Vergessene Orte Henry Fords verlorene Dschungelstadt

Vergessene Orte: Henry Fords verlorene Dschungelstadt Fotos
Corbis

Mitten im Dschungel des Amazonas ließ Autokönig Henry Ford Ende der zwanziger Jahre die puritanische Mustersiedlung "Fordlândia" bauen - mit Golfplatz, Burger-Bistro und Alkoholverbot. Dann kam es zum Arbeiteraufstand, Militär rückte an - und Fords große Vision endete im Desaster. Von

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Es sollte ein besinnliches Weihnachtsfest werden, 1930, mitten im brasilianischen Urwald. US-Autotycoon Henry Ford hatte seinen Arbeitern extra ein Dutzend Kiefern aus Detroit ins Tausende Kilometer entfernte Fordlândia geschickt. Dort, am Rio Tapajós, einem Nebenfluss des Amazonas, hatte der millionenschwere Unternehmer 1928 eine Kleinstadt errichten lassen. Fordlândia sollte eine Mustersiedlung nach amerikanischem Vorbild werden - mit schindelbedeckten Holzhäusern, feuerroten Hydranten und striktem Alkoholverbot.

Die Stimmung aber unter den brasilianischen Hilfsarbeitern, die hier für den Amerikaner den Dschungel abholzten, war angespannt. Statt sich nach dem jahreszeitlich bedingten Wetter zu richten, mussten die Brasilianer stets zur selben Zeit mit der Arbeit beginnen, penibel protokolliert per Stechuhr. Genauso argwöhnisch von den amerikanischen Vorarbeitern überprüft wurde ihre Hygiene. Und zu ihrer eigenen Gesundheit sollten sie außerdem in der Betriebskantine ungeliebte Speisen wie etwa Naturreis, Haferbrei und Dosenfrüchte essen - deren Kosten ihnen mittels Personalnummer sogleich vom Lohn abgezogen wurden.

Als zwei Tage vor Weihnachten in der Kantine auch noch die Selbstbedienung eingeführt wurde und sich die Wartezeiten entsprechend verlängerten, eskalierte die Situation: Aufgebracht schmissen Arbeiter ihre Teller zu Boden und demolierten die Einrichtung. Mit Macheten bewaffnete Männer brannten Bürogebäude nieder, zertrümmerten Maschinen und versenkten Ford-Trucks im Rio Tapajós. "Brasilien für Brasilianer", skandierten sie, "tötet alle Amerikaner!" In Panik flüchteten die so Vertriebenen zu ihren Booten oder versteckten sich tagelang im Dschungel. Die Rebellen aber zerschlugen alle Stechuhren, das Symbol der verhassten industrialisierten Arbeitswelt, die Henry Ford versucht hatte, mit Macht in den Urwald zu verpflanzen.

Haarsträubende Fehlentscheidungen

Der Aufstand war eine Attacke auf die naiv-romantische Vision vom amerikanischen Traum in der Wildnis - und nur eine von vielen Katastrophen des ambitionierten Dschungelprojekts. Jahrelang hatte Henry Ford Wege gesucht, vom britischen Kautschuk unabhängig zu werden, den er für seine Autos benötigte. Verbissen pumpte er fast zwanzig Jahre lang Millionen Dollar in Fordlândia - ohne auch nur ein Pfund Gummi zu produzieren.

Fordlândia, heute eine fast verlassene und halb vermoderte Geisterstadt, wurde zum größten Debakel des Mannes, der zuvor die Welt mit Fließbändern revolutioniert hatte. Der US-Historiker Greg Grandin hat das beinahe vergessene Kapitel amerikanischer Industriegeschichte erforscht. Sein aktuelles Buch liest sich wie ein Protokoll haarsträubender Fehlentscheidungen - und ist zugleich eine Parabel auf die menschliche Hybris.

Mit seinen Plänen zu Fordlândia war Henry Ford, der eine persönliche Abneigung gegen jegliche Experten hatte, zunächst einmal zwielichtigen und inkompetenten Beratern aufgesessen. Sie hatten Brasilien den Vorzug gegeben, obwohl afrikanische oder asiatische Länder für Kautschukplantagen weit besser geeignet gewesen wären, weil es dort den gefährlichsten aller Gummibaum-Schädlinge, den südamerikanischen Mehltau, gar nicht gab. Das Land in Brasilien aber war schon allein wegen seiner hügeligen Topographie anfällig für Wind und Erosion - und damit völlig unpassend für eine Plantage.

Verheerende Feuersbrunst

Die Verträge mit dem zuständigen brasilianischen Gouverneur des Bundesstaates Pará ließ Ford 1927 vom damals 37-jährigen Willis Blakeley, zuvor Mitarbeiter in Fords Sicherheitsstab, aushandeln - eine denkbar schlechte Entscheidung: Eigentlich zu Verschwiegenheit verpflichtet, plauderte der selbstsüchtige Blakeley schon auf der Schiffsfahrt Fords geheime Pläne aus. In Brasilien machte er sich schnell einen Namen als Trunkenbold und erregte die öffentlichen Gemüter, weil er in seinem Nobelhotel gerne für alle sichtbar Sex mit seiner Frau hatte - bei offener Verandatür.

