter, um dem KZ zu entkommen. Eine Ausstellung dokumentiert jetzt die vergessenen Verstecke überall in der Stadt - und die Geschichte derer, die als Illegale zu überleben versuchten. Es sind Geschichten von Mut, Tragik und Verrat. Von

Es muss eine atemberaubende Anspannung geherrscht haben, am 1. Oktober 1944 im Pfarrbüro der katholischen Herz-Jesu-Kirche im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg. Pater Heinrich Kreutz empfängt dort an diesem Tag seinen Nachfolger als Kaplan der Gemeinde, den 23-jährigen Horst Rothkegel. Kreutz soll Rothkegel die Amtsgeschäfte übergeben, ihn mit allen wichtigen Fragen des Gemeindelebens vertraut machen. Darunter allerdings ist ein gefährliches Geheimnis, das Pater Kreutz auf der Seele brennt und von dem Kaplan Rothkegel bis zu diesem Moment nichts geahnt hat: Im Keller der Kirche an der Fehrbelliner Straße 99 versteckt sich ein Jude vor der Deportation ins KZ.

Über zwei Jahre lang lebt Erich Wolff zu diesem Zeitpunkt bereits als "U-Boot" - so nannte der Berliner Volksmund die abgetauchten Juden, die sich nicht einfach wie Schlachtvieh in die Vernichtungslager deportieren lassen wollten. Erich Wolffs Bruder Walther war bereits tot, umgekommen im Juni 1942 im KZ Sachsenhausen. Zwei Monate nach dem Tod seines Bruders wählt Erich Wolff angesichts der Deportationsorder die einzig verbliebene Überlebenschance: den Weg in den Untergrund.

Eine alte Bekannte gewährt dem 48-Jährigen tagsüber Unterschlupf in ihrer Wohnung in der Skalitzer Straße am Görlitzer Park, gibt ihm Geld und Essen. Übernachten darf er bei ihr nicht, denn sie hat Angst vor den Nachbarn: Erich Wolff ist beinamputiert und fällt auf, besonders bei Bombenalarm, wenn es schnell gehen muss auf dem Weg in den Luftschutzkeller. Am 9. September 1942 lässt sich Erich Wolff von Pater Kreutz katholisch taufen - und haust von nun an im Heizungskeller der Kirche. Das Versteck ist einigermaßen sicher - die Kirche darf nicht geheizt werden, und so hat niemand Grund, den Raum zu betreten. Hans Rothkegel, der neue Kaplan, bewahrt das Geheimnis seines Vorgängers - seine Mutter ist selbst Jüdin. Erich Wolff überlebt den Holocaust und stirbt 1969 im Alter von 75 Jahren.

Aufgeladen wie mit Starkstrom

Unter dem Titel "Dem Leben hinterher - Fluchtorte jüdischer Verfolgter" dokumentiert jetzt eine kleine, aber überaus sehenswerte Ausstellung in Berlin das dramatische Schicksal des Erich Wolff und anderer jüdischer Verfolgter, die Hitlers Mördern durch den Sprung in die Illegalität entkamen - oder es zumindest versuchten. Allein in Berlin tauchten 1942/43 wohl 5000 bis 7000 Juden ab, versteckten sich irgendwo, irgendwie um dem Abtransport in eines der NS-Vernichtungslager zu entgehen. Unter den geschilderten Fällen sind die von Prominenten wie der Schriftstellerin Inge Deutschkron (die den Anstoß zur Ausstellung gab) oder des Historikers Herbert Strauss (der 1982 Gründungsdirektor des Zentrums für Antisemitismusforschung an der TU Berlin wurde) aber auch unbekannte Namen - nicht zuletzt solche, die sich auch durch Abtauchen nicht retten konnten.

Die Fotografinnen Sibylle Baier und Daniela Friebel haben für ihre fotografische Spurensuche ehemalige Verstecke illegal lebender Juden in Berlin und Umgebung gesucht und im Bild festgehalten. 18 davon sind in der Ausstellung zu sehen, teils kontrastiert mit historischen Aufnahmen; der Katalog soll 30 Orte enthalten. Die Verstecke wirken auf den Fotos unspektakulär - bis sie durch die Geschichten dahinter aufgeladen werden wie mit Starkstrom. Es sind Geschichten von ungewöhnlichem Mut und von unfassbarer Tragik, selbstloser Hilfsbereitschaft und feigem Verrat, vom Überleben und oft genug vom Tod. Sie zeigen: Die Geschichte des Mädchens Anne Frank aus dem Hinterhaus der Amsterdamer Prinsengracht 263, deren Tagebuch nach dem Krieg Millionen Deutsche rührte - sie hat sich genau so tausendfach in Deutschland selbst abgespielt, in Berlin, Hamburg oder Köln genauso wie in kleinen Städten und auf dem Land.

Zum Beispiel der Überlebenskampf der Alice Löwenthal. Mit ihren beiden knapp sechs- und vierjährigen Töchtern taucht die Schneiderin in Berlin unter, nachdem ihr Mann am 27. Februar 1943 bei der sogenannten Fabrik-Aktion, einer Großrazzia der Gestapo, am Arbeitsplatz verhaftet worden ist. Eine Witwe, eine alte Kommunistin, versteckt die drei zunächst in ihrer Datsche in Strausberg bei Berlin. Doch dann verplappert sich die jüngere Tochter, erneut müssen die Löwenthals Hals über Kopf fort. Bekannte in Weimar, bei denen die verzweifelte Mutter um Hilfe bitten will, lassen sich verleugnen. Dann unerwartet Hoffnung: Ein Unbekannter bietet spontan Hilfe an, bringt Alice Löwenthal und ihre Töchter bei einer Cousine in Sicherheit. Die Rettung?

Arbeiten als Illegale?

Als Illegale kann Alice Löwenthal keine Lebensmittelkarten beantragen. Also schlägt sie sich wieder nach Berlin durch, um irgendwie für den Lebensunterhalt zu sorgen. Sie nächtigt mal hier, mal dort; wochenlang schläft sie auf dem nackten Boden einer Tierhandlung. So oft Alice es kann, schickt sie Lebensmittelkarten und "Kostgeld" für ihre Kinder nach Weimar, die als angeblich ausgebombte Flüchtlingskinder bei der Fremden leben. Alice erfährt erst nach dem Krieg, dass ihre beiden kleinen Töchter verraten und im Sommer 1944 von der Gestapo abgeholt wurden. Mit dem 58. Osttransport werden die Mädchen nach Auschwitz deportiert, dort verliert sich ihre Spur. Die Mutter hofft bis zu ihrem Tod 1987 auf ein Wiedersehen. Wer die Kinder denunzierte, ist ungeklärt. Indizien legen die Möglichkeit nahe, dass die Frau, die sie versteckte (und dafür später in Jad Váschem geehrt wurde), eine Rolle spielte.

Die Idee für die Ausstellung kam Autorin Deutschkron ("Ich trug den gelben Stern"), als sie bei Zuhörern immer wieder auf Verwunderung stieß, wenn sie von ihrer Zeit als "U-Boot" während des Krieges erzählte. Dass viele Illegale unter den Nazis nicht wie Anne Frank monate- oder gar jahrelang ohne Kontakt zur Außenwelt in Kellern oder Hinterzimmern gehaust hatten - sondern im Gegenteil ständig unterwegs waren, kaum einen Nacht im selben Versteck blieben, dass sie sich notgedrungen durchaus in der Öffentlichkeit bewegten, ja sogar Arbeit suchten, erschien vielen Nachgeborenen kaum vorstellbar.

Deutschkron und ihre Mutter kamen zeitweise bei dem Bürstenmacher Otto Weidt unter, der in der Rosenthaler Straße 39 am Hackeschen Markt in Berlin-Mitte eine Blindenwerkstatt betrieb. Weidt beschäftigte dort fast ausschließlich gefährdete Juden, die er immer wieder vor der Deportation schützte und - als auch das nicht mehr ging - in Nebenräumen seiner Werkstatt vor der Gestapo versteckte. Durch Zufall wurde 1998 in dem Hinterhaus die jahrzehntelang unberührte Werkstatt wiederentdeckt und mit ihr das fensterlose, zehn Quadratmeter kleine Zimmer, in dem sich die vierköpfige Familie Horn versteckt hielt - und im Oktober 1943 von der Gestapo entdeckt wurde. An der Wand ist noch der Schatten des Schranks zu erkennen, der die Tür zum Raum verdeckt hatte. In diesen atemberaubenden historischen Räumen, inzwischen Teil der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, ist nun auch die neue Ausstellung über die Fluchtorte anderer jüdischer Verfolgter zu sehen.

"Mit anderem Blick durch die Stadt"

Es sei naheliegend, "dass es nicht mehr viele Orte wie die Blindenwerkstatt Otto Weidt geben würde, die noch genau so aussehen wie damals", sagt Kuratorin Anke Schnabel. 30 Verstecke haben die Ausstellungsmacher ausgewählt. Dort gebe es "keine Inszenierung wie so oft an geschichtsträchtigen Orten". Und in aller Regel wüssten die Anwohner "nichts von den verborgenen Geschichten eines Hauses". Schnabel selbst geht nun mit einem ganz anderen Blick durch die Stadt: "Ich registrierte zum ersten Mal, wie viele Häuser in Berlin separate Kellereingänge haben."

Auch Kaplan Horst Rothkegel, der 1944 die Sorge für den untergetauchten Invaliden Erich Wolff in der Kreuz-Jesu-Kirche übernahm, erfuhr mit Verspätung von den Möglichkeiten, die sein Gotteshaus Verfolgten bot: 30 Jahre nach den Ereignissen stellte sich heraus, dass im Keller seiner Sakristei ein weiterer Verfolgter versteckt worden war. Und damit nicht genug: Wie erst jüngst herauskam, überlebte die Jüdin Sonja Goldwerth im Vorderhaus der Herz-Jesu-Gemeinde, von Ordensschwestern in ihren Klausurräumen versteckt, Dennoch: Von den rund 6000 Berliner "U-Booten" wurden drei Viertel entdeckt und ermordet. Nur rund 1400 von ihnen überlebten den Holocaust.

Die Ausstellung ist täglich von 10-20 Uhr im Museum Blindenwerkstatt Otto Weidt, in der Rosenthaler Straße 39 in Berlin-Mitte zu sehen

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