Vergessene Serienkiller Die unsichtbaren Ungeheuer

Sie mordeten und wurden weltberühmt: Jack the Ripper, Ted Bundy, Fritz Haarmann. Doch im Schatten dieser grausamen Triebtäter gab es Serienkiller, die sogar Hunderte Menschen umbrachten und trotzdem fast völlig in Vergessenheit gerieten - einer ist bereits wieder auf freiem Fuß.

AP

Von


Am liebsten tötete er in der Tea Time. So zwischen 15 und 17 Uhr, ausgerechnet in der in Großbritannien fast schon sakralen Nachmittagspause. Während seine Landsleute sich gelassen in ihre Sessel zurücklehnten, Milch im Tee verrührten und Gebäck und Pralinen reichten, besuchte Harold Shipman ältere Frauen, die ihm vertrauten. Weil sie ihn länger kannten. Weil er ein Arzt war. Weil er so freundlich wirkte, mit seinem weißen Vollbart und der runden Brille.

Dann griff er zur Spritze, verabreichte ihnen eine tödliche Überdosis Morphium und fuhr zurück zu seinen vier Kindern und seiner Frau Primrose, die ihm kurz danach das Abendessen zubereitete.

Jahrzehntelang konnte Harold Shipman diese bürgerliche Fassade wahren, ohne dass jemand Verdacht schöpfte. Ja, er galt als arrogant und aufbrausend. Manch einer wusste auch noch, dass Shipman in jungen Jahren nach einem Schmerzmittel süchtig war, es sich illegal besorgte und deswegen zu einer Geldstrafe verurteilt worden war. Aber dass er süchtig nach Morden war, ahnte niemand.

Von 1975 bis 1998 tötete der Arzt wohl mindestens 215 Menschen, vielleicht sogar 345. Die meisten Opfer waren alleinstehende Frauen. Meist schrieb er "Herzversagen" auf den Todesschein. "Sah die Patientin zu Hause, machte Diagnose, rief nach ambulantem Transport, Patientin tot, als ich wieder nachsah - alles innerhalb von zehn Minuten", lautete einer seiner üblichen Berichte, deren Häufung niemanden misstrauisch machte. Erst als Shipman stümperhaft das Testament einer verstorbenen Patientin zu seinen Gunsten fälschte, flog er auf.

Faszination des Bösen

Vor zehn Jahren wurde "Dr. Death", der "britische Mengele", wie ihn englische Medien tauften, verurteilt - wegen 15-fachen Mordes. Als nach dem Urteil klar wurde, dass Shipman mindestens 200 Menschen mehr auf dem Gewissen haben dürfte, wurde der Prozess nicht noch einmal aufgerollt - das Gefängnis würde er so oder so nicht mehr verlassen. Die Fragen nach den Motiven aber blieben unbeantwortet: War es das Verlangen, sich als Gott aufzuspielen? Ein gestörtes Verhältnis zu Frauen? Oder kompensierte Shipman den frühen Krebstod seiner Mutter, die einst auch mit Morphium behandelt worden war?

Der Täter schwieg - und zehn Jahre danach ist Großbritanniens schlimmster Serienmörder nahezu in Vergessenheit geraten. Kein Einzelfall. Jeder kennt Jack the Ripper, den "Campus-Killer" Ted Bundy, den "Clownsmörder" John Wayne Gacy oder Fritz Haarmann, den "Werwolf von Hannover", der seinen Opfern die Kehle durchbiss. Aber folgt man allein der zynisch-morbiden Zahlenlogik der Serienkiller, gab es durchaus "erfolgreichere" Täter, die zigmal so viele Menschen töteten - und dennoch weitgehend unbekannt blieben.

Fotostrecke

31  Bilder
Unbekannte Killer: Er wirkte so freundlich

John Wayne Gacy oder Ted Bundy etwa wurden in den USA zu heimlich bewunderten Ikonen des Bösen, inspirierten Musiker oder lieferten Hollywood grausige Vorlagen. Ihre Namen tauchen in etlichen Büchern und Liedtexten auf oder fanden gar Eingang in Serien wie South Park oder Columbo. Das Leben des 28-fachen Frauenmörders Ted Bundy wurde im TV-Zweitteiler "Alptraum des Grauens" und in einem US-Psychothriller verfilmt. Und John Wayne Gacy, der sich als Clown das Vertrauen seiner Opfer erschlich und 33 Knaben strangulierte, malte während seiner Haft naive Ölbilder und Clowns, die reißenden Absatz fanden - und das Interesse der Medien weiter befeuerten.

Auf frischer Tat gefasst

Andere, noch brutalere und hemmungslosere Serientäter, verschwanden dagegen fast völlig aus unserer kollektiven Erinnerung - vielleicht weil sie in Ländern lebten, in denen Medien und Unterhaltungsindustrie nicht so eine enge Symbiose eingehen wie besonders in den USA, aber auch in Großbritannien und Deutschland.

