Vergessener Farbfilm Hamburgs Aufbruch nach dem Bombenkrieg

Vergessener Farbfilm: Hamburgs Aufbruch nach dem Bombenkrieg Fotos
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Kinder fahren Rollschuh zwischen Trümmern, Familien haben sich in den Kellern zerstörter Gebäude eingerichtet: Im Sommer 1948 war Hamburg noch immer vom Feuersturm gezeichnet, doch es herrschte Aufbruchstimmung. Ein seltener Farbfilm dokumentiert eine geradezu gelöste Atmosphäre. Von

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Bei Kriegsende gleicht Hamburg einer Trümmerwüste. Im Feuersturm von 1943 machen britische Bomber ganze Stadtteile dem Erdboden gleich. Mindestens 35.000 Menschen sterben. In den Ruinen versuchen die Überlebenden den Alltag zu meistern. Es gibt nicht genug zu essen, keine Wohnungen, nichts zum Heizen. Tausende sterben krank und entkräftet in den kalten Nachkriegswintern. Doch gleichzeitig beginnt der Wiederaufbau, die Trümmer verschwinden, Neues entsteht.

Im Sommer 1948 zeigt sich Hamburg der Delegation des schwedischen Guttempler-Ordens von seiner besten Seite. Aber die Spuren des Krieges sind unübersehbar. Trümmer und Ruinen säumen die Bahnstrecke, als die schwedische Delegation den Hauptbahnhof erreicht. "Ruinen einer Stadt, die aufbaut und weiterlebt" lautet der Titel der 20-minütigen Farbdokumentation, die das Team der Produktionsfirma Svensk Kulturfilm hier drehen wird.

Neugierig werfen die Gäste einen Blick auf die langen Reihen der Nissenhütten, billige Unterkünfte aus Wellblech, die in den kalten Nachkriegswintern vielen ausgebombten Hamburgern und zahllosen Flüchtlingen das Überleben sichern. Sie bewundern den Hamburger Michel - die Kirche ist eines der Wahrzeichen der Hansestadt und hat die über 200 Bombenangriffe beinahe unbeschadet überstanden - und sie staunen über den regen Verkehr in Hamburgs Innenstadt.

Leben in Ruinen

Das schwedische Filmteam dokumentiert, wie knapp Wohnraum zu dieser Zeit ist - und dass die Hamburger sich davon nicht unterkriegen lassen. Es besucht Familien im Stadtteil Altona, die sich einen ehemaligen Keller ausgebaut haben. Andere hausen in einem ausgebrannten Bus. Es gibt keine traurigen Gesichter, notieren die Filmemacher im Text zwischen den Bildern. In den Ruinen spielen Kinder, lachen und sind fröhlich. Welch ein Lebensmut zwischen diesen Ruinen, lautet der staunende Kommentar.

Als die Aufnahmen der Schweden entstehen, haben die Hamburger die schlimmsten Jahre bereits hinter sich. Ist die Versorgungslage schon zu Kriegsende prekär, wird der Alltag anschließend erst einmal noch schwieriger. Denn es folgen die kältesten Winter der vergangenen hundert Jahre mit Temperaturen unter minus 25 Grad. In Hamburg wird der Notstand ausgerufen. Um wenigstens den Kindern zu helfen, kommt Hilfe aus dem Ausland.

Die größte und umfangreichste Maßnahme ist die sogenannte Schwedenspeisung. Initiiert wird sie vom Präsidenten des Schwedischen Roten Kreuzes, Graf Folke Bernadotte. Bernadotte hält es für die Pflicht seiner Organisation, jenen zu helfen, um die es am schlimmsten bestellt ist. Die "Schwedenspeise" wird in Hamburg zu einer Legende, zu einem Synonym für Hilfsbereitschaft und Unterstützung. Für viele Kinder ist sie fester Bestandteil des Nachkriegsalltags. Möglicherweise wurde der Dokumentarfilm gedreht, um die Ergebnisse dieser Bemühungen festzuhalten und in Schweden zu zeigen.

Ein besonderer Sommer

Die Aufnahmen zeigen einen besonderen Sommer. Als am 20. Juni 1948 die Währungsreform ausgerufen wird, ändert sich die prekäre Situation für die Hamburger. Es gibt wieder etwas zu kaufen. Über Nacht sind die Geschäfte voll. Die Menschen müssen sich nicht mehr auf dem Schwarzmarkt versorgen oder ihr letztes Hab und Gut auf dem Land gegen etwas Essbares tauschen. Die Stimmung steigt.

Es ist eine Zeit des Aufbruchs, des Neuanfangs, eine Zeit, in der eine Zukunft wieder möglich wird - Dokumente, die diese Stimmung widerspiegeln sind selten. Der Film der schwedischen Guttempler fängt diese Atmosphäre dieses Sommers in leichten, farbigen Bildern ein.

Zum Weitersehen:

Wie sehr diese Zeit des Umbruchs die Menschen geprägt hat, schildern prominente Hamburger Zeitzeugen wie die ehemalige Justizsenatorin Lore Maria Peschel-Gutzeit und der frühere Spitzen-Manager Hans-Olaf Henkel in der Dokumentation "Alltag in Trümmern - Hamburg nach dem Feuersturm", die am Donnerstag, den 1. August um 21.25 Uhr auf SPIEGEL Geschichte (Sky) ausgestrahlt wird.

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insgesamt 7 Beiträge
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1.
Thilo Schneider 01.08.2013
Erstaunlich. Diese Leute hatten nichts, kein HartzIV, keine Kranken- oder Rentenversicherung, ihre komplette Lebensplanung war mit dem Dritten Reich untergegangen - und trotzdem wirken sie motiviert. Heute ist alles da und alle sind schlecht gelaunt und trauen sich nicht mehr, Kinder in die Welt zu setzen, "weil man ja nicht weiß, was die Zukunft bringt". Wir sind eine Nation verweichlichter Jammerlappen geworden.
2.
Holger Böhm 01.08.2013
@ Thilo Schneider: wie recht Sie haben! Woher leitet der Deutsche eigentlich den Anspruch ab, in der Welt stets zu den oberen 5% zu gehören - ganz unabhängig von seiner (in den meisten Fällen doch wahrlich nicht herausragenden) persönlichen Leistung? Inzwischen "gefühlte" 70% unserer Bevölkerung ergeht sich in einer Melange aus Arroganz und Larmoyanz. Dabei sollten wir so dankbar sein dafür, dass es uns so gut geht und nie vergessen, wie es unseren Großeltern damals ging, und wie es vielen Mitmenschen heute noch geht!
3.
Bernhard Ochelar 01.08.2013
Danke für diesen Film. Was ist da anders gelaufen? Damals. Die Menschen im Film haben Stolz und Würde, obwohl rundherum alles in Trümmer liegt.
4.
Zeljko Klaric 02.08.2013
Danke für den Film. Gerade als Einwohner Hamburgs muten diese Aufnahmen geradezu fantastisch an.
5.
ralf pantenburg 02.08.2013
mir lief ein schaudern ueber den ruecken; ja, so habe ich hamburg 1948 in erinnerung. ueberall truemmer aber toll zum spielen in den ruinen, die truemmer bahn, ja, das gute essen in der schule, tausend dank den SCHWEDEN !!! sch.....KRIEG(e) ralf pantenburg, sydney
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