Vergessene Orte Geisterstadt im Eis

Vergessene Orte: Geisterstadt im Eis Fotos
Elin Andreassen

Welche Spuren hinterlassen Kommunisten und Kohlearbeiter, wenn sie eine Siedlung in der lebensfeindlichen Arktis aufgeben? Zwei Archäologen und eine Fotografin machten sich in der Geisterstadt Pyramiden auf die Suche - sie fanden 60.000 Bücher, einen Katzenfriedhof und jede Menge deplatzierte Tiere. Von

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Auf 78°40´N 17°20´E liegt die nördlichste Geisterstadt der Welt: Pyramiden, Spitzbergen. Anders als in anderen Geisterstädten wehen hier keine Tumbleweed-Büsche durch die leeren Straßen, sondern die meiste Zeit des Jahres nur Schneeflocken. Im arktischen Winter liegen die Durchschnittstemperaturen bei minus zwölf Grad, während des kurzen Sommers klettern sie auf plus fünf. Der Permafrost reicht mehrere hundert Meter tief. Und es war nicht einmal Gold, das in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bis zu 1000 Russen und Ukrainer in die arktische Einsamkeit trieb. Es war Kohle.

Bis 1998 dauerte der Kohlerausch im hohen Norden. Dann gab der russische Betreiber Trust Arcticugol auf und schickte die Bergleute dahin zurück, wo sie herkamen: ins ukrainische Kohlerevier Donbass oder in die Braunkohlegruben des zentralrussischen Tula. Nachdem die Menschen ausgezogen waren, kamen die ursprünglichen Bewohner der Region wieder zurück. Heute teilen sich Möwen die Ruinen mit gelegentlich vorbeistreunenden Eisbären. In den Sommermonaten landet ab und zu ein Boot mit Tagesausflüglern aus dem 100 Kilometer weiter südwestlich gelegenen Longyearbyen.

Vor vier Jahren aber zogen wieder Gäste in die vereinsamten Zimmer des Hotel Tulip ein. Eine Woche lang lebten die beiden Archäologen Hein Bjerck, Bjørnar Olsen und die Fotografin Elin Andreassen zwischen den Ruinen und dokumentierten, was von Pyramiden übriggeblieben ist. Jetzt sind ihre Beobachtungen als Buch erschienen. "Die allermeisten Dinge stehen noch genau dort, wo sie hingehören", beschreibt Bjerck die Siedlung. "Dadurch fühlt es sich an, als sei alles nur verzögert oder kurz angehalten: Eine sowjetische Stadt, in der scheinbar die Zeit still steht." Jederzeit bereit, das Leben wieder aufzunehmen.

Eine Stadt wie ein großer Organismus

In der Bibliothek des Kulturpalastes stehen noch 60.000 Bücher auf den Regalen. Balalaikas lehnen spielbereit in Ständern und auf der Bühne wartet der nördlichste Flügel der Welt auf den nächsten Pianisten. Vergeblich – er ist zu verstimmt, um noch ein Lied herzugeben. In der Hotelbar stehen noch die Gläser. Der ausgestopfte Eisbär leistet im Museum einem präparierten Rentier friedliche Gesellschaft. Bücher, Balalaikas, das Rentier – was niemand haben wollte, blieb zurück im Permafrost.

Pyramiden entstand aus dem Nichts. Jedes Eisenrohr, jede Holzbohle, jeder Nagel musste mit dem Schiff in die Arktis geschafft werden. Und zwar zwischen Juli und September, wenn das Eis den Billefjorden so weit freigab, dass ein Schiff ihn gefahrlos ansteuern konnte. Jedes Jahr im Oktober begann dann wieder die lange Isolation, in der nur gelegentlich ein Hubschrauber aus Longyearbyen oder dem russischen Barentsburg den Ort anflog. In dieser Einsamkeit war Pyramiden weitgehend auf sich gestellt. Außer der Einsamkeit und dem Eis gab es jedoch glücklicherweise noch etwas im Überfluss: Kohle.

"Die Fülle von verwertbarer Kohle sorgte für einen Überschuss an Energie, mit dem die Stadt gespeist und geformt wurde. Sie funktionierte und verhielt sich wie ein großer Organismus", erklärt Bjerck. Alle ihre Extremitäten aus Gebäuden oder sonstiger Infrastruktur waren untereinander mit einem Röhren-Kabel-System für heißes, kaltes und Abwasser, Strom und Telefon verbunden. Diese Adern zogen sich durch das gesamte Areal, immer erkennbar an der ausgestrahlten Wärme und der dadurch bedingten Abwesenheit von Eis und Schnee. Das Herz von Pyramiden war das Kraftwerk, das Mine und Häuser mit Strom versorgte. Sein erhitztes Kühlwasser floss durch diese Adern und sorgte im Meerwasserschwimmbad, in den Häusern und in den Ställen von Kühen, Schweinen und Hühnern für bullige Wärme.

Landwirtschaft im Eis

Der Organismus Pyramiden funktionierte weitestgehend selbsterhaltend. In einer lebensfeindlichen Umgebung wie der Arktis überlebt am besten, wer ohne fremde Hilfe auskommt. Die Tiere produzierten nicht nur Fleisch, Milch und Eier, sondern auch jede Menge Dung. Und der wiederum wanderte direkt in die Töpfe des Gewächshauses. Hier wuchsen, verwöhnt durch die tropischen Temperaturen des Kraftwerk-Kühlwassers, Gurken, Petersilie, Tomaten, Zwiebeln, Lauch, Salat, Paprika – und sogar Blumen. Landwirtschaft im Eis.

Im Jahr 1975 trotzten die Bauern Pyramidens der arktischen Kälte 35.000 Kilo Fleisch, 48.000 Liter Milch, 110.000 Eier und 5700 Kilo Gemüse ab. Außer Wärme gab es noch ein weiteres Abfallprodukt der Kohle, das den Charakter der Stadt prägte: Mineralasche. Das Restprodukt der Stromgewinnung lieferte das Kraftwerk an die Ziegelei. Die presste daraus Zementbausteine. Die meisten Gebäude der Stadt bestehen aus den verbrannten Eingeweiden der Mine, der sie ihre gesamte Existenz verdankte. Auch ihren Namen. Der Hausberg, unter dem die Kohleflöze liegen, hat die Form einer Pyramide.

30 Wohngebäude aus Mineralascheziegeln stehen in Pyramiden, die meisten davon sind vierstöckige Appartementblocks. Dazu eine Feuerwehrstation, die gleichzeitig als Gefängnis diente, eine Schule, ein Kindergarten, ein Krankenhaus, das Hotel Tulip, ein Sportzentrum, der Kulturpalast, ein Gewächshaus, Schweinestall, Kuhstall, Hühnerhaus. Nur ein Haus ist nicht aus Ziegeln, sondern aus Glas. Ein Kunstwerk, gebaut aus 5308 leeren Flaschen. Wenn die Sonne im Sommer scheint, leuchten seine weiß-grün-braunen Wände.

"Demonstration sowjetischer Vitalität"

Auch die Toten haben ihren Platz in Pyramiden, 43 von ihnen liegen auf dem Friedhof. Die Katzen aber bekamen ein Massengrab. Eigentlich sind Katzen auf Spitzbergen verboten. Sie zählen zu den Neozoen - jenen eingeschleppten Arten, die ohne menschliche Hilfe die Arktis nicht hätten erreichen können. Doch die Einwohner von Pyramiden scherten sich wenig um das Verbot. Als sie wieder abzogen, ließen sie die Tiere zurück. Aufräumtrupps, die in den Monaten nach der offiziellen Schließung der Siedlung dort arbeiteten, fanden Dutzende der verhungerten Tiere. Eine weiche Seele schaufelte ihnen ein Grab und setzte ihnen ein Denkmal: eine mannshohe Sonnenblume, hastig aus Restmetall zusammengeschweißt.

Noch eine weitere eingeschleppte biologische Spezies fanden die Archäologen bei ihrer Bestandsaufnahme. "Auf dem Platz in der Mitte des Ortes wächst grünes Gras", erzählt Bjerck. "Es ist ein Spezialimport aus Sibiren, der an die harschen Bedingungen der Tundra angepasst ist." Einst war dieses Gras eine politische Aussage: "Was hätte eine bessere Demonstration sowjetischer Vitalität und sowjetischen Erfolgs sein können als ein wohlgepflegtes Viereck mit üppigem grünen Gras inmitten einer der lebensfeindlichsten Landschaften der Welt?" Besonders wichtig wurde diese Demonstration sowjetischer Macht natürlich während des Kalten Krieges. Denn wenn auch durch den Spitzbergenvertrag von 1920 zur Ausbeutung der Bodenschätze berechtigt, befand sich die UdSSR doch auf Gebiet, in dem der Nato-Mitgliedsstaat Norwegen volle Souveränität besitzt.

Das sowjetische Prinzip der Bezwingung der Natur ist überall in Pyramiden sichtbar. "Es entsprach dem kommunistischen Wunschbild einer Welt, die von Menschenhand geschaffen ist. In der die Produktionskraft die Menschen von den Beschränkungen der Natur befreit", erklärt Bjerck. Sichtbar wird es vor allem dort, wo die Natur zuerst abwirft, was ihr aufgezwungen wurde. Der im Frühjahr vom Schmelzwasser gespeiste Fluss, einst gezähmt von unzähligen Dämmen und Mauern, bewegt sich heute ganz ungeniert mitten durch die Stadt: unterspült eine Ecke des Kulturpalastes und hat einen Arm durch die Mitte des Kinderspielplatzes gestreckt. Und die Fundamente der Häuser, früher künstlich im Permafrost gehalten durch Halogenkohlenwasserstoffe, weichen nun im Sommer auf, geben nach und verziehen die Mauern.

Der Verfall hat längst begonnen

"Diese 'Rückkehr der Wildnis' zu beobachten, war eine beeindruckende und auch ein wenig beängstigende Erfahrung", kommentiert Bjerck. Es waren die Grenzüberschreitungen der Natur in menschliches Territorium, an denen deutlich wurde, dass Pyramiden eben nicht im Dornröschenschlaf liegt, sondern in der Stadt die Abwärtsspirale des Verfalls begonnen hat. "Die Gebietsverletzungen zwischen Natur und Menschenraum wurden spürbar an Vogelnestern auf den Fensterbänken, an Federn und Vogelkot in den Zimmern, in denen ein Fenster zerbrochen ist, an einer toten Möwe auf dem Fußboden der früheren Wohnung eines Direktors – kurz: an Vögeln dort, wo sie nicht hingehören."

Die Menschen hingegen haben wenig hinterlassen, was den Frieden der Natur stören würde. Anders als andere verlassene Stätten zeichnet sich Pyramiden durch die fast völlige Abwesenheit von Abfall aus. Die Müllkippe der Stadt besteht hauptsächlich aus jener Mineralasche, aus der auch die Ziegel gebrannt sind. Die Abgeschnittenheit von der Umwelt machte erfinderisch: Alles, was für seinen ursprünglichen Gebrauch nicht mehr taugte, wurde umfunktioniert, wiederverbaut, in verwertbare Einzelteile zerlegt. "Die Müllkippe sieht aus wie ein Sandhaufen", beschreibt Bjerck. "So sauber wie der Sand in einer Spielplatz-Sandkiste."

So kommt es wenigstens nicht zu Problemen wie in der 75 Kilometer weiter südwestlich gelegenen russischen Stadt Barentsburg. Dort wurde vor einigen Jahren eine alarmierend hohe Zahl toter Möwen auf der Müllkippe entdeckt. Die Autopsie der verendeten Tiere im Labor in Oslo verriet die Todesursache: Alkoholvergiftung.

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1.
Daniel Sachse 09.08.2010
Eigentlich schade, dass in dem Artikel jeder Hinweis auf die Katastrophe fehlt, die das Ende für die Minenstadt Pyramiden bedeutete: Am 29. August 1996 stürzte Vnukovo Airlines 2801 beim Landeanflug auf Longyearbyen ab - 130 ukrainische Grubenarbeiter und Angehörige kamen ums Leben. Nach dem Ende des Kalten Krieges unwichtig und schon lange unrentabel geworden, war das wohl der Tropfen, der das Fass für die Betreibergesellschaft zum Überlaufen brachte. Weniger als anderthalb Jahre später verliessen die letzten von einst über tausend Arbeitern die Stadt. So zumindest erklärten uns das die Guides als ich -knapp einen Monat nach der Autorin/Fotografin (?)- vor Ort war.
2.
Hein Bjerck 13.08.2010
I agree with Daniel Sachse ? the reasons why the Russian ?Trust Arctic Coal? abandoned Pyramiden are an interesting question. The answer is also important to understand why the town was left with such amount of tools, equipment, furniture, and things. Of course, this is elaborated in more detail our book, ?Persistent memories. Pyramiden ? a Soviet mining town in the High Arctic?. Sachse is right in presuming that one of the reasons was the catastrophic plane crash in 1996, killing all 141 Russian and Ukraine passengers and crew members on-board. Another is the tragic explosion in the Barentsburg mine in 1997 ? killing 23 workers, and putting the mine on fire. These incidents were a hard blow to the Russian enterprises on Svalbard. However, we think that the most important reason for closing down the mine and settlement is that needed a large investment to prepare a new mine in new coal layers. It seems that the fall of the Soviet Union brought a situation of financial uncertainty to the company, and it was decided to concentrate the activity in the Barentsburg coal mines. This means that Pyramiden was not left for good in 1998 ? it was ?put on hold?. Of course, this affected how the settlement was abandoned. Pyramiden is still the property of Trust Arctic Coal, and amounts of valuable equipment have status of being ?stored?, not ?abandoned?. Workers frequently return to Pyramiden to collect things that are needed in Barentsburg. During the last years, the company has presented ambitions to initiate new activity in Pyramiden ? research and tourism. However, a large part of the abandoned buildings and infrastructure are probably lost for good in the course of more than 10 years of neglect. Hein B. Bjerck
3.
Oksana Rucker 07.10.2013
Es gibt zu dem Ort auch dieses wunderbare musikalische Projekt von Efterklang: http://www.theghostofpiramida.com/watch/
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