Vergessener Fotograf Gottschall Grazien, Glamour, Geheimnisse

Huren beim Posen, Hendrix in Ekstase, bizarre Polizeikontrollen auf St. Pauli: Auf dem Speicher stolperte Juri Gottschall über Tausende Fotos - der Nachlass seines Vaters. Es sind grandiose Momentaufnahmen einer untergegangenen Zeit. Und viele bergen noch Rätsel.

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Dietmar Gottschall

Selbst der großartigste Abenteuerspielplatz konnte nicht mithalten mit der engen Dunkelkammer im Keller. Aus dem Nichts tauchten plötzlich wundersame Welten aus der Entwicklerbrühe auf. Bierselige Kiezgänger, Schah-Demonstranten, Straßenmusiker. Welten, mit denen der kleine Juri Gottschall damals nur wenig anfangen konnte. Faszinierend, jedoch abstrakt, Zeugnisse einer längst vergangenen Schwarzweiß-Ära. Über die Jahrzehnte hat Gottschall die Bilder vergessen - nun haben sie erneut Kontur angenommen: als Erbe seines Vaters, verpackt in Pappkisten, Umschlägen und Butterbrotpapier.

Der pure Zufall führte den heute 28-Jährigen 2007 auf den Speicher des Elternhauses. Seine Mutter zog aus und brauchte Hilfe. Da entdeckte er sie, auf dem Dachboden: mehrere Umzugs- und Schuhkartons, vollgestopft mit Aktenordnern, Negativstreifen und orangefarbenen Agfa-Kontaktbögen. Ein Sammelsurium von nahezu 20.000 Negativen, größtenteils ungeordnet und unbeschriftet. Die herausragende Qualität der Aufnahmen hat den Sohn dazu bewogen, den Nachlass seines Vaters zu sichten. Der war zwar Journalist, verdiente aber nicht mit Fotos, sondern mit Texten sein Geld.

Dietmar Gottschall, geboren 1938 in Berlin, arbeitete nach dem Psychologie- und Volkswirtschaftsstudium als Marktforscher, Buchautor und Wirtschaftsredakteur für Medien wie "Capital" und das "Manager-Magazin". Fotografiert hat er aus Leidenschaft, fast nie für den Beruf - auch wenn er vor dem Studium zunächst die Hamburger Fachschule für Fotografie besucht hat. "Wenn das Interview vorbei war, zückte er ab und zu die Kamera, behielt aber die Bilder für sich", sagt sein Sohn, selbst professioneller Fotograf.

Puzzlesteine einer unbekannten Vergangenheit

Die weitaus meisten Bilder entstanden auf Streifzügen über den Hamburger Kiez, in Berlin sowie auf den zahlreichen Reisen, die Dietmar Gottschall unternahm. "Ständig war er unterwegs, immer bemüht, das Leben, 'so wie es ist', im Bild festzuhalten", so Juri Gottschall. Ein Mann, der beseelt und besessen war von der Kunst des Visuellen, seine Leidenschaft jedoch nie öffentlich gemacht hat.

Oft sah er seinen Vater wochenlang nicht. Die Postkarten, die er von ihm erhielt, stammen aus aller Welt: Puzzlesteine einer weitgehend unbekannten Vergangenheit, genau wie die Negative, die der Sohn nun in Händen hält. Schritt für Schritt macht sich Juri Gottschall daran, das Leben seines Vaters zu rekonstruieren.

Eine Detektivarbeit, die mehrere Stunden pro Tag frisst, Akribie und jede Menge Geduld verlangt. Als Anhaltspunkte dienen ihm Autokennzeichen, Gebäude im Hintergrund, Spruchbänder, Personen; außerdem zwei Bücher, in denen sein Vater die seiner Meinung nach 200 besten Abzüge katalogisiert hat. Sie dienen Gottschall als Leitfaden und helfen ihm bei der Archivierung der Bilder.

Skurril, subtil und voller Humor

Jedes Bild scannt Juri Gottschall einzeln ein, oft verfolgen ihn die rätselhaften Motive bis in die Träume. Etwa dieser Sammler-Typ aus der Lüneburger Heide, den sein Vater auf mehreren Filmen immer wieder abgelichtet hat. Wer sich wohl dahinter verbirgt? Ab und zu kann ihm seine Mutter beim Identifizieren der Motive helfen, meist tappt er jedoch im Dunkeln. Warum er sich das antue? "Ich will sein Schaffen vollenden, sein Werk der Öffentlichkeit bekannt machen", sagt Juri Gottschall, der dem Vater auch eine eigene Homepage eingerichtet hat.

In seinen letzten Lebensmonaten plante Dietmar Gottschall offenbar eine Ausstellung, der tragische Krebstod am 26. Februar 1997 vereitelte dies jedoch. Mit nur 58 Jahren schied Dietmar Gottschall aus dem Leben - elf Jahre später begibt sich sein Sohn auf die Suche nach dem Vater, rekonstruiert dessen Leben, lernt ihn neu kennen und schätzen.

