Vergessene Rennstrecken Wo die Zeit rast

Schüsse, Schnaps und Selbstmordkurse: Die Motorsportgeschichte ist voll von legendären Pisten, doch viele von ihnen sind mittlerweile verfallen. Ein Bildband zeigt die vergessenen Strecken und erinnert an ihre großen Zeiten - als Exzesse und Katastrophen zum Rennalltag gehörten.

LAT Photographic

"Wer, verdammt noch mal, will Rock'n' Roll hören?" Janis Joplin brüllt in die Menge. Vor ein paar Minuten erst ist die Sängerin zusammen mit einer Formation Hells-Angels-Bikern eingetroffen, sie saß auf dem ersten Motorrad, winkte mit einer Hand und trank mit der anderen aus einer Whiskeyflasche. Irgendwie war sie danach diese Bühne hochgestolpert, auf der sie jetzt steht. Unten johlen die Massen, oben schreit Joplin - dann zieht sie eine Pistole und ballert in die Luft.

500.000 Menschen werden an jenem schwülheißen Tag im Juli 1970 Zeuge dieses bizarren Auftritts. Es sind Hippies, die sich bei einem gigantischen Festival in der Nähe von Atlanta drei Tage amüsieren wollen. Die Liebe ist frei, die Musik laut und auch die Versorgungslage mit Drogen ausgezeichnet. Am zweiten Tag hält ein Laster auf dem Gelände, zwei GIs heben die Plane, und zum Vorschein kommt eine Ladefläche voller Marihuana. Auf einem Schild steht: "Die Hand voll für 20 Dollar". Statt Erfrischungsgetränken wird Electric Kool-Aid angeboten, ein mit LSD versetzter Softdrink.

Es ist bunte Anarchie, die sich im Sommer 1970 drei Tage lang in dem US-Bundesstaat Georgia abspielt - und eine der letzten großen Veranstaltungen auf diesem legendären Gelände. Denn die Hippie-Party fand auf dem Middle Georgia Raceway statt, einer Rennstrecke, auf der seit 1964 PS-Protze der Nascar-Serie um Siege kämpften. 0,548 Meilen maß das Asphaltoval, das Motorsport-Idole wie Richard Petty berühmt machte und 1966 für einen Skandal sorgte. Staatsbeamte durchsuchten während des Rennens das Gelände, unter dem Eintrittskartenschalter fanden sie eine Geheimtür und stießen auf eine illegale Schnapsbrennerei.

Große Zeiten der großen Kurse

Doch der Rennbetrieb rentierte sich irgendwann nicht mehr, 1971 wurde die Strecke geschlossen. Die Piste verfiel. Heute ist der Kurs von Gras überwuchert, die Tribünen sind verwahrlost und auch der Tunnel ist längst verschüttet, der einst zur illegalen Brennerei führte. Wo früher Motoren röhrten und Zehntausende jubelten, herrscht Stille.

So wie auf dem Middle Georgia Raceway in der Nähe Atlanta sieht es auch in Charlotte aus. Oder in London. Oder in Monza. Überall auf der Welt gibt es Rennstrecken, von denen nichts geblieben ist als die Mythen der glorreichen Vergangenheit. Ein Bildband zeigt jetzt die legendärsten Pistenruinen und erinnert an die großen Zeiten der großen Kurse. Es ist eine Zeitreise zu Helden und Versagern, zu Triumphen und Skandalen - und zu den faszinierenden Ursprüngen des Motorsports.

Die Nascar-Veranstaltungen sind heute der Amerikaner liebste Rennserien. Hunderttausende pilgern zu Rennen in Indianapolis oder Daytona, die Fahrer sind Berühmtheiten. Dabei geht die Nascar auf Alkoholschmuggler zurück, die ihre Autos frisierten, um den schwarzgebrannten Whiskey schneller transportieren zu können. Den Job übernahmen sogenannte Bootlegger. Der bekannteste unter ihnen: Junior Johnson, ein Farmersohn aus Wilkes County in North Carolina, der den Stoff aus Großvaters Destille unters Volk brachte.

Unkraut aus den Asphaltritzen

Der spätere Star der Nascar-Szene war in seinem aufgemotzten Schnapsbomber den Cops stets knapp voraus. Legendär wurde Johnsons "Bootleg-Turn", eine 180-Grad-Wendung bei Vollgas. Irgendwann trafen sich die Bootlegger zu illegalen Rennen, später wurde aus den spontanen Vollgas-Sessions eine Institution: die National Association for Stock Car Auto Racing, Nascar. Das erste offizielle Rennen wurde am 19. Juni 1949 auf dem Charlotte Speedway ausgetragen.

Die Strecke wurde 1956 nach nur sieben Jahren geschlossen und später abgerissen. Auch die Wiege der Nascar-Serie, der North Wilkesboro Speedway, auf dem die Bootlegger schon Ende der vierziger Jahre um die Wetten gerast waren, ist verrottet. Auf dem Feld innerhalb des Rennovals wuchs anfangs noch Mais für den Schnaps, eine später errichtete Tribüne taufte man mit einem Fläschchen Schwarzgebranntem. Heute sprießt nur noch Unkraut aus Asphaltritzen, die Tribüne rostet, Farbschriftzüge blättern. Kaum vorstellbar, dass sich noch vor knapp 20 Jahren die Motorsportfans den Reifenabrieb aus den Haaren schütteln mussten.

Mit dem Gegenteil, nämlich einer schlecht einsehbaren Piste, hatten es die Motorsportbegeisterten der ersten Stunde an einer anderen Rennstrecke zu tun: Brooklands, nicht weit von London entfernt. Dort liegen die Reste der Pionierstrecke, die schon 1907 eingeweiht wurde. Der Nürburgring beispielsweise eröffnete erst zwei Jahrzehnte später, der Indianapolis Motor Speedway 1911. Brooklands gilt deshalb als die Mutter aller Superspeedways.

Eine Tragödie und ihre Folgen

Brooklands mit seinem mit 5,23 Kilometern rekordverdächtig langen Oval war so weitläufig, dass die Zuschauer die Rennen kaum verfolgen konnten. Anfangs unterschieden sich noch nicht einmal die Rennwagen farblich voneinander, und es gab keine Startnummern am Blech. Um den Fahrern möglichst nahe zu sein, zogen sich PS-Fans bis auf die Badekleidung aus und kletterten in ein Holzboot. Der Fluss Wey führte direkt unter einer stark angewinkelten Steilkurve entlang, auf der die Maseratis, Talbots und Napier-Railtons gut sichtbar vorbeischossen. Mit dem Spektakel war es 1939 vorbei, der Rennbetrieb wurde eingestellt. In Brooklands wurden fortan vor allem Flugzeuge gebaut.

Ob Krieg oder Konkurs, das Aus für die Pisten hatte die unterschiedlichsten Gründe. Selten ging es dabei aber so dramatisch zu wie in Monza. Im königlichen Park in der Nähe der italienischen Stadt lag ein Hochgeschwindigkeitskurs, die "La Pista d'alta Velocità". Die Strecke war 1922 fertiggestellt worden, sechs Jahre später ereignete sich die erste Katastrophe, als bei einem Unfall der Pilot Emilio Materassi und 27 Zuschauer starben. Am Nachmittag des 10. September 1933, es nieselte, kam es zu einer weiteren Tragödie, die das Ende für die Rennstrecke bedeuten sollte.

Es begann mit der Explosion eines Motors. Das Auto von Graf Carlo Felice Trossi, dem damaligen Präsidenten des Ferrari-Teams, verlor dabei viel Öl. Notdürftig schüttete die Rennleitung Sand über den Schmierfilm auf der Strecke. Das Unheil nahm seinen Lauf. Giuseppe Campari, italienischer Volksheld und Maserati-Pilot, geriet auf dem Ölfilm in der Südkurve ins Schlingern, raste in die Streckenbegrenzung und überschlug sich. Er starb ebenso an Ort und Stelle wie sein Teamkollege Baconin Borzacchini, der nicht ausweichen konnte und sich das Genick brach.

Ferdinando Barbieri, der in Camparis Wrack krachte, kam mit dem Schrecken davon - und lief eine halbe Stunde zu Fuß in den Boxenbereich. Zwar boykottierten einige Fahrer den zweiten Lauf, doch das Rennen wurde - heute undenkbar - fortgesetzt. In der neunten Runde überschlug sich der Pole Stanislaus Czaykowski. Sein Wagen ging in Flammen auf, der Pilot verbrannte.

"La Pista d'alta Velocità" wurde stillgelegt, heute sind nur noch Reste der Raserpiste erhalten. Doch vom Hochgeschwindigkeitsrausch hat man in Monza trotz der vielen Toten nie abgelassen. Auch der umgebaute, heute genutzte Kurs gilt mit seinem hohen Vollgasanteil als einer der schnellsten der Welt.

Zum Weiterlesen:

S. S. Collins und Gavin D. Ireland: "Vergessene Rennstrecken - Legendäre Kurse in aller Welt". Heel Verlag GmbH, Königswinter 2011, 176 Seiten.



insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
Rainer Schuetz, 16.12.2011
1.
Ich kenne das Buch nicht aber offengestanden mißfällt mir der pessimistische Unterton in dem Artikel. Für alle die das ganze Jahr nur Mikado spielen, Steine lutschen und ein Dutzend Versicherungen laufen haben: Beim Rennen fahren oder auch Fallschirmspringen wird nicht dem Tode ins Auge geblickt sondern das Leben zelebriert ! In diesem Sinne: Haut rein.
Markus Döring, 16.12.2011
2.
Ja Herr Schuetz, wir haben es kapiert, sie sind ein ganz Toller! Viel Spaß beim mannhaften Gegen-die-Wand-Rasen...
Bernd Müller, 16.12.2011
3.
> 1967 wurde die extrem steile Nordkurve abgebaut - > und die Avus nur noch als Stadtautobahn genutzt. Das ist nicht korrekt. Die Avus wurde bis Ende der 90er Jahre hinein noch für Autorennen genutzt.
Gerd Binnig, 18.12.2011
4.
Der Artikel erweckt den Eindruck, das Hochgeschwindigkeits-Oval in Monza läge seit den 1930ern brach. Das stimmt definitiv nicht, denn das Oval wurde um 1954 erneuert und mit den heute noch stehenden Steilkurven versehen. Rennen wurden dort bis 1969 gefahren. Wenn das Buch wirklich so schlecht recherchiert sein sollte werde ich auf den Kauf wohl verzichten. Danke für die Rezension, Herr Weißenborn.
Thomas Ludwig, 18.12.2011
5.
1933 gab es die Firma Ferrari noch nicht. Scheint ein miserabel recherchiertes Buch zu sein
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