Vergessene Orte Die Spaß-Tanken

Volltanken auf Futuristisch: Mitte der fünfziger Jahre verwandelte der italienische Agip-Konzern die Tankstelle von der Schmuddelecke zur durchgestylten Erlebniswelt - inklusive Bar und attraktiven Tankwartinnen. Die neuen Tanktempel waren Sprengstoff für die Konkurrenz.

GLAS Automobilclub e.V./Archiv Uwe Gusen

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Sein größter Coup war gleichzeitig ein großer Schwindel. "Supercortemaggiore" hatte Enrico Mattei in den fünfziger Jahren als Slogan in großen Lettern an allen seinen Tankstellen im Land anbringen lassen. Super-Benzin aus der heimischen Gemeinde Cortemaggiore statt von arabischen oder amerikanischen Ölfeldern - das war die Botschaft, mit der der Chef des italienischen Energiekonzerns Agip die Kunden in den fünfziger Jahren an seine Zapfsäulen locken wollte.

Und ja: Der Self-Made-Industrielle Mattei hatte tatsächlich in der Po-Ebene nach Öl bohren lassen. Nur war der dünne Strahl, der ihm entgegensprudelte, kaum dazu geeignet, den Benzindurst des italienischen Wirtschaftswunders nach dem zweiten Weltkrieg zu stillen. Also verschnitt Mattei das Schwarze Gold aus dem heimischen Boden mit Stoff aus Import-Quellen - und gab es einfach dreist als "Supercortemaggiore" aus.

Es war nicht der einzige Kniff des Schlitzohrs Enrico Mattei - den die "New York Times" einmal den "mächtigsten Italiener seit der Zeit des Kaisers Augustus" genannt hatte - um seine Tankstellen beliebt zu machen. Mattei ersann Anfang der fünfziger Jahre das Konzept der Tankstelle als mondänem Treffpunkt mobilitätsorientierter Italiener. Die heutige Tankstelle, in der man eher Bonbons als eine Autobatterie, eher Croissants als einen Keilriemen bekommt - Enrico Mattei ist ihr geistiger Vater.

Tankstellen als Imageträger

Dabei hatte Mattei - während des Zweiten Weltkriegs im antifaschistischen Widerstand - den Posten als Chef der Azienda Generale Italiana Petroli (Agip) 1946 eigentlich bekommen, um den maroden Staatskonzern aufzulösen. Am Ende erreichte er genau das Gegenteil. Mattei träumte von einem italienischen Energielieferanten, der nicht am Tropf des amerikanischen Ölkartells hing. Und weil er bei seinen Bohrungen in Italien zwar kaum Öl, dafür aber Erdgasvorkommen gefunden hatte, gründete er 1953 den Konzern Eni (Ente Nazionale Idrocarburi) und machte die Tankstellenkette Agip zum Aushängeschild des Unternehmens.

Eine Schlüsselrolle bei dieser Mission spielte Mario Bachiocci. Der Architekt entwarf 13 standardisierte Versionen der Agip-Tankstelle. Die kleinste Variante war ein einfacher Kiosk. Je größer die Tankstelle, desto größer auch das Serviceangebot: Es gab dann angegliederte Werkstätten, Bars und Restaurants. Die Krone von Bachioccis Schöpfung war der Tanktempel mit integriertem Motel für große Verkehrsknotenpunkte. Alle 13 Module eint das nüchterne, aber elegante Design, das weit auskragende Betondach und natürlich das Agip-Logo: der sechsbeinige Hund, der Feuer speit.

Mit der Ausstellung "Agip - die Tankstelle des Wirtschaftswunders" lässt das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt diese einzigartige Epoche europäischer Tankstellenkultur wiederaufleben. Sie feiert in bestechend schönen Schwarz-weiß-Fotografien neben dem geistigen Vater der Agip-Idee, Enrico Mattei, vor allem die Ästhetik der Bachioccischen Bauten. Aus dem Ziel, das er mit seinen Entwürfen verfolgte, macht der Architekt in der kurzen Einleitung seiner damaligen Päsentation keinen Hehl: "Alle Tankstellen zeichnet eine klare, gemeinsame Linie aus, mit Hilfe derer sie sich von der Konkurrenz, auch schon aus weiter Entfernung, deutlich unterscheiden."

Adrette Tank-Girls statt ölverschmierter Schrauber

Noch wichtiger als der Wiedererkennungswert des Designs war jedoch der Wohlfühlfaktor, den es vermittelte. Tankstellen waren bis dahin eher unwirtliche Orte: kleine Baracken mit einer Zapfsäule davor, nicht immer überdacht, dafür meist mit ölverschmierten Schraubern als Bedienung. Doch für die war kein Platz in der durchgestylten Agip-Welt. Stattdessen begrüßten adrett uniformierte Tankwarte und Tankwartinnen die heranrollenden Kunden.

Während die an der Bar einen Espresso schlürften, kümmerte sich das perfekt geschulte Personal um das Auto. Den reibungslosen Tankvorgang hatten die Agip-Servicekräfte an der Scuola Professionale genauso gelernt wie die Kunst des Verkaufens, den höflichen Umgang mit den Kunden oder die Pflege des Tankstellenvorplatzes. Das Schulungszentrum des Agip-Konzerns in Metanopoli bei Mailand sollte aus den Angestellten nicht einfach Tankwarte machen, sondern Botschafter des Konzerns. Aus allen Ländern, in denen Agip vertreten war, reisten die Lehrgangsteilnehmer an, die Schulungsunterlagen erschienen auf Italienisch, Englisch, Französisch und sogar auf Amharisch, der Landessprache Äthiopiens.

Die Qualitätsoffensive trug bald Früchte: Für viele Italiener wurden die Agip-Tankstellen zur beliebten Anlaufstelle, das Mittagessen in einer der Autobahnraststätten mit dem sechsbeinigen Hund im Logo zum Ausflugsziel von Familien, die am Wochenende ihren nagelneuen Fiat 500 ausfahren wollten. Die Agip-Motelzimmer waren mit ihren modernen, schicken Einrichtungen samt eigenen Bädern eine preisgünstige und viel frequentierte Alternative zu herkömmlichen Unterkünften. Allerdings hatte sich Enrico Mattei auch hier einen schlauen Dreh einfallen lassen: Nur die erste Nacht im Motel war überaus günstig, danach stieg der Preis pro Nacht sukzessive an - schließlich sollten die Leute nicht bei ihm einziehen, sondern lieber sein Benzin verfahren.

Allein gegen das Öl-Kartell

Denn bei allem Hang zum scheinbar Schöngeistigen war Mattei vor allem eins: ein knallharter Geschäftsmann, der im Schatten seiner Tankstellenidylle mit Hochdruck an einem Erdölimperium baute. Dabei ging er nicht unbedingt feinsinnig vor. "Ich benutze die Politik wie ein Taxi", sagte er einmal, "Am Ziel angekommen, bezahle ich und steige aus."

Mattei war ein Strippenzieher mit unbändigem Ehrgeiz, der auch nicht davor zurückschreckte, sich mit scheinbar übermächtigen Gegnern anzulegen. Bereits seine Bohrversuche in Italien hatte er mit Hilfe zahlreicher Seilschaften in der italienischen Politik gegen die Intervention des internationalen Erdölkartells verteidigt - und sich damit keine Freunde gemacht. "Mit der Attitüde jener Gladiatoren, die sich vor rund 1900 Jahren in der Arena des römischen Colosseums zum Kampf auf Leben und Tod stellten", schrieb der SPIEGEL 1958, "hat sich Mattei in die Interessensgemeinschaft der Welt-Ölmächte gedrängt."

Mitte der fünfziger Jahre und damit mitten im Kalten Krieg verhandelte er ein Erdölabkommen mit der Sowjetunion und verschaffte sich außerdem Zugriff auf Teile der arabischen Ölvorkommen. Die sogenannte "Formel Eni" versprach den Förderländern eine deutlich höhere Gewinnbeteilung als die Abkommen, die die anglo-amerikanischen Gesellschaften ihren Partnern anboten - und hat bis heute Gültigkeit.

In einem Feuerball vom Himmel gefallen

Ende der fünfziger Jahre hatte Mattei nicht nur das Konzept der Tankstelle revolutioniert, sondern auch eines der mächtigsten Kartelle der Welt gebrochen. Diesen Erfolg jedoch zahlte er schließlich mit seinem Leben. Am 27. Oktober 1962 fiel das Privatflugzeug Enrico Matteis in einem Feuerball vom Himmel. Schon direkt nach dem Absturz kursierten Gerüchte über einen Mordanschlag. Jahre später bestätigte sich: Matteis Jet war sabotiert worden.

Bis heute ist allerdings nicht eindeutig geklärt, wer "Signor Petroleum" vom Himmel holte. Die Theorien über mögliche Täter reichen von der Mafia über den französischen Geheimdienst bis hin zur Geheimorganisation Gladio, eine von westlichen Geheimdiensten gesteuerte Guerilla-Organisation in Europa. Fakt ist: Nachdem der aufmüpfige Macher aus dem Weg geräumt war, wurde die Eni schnell wieder zum verlässlichen Partner der großen Ölkonzerne, die Krawalltaktik Matteis gehörte der Vergangenheit an.

Ein Auslaufmodell waren zu diesem Zeitpunkt auch die meisten von Mattei und Bachiocci geschaffenen Agip-Tankstellen. Und es ist Ironie der Geschichte, dass der Schöpfer selbst zu ihrem Untergang beigetragen hatte. Die zwei Zapfsäulen der kleineren Stationen konnten den Benzindurst nicht mehr stillen, die Betondächer boten zu wenigen Kunden Schutz bei schlechtem Wetter. Der Auto-Boom der sechziger Jahre hatte die ehemals mondän und futuristisch wirkenden Agip-Tankstellen im Rekordtempo schrumpfen lassen - sie, die noch vor wenigen Jahren für Fortschritt standen, waren vom Fortschritt überholt worden.



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