Am meisten faszinieren Juri Gottschall die Straßenszenen, die sein Vater geknipst hat. Obdachlose Schnapsdrosseln, Prostituierte an deren Arbeitsstätten, Bettelmusikanten, lachende Männer, schlafende Frauen. Skurril, subtil und voller Humor seien die Bilder, sagt er. Für ihn wirken diese Vertreter vom Rande der Gesellschaft oft glücklicher als die Top-Manager, die Dietmar Gottschall ebenfalls ablichtete - häufig in bizarren Situationen: beim Lachseminar, beim Yoga, beim Kloster-Wochenende.

Dutschke beim Schah-Happening, Hendrix im Star Club

Darüber hinaus ist der Sohn natürlich stolz auf die bekannten Persönlichkeiten, die sein Vater abgelichtet hat: Jimi Hendrix im Hamburger Star Club, die junge Bianca Jagger, von Fotografen umlagert, mit einem Wasserglas Hochprozentigem zur Stärkung vor sich und ein verloren wirkender, mit Kopfhörern behängter Andy Warhol in Lübeck. Aber auch Rudi Dutschke beim Schah-Happening, Sean Connery beim Golfen und Joseph Beuys hinter einer Scheibe. Der Vater traf sie alle, der Sohn bekam davon kaum etwas mit.

Heute begegnet er den Bildern mit der gleichen Mischung aus Faszination und Entdeckerlust, mit der er damals in der Dunkelkammer kauerte - oder aber im Arbeitszimmer des Vaters unterm Dach, wo laute Jazzmusik regierte und Berge von Büchern, Papier, selbstgefertigten Collagen, Bildern und Schallplatten sich zu einem traumhaften Labyrinth verdichteten. Wann Juri Gottschall damit fertig ist, das Chaos zu lichten, ob in sechs Monaten oder einem Jahr, kann er noch nicht sagen.

Eines jedoch steht fest: Mit jedem Negativ, das der Sohn enträtselt, kommt er seinem Vater näher. Langsam, aber sicher fügen sich die Puzzlesteine zu einem großen Ganzen zusammen - das nicht nur die Vita eines passionierten Künstlers, sondern auch die Bundesrepublik der sechziger bis achziger Jahre in neuem Licht erscheinen lässt.

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insgesamt 10 Beiträge
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thomas wark, 07.05.2008
1.
Grandiose Momentaufnahmen? Photos sind ja wohl immer Momentaufnahmen, aber die hier sollen dann auch noch grandios sein? Klingt ja gerade so, als hätte Deutschland jetzt auch seinen Cartier-Bresson, die begleitenden Formulierugen sind schon eine Anmassung! Gute Amateuraufnahmen, aber keine Juwelen! NIcht immer so auf "dicke Buchse" machen, wenn auf dem Speicher "verborgene Schätze" gefunden wurden. Sind ganz normale Photos und die Zeit ist auch noch nicht "untergegangen" und 'ne photographierte Nutte macht noch keinen Meister!
Ayhan Bilgic, 02.11.2014
2. 28!
der " Heute 28 jährige" also 1986 geboren. Auf einem Foto mit der Mutter aufgenommen, sieht er aus wie, vielleicht 4-6J. Das Bild wurde Anfang Achtziger aufgenommen?
Ralf Krefting, 02.11.2014
3. Sehr gute Aufnahmen aus der Zeit
Aber das ist es auch , aber auch nicht schlechte also kein Grund sie so niederzumachen!
Paul Stevens, 02.11.2014
4. Bild 18
Wenn es hier um einen Ostermarsch geht, dann wird es sich wahrscheinlich um 1969 handeln. Denn es wird auf dem Transparent über die "Nigeria-Lüftbrücke" geredet, d.h. eigentlich die Biafra-Luftbrücke (die berühmten Stockfisch-Flieger), die im August 1968 startete und bis 1970 weiterging. Wenn ich richtig erinnere, gab es in 1970 keinen Ostermarsch.
Frank Trost, 03.11.2014
5.
Lieber Spiegel aus Hamburg, in Hamburg gab es Mitte der 50er Jahre Demonstrationen gegen die Wiederbewaffnung Deutschlands. Man bedenke: Der zweite Weltkrieg und das Nazireich waren gerade mal so 10 Jahre vorbei. Der Gedanke an eine deutsche unbewaffnete Neutralität war noch virulent, und dass man bei der Wiederbewaffnung an ein "Frohes Neues 1933" dachte, ist nicht so weit hergeholt angesichts des Personals, das die neue Bundeswehr aufbauen sollte. Sogesehen war legt das Foto zwar eine antinazistische Grundhaltung nahe, als übergeordnetes Thema für die Demonstation scheint mir aber die Ablehnung der Wiederbewaffnung passender. Auf den Gedanken hätte man doch beim Spiegel auch kommen müssen, oder? Der Spiegel kommt doch aus Hamburg.
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