Vergessene Orte Geisterstadt im Ozean

Vergessene Orte: Geisterstadt im Ozean Fotos
www.blakeybear.com

Einst einer der dichtestbesiedelten Flecken der Welt, nun eine Phantominsel: Auf dem japanischen Mini-Eiland Hashima riskierten Arbeiter ihr Leben in Kohleschächten unter dem Meer. Vor 35 Jahren wurde die Musterstadt fluchtartig verlassen - heute sind ihre Ruinen ein Paradies für Fotografen. Von

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 6 Kommentare
    4.5 (269 Bewertungen)

Japaner nennen Hashima nur ehrfurchtsvoll die "Schlachtschiff-Insel". Und dieses winzige Eiland wirkt tatsächlich wie ein uraltes Kriegsschiff, das durch die unruhigen Gewässer des Ostchinesischen Meers zu treiben scheint. Ein trutziger, grauer Koloss aus Stahl und Beton, fast ohne Vegetation. Eine Insel, komplett umgeben von mächtigen Mauern - Schutzwälle gegen die meterhohen Wellen, die Taifune in diesen Gewässern immer wieder auftürmen.

Der martialische Name passt, nicht nur wegen der Schiffsform der Insel: Jahrzehntelang kämpften hier Menschen gegen die Naturgewalten, gegen den Platzmangel auf dem nur 160 mal 480 Meter kleinem Eiland, gegen die Angst in den engen Kohleschächten unter dem Meeresspiegel. Die Insel sollte ein Symbol der Moderne und der Industrialisierung werden - die immensen Kohlemengen lockten über Jahrzehnte Tausende Arbeiter an und machten Hashima einst zu dem am dichtestbesiedelten Ort der Welt.

Heute liegt das Schlachtschiff einsam da - vor 35 Jahren haben die letzten Bewohner die Insel fluchtartig verlassen, nur ein paar streunende Katzen sind zurückgeblieben. Aus dem Symbol des Fortschritts wurde ein Symbol der Vergänglichkeit: In manchen Wohnungen sind die Tische noch gedeckt, man findet verstaubte Flaschen, verrostete Kühlschränke, alte Schulbänke oder die Ruinen eines Swimmingpools. Das einst lärmende, hochindustrialisierte Hashima ist eine stille Geisterinsel geworden - ihre einmalige Architektur aber ist stummer Zeuge einer nahezu vergessenen Epoche japanischer Industriegeschichte.

Eine japanische Musterstadt

Der Schlüssel für die einzigartige Entwicklung eines unbewohnten Mini-Eilands zur Boom-Stadt war die hochwertige Kohle, die in dieser Region zu finden war. Schon im 19. Jahrhundert wurde auf Hashimas größerer Nachbarinsel Takashima Kohle gefördert, die man als Brennstoff für die Salzgewinnung benötigte. Mit Hilfe von schottischen Ingenieuren entstand hier 1869 Japans erste moderne Kohlemine. Sie förderte den immer wertvoller werdenden Rohstoff gar aus 45 Metern Tiefe.

Dieser Erfolg und der explodierende Kohlebedarf weckten schnell Begehrlichkeiten: 1890 kaufte die japanische Firma Mitsubishi die Insel Hashima für 100.000 Yen. Sie errichtete einen hochmodernen, fast 200 Meter langen Förderschacht. Und nicht nur das: Das heute weltberühmte Unternehmen, damals in der Schifffahrtsindustrie tätig, wollte ausgerechnet auf der lebensfeindlichen Insel eine Musterstadt errichten - es wurde ein Miniaturabbild der japanischen Gesellschaft.

Als Schutz vor der stürmischen See ließ das Unternehmen die ganze Insel mit Betonwällen befestigen. Immer mehr Arbeiter wurden angesiedelt, die jährliche Kohleproduktion schnellte in die Höhe - 1916 betrug sie 150.000, 1941 schon 400.000 Tonnen. Sinnbildlich für die gesellschaftliche Hierarchie bewohnte der Manager der Mine das einzige Privathaus auf der Spitze der Insel, während die einfachen Kohlekumpels in winzigen Zehn-Quadratmeter-Wohnzellen mit Gemeinschaftstoiletten untergebracht wurden. Noch heute prägen die grauen Betonfassaden das Gesicht der Insel - damals galten die mehrstöckigen Wohnanlagen als Zukunftsarchitektur: Auf Hashima wurde 1916 Japans höchstes Stahlbetongebäude errichtet - es hatte neun Etagen.

Mörderische Arbeit unter dem Meeresspiegel

Nicht alle kamen freiwillig hierher. "Als ich Hashima sah, verlor ich jede Hoffnung", erinnert sich Suh Jung-Woo in einem Interview. Schlagartig wurde dem Koreaner bewusst, dass er von hier nicht fliehen konnte. Er war einer von Hunderten Zwangsarbeitern aus China und Korea, die während des Zweiten Weltkriegs die Kohleproduktion ankurbeln sollten. "Es war eine entsetzliche, aufreibende Arbeit. Gase bildeten sich in den Tunneln, die Decken und Mauern aus Stein drohten jede Minute einzubrechen. Ich war überzeugt, dass ich diese Insel niemals lebendig verlassen würde".

In der Tat erlagen etliche Zwangsarbeiter den unmenschlichen Arbeitsbedingungen, der Erschöpfung oder verunglückten bei Unfällen. "Vier bis fünf Arbeiter starben jeden Monat", berichtet Jung-Woo. Und es traf nicht nur die Zwangsarbeiter. Brian Burke-Gaffney, Buchautor und Professor an der Universität Nagasaki, hat einen Bericht über Hashima verfasst. Er schätzt, dass bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges 1300 Arbeiter auf der Insel gestorben seien. Manche der Zwangsarbeiter hätten gar verzweifelt versucht, von der Insel zum Festland zu schwimmen.

