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Vergessene Orte Wo sich die Kanzler quälten

Vergessene Orte: Wo sich die Kanzler quälten Fotos
DPA

"Ein absurdes Bauwerk", fand Helmut Kohl, "Behaglichkeit" vermisste Kurt Georg Kiesinger: Die meisten Kanzler hassten den Bungalow, der ihnen ab 1964 als Bonner Residenz diente. Doch erst der Berlin-Umzug brachte das Aus. Seit 2009 darf die Öffentlichkeit einen Blick in die einstigen Privatgemächer werfen. Von

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Bundeskanzler Ludwig Erhard war mächtig stolz - doch so richtig riss sein Loblied auf den brandneuen Kanzlerbungalow niemanden von den Socken: "Sie sehen hier das Haus, so gebaut wie es dem Wesen meiner Frau und mir gemäß ist", verkündete Erhard bei der Einweihung am 12. November 1964 gestelzt den Festgästen. Die anwesenden Journalisten blickten wenig inspiriert auf zwei klotzartige Gebäudeteile auf den Rheinwiesen. Die neue Residenz des westdeutschen Regierungschefs sei ein "bescheidener Zweckbau", war noch das freundlichste Urteil, zu dem sich die Zeitungen am folgenden Tag aufraffen konnten.

Es war kein guter Auftakt für ein Gebäude, das doch errichtet worden war, um die Mächtigen der Welt gebührend empfangen zu können in der kleinen Bundeshauptstadt Bonn. Und das gleichzeitig dem Kanzler eine ansprechende Privatwohnung bieten sollte. So richtig warm aber wurde denn auch kaum einer der Bewohner mit dem schmucklosen Flachdachbungalow im Park des ehrwürdigen Palais Schaumburg, trotz Rheinblick.

Helmut Kohl, der dort am längsten residierte, nannte den Kanzlerbungalow "ein absurdes Bauwerk", die SPD-Kanzler Willy Brandt und Gerhard Schröder zogen erst gar nicht ein - Brandt war es in dem Flachbau zu schwül und blieb lieber in der Dienstvilla des Auswärtigen Amtes auf dem Bonner Venusberg, Schröder zog ins Palais Schaumburg. Schröder leitete 1999 mit dem Umzug der Bundesregierung nach Berlin auch das Ende des Kanzlerbungalows ein, nach 35 Jahren als stillem Machtzentrum der Bonner Republik.

"Ludwigslust" mit Flachdach

Seitdem war das Gebäude in einen Dornröschenschlaf versunken - aus dem es nun wieder erweckt wird: Mit Stiftungsgeld ist das denkmalgeschützte Haus in den vergangenen zwei Jahren saniert worden und soll bald für die Öffentlichkeit zugänglich sein. Das Bonner "Haus der Geschichte" wird den Kanzlerbungalow mit einer Dauerausstellung in sein Programm aufnehmen. Das Gebäude sei "ein einzigartiges Zeugnis der politischen Geschichte der Bundesrepublik", schwärmt Museumschef Hans Walter Hütter. Nicht nur deutsche Kanzler hinterließen hier ihre Spuren, etwa indem sie die Wohnräume nach eigenem Gusto umgestalteten. Auch hoher Besuch wie die englische Königin Elizabeth II. oder der sowjetische Staatschef Michail Gorbatschow beehrten den unscheinbaren Bungalow.

Die auffällige Bescheidenheit des Baus wurde oft kritisiert, doch war sie von Anfang an politisch gewollt - und spiegelte das Selbstverständnis der Bundesrepublik wider: Der Sitz des westdeutschen Regierungschefs sollte auf keinen Fall als Monument politischen Machtanspruchs verstanden werden können und Urängste bei den europäischen Nachbarn vor einem wiederaufstrebenden Deutschland schüren. Er war so der bewusste Gegenentwurf zu dem direkt nebenan gelegenen Palais Schaumburg, einem schlossartigen Repräsentationsbau, in dem sich seit 1949 die Amtsräume des Bundeskanzlers befunden hatten und das noch bis 1976 sein offizieller Dienstsitz blieb.

Der Münchner Architekt Sep Ruf (1908-82) schlug daher einen modernen, völlig unprätentiösen Flachbau mit viel Glas vor. "Westdeutschland - weltoffen, modern, transparent", sollte das signalisieren. Und konnte doch nicht alle überzeugen. Der Bonner Volksmund verspottete den Bungalow bald als "Palais Schaumbad" oder, in Anspielung auf Bauherr Ludwig Erhard, als "Ludwigslust".

"Ich brauche eine gewisse Behaglichkeit"

Dass der sich in dem neuen Ambiente wohlfühlte, war nicht so überraschend - Architekt Ruf hatte Anfang der Fünfziger schon das Privathaus der Erhards in Gmund am Tegernsee entworfen. Doch schon Erhards direkter Nachfolger Kurt Georg Kiesinger kam mit der Architektur nicht klar. "Vielleicht bin ich für dieses Haus zu altmodisch", klagte der Kanzler der ersten Großen Koalition, der die Korridore zu schmal, die Decken zu niedrig, die Räume zu klein fand: "Ich brauche eine gewisse Behaglichkeit." Dass er, wie alle anderen Kanzler auch, die Miete für die ungeliebte Wohnung aus seiner Privatschatulle zahlen musste, trug nicht zur Wertschätzung bei. Die einzige kleine Extravaganz des Baus sagte Kiesinger allerdings zu: der Pool im Privatbereich. "Das ist herrlich, das ist ein wirkliches Geschenk Erhards", schwärmte Kiesinger.

Am längsten prägte Helmut Kohl den Kanzlerbungalow - obgleich auch er ihn nicht sonderlich mochte und die Miete als "sehr teuer" empfand. "Es war gar keine Atmosphäre", erinnert er sich an sein langjähriges Bonner Zuhause. Seine Söhne hätten sogar auf Luftmatratzen schlafen müssen, da die Betten für den hochaufgeschossenenen Kohl-Nachwuchs zu kurz gewesen seien. Also gestaltete Kohl den Bungalow nach seinem persönlichen Geschmack um. Er installierte eine bombastische Lichtanlage, überspannte Steinwände mit Stofftapeten, hing Gemälde wie "Kärntner Berge im Vorfrühling" auf und legte einen großen Perserteppich aus, der nicht so ganz zum modernen Bodenbelag passen wollte.

Irgendwann hatte sich sogar Helmut Kohl an sein zunächst ungeliebtes Heim gewöhnt. So sehr sogar, dass er zunächst nicht ausziehen mochte, nachdem er 1998 die Bundestagswahl und damit auch das Anrecht auf den Kanzlerbungalow verloren hatte. Sein Amtsnachfolger ließ Kohl gewähren und noch ein volles Jahr im Flachbau am Rhein weiterwohnen - Gerhard Schröder hatte schon das neue, machtvoll-klotzige Kanzleramt in Berlin fest im Blick.

Mit Material von dpa und ddp

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insgesamt 16 Beiträge
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1.
Frietjoff Hansen, 26.10.2012
Man muss ja kein Fan der klassischen Moderne sein. Auf keinen Fall ist das Gebäude jedoch ein »Zweckbau« oder »unscheinbar«.
2. Kleingeister
jens jens achilles, 28.07.2014
Bis auf Erhard alles Kleingeister, Kleinbürger, ....... Ein fantastisches Gebäude. Eleganz und Bescheidenheit, was gibt es schöneres? Nix.
3. Wieder mal ein Beispiel
M. Jablo, 29.07.2014
für die verschwendung von Steuergeldern. Das Gebäude wird "renoviert" und dann in ein Museum umgewandelt. Also Kosten, Kosten und noch mehr Kosten. Warum zum Teufel wird es nicht einfach Verkauft/Vermietet?
4. Stimmig!
Mike Roßmann, 02.12.2014
Ich empfinde sowohl Architektur als auch Ausstattung als äußerst stimmig und für die doch eher "miefige" Entstehungszeit als gewagt und sehr modern. Hat was vom Dt. Pavillon in Barcelona. Ich kann daran ebenfalls nichts zweckmäßiges und unscheinbares erkennen, empfinde das eher als Lehrstück wegweisender Architektur und Ausdruck des Aufbruchs in die neue Zeit. Einzig die Anlage der Gästezimmer lt. Grundriß-Foti scheint etwas gedrängt, was wohl der erforderlichen Anzahl im Konflikt mit der Größe der Anlage geschuldet ist.
5. Ganz sicher nicht jedermanns Geschmack...
Andreas Schneider, 02.12.2014
...aber mir gefällt die klare Linie. Dass in späteren Jahren viel "Inneneinrichtung" dazu kam, ist schade, aber verständlich.
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