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Vergessene Orte Der geheime Bunkerschatz der Bundesbank

Vergessene Orte: Der geheime Bunkerschatz der Bundesbank Fotos
DPA

Atombomben löschen Städte aus, das Wirtschaftssystem bricht zusammen, Chaos auf den Straßen. Für Katastrophenszenarien hielt die Bundesbank eine geheime Ersatzwährung für die D-Mark bereit, die 25 Jahre in einem Bunker lagerte. einestages hat die geheime Milliardenfestung an der Mosel besucht. Von

Der Herr Doktor mochte es exklusiv. Er ließ sich einen Swimmingpool in den Garten seiner Praxis im rheinland-pfälzischen Cochem bauen - in Nierenform, in den fünfziger Jahren der letzte Schrei. "Praxis Dr. Dreesen" stand auf dem Klingelschild des großen Hauses an der Brauseleystraße, zwei Etagen, Moselblick, beste Lage. Und so wunderten sich die Nachbarn nicht, dass sich schon bald ein Käufer fand, als die Praxis schließlich auszog.

Bis die Bagger kamen.

Es war schweres Gerät der Firma Hochtief: Bagger, Betonmischer, Lastwagen. Schon bald erstatteten die ersten Anwohner Anzeige wegen des Lärms. Die Baumaschinen arbeiteten von 6 bis 22 Uhr, zwei Jahre lang. 3000 Kubikmeter Beton pumpten sie in den Hang unter dem Swimmingpool von Doktor Dreesen. Hinter dem Haus hatte der neue Eigentümer 9000 Quadratmeter Grundstück hinzugekauft, wildes Land in Hanglage, auf dem Bauarbeiter nun Bäume pflanzten. Nur zögerlich gab es Antworten: Ein Schulungsheim solle hier entstehen, darunter ein normaler Zivilschutzbunker, hieß es. Doch was Hochtief da mitten im Wohngebiet baute, war alles andere als normal - selbst im Kalten Krieg. Es war eine Schatzkammer.

Eine Flut von Falschgeld aus dem Osten überschwemmt die Republik, das Wirtschaftssystem bricht zusammen, sowjetische Atombomben löschen Deutschlands Städte aus: Zu Beginn der sechziger Jahre schien es nur eine Frage der Zeit, bis der Kalte Krieg zwischen Ost und West eskaliert. Und so empfahl die Regierung den Bundesbehörden, geeignete Schutzbauwerke zu errichten - Bunker für den Atomkriegsfall. Die Bundesbank reagierte schnell: Innerhalb weniger Monate fand sie in der verlassenen Praxis von Doktor Dreesen ein passendes Objekt. Cochem im zerklüfteten Moseltal schien ideal. Die Druckwelle einer Atombombenexplosion würde über das Tal hinwegfegen, so die Theorie.

Säckeweise Hundert-Mark-Scheine

Nur wenige Menschen in der Frankfurter Zentrale der Bundesbank wussten, was wirklich in den betonverkleideten Gängen lagert, 30 Meter unter der Erde, hinter versteckten Stahltüren: 15 Milliarden Mark in kleinen Scheinen. Ein Vermögen - allerdings vollkommen wertlos, zumindest in Friedenszeiten. Die Zwanziger, Fünfziger und Hunderter, die sich säckeweise im gewaltigen Tresorraum stapeln, sehen nur auf der Vorderseite vertraut aus: Elsbeth Tucher und Sebastian Münster im Halbprofil.

Doch Rückseite und Farbe sind anders: Der grüne Fünf-Mark-Schein etwa ist braun und statt Eichenlaub zieren ihn geometrische Figuren. Die Notenbündel der Serie "BBk II" sind eine Ersatzwährung. Selbst im atomaren Krieg sollte die Bundesregierung weiter zahlungsfähig bleiben, auch im Falle einer Hyperinflation. Und so verstecken die obersten Banker im Cochemer Milliardenbunker den Geheimschatz der alten Bundesrepublik: Geld, das keiner kennt und keiner fälschen kann.

Die Sicherheitsvorkehrungen waren enorm: Sensoren an den bis zu vier Meter dicken Tresorwänden registrierten jede Erschütterung. Selbst ein vorbeifahrender Güterzug löste von Zeit zu Zeit Alarm aus. Die Polizei, die automatisch verständigt wurde, musste jedoch immer wieder abrücken - ohne eine Ahnung von den Milliarden im Untergrund. Nur der Schulungsheimleiter, der zusammen mit einem Techniker und einer Putzfrau die Stellung hielt, patrouillierte jeden Tag durch die verlassenen Gänge. Doch in den 140 Quadratmeter großen Tresorraum selbst durfte auch er nicht vordringen: Den Schlüssel und die Kombination für das Zahlenschloss hatten nur die Prüfer in Frankfurt, die zweimal im Jahr zur Kontrolle vorbeikamen. Jedes Mal zählten die Bundesbanker nach und vermerkten das Ergebnis: "14. Mai 1978, 840 Säcke aufgenommen, 336.000.000 zu DM 20-II". Und das allein in der Gitterbox mit der Nummer zwei.

Der Cochemer Bunker steht zum Verkauf

Im Krisenfall hätten hier bis zu 175 Menschen zwei Wochen lang überleben können. Sie hätten Wasser aus dem Tiefbrunnen trinken können. Strom erzeugten eigene Dieselmotoren, 75.000 Liter Treibstoff in Reserve. In der Küche, die nie benutzt wurde, stehen zwei große Öfen, alle Möbel haben Gummifüße, damit die Vibrationen einer Atombombendruckwelle keinen Schaden im Bunker anrichten. Auch einen Totenraum gibt es, eine Dekontaminierungszelle, Leichensäcke. Doch der atomare Erstschlag blieb aus.

25 Jahre nachdem sich die tonnenschwere Tresortür hinter den Ersatzmilliarden zum ersten Mal schloss, rückt schließlich das Vernichtungsteam an. Warum genau die Bundesbank die "BBk II"-Serie im Jahr 1988 durch den Reißwolf jagte, ist unklar. Vertrauten die Banker nun auch im Kriegsfall eher dem elektronischen Zahlungsverkehr? Auf Anfrage heißt es, die Geheimakten könnten erst nach Ablauf von 30 Jahren freigegeben werden.

Die Ersatzwährung aus Papier zumindest war überflüssig geworden. Und damit auch der Cochemer Bunker. Die örtliche Volksbank nutzte einen Teil der Räume noch für Kundenschließfächer, dann verließen auch sie das Gelände. Das Relikt des Kalten Krieges steht nun zum Verkauf. Der Preis: etwa 750.000 Euro. Samt Swimmingpool.

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insgesamt 4 Beiträge
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1.
Joachim Schmidt, 15.10.2010
Das Haus der Bundesbank diente seit den 60-er Jahren bis zur Schliessung als Ausbildungsstätte der Bundesbank für den mittleren und gehobenen Dienst der Bank
2.
Gerd Diederichs, 18.10.2010
Mensch, wenn das Ding all die Jahre als atombombensicher galt - sollte man das nicht mal als Atommuellendlager vorschlagen? Gut, ich haett's ja auch lieber in Bayern, vor allem, weil dann der Spuk mit der Laufzeitverlaengerung der alten Fast-Ruinen schnell am Dickkopf der CSU-Fuehrung zerplatzen wuerde ...
3.
Michael Lang, 30.12.2011
Das alle Banknoten der Bbk-II - Serie vernichtet wurden stimmt übrigens nicht ganz. Es gab nämlich auch eine Serie für West-Berlin. Die sah etwas anders aus als die Ersatzbanknoten, welche für die Bundesrepublik vorgesehen waren. Die Scheine dieser Berlin-Serie wurden ebenfalls Ende der 1980er-Jahre vernichtet. Allerdings wurden bei der Vernichtungsaktion damals ein paar Exemplare der Fünf-Mark-Scheine dieser Serie illegal entnommen. Sie sind heute auf dem Sammlermarkt erhältlich und können z.B. auf Auktionsplattformen im Internet gekauft werden. Obschon es sich um Diebesgut handelt, scheint die Bundesbank gegen diesen Handel nicht vorzugehen. Wer unbedingt so einen Schein will muß allerdings bereit sein, mehrere Hundert Euro zu investieren.
4.
Bodo Kälberer, 30.12.2011
750.000 für das Haus oder mit Bunker?
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