Vergessene Stadt Hak Nam Festung der Dunkelheit

Vergessene Stadt Hak Nam: Festung der Dunkelheit Fotos
Greg Girard

Statt Straßen gab es dunkle Gänge, gesäumt von Müll: In der legendären Slumsiedlung Hak Nam in Honkong lebten 40.000 Menschen auf engstem Raum, Flüchtlinge und Kriminelle, Zahnärzte und Prostituierte. Kurz vor dem Abriss 1993 wagte sich ein Fotograf ins Labyrinth und schoss einmalige Aufnahmen. Von

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Greg Girard erinnert sich noch gut an den Moment, als er die legendäre "Ummauerte Stadt" 1985 zum ersten Mal sah. "Ich war eines Abends nahe des alten Hongkonger Flughafens auf Motivsuche", erzählt der Fotograf. "Als ich um eine Ecke bog, türmte sich auf einmal diese mittelalterlich anmutende Festung vor mir auf. Sie wirkte auf seltsame Weise lebendig." Girard hatte schon viel von diesem mysteriösen Ort auf der Halbinsel Kowloon gehört: "Hak Nam galt als Schmelztiegel des Verbrechens. Meine Freunde hatten mich mehrfach gewarnt, es sei lebensgefährlich, diesen Ort zu betreten."

Girard ignorierte die Warnung; die Neugier war größer. "Ich war schockiert und fasziniert zugleich", erinnert er sich an seinen ersten Besuch in Hak Nam. "Die bis zu 14 Stockwerke hohen Gebäude standen dicht an dicht. Anstelle von Straßen gab es nur sehr enge, von Unrat gesäumte Gänge. Es war dunkel und feucht." Zwischen den Häusern, mehrere Meter über dem Boden, verlief ein Gewirr brüchiger Kabel und rostiger Rohre, in denen Strom und Wasser in beunruhigender Nähe aneinander vorbei flossen - illegal angezapft und abgezweigt von den Hauptleitungen außerhalb der Stadt.

Dieser Ort war nicht am Reißbrett entstanden, er war auf natürliche Weise gewachsen. Viele chinesische Flüchtlinge hatten hier eine Bleibe gefunden und die Architektur ihren Bedürfnissen entsprechend ausgebaut. Drogensüchtige und Verstoßene lebten in Hak Nam genauso wie Menschen, die sich die Miete in Hongkong nicht leisten konnten und tagsüber einer regulären Arbeit nachgingen. Die Polizei ließ sich nur selten blicken. Die Gesetze der Außenwelt schienen hier nicht zu gelten. Wie aber konnte dieser rechtsfreie Raum so lange bestehen?

Vom Militärposten zum Sündenpfuhl

Nicht den Betonfassaden ihrer Hochhäuser verdankt die "Ummauerte Stadt" ihren Namen, sondern einer alten befestigten Militärstellung, auf deren Grundriss sie errichtet wurde: Als die Chinesen Mitte des 19. Jahrhunderts Hongkong an die britischen Besatzer abtreten mussten, ließ Peking den auf britischem Gebiet gelegenen Außenposten in Kowloon durch eine vier Meter hohe Mauer verstärken. Man wollte weiter Präsenz zeigen. Doch die Briten vertrieben die chinesischen Soldaten, und beide Seiten beanspruchten Hak Nam fortan für sich.

So entstand ein kleines Stück Niemandsland. Die Chinesen waren zu stolz, ihre Enklave den Briten zu überlassen. Die Briten interessierten sich ihrerseits wenig für den Bezirk, der in den folgenden Jahren immer mehr verfiel. Als die Japaner während des Zweiten Weltkriegs Hongkong eroberten, wurde selbst jene Mauer, die Hak Nam den Namen gegeben hatte, Stein für Stein abgetragen und für den Bau des nahe gelegenen Flughafens verwendet. Die "Ummauerte Stadt" war zu Brachland verkommen.

Das änderte sich, als nach Kriegsende immer mehr Menschen begannen, sich auf dem Gebiet des ehemaligen Militärpostens niederzulassen. Als die Briten 1947 versuchten, 2000 illegal in Hak Nam Lebende zu vertreiben, kam es zum gewaltsamen Aufstand, in dessen Folge das britische Konsulat in Kanton in Flammen aufging. Um eine weitere Eskalation zu vermeiden, ließ die Hongkonger Regierung die Einwohner von nun an in Ruhe. Die Folge: Das Organisierte Verbrechen entdeckte Hak Nam für sich. Anstelle der Regierung übernahmen die Triaden - Gruppierungen der chinesischen Mafia - die Kontrolle. In den fünfziger und sechziger Jahren wurde die "Ummauerte Stadt" zum Zentrum des Drogenhandels und der Prostitution.