Der Skandal-Unterhändler, der bald Stadtgespräch war, schien dennoch erfolgreich. Für den Spottpreis von 125.000 Dollar erwarb er die Rechte an einem rund 10.000 Quadratkilometer großen Streifen Land. Dort durften die Amerikaner laut Vertrag auch andere Rohstoffe wie Holz oder Öl abbauen - und sie dann steuerfrei in die USA verschiffen. Dass Ford sogar US-Maschinen zollfrei nach Fordlândia importieren dürfe, war jedoch eine reine Erfindung von Blakeley, die das Unternehmen später viel Zeit und Geld kosten würde.

Auch als Manager von Fordlândia entpuppte sich Blakeley, der nicht die geringste Ahnung von Botanik hatte, als Fehlgriff. Während er es sich in einer komfortablen Hacienda bequem machte, mussten seine Arbeiter in fensterlosen Baracken ohne WC unterkommen oder draußen in Hängematten schlafen. Ausgerechnet mitten in der Regenzeit versuchte Blakeley schließlich, den Urwald zu roden. Als die Baumfäller im Morast stecken blieben, ließ er die nassen Bäume tagelang mit einer riesigen Menge Kerosin abfackeln. "Es war, als würde die Welt von Flammen verschlungen", berichtete ein Augenzeuge. "Es schockierte mich."

Malaria und Millionen Fliegen

Die Feuersbrunst legte zwar Hunderte Hektar Wald frei - doch der Boden war danach kaum noch für den Anbau zu gebrauchen. Als ein brasilianischer Ford-Händler im Juli 1928 die geplante Mustersiedlung besichtigte, war er schockiert: "Keine sanitären Einrichtungen, keine Mülltonnen, Millionen Fliegen", berichtete er der Ford-Zentrale in Michigan. "30 von 104 Männern krank, keine Toten, aber viele Fälle von Malaria. In der Küche so viele Fliegen, dass man kaum das Essen auf dem Tisch sehen kann." Kurz danach wurde Blakeley gefeuert.

Dabei hatten die Erwartungen an Fordlândia anfangs fast religiöse Züge angenommen - befeuert vom Unternehmen selbst, das das Projekt als zivilisatorisches Experiment und einen Kompromiss zwischen Industrie und Landwirtschaft verkaufte. So mutmaßte das US-Magazin "Time", Ford werde so viel investieren, "bis der ganze Dschungel industrialisiert ist". Die "Washington Post" prophezeite, der Tycoon würde nicht nur Kautschuk kultivieren - sondern gleich die Menschen mit. Aber auch brasilianische Reporter überschlugen sich, tauften Henry Ford "Jesus Christus der Industrie" und "Moses".

Die Hoffnungen, dass der einst reichste Mann der Welt das von Armut geplagte Land mit Technik und Wohlstand "erlöst" (so Fords Sohn Edsel), hatten historische Gründe. Noch im 19. Jahrhundert war Brasilien einziger Produzent von Kautschuk - bis 1876 der Brite Henry Wickham 70.000 Samen des Gummibaumes außer Land schmuggelte. Mit den Setzlingen legten die Briten in ihren Kolonien in Südostasien riesige Plantagen an. Die Bio-Piraterie brach das Monopol und machte Brasilien langfristig als Kautschuk-Produzenten unbeutend.

Verbotene Bordelle und Bars

Fords Pläne weckten daher Erinnerungen an bessere Zeiten - doch als Details des Vertrages an die Öffentlichkeit drangen, kippte die Stimmung. "Für ein paar erbärmliche Dollar", wetterte die nationalistische Presse, "dürfen die Boote eines Multimillionärs alles außer Land bringen, ohne einen Cent in unsere leeren Kassen zu zahlen". Viele unterstellten dem US-Amerikaner, ihm gehe es nicht um Kautschuk - sondern in Wahrheit um den Raubbau wertvollerer Rohstoffe.

Das traf nicht zu, nur: Auch Blakeleys Nachfolger als Plantagen-Manager bekamen die Situation nicht in den Griff. Immer wieder gab es Unruhen, die bewaffnete Söldner eindämmen mussten. Es kamen zwar Tausende Arbeiter nach Fordlândia, doch viele verließen die Siedlung nach kurzer Zeit wieder. Die Sterblichkeit war hoch, Arbeiter wurden von Schlangenbissen getötet, Kinder starben an Fieber - trotz eines Krankenhauses mit kostenloser Versorgung. 1930 lagen fast 300 Menschen auf dem Fordlândia-Friedhof begraben.

Am meisten Widerstand erntete der Automagnat, der Fordlândia selbst nie betrat, jedoch mit dem Versuch, die puritanische, kleinbürgerliche US-Lebenskultur an den Amazonas zu exportieren. Das strikte Alkoholverbot wurde systematisch ignoriert. Schlimmer noch: In der Umgebung Fordlândias bildete sich bald eine ganze lasterhafte Industrie mit Bars und Bordellen. Auf Schildern warnte das Unternehmen seine Arbeiter vor Zahlungen, falls sie wegen Geschlechtskrankheiten behandelt werden müssten.

Rache der Natur

Paradoxerweise sollte ausgerechnet der verheerende Aufstand von Dezember 1930 helfen, Fords zivilisatorische Visionen doch noch zu verwirklichen: Radikal planten die Amerikaner danach den Neubeginn, feuerten fast alle Arbeiter, ließen Bars und Bordelle abreißen. Tausende neue Arbeiter wurden rekrutiert, zeitweise lebten in Fordlândia mehr als 8000. Straßen wurden geteert, Schulen, Friseure, Bäckereien und Fleischereien eröffneten. Es gab sogar eine Golfanlage und regelmäßige Gartenwettbewerbe. Und weil der Autokönig aus Detroit klassische Musik liebte, wurde auf Betriebsfesten auch im Dschungel Walzer statt Samba gespielt.

Rund hundert Kilometer nördlich von Fordlândia gründete Ford 1935 sogar noch eine zweite US-Klonstadt namens Belterra, weil dort das Gelände für Plantagen günstiger erschien. Es schien so, als ob die Amerikaner den Dschungel nun doch gezähmt hatten. Doch die eigentliche Schlacht - die gegen die Natur - hatten sie auf ganzer Linie verloren: Weil sie die Kautschukbäume, die urwüchsig weit voneinander entfernt stehen, dicht an dicht pflanzten, schufen sie einen idealen Brutkasten für Schädlinge: Pilze, Käfer, Raupen.

Verzweifelt sammelten und verbrannten die Arbeiter Hunderttausende Raupen, säuberten die Blätter von Schädlingen und sprühten Insektizide. Umsonst: Millionen von Bäumen gingen ein. Latex wurde in Fordlândia deshalb nie gefördert, in Belterra waren es einmalig 750 Tonnen - 1942. Bereits ein Jahr später zerstörte eine Raupenplage auch diese Plantage.

Als sich der inzwischen 82-jährige Henry Ford 1945 aus dem Unternehmen zurückzog, verkaufte sein Sohn Henry Ford II als eine seiner ersten Amtshandlungen alle Besitzungen am Amazonas. Auf den heutigen Wert umgerechnet hatte sein Vater eine Milliarde Dollar investiert. Ford Junior verhökerte den Landstreifen nun für 244.200 Dollar. Das entsprach genau dem Wert, den die Firma seinen Arbeitern noch als Abschlagszahlung schuldete.

Zum Weiterlesen:

Greg Grandin: "Fordlandia - The Rise and Fall of Henry Ford's Forgotten Jungle City". Faber And Faber Ltd., Januar 2010, 416 Seiten.

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insgesamt 11 Beiträge
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1.
Max Schneider 12.02.2010
Man sollte vielleicht hinzufügen dass 1945 künstliches Gummi in industriellem Maße hergestellt werden konnte und somit der Grund für die Errichtung Fordlandias nicht mehr gegeben war, denn wieso sollte ich Kautschuk aus dem Urwald Brasiliens fördern wenn ich ich ihn bequem in einer Fabrik in Ohio herstellen kann? Auch deshalb verkaufte Henry Fords Sohn Edsel 1945 Fordlandia, nicht nur weil die Unternehmung eine betriebswirtschaftliche Katastrophe war und nicht nur weil amerikanische Kleinbürgerlichkeit, Prohibition, Stechuhren und Schädlinge sich nicht mit der brasilianischen Umgebung vertrugen.
2.
Tilmann Weigel 12.02.2010
Und hier liegt Fordlandia: http://maps.dieweltsehen.de/?dla=a&dl=0312429622 Im Satellitenbild kann man die Wege, die in den Urwald geschlagen wurden, gut erkennen. Ein sehr interessanter Artikel - genau wie der Bericht vor einiger Zeit über die verlassene japanische Insel. Bitte mehr davon!
3.
Ralf Bülow 12.02.2010
Noch ein Hinweis auf den Roman "Fordlandia" des Argentiniers Eduardo Sguiglia, der vor einigen Jahren auch bei uns herauskam. Ist heute aber nur noch antiquarisch erhältlich. Und weitere Fotos gibt es, wenn man mit "Fordlandia" auf www.flickr.com sucht.
4.
Kurt Diedrich 13.02.2010
Interessante Geschichte. Ich hatte vorher noch nie etwas von diesem Projekt gehört. Irgendwie tut es im Nachhinein gut, zu erfahren, dass die Sache gründlich schief gegangen ist: Wenn westliche Überheblichkeit, gepaart mit Dummheit, Profitgier und Unwissenheit, anderen Kulturen ihren Stempel aufdrücken will, kann das ja auf Dauer nur zum Scheitern verurteilt sein.
5.
Heinz Schubert 13.02.2010
Beim Foto Nummer 19 ist Ihnen ein Fehler unterlaufen: Es handelt sich nicht um einen Lincoln Zephyr, sondern um 37er einen Ford Four Door Sedan. Ist aus demselben Konzern, war aber ein Modell der unteren Preisklasse. Hier noch ein - ansonsten baugleicher - zweitüriger Sedan http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/c/ce/1937_Ford_Tudor_Sedan.jpg
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