Vergessener Fotograf Zoltán Glass Die Reifenprüfung

Vergessener Fotograf Zoltán Glass: Die Reifenprüfung Fotos
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Schnelle Autos, schöne Frauen: Der Fotograf Zoltán Glass galt Zeitgenossen nicht nur als Picasso der Kamera - als einer der ersten seiner Zunft lichtete er auch Rennwagen und Pin-up-Schönheiten zusammen ab. Lange Zeit war er unbekannt. Nun wurde sein Fotoschatz aus einem Archiv geborgen. Von

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Das Bild zeigt einen Bretterzaun mit drei Männern davor. Das Seltsame: Die Männer lehnen nicht mit dem Rücken daran und schauen in die Kamera, sondern drücken ihre Gesichter an die Holzwand. Warum, das erkennt man erst beim genaueren Hinsehen: An einer Lücke zwischen den Dreien ist mit vier Reißnägeln ein Schild angeheftet: "!! Besetzt !! Mein Platz zum Autorennen". Und dann erkennt man auch, dass die Männer durch einen Schlitz im Zaun offenbar ein Autorennen verfolgen.

Obwohl weder driftende Boliden, ölverschmierte Mechaniker noch das Schwenken der Zielflagge vor einer vollbesetzten Tribüne zu sehen sind, transportiert das Bild die Dramatik, die Aufregung und die Faszination des Automobilrennsports der frühen dreißiger Jahre. Die dichte, flirrende Atmosphäre scheint greifbar - fast meint man, im Hintergrund das infernalische Gebrüll der Rennmotoren zu hören. Das außergewöhnliche Motiv ist von Zoltán Glass aufgenommen.

"Er war und ist einer der bekanntesten unbekannten Fotografen", sagt Thomas Buchsteiner, Kulturwissenschaftler aus Tübingen, der vor einigen Jahren eine Ausstellung mit Bildern jenes Mannes kuratierte, der den Spitznamen "Zolly" trug und von einigen Zeitgenossen als "Picasso der Kamera" gerühmt wurde.

Weißer Fleck in der Fotografiegeschichte

Trotz solcher Hymnen - Zoltán Glass ist ein nahezu weißer Fleck in der Fotografiegeschichte. Das liegt unter anderem daran, dass viele seiner Bilder, wie zur damaligen Zeit üblich, ohne Verweis auf den Urheber veröffentlicht wurden. Und es liegt am Auf und Ab der Karriere Glass', dass sich dieser Fotograf nicht kontinuierlich entwickeln und als wirklich Großer seiner Zunft etablieren konnte.

1903 in Budapest geboren, siedelte Glass 1925 nach Berlin über. Er hatte da schon als Maler und Karikaturist, als Hafenarbeiter und Schauspieler sein Geld verdient. In Berlin fand der junge Ungar eine Anstellung als Bild- und Kunstredakteur beim damaligen "8-Uhr-Blatt" - und begann kurz darauf, selbst zu fotografieren. Im Zoltán Glass gewidmeten Bildband "Speed and Spirit" schreibt Buchsteiner über diese Zeit: "Ein Assistent musste ihm anfangs die Filme einlegen und ihm das technische Grundwissen vermitteln."

Doch Glass ließ nicht locker. Er muss gespürt haben, dass dieses Medium wie geschaffen war für seine Kreativität und seinen Geschäftssinn. Er gründete 1930 die beiden Agenturen Reclaphot (Reklamefotografie) und Autophot (Autofotografie) und arbeitete für Auftraggeber aus der Industrie. Für Mercedes-Benz beispielsweise, aber auch für Shell, Fiat und die Auto-Union. Als Motorsport-Fan und Hobby-Rennfahrer besuchte Glass fast jedes bedeutende Autorennen in Deutschland von 1931 bis 1936 - und er hatte, darauf lassen die Aufnahmen aus nächster Nähe zu Mechanikern, Rennfahrern und Funktionären schließen, erstklassigen Kontakt zu den Granden des PS-Zirkus.

Leicht bekleidete Damen bei der Autowäsche

Buchsteiner nennt Glass "einen Lebemann und Tausendsassa mit einer großen Vorliebe fürs Geldverdienen". Schon früh begann Glass, die Provokation als Stilmittel einzusetzen und befolgte die schlichte Regel "Sex sells". Außer Autorennen inszenierte er immer wieder das Thema Frau und Auto - stets überraschend, oft frivol. Junge Damen im Badeanzug etwa, die Kühlerhaube und Kotflügel mit Wasser und Schwamm bearbeiten, gehören heute zum Standardrepertoire jedes Autokalenders, damals war das ein kühnes, wenn nicht gar anstößiges Motiv.

1936 endete die erste Fotografenkarriere von Glass jäh - als ungarischer Jude durfte er in Nazi-Deutschland nicht mehr publizieren. Er emigrierte nach England, versuchte dort Fuß zu fassen und gab bei Kriegsbeginn seine Kamera ab, um einem Berufsverbot und einer möglichen Internierung zu entgehen. Erst nachdem er 1948 eingebürgert wurde, konnte Glass wieder als Fotograf arbeiten. Er mietete ein Fotostudio in Chelsea und startete zum zweiten Mal eine Fotografenlaufbahn.

Rennwagen nahm er nicht mehr ins Visier seiner Kamera, nur noch selten Autos. Stattdessen arbeitete er als Werbefotograf - unter anderem lichtete er den jungen Roger Moore für eine Haargel-Reklame ab, rückte die Schweppes-Flasche in ein verführerisches Licht und setzte Brillantschmuck ins Bild. Die berufliche Leidenschaft für Rasanz und Motoren war verflogen, nicht aber der Sinn fürs Geschäft. "Seine Wochenendbeschäftigungen", schreibt Buchsteiner, "waren oft freie Modefotos mit wenig Mode und noch mehr Aktfotografien, die er gut verkaufen konnte." Insbesondere die Pin-up-Aufnahmen des damals bekannten Models Pamela Green.

Schatz im Keller

1964 hatte Glass genug fotografiert, verkaufte sein Studio in London, investierte sein Geld in eine Villa im südfranzösischen Roquebrune und zog mit seiner Lebensgefährtin an die Côte d'Azur. Dort starb er im Februar 1981 im Alter von 78 Jahren; sein fotografischer Nachlass gelangte ans National Media Museum im englischen Bradford. 1999 wurden erstmals die Unternehmenshistoriker von Mercedes-Benz auf das nahezu vergessene Archiv aufmerksam, das in zig Pappschachteln im Magazin des Museums lagerte.

Allmählich wurde auch den Fachleuten dort klar, welch fotografischer Schatz in den Regalen lagerte. Colin Harding, Kunsthistoriker in Bradford, sagt: "Glass hat die neue Sachlichkeit in die Fotografie übersetzt." Typisch seien die ungewöhnlichen Perspektiven, die große Tiefenschärfe, die Fokussierung auf Details und die oft dramatischen Lichtverhältnisse.

"Es gibt wenige Fotografen in der 150 Jahre alten Geschichte des Lichtbildes", sagt Buchsteiner, "die mit solcher Varianz, solchem Gespür für Dramatik und Stimmung, solcher Geschlossenheit in der Geschichte, solcher emotionalen Wirkung im richtigen Moment auf den Auslöser gedrückt haben." In den besten Bildern von Zoltán Glass zeige sich, so Buchsteiner, "dass Fotografie auch Kino sein kann".

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1.
Ulf Morche 21.02.2010
"... der den Spitznamen "Zolly" trug..." Ungefähr alle ungarischen Männer, die Zoltan heißen, werden so genannt. Die übliche Kurzform dieses Namens ist Zoli.
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