Eingemauert und frei

Fotograf Greg Girard konnte von all dem nur noch wenig entdecken, als er die "Ummauerte Stadt" Ende der achtziger Jahre mehrmals besuchte. Einige gezielt durchgeführte Razzien hatten viele der Kriminellen vertrieben. Die hygienischen Umstände waren immer noch katastrophal. Die Kriminalitätsrate jedoch war in Hak Nam deutlich geringer als in Hongkong. "Die meisten Menschen", so Girard, "wollten einfach nur in Frieden dort leben und ihrer Arbeit nachgehen."

Einer von ihnen war Wong Hoi Ming. Für eine warme Mahlzeit gab der damals 67-jährige Kung-Fu-Stunden. Nicht nur Einwohner von Hak Nam zählten zu seinen Schülern, sondern auch Menschen von außerhalb. Zudem hatte sich herumgesprochen, dass Wong Hoi Ming viel von chinesischer Heilkunde verstand. Obwohl er über keine Lizenz verfügte, konnte er immer darauf bauen, dass es irgendwann an der Tür seiner winzigen Wohnung klopfen würde und jemand seine Hilfe benötigte.

Auch die Unternehmerin Lee Yu Chun lebte hier mit ihrer Familie. Ihr gehörte eine Bonbonfabrik, die ihre Eltern eröffnet hatten, weil die Mieten an diesem Ort bezahlbar waren und niemand Steuern verlangte. Auch Lebensmittelinspektoren trauten sich nicht nach Hak Nam. Aus Brunnenwasser, Zucker und chemischen Zusatzstoffen fertigte der Familienbetrieb täglich Tausende von Bonbons, die an Großhändler in Hongkong verkauft wurden. Die Fabrik war auch bei den Kindern aus der Ummauerten Stadt sehr beliebt. Viele von ihnen halfen dabei, gegen ein geringes Entgelt bunte Bonbons in bunte Papiere zu wickeln.

Abschied von der "Ummauerten Stadt"

Trotz der Schicht aus Bauschrott und Beton, welche die Bewohner von der Außenwelt trennte, und trotz der schweißtreibenden Arbeit, die viele hier verrichteten, schienen die meisten sich innerhalb von Hak Nam frei zu fühlen. Viele fanden hier genau das, was sie brauchten: Schutz vor Abschiebung und Strafverfolgung, eine erschwingliche Wohnung oder die Gelegenheit, ein kleines Geschäft zu eröffnen. "Ein Apotheker, der in Hak Nam einen Laden hatte", sagt Greg Girard, "beschrieb das Leben dort einmal als einen Zustand harmonischer Anarchie."

1987 markierte jedoch den Anfang vom Ende der "Ummauerten Stadt". Zehn Jahre, bevor Großbritannien das gepachtete Hongkong an China zurückgab, wollte die chinesische Regierung plötzlich nichts mehr von ihrer Enklave in Kowloon wissen. Der Führung in Peking war es offenbar peinlich, dass das einzige Stück Land, das man nicht den Besatzern überlassen hatte, als eine Hochburg des Verbrechens galt. Und auch die Briten waren nicht sonderlich stolz auf Hak Nam.

Zum Glück hatte die Regierung aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt und versuchte gar nicht erst, die Einwohner zu vertreiben. Stattdessen ließ man erstmals alle 33.000 dort Lebenden namentlich erfassen. Auf Grundlage dieser Erhebung wurde eine Umsiedlungsaktion in Gang gesetzt. Die meisten Einwohner kamen in Sozialwohnungen unter und erhielten eine Abfindung. Auch Fabrikbesitzer, Ärzte und Kaufleute wurden für den Verlust ihrer Geschäftsgrundlage entschädigt. Das Geld reichte selten aus, um einen Neuanfang zu wagen. Dennoch protestierten nur wenige gegen die Räumung. Lediglich ein paar hundert Hausbesetzer mussten von der Polizei aus Hak Nam herausgetragen werden. Im April 1993 begann die Arbeit des Abrisskommandos.

Hak Nam lebt

Dort, wo einst mehr Menschen auf engstem Raum zusammenlebten als irgendwo sonst auf der Welt, erstreckt sich seit seiner Eröffnung im Dezember 1995 der Kowloon Walled City Park. Die nach altchinesischer Tradition angelegte Grünanlage ist ein Ort der Stille. Von dem geordneten Chaos, das die "Ummauerte Stadt" am Leben hielt, ist hier nichts mehr zu spüren. Nur ein kleines Museum erinnert an ihre bewegte Geschichte.

