Vergessene Orte Goebbels' Liebesnest

Vergessene Orte: Goebbels' Liebesnest Fotos
Julien Reitzenstein

Hier traf Joseph Goebbels seine Geliebte und schrieb Hassreden für Hitler: 1936 schenkte die Stadt Berlin dem NS-Propagandachef ein Landhaus am Bogensee. Zu DDR-Zeiten diente es als FDJ-Hochschule, seit 1990 fällt das Gelände in einen immer tieferen Dornröschenschlaf. Von

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Friedliche Ruhe. Friedlich ist das Wort, das all das hier besser als jedes andere beschreibt. Hier, dass ist der Bogensee. Durch die grüne Ruhe märkischer Wälder führt ein asphaltierter Waldweg von der Hauptstraße immer tiefer in den Forst. Dann weitet sich der Weg und gibt den Blick auf ein großes Areal frei, auf dem auch ein Garagen- und Chauffeurshaus stehen. Hinter dem Schlagbaum geht es vorbei an einem verwahrlosten Sportfeld, bevor man vor dem Goebbelsschen Landhaus angelangt. Aus der Entfernung mutet der flache Bau geradezu bescheiden an. Das Haus repräsentiert alles andere, als das, was man sich unter dem Landsitz einer Nazigröße vorstellt.

Natürlich ist es groß, doch unter dem hohen Dachstuhl über dem Erdgeschoss duckt es sich geradezu in den sandigen Grund. Schlicht und dennoch imposant. Verschlossene Fensterläden und der verwilderte Vorgarten erinnern an das Märchen von Dornröschen. Doch in dem vollständig erhaltenen Gebäude ruht niemand mehr. Geht man um das Haus auf die Terrasse, gelangt man zum Mittelteil des Gebäudes mit dem spektakulären Kaminzimmer. "Diele" nannte es der Architekt im Grundriss. Eine bescheidene Untertreibung für den weitläufigen Prunkraum mit schwerer Kassettendecke und für die Zeit der Entstehung spektakulärer technischer Ausstattung.

Die Fenster reichen bis zum Boden und lassen sich komplett versenken. Der Mechanismus funktioniert auch heute noch, sechzig Jahre nach seiner Fertigstellung. So konnte Hitlers Propagandaminister aus dem imposanten Raum direkt auf die Terrasse treten. Nur ein paar zu rasch gewachsene Birken verstellen heute den Blick zum Bogensee. Wer genau hinsieht, erkennt auf der anderen Seite des Gewässers ein einfaches Holzblockhaus, der erste, deutlich bescheidenere Landsitz von Josef Goebbels. Was Hitlers Propagandaminister dort trieb, verhalf ihm und der Regierung zunächst jedoch zu guter Publicity. Der Vater von sechs Kindern hatte nämlich neben seiner eigenen darstellerischen Begabung noch einen ganz anderen Hang zur Schauspielerei - und Schauspielerinnen, dem er möglichst ohne Publikum nachgehen wollte.

Der "Bock von Babelsberg"

Als Joseph Goebbels 1926 Gauleiter von Groß-Berlin wurde, befand sich die dortige NSDAP in traurigem Zustand. Dem kleinen Grüppchen verblendeter Fanatiker, Perspektivloser und politischer Irrlichter fehlten sowohl Marschrichtung als auch ein entsprechendes Sprachrohr. Goebbels, ein großer Bewunderer modernster Werbestrategien wie etwa der von Coca-Cola, der es unter anderem mit einer einheitlichen Flaschenform gelang, eine Marke zu schaffen, und später, beim Erlass der normierenden Reichsflaschenverordnung, dafür auch noch eine Ausnahmegenehmigung erhielt, griff zu einem einfachen wie probaten Mittel. Der junge Gauleiter organisierte publikumswirksame Provokation und Krawall, so dass der Bekanntheitsgrad der NSDAP schnell stieg und die Partei für ihre Zielgruppen immer attraktiver wurde. Die Straßenschlachten im KPD-dominierten Bezirk Wedding fanden genau so Eingang auf die Titelseiten der Parteipresse wie die Hilfsaktionen für Bedürftige. Mit Zuckerbrot und Peitsche eroberte der promovierte Germanist Joseph Goebbels seinem Führer das "rote Berlin". Doch als Reichspräsident von Hindenburg Hitler am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler ernannte, ging Goebbels leer aus.

Erst einige Monate später wurde er zum Reichsminister für Propaganda und Volksaufklärung ernannt. Binnen kürzester Zeit unterstanden ihm die Standesorganisationen der Kulturschaffenden und bald auch die deutsche Filmindustrie. Goebbels nutzte diese Position konzentrierter Macht, um seine Vorstellungen von Filmkunst und Rollenbesetzungen durchzusetzen. Auf diese Weise gelang es ihm beispielsweise, alle von ihm als "jüdisch" klassifizierten Künstler aus den Ufa-Studios in Babelsberg bei Berlin zu verbannen. Deutsche Schauspielerinnen wurden somit zu einer leichten Beute für den von seiner in die NS-Propagandamaschinerie eingebundene Vorbildehe gelangweilten Goebbels: Mit Rollenangeboten machte er junge Darstellerinnen gefügig und sich selbst schon bald zum Gesprächsthema als "Der Bock von Babelsberg". Und der brauchte dringend einen Raum für seine Eskapaden. Seine Familienvilla auf der vornehmen Havelinsel Schwanenwerder war dafür mehr als ungeeignet. Schließlich zelebrierte Goebbels hier mit seiner großbürgerlichen Frau Magda und den zuletzt sechs Kindern die NS-Vorzeigefamilie. Was ihm fehlte, war ein diskretes Liebesnest.

"Ein Idyll der Einsamkeit"

Diesen Wunsch erfüllte ihm die Stadt Berlin 1936 anlässlich seines 39. Geburtstags. Nachdem der Freiherr von Redern 1919 der Stadt Berlin ein Grundstück bei Lanke nahe Bernau verkauft hatte, gab es von Seiten der Stadt hierfür keine Verwendung. Auf Hinweis von Goebbels' Staatssekretär Karl Hanke kreierte der Berliner Oberbürgermeister Lippert einen außerplanmäßigen Etat, von dem er ein Blockhaus am Bogensee bauen ließ. Ursprünglich handelte es sich um ein Fertigbauhaus, das Goebbels einmal bewundernd auf einer Messe betrachtet hatte, jedoch wurde das veranschlagte Budget rasch bei weitem überschritten.

"Ein Idyll der Einsamkeit", schrieb Goebbels noch am 3. November 1936 in sein Tagebuch. "Es ist so still und verlassen hier. Man kann denken, arbeiten, in Ruhe lesen, keine Telephonanrufe und Briefe, ganz sich selbst überlassen." Die Idylle sollte jedoch nicht lange halten. Schließlich wollte der Minister in seinem Liebesnest auch noch gute PR machen. Dafür reichte ihm das Blockhaus schon bald nicht mehr aus. Personalgebäude nebst Garagen mussten her, zudem empfing er häufig Besucher, die er auch beherbergen musste, und auch die Mitarbeiter seiner Entourage benötigten Büros und Übernachtungsmöglichkeiten. Ein teures Vergnügen. Allein das Verlegen von Stromleitungen und direkten Fernsprechverbindungen ins Ministerium in der abgeschiedenen Natur verschlang enorme Kosten. Ende Oktober 1939 wurde das neugebaute Landhaus auf der gegenüberliegenden Seite des Bogensees dann fertiggestellt. Mit 30 Privaträumen, 40 Dienstzimmern, einem 100 Quadratmeter großen Filmsaal am Ende des rechten Wohnflügels sowie 60 Telefonen.

Der Landsitz brachte dem Propagandaminister, wie erwähnt, nicht nur gute Publicity, indem er die Prominenz von Staat, Partei, Film und Presse regelmäßig einlud. Neben der windigen Finanzierung des immer teurer werdenden Baus fielen Goebbels' Seitensprünge zunehmend negativ auf. Auf dem Höhepunkt von Goebbels' Affäre mit der tschechischen Schauspielerin Lida Baarova im Jahre 1938 wollte Magda Goebbels die Scheidung einreichen und Goebbels' Staatssekretär Karl Hanke heiraten. Hitler war wenig begeistert von der Vorstellung der Auflösung der NS-Musterfamilie. Schließlich brauchte er sie für seine Propaganda. 1938 befahl er die Auflösung der Liaison von Lida Baavora mit Goebbels, der sich dann mittels eines Vertrags mit seiner Gattin versöhnte.

Fußtritt auf den Auslöser

Nun kam auch die Goebbelsche Familie nach Lanke, und nach Beginn der ersten Bombenangriffe wurden die Kinder sogar im nahegelegenen Wandlitz eingeschult und wohnten ständig am Bogensee. Auch Goebbels suchte mehr und mehr die Ruhe am Bogensee. Schließlich bedeuteten die ständigen Bombenalarme nicht nur Gefahr für Leben und Habseligkeiten der Berliner, sondern zermürbten auch das Nervenkostüm. Die schlaflosen, da ständig durch das Rennen in den Bunker unterbrochenen Nächte machten eine konzentrierte Büroarbeit fast unmöglich. So zog sich Goebbels zum Schreiben seiner Reden immer wieder in sein Haus am Bogensee, das seit Juni 1944 über einen Bunker verfügte, zurück. Auch seine berühmte Sportpalastrede ("Wollt Ihr den totalen Krieg?") vom 18. Februar 1943 ist hier entstanden.

Im Gegensatz zu den Großveranstaltungen, die der Propagandaminister in weitläufigen Hallen organisieren ließ, war sein Landsitz eher bescheiden. Auch die Häuser anderer Nazigrößen und deren Baukosten stellten Goebbels' Domizil im wahrsten Sinne des Wortes in den Schatten. So gab es in Görings riesigen, weiter nördlich gelegenen Anwesen "Carinhall" kaum einen Quadratzentimeter Wandfläche, der nicht mit geraubten Gemälden von unschätzbarem Wert behängt war. Erhalten ist von "Carinhall" allerdings nichts. Gegen Ende des Krieges ließ Göring sein Landhaus verminen und das Personal abrücken. Luftwaffenpioniere sprengten den Prunkbau am 28. April 1945, wenige Tage nach Görings endgültiger Abreise.

Goebbels dagegen ließ sein Haus stehen und holte 22. April 1945 seine Familie in den Bunker der Reichskanzlei, tags zuvor hatte Göring "Carinhall" geräumt. Trotz zahlreicher Überredungsversuche der Mitarbeiter Goebbels und Hitlers ließ sich das Ehepaar Goebbels nicht von diesem Vorhaben abbringen, in den Trümmern der Reichshauptstadt gemeinsam mit den sechs Kindern zu sterben.

Pompöse Bauten im Zuckerbäckerstil

Die Rote Armee eroberte das Landhaus in fast unbeschädigtem Zustand. Schon 1945 richtete die FDJ hier eine Jugendhochschule ein. Auf Nachbargrundstücken wurden seit den fünfziger Jahren sukzessive weitere pompöse Bauten im stalinistischen Zuckerbäckerstil für diese Hochschule gebaut. Nach der Wende versuchte man, das Areal als Hotelkomplex zu vermarkten, was allerdings misslang. Seit 1999 stehen die meisten Gebäude leer, seitdem liegt das unter Denkmalschutz stehende Gelände im Dornrösschenschlaf.

Im Goebbelschen Blockhaus sitzt heute die Berliner Forstverwaltung, das Landhaus steht leer, die Bunkerdecke wurde gesprengt. Seitdem sucht das Land Berlin vergeblich nach einem Käufer für das große Areal.

Spaziergänger verirren sich nur noch selten an diesen Ort, von dem aus sich Hass und destruktive Energie über ganz Europa verbreiteten. Und es ist still geworden um die geschichtsträchtige Stätte. Doch vielleicht liegt in der Ruhe die Kraft, die es braucht, die notwendige Aufarbeitung der Geschichte zu vollziehen, um das hier Geschehene zu erfassen.

In einer früheren Fassung dieses Artikels hieß es, Göring habe seinen Landsitz Carinhall 1945 beim Anrücken der Roten Armee persönlich gesprengt. Tatsächlich sprengten Luftwaffenpioniere Carinhall am 28. April 1945, nachdem Göring bereits abgereist war.

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insgesamt 12 Beiträge
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1.
Klaus Weis 06.07.2008
Leider ist der Bericht schlecht recherchiert. Das ehemalige (erste) Blockhaus, das man angeblich sehen soll, wenn man über den See schaut, brannte in den fünfziger Jahren ab. Das Haus, das dort zu sehen ist und Räume der Forstverwaltung beherbergt, ist ein ehemaliges Nebengebäude. Und Göring hat sein Carinhall auch nicht selbst gesprengt, er war zur Zeit der Sprengung bereits lange abgereist. Carinhall wurde am 21.4.1945 durch eine Pioniereinheit der Luftwaffe gesprengt.
2.
Klaus Weis 07.07.2008
Sorry, ich hatte mich vertippt. Carinhall wurde am 28.4.1945 um die Mittagszeit durch eine Pioniereinheit der Luftwaffe gesprengt. Göring reiste am 20.4.1945 ab.
3.
Andreas Gerdes 07.07.2008
Hallo, ich bin neu hier und muss mich noch orientieren, kann also sein, dass mein Beitrag in einer falschen Rubrik erscheint, dafür Entschuldigung im voraus! Es wird gesagt, laut Literatur existieren nur zwei Exemplare der versenkbaren Panoramafenster. Da würde ich gern mal wissen, in welcher Literatur? Ich denke nämlich, dass mir ein drittes Exemplar bekannt ist. Auch in einem Haus (Villa) einer ehemaligen NS-Größe. Würde mich auf Antworten zu dem Thema freuen, besonders, falls der Verfasser der genannten Literatur nachfragt. Bis dahin leiste ich mir den Spass, das Haus nicht zu nennen....
4.
Klaus Weis 07.07.2008
Hallo Herr Gerdes, ich verstehe zwar nicht ganz, warum es wichtig sein soll, welcher der Nazigrößen über versenkbare Panoramafenster verfügt haben soll ... Versenkbare Panoramafenster gab es auf Hitlers Berghof am Obersalzberg, in Görings Carinhall und im neuen Landhaus von Goebbels am Bogensee. Nachzulesen ist dies in der einschlägigen Literatur, die sich mit diesen Orten befaßt und im Internet. Interessanter ist eigentlich die Erkenntnis beim Auswerten dieser Literatur, in welch kurzer Zeit sich diese Herren persönliche Reichtümer angeeignet hatten und welcher Mittel sie sich bedienten, um persönlichen Luxus von der Allgemeinheit finanzieren zu lassen. Nach dem Krieg gab es in der DDR auch reihenweise persönlich zuordenbare Freizeitresidenzen für die Politbonzen.
5.
Florian Geier 08.07.2008
"...sechzig Jahre nach seiner Fertigstellung...? " Da war Goebbels aber schon lange tot! Die Fertigstellung war doch wohl spätestens 1938, also muß es 70 Jahre heißen.
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