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Vergessene Orte Wo die Löwen strammstanden

Löwenkaserne Elstal: Scherben, Trümmer, Gift Fotos
Carina Gall

Einst ließ Hitler hier Soldaten drillen, heute toben sich in der Löwen-Kaserne im brandenburgischen Elstal die Sprayer aus. Bereits mit 15 Jahren erkundete Carina Gall das verfallene Militärgelände.

Elstal war schon zu meiner Schulzeit ein ruhiges brandenburgisches Dörfchen. Um sieben Uhr morgens ist an diesem Sonntag erst recht kein Mensch auf den Straßen zu sehen. Wie früher laufe ich die 3,5 Kilometer vom Bahnhof aus zu Fuß.

Als ich an dem Grundstück der Löwen-Kaserne vorbeischlendere, finde ich rasch die Stelle wieder, an der irgendwann der Zaun niedergetreten wurde. Als ich etwa 15 Jahre alt war, war ich oft in der Gegend und kam von hier aus problemlos auf das ehemalige Militärgelände. Hing das Schild mit der Warnung vor Kameras und Wachmännern etwa schon damals hier? Ich ignoriere den Hinweis und bahne mir einen Weg durch das hohe Gras, um in das Innere der Kaserne zu gelangen.

Soldaten für die Front ausgebildet

Während meine Turnschuhe langsam Tauwasser an meine Socken abgeben, stelle ich mir vor, wie es wohl zu der Zeit aussah, als hier ein Infanterie-Lehrregiment der Wehrmacht untergebracht war. Mit dem Bau der Löwen-Kaserne und der Adler-Kaserne nebenan wurde Mitte der Dreißigerjahre begonnen. Ganz in der Nähe lag das Olympische Dorf für die Spiele 1936, die von Adolf Hitler in Berlin als riesiges Propagandafest inszeniert wurden. Zu dem Zeitpunkt waren zumindest Teile der Adler-Kaserne schon fertiggestellt. Spätestens Anfang des Zweiten Weltkrieges 1939/1940 konnten beide Kasernen genutzt werden.

Die Fenster der Häuser, an denen ich vorbeikomme, sind entweder eingeschlagen oder zugenagelt. In den inzwischen mit Graffiti beschmierten Gebäuden befanden sich nicht nur Schlafsäle der Rekruten, sondern auch Räume für Wachposten und Arrestzellen. Von den nicht weit entfernten Garagen und Fahrzeughallen aus kamen die Soldaten direkt auf ein Übungsgelände.

Die Geschichte des Ortes ist auch mit dem gescheiterten Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 verknüpft. Einheiten eines Regimentes aus dem Kasernenkomplex, die den Widerstand unterstützten, besetzten an dem Tag die Funkhäuser an der Berliner Masurenallee und im brandenburgischen Nauen. Ihnen gelang es jedoch nicht, den Sendebetrieb des Hitler-Regimes zu unterbrechen.

Sowjettruppen rückten 1945 ein

Die Alliierten wussten von dem großen Militärstandort, an dem sich außerdem ein Fliegerhorst sowie Artillerie- und Flugabwehrstützpunkte befanden. Dennoch wurde er nie Ziel massiver Bombardements. Nach Kriegsende 1945 waren dort vorübergehend Flüchtlinge untergebracht, bis die sowjetischen Streitkräfte das gesamte Areal übernahmen und dort knapp 20.000 Soldaten stationierten. Das Terrain wurde schnell vergrößert.

Zwischen Elstal und Dallgow entstand eine kleine sowjetische Stadt mit Schulen, Geschäften, einem Krankenhaus und einer Polizeistation. Einfache Soldaten durften das Gelände nur in Gruppen verlassen. Auf dem Kasernengrundstück brauchte man Passierscheine, um vom Areal einer Einheit zu einem anderen zu gelangen. Die Einheimischen hatten nur zu bestimmten Zeiten Zutritt zu den sowjetischen Einrichtungen.

Während ich mich weiter umschaue, frage ich mich, wie der Alltag hier ausgesehen haben mag. Ich laufe durch einen großen Torbogen und stehe auf einmal vor einer ziemlich mitgenommenen Löwenskulptur. Sie ist über und über bekritzelt, Teile von ihr sind abgebrochen.

Giftstoffe auf Gelände

Dabei hatten die sowjetischen Truppen die Kaserne bei ihrem Abzug Anfang der Neunzigerjahre in einem guten Zustand hinterlassen. Es gab sogar Überlegungen, sie für die Bundeswehr weiterzunutzen. An einigen Gebäude wurden damals Reparaturen vorgenommen und Dächer neu gedeckt. Als man aber feststellte, dass das Gebiet hochgradig mit Schadstoffen belastet war, wurden diese Pläne verworfen. Die Löwen- und die Adler-Kaserne wurden entkernt und stehen seitdem leer.

Ich streife noch ein wenig umher, ohne weiter an schädliche Stoffe zu denken, und stoße schließlich auf die südlich gelegenen Fahrzeughallen. Sie sind stark verfallen und ebenso wie die Häuser nicht gefahrlos betretbar. Ich mache ein letztes Foto, wandere zurück durch das hohe Gras und steige über dieselbe Stelle am Zaun, die ich schon früher so oft problemlos übertreten konnte.

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insgesamt 4 Beiträge
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1. Wie lange muss man solche simplen Schnappschüsse noch ertragen?
uli zimmermann, 13.09.2015
Das Licht ist langweilig, der Ausschnitt auch, die Sehweise einfallslos.
2. @Uli
Michael Stiewe, 13.09.2015
Herr Zimmermann - nicht schimpfen - selbst hinfahren. Ich habe das Gelände zu meiner Jugendzeit in den 80ern kennengelernt, äusserst imposant. War auch sehr oft im Areal drinne (Deutsch-Sowjetische Freundschaft und so). Es ist schade, wie alles zerfällt, jedoch auch wieder erstaunlich, wie die Natur sich ihren Platz zurückerobert. Am interessantesten war es damals ja in Dallgow-Döberitz, wenn man im "Magasin" - welches eher für die sowjetischen Familien eine Einkaufsstätte war - Sachen und Leckereien kaufen konnte, welche es im nahen Falkensee oder in Nauen nicht gab. Dafür haben dann die sowjetischen Damen in F'see sämtliche Bekleidungsgeschäfte leergekauft.
3. Nichts gegen Fotos
Gerhard Dünnhaupt, 14.09.2015
Aber warum werden solche hässlichen Mementos nicht beseitigt?
4. ?
Karsten Schulz, 14.09.2015
Also bei dem Platz handelt es sich sicher um einen Exerzierplatz. Und ob die Russen die Kaserne in einem gutem Zustand verlassen haben möchte ich stark bezweifeln, wenn Muitionsreste etc. auf dem Gelände verteilt sein sollen, dass es als verseucht eingestuft wird. Ich habe die russischen Hinterlassenschaften in Potsdam und Umgebung gesehen, dass war alles total verschlissen, viele Dinge demontiert und in einem jämmerlichen Zustand.
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