Vergessene Orte Trollejagd im Atombunker

Vergessene Orte: Trollejagd im Atombunker Fotos
Ulrich Alexis Christiansen

Geheime Gänge, vergessene U-Bahn-Linien, stillgelegte Bunker unter dem Herz der Stadt: Ulrich Alexis Christiansen hat die geheimnisvolle Unterwelt der Millionenmetropole Hamburg erforscht - und sie mit der Kamera ans Tageslicht geholt.

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"Leicht ist es, in die Unterwelt hinabzusteigen, doch schwer, aus ihr herauszufinden" schrieb der römische Dichter Vergil um 70 vor Christus. Galt früher der Untergrund als Inbegriff der Hölle und die Oberwelten als Himmel, so sieht man es heute sehr viel nüchterner. Trotzdem verbinden viele mit der Welt unter ihren Füßen etwas Mystisches, Unheimliches, Unbekanntes. Gerade das "Souterrain" von Großstädten, auf den ersten Blick nicht sichtbar, ist eine Welt, die Einheimische wie Touristen gleichermaßen in ihren Bann zieht.

Um einen Blick in den "Bauch der Erde" zu erhaschen, muss man heute jedoch nicht erst zu den legendären Katakomben nach Rom reisen - fast jede deutsche Großstadt bietet entsprechende Abenteuer, bei denen man die Stadt unter der Stadt kennenlernen kann. Den Kontrast zwischen dem pulsierenden Leben der Oberwelt und der Stille des Untergrunds lässt sich in der pulsierenden Hafenmetropole Hamburg, der zweitgrößten Stadt Deutschlands, besonders intensiv erfahren. In den Hamburger Unterwelten offenbart sich ein mannigfaltiges Spiegelbild der über tausendjährigen Stadtgeschichte, die an der Oberfläche oft längst der Gegenwart ihren Platz überlassen hat - Reste etwa von Festungsanlagen, Bunkern oder vergessenen U-Bahn-Haltestellen, an denen nie ein Zug hielt.

Die Treppen und Wege, die in die unterirdische Vergangenheit führen, sind heute oft verborgen. Nicht unbedingt unter Laub oder versteckt in Gebüschen - oft liegt die Pforte in die Unterwelt näher als man ahnt. Etwa die schlichte Holztür an der Hamburger St.-Michaelis-Kirche, dem Wahrzeichen der Hansestadt hoch über dem Hafen. Schon nach ein paar Stufen steht man in der Krypta des "Michels" - dort wo seit dem 17. Jahrhundert die Reichen der Stadt samt Familie ihre letzte Ruhestätte fanden - von hier aus durchziehen zahlreiche Geheimgänge, die kaum jemand kennt, den Hamburger Untergrund.

Geheimnisvolle Eisentüren in endlosen Fliesenwänden

Umfangreich ist auch die Kanalisation der Hansestadt, die im 19. Jahrhundert ein britischer Ingenieur namens William Lindley anlegte. Durch viele dieser Tunnel fließen noch heute die Abwässer Hamburgs, andere aber sind stillgelegt und begehbar. Einer von diesen, dessen Kloakenduft bereits 1877 die feine Nase kaiserlicher Besucher gereizt hatte, liegt unter der Lombardsbrücke, im Herzen der Stadt zwischen Binnen- und Außenalster. Der Zugang befindet sich im sogenannten Dampfbootwartezimmer, in dem bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges die Passagiere der Alsterschifffahrt einen trockenen Unterschlumpf fanden.

Doch nicht nur die Kanalisation durchlöchert den eiszeitlichen Untergrund auf dem die 1,8-Millionen-Metropole gebaut ist. Südöstlich der Alster liegt der Hamburger Hauptbahnhof. Dort durchziehen über zwei Kilometer Bahnsteige und Fußgängertunnel die Erde. Auf Besonderheiten trifft man hier gleich nach der ersten Rolltreppe. Selbst der aufmerksame Besucher bemerkt hier kaum, dass die monotonen Fliesenwände im Look der sechziger Jahre ungewöhnlich oft von schweren Eisentüren unterbrochen werden. Dahinter verbergen sich ehemalige Fahrkartenschalter - aber auch die Eingänge zu einem Tiefbunker aus dem letzten Krieg und zu einem einsamen Tunnellabyrinth.

Von hier aus war früher der Zugang zur "Elektrischen" auf der Kirchenallee möglich, doch nachdem sich Hamburg im Herbst 1978 von der Straßenbahn verabschiedet hatte, wurden die Zugänge obsolet und verschlossen. Die Einsamkeit in den verbliebenen Tunneln lockte lange die Obdachlosen des Bezirks an, von denen viele im faden Licht flackernder Neonröhren hier ihren allabendlichen Schlafplatz fanden. Im Mai 1999 verrammelte die Stadt auch die restlichen, breiteren Tunnel.

Geisterhafte Gegenwelt im toten U-Bahn-Stollen

Der Eindruck von Planlosigkeit drängt sich oft auf, wenn man sich mit den heute vergessenen Hinterlassenschaften der Hamburger Städtebauer beschäftigt. Im Schnellbahnbau zu Beispiel: Die ambitionierten Ausbauvorhaben aus den fünfziger Jahren wurden zwei Jahrzehnte später aus Geldmangel wieder eingestampft - und was damals schon gebaut war, kennt heute niemand mehr. Wo oben die Fernzüge aus allen Himmelsrichtungen ein- und ausrollen, liegen etwa zwölf Meter tiefer die Bahnsteige der Hamburger U-Bahn. Der erlebnishungrige Tunnelforscher dringt etwa bis zur Bahnsteigmitte vor, wo hinter müden Reisenden eine triste Stahltür die Welten trennt.

Wer durch diese Tür tritt, kommt in eine geisterhafte Gegenwelt: Der Lichtkegel der mitgeschleppten Bergwerkslampe erfasst einen Bahnsteig ohne Gleise, der einst für eine Linie in den Hamburger Stadtteil Lurup gebaut wurde. Lurup wartet immer noch auf seinen Bahnanschluss; hier aber gibt es Sitzbänke, auf denen nie ein Fahrgast Platz genommen hat. Plakate locken Passanten zu einer Kaufhauseröffnung im Herbst 1968. Hier steht die Zeit seit 40 Jahren still. Weiter vorne, hinter einem leeren Glaskasten für Stadtpläne, endet abrupt die ausgebaute Tunnelröhre, und der Stahlmantel wird sichtbar, den einst eine riesige Tunnelbohrmaschine auf ihrem Weg durch die Unterwelt hier hinterlassen hat.

Szenenwechsel: Nur etwas südwestlich der Phantom-Bahnsteige liegt Hamburgs größter Tiefbunker. 14 Meter unterhalb des Steintorwalls weicht das Gefühl der Unsicherheit schnell der Neugierde. Es hat eine eigentümliche Faszination, als Entdecker unterwegs zu sein, der erstmals in eine Welt vorstößt, deren Erbauer oft selbst längst Geschichte sind. Der dunkle Bunker wurde Anfang der vierziger Jahre von der Reichsbahn für 2000 Menschen gebaut. Während der letzten Kriegstage, als die alliierten Truppen kurz vor Hamburg standen und die Vorwarnzeit bei Bombenangriffen nur noch ein paar Minuten betrug, starb so mancher schon bei der hektischen Flucht in den Untergrund, totgetrampelt von den flüchtenden Menschenmassen noch bevor die erste Bombe fiel.

Klopapier und Leichensäcke

Wer hier heute Erste-Hilfe-Kästen und Gasmasken aus dem Zweiten Weltkrieg erwartet, wird enttäuscht. Der unterirdische Klotz wurde kurz nach dem Krieg zur Unterkunft für Flüchtlinge umgewidmet; bis 1950 diente der Bunker auch als Bahnhofshotel und Restaurant. Als der Kalte Krieg nach der Kuba-Krise immer heißer wurde, besann man sich der alten Anlage und machte sie fit für den Atomkrieg. So präsentiert sie sich heute voll ausgebaut zum Fall-out-Shelter. Über 2700 Menschen hätten hier 14 Tage lang überleben sollen. Für sie wurden hunderte Rollen schleifpapierähnliches Toilettenpapier und zig Packungen feinste Babywindeln bevorratet - bis hin zum Leichensack ("Plastiksack in Menschengröße") wurde an alles gedacht. An fast alles: Lebensmittel lagen hier nicht - die hätten im Ernstfall aus Depots oder den Lebensmittelabteilungen der nahen Kaufhäuser geholt werden müssen.

Als auch der Kalte Krieg mit der Wiedervereinigung Geschichte war, wurden die bis dahin regelmäßig abgehaltenen Katastrophenübungen in der Anlage seltener und um die Jahrtausendwende eingestellt. Seit 2006 kommt allerdings wieder etwas Leben in den Atombunker im Herzen der Hansestadt: Alle 14 Tage führt dort der Verein "Hamburger Unterwelten e.V." durch die dunklen Gänge und erinnert an eine Zeit, in der jeder Bunkerinsasse seine Liege mit drei anderen hätte teilen sollen. Viele Besucher sind froh, wenn die Zeitreise nach 90 Minuten wieder beendet ist. Wieder am Tageslicht, ist mancher kindliche Besucher ganz sicher, einen Unterweltenbewohner gesehen zu haben. Bloß was für einen - eine Fee, eine Elfe oder doch ein böser Troll?

Zum Weiterlesen:

Ulrich Alexis Christiansen: "Hamburgs dunkle Welten. Der geheimnisvolle Untergrund der Hansestadt." Ch. Links Verlag, Berlin 2008, 300 Seiten.

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1.
Bernd Bergfeld 26.04.2008
Alle diese heute fast vergessenen - vermeintlich unsinnigen - unterirdischen Bauwerke sind zum Zeitpunkt ihrer Erstellung aus der damaligen Beurteilung vernünftig gewesen (hinterher ist man immer schlauer!). Wenn beim Erstellen eines komplizierten Bauwerkes schon Zukunfts-planungen für Erweiterungen hinreichend realistisch sind, man aber später nie wieder oder nur bei gewaltigem Mehraufwand wieder an die Baustelle herankäme, baut man lieber für ein paar Prozent mehr Bauk-osten die geplante Erweiterung gleich mit. Ein gutes oberirdisches Beispiel ist dafür die Freihafen-Elbbrücke. Als die anfangs des vo-rigen Jahrhunderts gebaut wurde, plante man eine Schnellbahn Richtung Veddel, Wilhelmsburg und versah die Brücke mit schweren stählernen Querträgern, auf die dann später die Bahn hätte gelagert werden können, ohne eine neue Brücke zu bauen. - Die Bahn kam nicht, die breiten Träger kann man heute noch im Vorbeifahren mit der S-Bahn nach Harburg sehen.
2.
sabine coley 04.09.2008
Love the pics. I wonder why there would be light in some of the pictures, isnt that a waste of energy, nobody should be there anyway? I also think it is very nice that they actually have tours like that, I wish I would,ve known. Maybe when I visit next time. Iam a big fan of Urban Adventures, and love to read anything about this stuff. Thanks again for posting.
3.
nordee welle 29.06.2010
Was für eine herrliche Serie. Es muss ein wahrer Genuss gewesen sein, diese Location zu erkunden. Und auch die Aufnahmen: sehr gut. Rundum. http://www.deicke-online.de/lost-places-militaer/ Beste Grüße. Und ich freue mich auf mehr.
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