Aber Hak Nam hat Spuren hinterlassen. Gerade in der Filmindustrie ist das Interesse an diesem verrufenen Ort groß. So ließ sich etwa Regisseur Christopher Nolan durch die Fotos von Greg Girard zur Architektur in "Batman Begins" inspirieren. Der Hongkong-Horror "Re-Cycle" wiederum stilisierte die "Ummauerte Stadt" zu einem jenseitigen Ort, an dem vergessene Seelen ihr Dasein fristen. Und eines der wenigen filmischen Dokumente des echten Hak Nam findet sich in dem Martial-Arts-Film "Bloodsport" mit Jean-Claude Van Damme. Szenen des Films wurden in den Gassen der "Ummauerten Stadt" gedreht, kurz bevor sie für immer vom Erdboden verschwand.

Auch Science-Fiction-Autor William Gibson ("Neuromancer") hat Hak Nam ein literarisches Denkmal gesetzt. In seinem Roman "Idoru" lässt er die Ummauerte Stadt als virtuellen, am Computer erbauten Zufluchtsort wieder auferstehen und beschreibt ihn als "ein Gebilde willkürlichen, menschlich geprägten Wachstums, monströs und grandios".

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insgesamt 10 Beiträge
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1.
Claudia Mueller 23.03.2010
Wie herrlich von diesem laengst vergessenen Ort zu lesen und diese fantastischen Bilder von Hak Nam zu sehen. Ich bin 1985 zusammen mit einem deutschen Sinologen im Strassengewirr herumgelaufen und war fasziniert. Bis heute lassen mich die Eindruecke nicht los von Dunkelheit, Naesse, herabhaengenden Stromkabeln und dem trotzdem so normal scheinenden Leben "im Untergrund" von Hak Nam. Noch heute beschreibe ich gern die Bilder, die sich damals in meinem Kopf festsetzten, wenn ich auf Hong Kong angesprochen werde. Jahre spaeter habe ich dann in HK gelebt und musste angesichts der kahlen Flaechen um den laengst nicht mehr bestehenden alten Flughafen noch immer oft an Hak Nam und seine Menschen denken. Ein Stueck Stadtgeschichte von HK ist war fuer immer verschwunden. Kann man einen Fotoband von Greg Girard ueber Hak Nam kaufen - wuerde mich sehr interessieren !
2.
Oliver Klatt 23.03.2010
Liebe Frau Müller, Der Bildband "City Of Darkness: Life in Kowloon Walled City" von Greg Girard und Ian Lambot ist bei Watermark Publications erschienen (siehe Link am Ende des Artikels). Beste Grüße, Oliver Klatt.
3.
Stefan Rohde 23.03.2010
Ein sehr schöner Artikel. Ich habe den Kowloon Walled-City Park gerade im Februar besucht, heute ist es einer der schönsten Parks in Hongkong. Fotos unter meinem Blog-Eintrag unter: http://blogs.ziemo.de/stefan-und-die-asiaten--teil-iv--hongkong-2010/einen-tag-kultur-bitte--
4.
matti book 24.03.2010
Tolle Fotos, toller Artikel. Sehr informative und gute Arbeit - danke!
5.
Jonny Six 24.03.2010
>Wie herrlich von diesem laengst vergessenen Ort zu lesen und diese fantastischen Bilder von Hak Nam zu sehen. Ich bin 1985 zusammen mit einem deutschen Sinologen im Strassengewirr herumgelaufen und war fasziniert. Bis heute lassen mich die Eindruecke nicht los von Dunkelheit, Naesse, herabhaengenden Stromkabeln und dem trotzdem so normal scheinenden Leben "im Untergrund" von Hak Nam. Noch heute beschreibe ich gern die Bilder, die sich damals in meinem Kopf festsetzten, wenn ich auf Hong Kong angesprochen werde. > >Jahre spaeter habe ich dann in HK gelebt und musste angesichts der kahlen Flaechen um den laengst nicht mehr bestehenden alten Flughafen noch immer oft an Hak Nam und seine Menschen denken. Ein Stueck Stadtgeschichte von HK ist war fuer immer verschwunden. > >Kann man einen Fotoband von Greg Girard ueber Hak Nam kaufen - wuerde mich sehr interessieren ! Als ambitionierter Fotofreund freute ich mich auf den Artikel und faszinierende Fotos, quasi aus einer anderen Welt. Aber wenn man bedenkt, dass es wohl kaum ein dankbareres Motiv gibt, als diesen wahrlich packenden Zivilisationsmoloch, sind die Bilder einfach nur enttäuschend. Da hätte man mehr draus machen können, zumal sich einem, wie gesagt, wohl auf jedem Zentimeter tolle Aufnahmen geradezu aufdängen müssen. Für die Idee eines solchen Bildbandes gibts sicherlich gute Noten, bezüglich der Umsetzung kann ich nur hoffen, dass die 20 Bilder bei Spiegel online allesamt "Ausrutscher" gewesen sind.
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