Wer kennt etwa den Kolumbianer Luis Alfedo Garavito Cubillos, der sich als Mönch oder Bettler verkleidete, mindestens 140 Knaben umbrachte und für jeden Mord einen Strich in seinem Notizblock machte? Oder den Chinesen Yang Xinhai, der von Dorf zu Dorf radelte und 67 Menschen mit Hämmern, Äxten oder Schaufeln erschlug?

Pedro Alonso López soll von 1969 bis 1980 in Peru, Ecuador und Kolumbien sogar 350 Mädchen ermordet haben. Oft tötete er zwei bis drei Kinder pro Woche. Er lockte sie mit Geschenken, Schmuck oder kleinen Spiegeln, führte sie an entlegene Orte, vergewaltigte und erwürgte sie dort. Danach vergrub er sie in schon zuvor präparierten Gräbern, in denen manchmal schon die sterblichen Überreste früherer Opfer lagen.

Erst als eine Überschwemmung 1979 in der Stadt Ambato in Ecuador vier tote Mädchen ans Flussufer spülte, kamen seine Verbrechen langsam ans Licht. Kurz danach wurde López auf frischer Tat geschnappt, als er gerade versuchte, eine Zehnjährige zu entführen. Der Täter gab nun bereitwillig seine Morde zu, führte die Ermittler zu den Gräbern von 53 Opfern und wurde 1980 wegen 110-fachen Mordes schuldig gesprochen. Drei Jahre später gestand er sogar weitere 240 Morde in den Nachbarländern Peru und Kolumbien.

Frühe Entlassung eines Serienkillers

Den Augenblick kurz vor dem Tod seiner Opfer beschrieb er in seinem einzigen Interview einmal als einen "wundervollen und göttlichen Moment" und fügte fast werbend hinzu: "Nur wer wirklich getötet hat, weiß, was ich meine. Der Moment des Todes ist packend und aufregend."

In den USA wäre er mit solch schockierenden Aussagen möglicherweise einmal zum Vorbild für einen Hollywood-Schocker geworden. Oder zu einem neuen Popstar des Bösen. Vielleicht hätte es sogar Menschen gegeben, die trotzdem an seine Unschuld glaubten, vielleicht hätte irgendein HipHop-Sänger eine lobende Liedzeile auf ihn gedichtet, nur um mit dem bewussten Tabubruch aufzufallen. Und vielleicht hätte irgendjemand sogar T-Shirts mit López Konterfei verkauft und ihn als "schlimmsten Serienmörder aller Zeiten" vermarktet - schließlich haben sich die T-Shirts mit Schwerverbrecher Charles Manson auch gut verkauft.

In Ecuador lief die Sache hingegen anders. Zwar wurde López auch dort als "Monster der Anden" bezeichnet - doch dann wurde er Anfang 1999 fast lautlos wieder entlassen. Der Grund war ein absurd mildes Gesetz, das keine längere Haftstrafe als 20 Jahre vorsah.

Dann verschwand er, wurde vergessen, wie viele andere auch. einestages zeigt die schlimmsten dieser unbekannten Serienkiller - und die, die sich nur dafür ausgaben.

insgesamt 11 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Bodo Niemann, 04.06.2010
1.
Der Spiegel übt sich mal wieder im gender bashing. Natürlich werden wieder mal nur Männer als brutale Serienmörder dargestellt. Frauen machen so etwas nicht in der rosaroten Spiegelwelt.
Mario Peters, 07.06.2010
2.
Ich finde, alleine der Titel des Artikels ist schon fast eine Ohrfeige für alle Opfer und deren Angehörigen. Der Fokus liegt wieder mal viel zu sehr auf die Täter, während die Opfer in Wirklichkeit dienenigen sind, die (zumindest in und von der Öffentlichkeit) in Vergessenheit geraten.
Ralf Klein, 07.06.2010
3.
Das ist ja wohl nicht ernst gemeint. Gender bashing! Wenn sie sonst keine Probleme haben. Der nächste beschwert sich dann, daß nur Weiße und Asiaten aufgeführt werden.
Werner Günter Dewerth, 07.06.2010
4.
Den Vorwurf des Gender-Bashing halte ich in diesem Zusammenhang für, gelinde gesagt, hirnrissig. Wollen Sie bei Serienmördern eine Frauenquote? - Daneben gegriffen halte ich es allerdings, wenn dieses Album zur Bewertung freigegeben wird. Was soll ich denn da bewerten? Den besten Killer? Abartig.
Roger Tackmann, 14.07.2012
5.
Zitat: "Anfang 1999 kam er nach dem Ablauf der maximalen Haftstrafe in Ecuador wieder frei. Es ist unklar, ob er heute noch lebt oder, wie von ihm in einem Interview angekündigt, sogar wieder gemordet hat." Ich werde den Eindruck nicht los, die menschliche Dummheit stirbt nicht aus. Und wenn, dann wahrscheinlich mit den Menschen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.