Doutoku Sakamoto hingegen vermisst diese Insel. Er wuchs hier zu einer anderen Zeit auf: Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte Hashima seine Blütezeit, Arbeiter wurden mit Vergünstigungen und guter Bezahlung gelockt, der Lebensstandard war höher als anderswo in Japan. "Für uns war das wunderbar", erzählte Sakamoto in einem Fernsehinterview. "Wir hatten Anfang der sechziger Jahre alle schon einen Kühlschrank, einen Fernseher und eine Waschmaschine."

Bordell und Buddha-Tempel

Bis auf einen Friedhof gab es alles: Grundschule, Spielplatz, Kino, Krankenhaus, Friseur, Bars, Restaurants - ja sogar ein Buddha-Tempel und ein Bordell. Wasser, das in den ersten Jahrzehnten mühsam mit Schiffen importiert werden musste, wurde ab 1957 durch eine kilometerlange Leitung vom Festland geschickt. Die Bewohner begannen, die völlig zugebaute Insel mit Pflanzen und Gemüseanbau auf ihren Dächern lebenswerter zu machen.

Platz für Privatsphäre blieb kaum. Wie in einem winzigen Freiluftlabor kämpften die Japaner auf Hashima schon vor Jahrzehnten gegen genau die Probleme, die das heutige Japan plagen: Platzmangel einer hochentwickelten Gesellschaft. Jeder Ort auf der Insel konnte innerhalb von Minuten erreicht werden, alle Gebäude waren durch ein Labyrinth schmaler Korridore und Treppen miteinander verbunden. Der Kindergarten und das Schwimmbad mussten aus Platzmangel auf das Dach der Wohnanlagen verlegt werden - nur Meter neben den Schaukeln fand einmal in der Woche ein Markt statt.

Zu Hochzeiten wohnten 5259 Menschen auf der Insel - die größte jemals gemessene Bevölkerungsdichte. Pro Hektar waren das unglaubliche 835 Menschen, fast sechsmal so viel wie im heutigen Tokio. Doutoku Sakamoto hat das wenig gestört - im Gegenteil: "Es war eine echte Gemeinschaft, jeder war für jeden da, jeder hat seinen Nachbarn geholfen", erzählt er in einem Interview dem ZDF und schickt nachdenklich hinterher: "Im heutigen Japan wird das alles längst vergessen."

Ein Mahnmal erwacht zum Leben

Nicht zuletzt deshalb gibt er derzeit Auslandskorrespondenten aus aller Welt Interviews. Mit der Medienoffensive kämpft er gegen das Vergessen, möchte Hashima auf die Liste des Unesco-Weltkulturerbes hieven - nicht nur wegen der Architektur, sondern auch als Mahnmal gegen den einseitigen Raubbau an der Natur: Denn der einstige Reichtum der Insel wurde ihr zum Verhängnis: Die Kohleförderung wurde zu teuer, die Nachfrage sank, Japans moderne Industrie setzte plötzlich auf Erdöl. Nach mehr als 16 Millionen Tonnen geförderter Kohle kündigte Mitsubishi im Januar 1974 die Schließung des Werkes an.

Weil den ersten Mitarbeitern, die sich bei Mitsubishi auf dem Festland in Nagasaki melden, eine Jobgarantie gegeben wurde, verließen viele Kumpel die Insel fluchtartig. Schon im April 1974 war Hashima menschenleer. Jahrzehntelang schlummerte das "Schlachtschiff" in einem Dornröschenschlaf, die Insel war Sperrgebiet, durfte wegen Einsturzgefahr nicht betreten werden. Nur einige Profi-Fotografen durften in den faszinierenden Ruinen und labyrinthartigen Gängen den Verfall des einstigen Stolzes der japanischen Industrie dokumentieren.

Jetzt, mehr als ein ein Vierteljahrhundert später, möchte Japan wieder Geld mit Hashima verdienen und setzt auf den Tourismus. Für etwa 30 Euro können inzwischen Teile der Insel besichtigt werden - die Geisterstadt ist ein Paradies für Fotografen. Doutoku Sakamoto hofft, dass die alten Ruinen die Gäste auch zum Nachdenken animieren. Für ihn ist Hashima Sinnbild für die Endlichkeit der Rohstoffe. "Wo liegt unsere Zukunft?", fragt er. "Ich würde mich sehr freuen, wenn die Menschheit auf Hashima guckt und sich dann genau diese Frage stellt".

Artikel bewerten
4.5 (269 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 6 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Frank Fremerey 27.11.2009
Unter 32.627778°, 129.738333° (copy&paste) kann man in Google Earth die Insel von oben sehen und eine Menge sehr guter Fotos, die die hier gezeigten von der fotografischen Qualität her teils weit übertreffen (kleine blaue Quadrate anklicken). F.
2.
mario eichholz 30.11.2009
Dem Autor ist in seinem Bericht leider ein kleiner Fehler unterlaufen. Die sogenannte Insel "Takeshima" heisst eigentlich Dokdo und gehoert zu Suedkorea.
3.
Burkhard von Grafenstein 29.11.2009
Freut mich, dass hier auch mal ein wirtschaftgeschichtliches Thema gebracht wird!
4.
redaktion einestages 30.11.2009
Sehr geehrter Herr Eichholz, im Text war aber von der Insel "Takashima" und nicht von "Takeshima" die Rede - und Takashima liegt in der Nähe von Nagasaki. Viele Grüße, Christoph Gunkel
5.
Philipp Zeissig 12.11.2012
Diese Insel sieht genauso aus wie die im neuesten James Bond Film, Skyfall!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH