Vergessene Orte Die Geisterbotschaft von Berlin

Vergessene Orte: Die Geisterbotschaft von Berlin Fotos
Melanie von Marschalck

Auf dem Boden verrotten Tonbänder, Akten, Visa-Anträge. Seit 1990 verfällt in Ost-Berlin die frühere irakische Botschaft in der DDR. In dem Plattenbau wurden einst Attentate geplant und Sprengstoff versteckt - heute ist die Ruine ein Mekka für Fotografen, Souvenirjäger und Partygänger. Von

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 6 Kommentare
    4.0 (85 Bewertungen)

Es sieht aus, als sei eine Bombe eingeschlagen. Scherben auf dem Fußboden, umgestürzte Möbel, eine verbrannte Treppe, Bücher und Unterlagen, die in den früheren Büroräumen verstreut auf dem Fußboden liegen. Scheiben sind eingeworfen, der Garten ist verwahrlost. Auf den Schreibtischen stehen noch alte Schreib- und Rechenmaschinen - viele davon Originale aus der DDR.

Doch die Räumlichkeiten sind nicht Schauplatz eines Krieges, sondern die ehemalige irakische Botschaft in der DDR. Seit fast zwei Jahrzehnten steht sie nun leer und rottet vor sich hin. Einmal brach hier, in der Tschaikowskistraße in Berlin-Pankow, sogar ein Feuer aus. Ansonsten ist der Ort heute ein Paradies für Souvenirjäger, Fotografen, Neugierige, Künstler und Hobbyforscher, die in den Bergen von Akten und Propagandamaterial aus Saddam Husseins Zeiten stöbern. So finden sich dort noch heute Kassetten mit Reden des jungen Saddam oder anti-iranische Propagandapostkarten.

Der Plattenbau im nordöstlichen Stadtbezirk Pankow, dem traditionellen Diplomatenquartier der DDR, ist eine Art Niemandsland, exterritoriales Gebiet. Die Eigentumsverhältnisse sind problematisch: Das Grundstück gehört der Bundesrepublik Deutschland, doch "für die Republik Irak ist ein unbefristetes und unentgeltliches Nutzungsrecht an dem Grundstück im Grundbuch eingetragen", so Guido Déus von der Bundesanstalt für Immobilien, Verwalterin der Liegenschaft. Die gesamtdeutsche irakische Botschaft in Zehlendorf kümmert sich nicht um ihre stillgelegte Residenz und will sich zu dem Thema derzeit nicht äußern.

Geheimtipp für Partygänger und Filmemacher

Gerade weil das Botschaftsgebäude so verfällt, genießt es inzwischen Kultstatus; Fotos des beliebten Motivs schwirren tausendfach durchs Internet. Auch der renommierte britische Fotograf Walead Beshty produzierte eine Bilderserie "Scenes from Tschaikowskistrasse 17" mit der Botschaft als gespenstischer Kulisse.

Im August 2009 veranstaltete der australische Journalist Joel Alas mit Freunden unter dem Motto "The Green Zone" eine Party in dem verlassenen Objekt: "Wir wollten ein Event veranstalten, damit die Besucher dieses lebendige Museum erfahren können, bevor der Ort endgültig verschwindet", sagt er. "Jedes Mal, wenn ich die Botschaft besuche, fehlt mehr, und das Gebäude ist in einem noch desolateren Zustand."

Ungefähr hundert Leute kamen zu Alas' Feier. Szene-Partygänger und internationales Publikum. So auch der irische Nachwuchsfilmer Robin Lochmann und der holländische Produzent Frederik Poppenk. Sie sahen in der Ruine sofort die ideale Kulisse für ihr Musikvideo "Collapsible Structures" für den irischen DJ Nexus. "Nach der Party haben wir sofort ein Konzept geschrieben. Es ist ein perfektes Set, wir hätten nie so etwas nachbauen können."

Waffenhilfe der DDR

Auch Hans-Michael Schulze war schon mehrmals in dem verwaisten Haus. Der Autor ist Mitglied im Verein Berliner Unterwelten und forscht zur DDR-Geschichte. Er wühlt sich derzeit durch unzählige Personalakten, Dissertationen und Diplomarbeiten, die im ganzen Gebäude auf dem Fußboden liegen. Anhand der Akten lasse sich zeigen, dass die DDR Ausbildungsland für den Irak war - "vor allem im Bereich Maschinenbau, Mathematik und Chemie", so Schulze. Er findet es vor allem unverantwortlich, dass die Personalakten offen einzusehen sind - und damit auch die Daten von Bürgern, die zu DDR-Zeiten Visa beantragt haben.

Der Plattenbau wurde Anfang der siebziger Jahre auf dem 5000 Quadratmeter großen Grundstück errichtet und diente ab 1974 als Botschaft. Allein an der Größe des Gebäudes lässt sich ablesen, dass der ölreiche Irak eine wichtige Rolle bei den sozialistischen Freunden gespielt haben muss. Schließlich war das Zweistromland die erste nicht-sozialistische Nation, die die DDR 1969 als Staat diplomatisch anerkannte.

1980 lud Saddam Hussein, seit einem Jahr Staatspräsident im Irak, Erich Honecker nach Bagdad ein. Es ging nicht nur um den Ausbau der bilateralen Beziehungen, sondern auch um einen ausgedehnten Waffenhandel. Die Nationale Volksarmee (NVA) half dem Irak beispielsweise bei den Vorbereitungen für die chemische Kriegsführung. So berichtete der SPIEGEL 1990, dass vier Offiziere der "Chemischen Dienste" der NVA bis Anfang der achtziger Jahre den Aufbau eines Manöverfelds für atomare, biologische und chemische Waffen in der Nähe von Bagdad leiteten.

"Mit speziellen Grüßen" von Saddam

Zu Saddams Politik gehörten zudem Anschläge auf Oppositionelle im Ausland. Auch Westberlin sollte den langen Arm des Despoten zu spüren bekommen. Diplomaten aller Ostberliner Botschaften konnten damals, so oft sie wollten, über den Übergang Checkpoint Charlie in den Westen reisen. Am 1. August 1980 wurden zwei Botschaftsangehörige der Iraker in Westberlin verhaftet. Die Polizei warf ihnen vor, ein Kofferbombenattentat vorbereitet zu haben. Nach dem Polizeibericht wurden die beiden Iraker, der erste Botschaftssekretär Khalid Jaber und der technische Angestellte Hay-Ali Mahmoud, dabei erwischt, wie sie einen mit Sprengstoff gefüllten Koffer einem Spitzel übergeben wollten.

Ziel der Anschläge war den Behörden zufolge ein Treffen kurdischer Oppositioneller - Gegner der Regierung in Bagdad - im Berliner Stadtteil Wedding. Mit Hilfe des Spitzels in der kurdischen Organisation wollte man die Aufständischen ermorden lassen. Doch der Mann bekam kalte Füße und meldete den geplanten Anschlag der Polizei. Seinen Aussagen zufolge kam der Auftrag mit "speziellen Grüßen des irakischen Staatspräsidenten" - direkt von Saddam Hussein.

Später ließ die westdeutsche Justiz die mutmaßlichen Terroristen wieder laufen - mit Rücksicht auf die seinerzeit guten Beziehungen zum Irak. Der Berliner PDS-Abgeordnete Giyasettin Sayan, der bei dem oppositionellen Treffen dabei war, hat inzwischen ein Buch über das vereitelte Attentat geschrieben: "Saddams tödliche Diplomaten in Berlin". Er recherchierte auch in Stasiunterlagen. "Die Stasi hat die mutmaßlichen Terroristen die ganze Zeit beobachtet, aber nicht eingegriffen", meint Sayan.

Terrorkommandos aus der Botschaft

Im September 1990 geriet das Botschaftspersonal erneut unter Druck. Die Zeitschrift "Junge Welt" berichtete, in der Botschaft würden große Mengen von Waffen und Sprengstoff lagern. Mehr noch: Das Blatt sprach von regelrechten "Terrorkommandos", die im Begriff seien, sich zu formieren. Sie könnten gegebenenfalls auf deutsche Entscheidungen reagieren, die sich gegen den Irak richten. Das Land befand sich damals seit einem Monat im Krieg mit den USA. Das DDR-Innenministerium bestätigte den Waffenfund. Das zentrale Kriminalamt der DDR ordnete eine Sonderbewachung an.

Nach der deutschen Wiedervereinigung 1990 verließen viele Staaten ihre Vertretungen, wandelten sie in Konsulate oder in Außenstellen der Bonner Botschaften um, weil Ost-Berlin plötzlich nicht mehr Hauptstadt war. Die ehemalige irakische Residenz in der DDR sollte als Berliner Außenstelle der gesamtdeutschen irakischen Botschaft genutzt werden.

Doch daraus wurde nichts. Im Januar 1991, so heißt es in diplomatischen Kreisen, wurde das Personal der Berliner Außenstelle im Zuge des Golfkriegs angeblich von der gesamtdeutschen Regierung zur Ausreise aufgefordert. Seitdem steht das Gebäude leer, samt Mobiliar. Jahrelang war der Irak international ein geächteter Staat mit eingefrorenen Konten. Für die Liegenschaft war kein Geld da.

So entstand ein Ort, der immer wieder entdeckt wurde - und dann erneut in Vergessenheit geriet. Im Jahr 2003, kurz nach Ende des zweiten Irakkriegs, berichteten mehrere Zeitungen über den desolaten Ort, in dem Saddam Hussein damals noch immer milde von den Wänden der Büroräume lächelte. Botschafts-Touristen schleppten massenhaft Fotos und Porträts des Diktators aus dem Gebäude. Die "New York Times" schrieb gar von "Plünderung".

Kurze Zeit später brannte es in der Residenz. Vermutlich Brandstiftung. Das war vor sieben Jahren. Seitdem schlummert der Bau wieder in seinem Dornröschenschlaf, mitunter aufgeweckt von Souvenirjägern.

Artikel bewerten
4.0 (85 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 6 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Gunter Amonn 08.04.2010
Interessante Parallele: Die ehemalige irakische Residenz in Bonn-Friesdorf ist in einem ähnlichen Verfallsstadium und wird ebenfalls gerne als Abenteuerspielplatz genutzt.
2.
Michael Dauffenbach 08.04.2010
Ein paar Bilder aus der irakischen Botschaft in Bonn gibt es hier: http://www.urban-aix.de/frank/arabianembassyf/index.html und hier http://www.urban-aix.de/baerbel/arabianembassyb/index.html
3.
Khadija Carroll La 08.04.2010
This is super interesting, thank-you! I'm doing some research on the architecture of these embassies and am wondering if you know more about the architect of the Iraq one?
4.
M. Jaeckel 09.04.2010
The embassy has been explored and 'looted' already since several years: here is a text for the NYT from 2003 http://www.nytimes.com/2003/09/26/opinion/saddam-hussein-is-in-my-kitchen.html?scp=4&sq=caroline%20winter&st=cse
5.
Alexander Meyer 09.04.2010
ich bin doch glatt mal vorbeigefahren. wirklich äußerst interessant.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH