Vergessener Gulag-Aufstand Das Massaker von Workuta

Vergessener Gulag-Aufstand: Das Massaker von Workuta Fotos
Horst Schüler

"Wir waren naiv": 1953 streikten Tausende Zwangsarbeiter in einem Sowjet-Straflager. Einer von ihnen war Horst Schüler. 60 Jahre nach dem Blutbad erinnert er sich an die üblen Zustände in der Gefangenschaft, die gute Stimmung bei den Verhandlungen - und den Schuss, der die Situation eskalieren ließ. Von

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Wütend reißt sich der Mann seine Häftlingsjacke auf und zeigt dem sowjetischen Oberst seine entblößte Brust. "Schieß doch, schieß doch!", ruft er dem Oberst höhnisch entgegen, der bereits seine Pistole gezückt hat. Hunderte Kameraden des mutigen Häftlings beobachten gespannt die Szene.

1. August 1953, Arbeitslager in Workuta am Eismeer, rund 1800 Kilometer nordöstlich von Moskau: "Heimat des Teufels" haben die Russen diese Region wegen ihrer Eisstürme und den klirrend-kalten Wintern getauft. An diesem Tag ist es zwar ungewöhnlich warm, doch die Stimmung so feindselig wie sonst nur das Wetter. Seit fast zwei Wochen streiken Tausende Zwangsarbeiter in den Lagern, die meisten von ihnen politische Häftlinge aus etlichen Nationen, darunter Polen, Ukrainer und auch viele Deutsche. Nach Stalins Tod im März wittern sie ihre Chance auf bessere Haftbedingungen und eine Überprüfung ihrer Urteile.

"Ich war mir sicher, der schießt nicht", erinnert sich Horst Schüler 60 Jahre später an den filmreifen Auftritt des Häftlings in der Lagerabteilung 10. "Warum auch? Die Lagerleitung hätte den Streik längst gewaltsam beenden können, und wir wussten, dass es in Moskau ein Machtvakuum gab. Deshalb waren wir frohen Mutes und voller Hoffnung." In den Tagen zuvor waren sogar Freiheitsparolen auf die Dächer der Holzbaracken gemalt worden, in der Hoffnung, irgendein amerikanischer Aufklärer würde das aus der Luft sehen. "Wir waren naiv", sagt Schüler - bis der Schuss fiel.

Der Mann mit der entblößten Brust sinkt tödlich getroffen zusammen, der Oberst hat zur Überraschung aller tatsächlich aus nächster Nähe geschossen. Sekundenbruchteile später bricht die Hölle im Lager 10 aus: Die Soldaten, die das Lager am Morgen umstellt hatten, schießen nun blindlings in die schutzlose Menge.

Zwei Minuten, vielleicht auch nur ein paar Sekunden rattern die Maschinengewehre, so genau kann Horst Schüler das heute nicht mehr sagen. Inmitten der Panik verlor er das Gefühl für Zeit, während sich die Bilder des Massakers in seine Erinnerung einbrannten. Wie sich alle auf den Boden warfen. Wie einige unter die Körper von Toten krochen, um sich vor dem Kugelhagel zu retten. Wie andere panisch zu den Baracken rannten, obwohl deren Holzwände kaum Schutz boten. Wenig später waren 64 Männer tot, darunter zwei Deutsche, und etwa 150 weitere verletzt.

60 Jahre später sitzt der Hamburger auf seiner Gartenterrasse im Stadtteil Rahlstedt, ein kleiner, drahtiger Mann, der weit jünger wirkt als 88 Jahre. Sehr präzise und sachlich kann er über die Ereignisse von damals reden. Man spürt, dass Schüler sich sein Leben lang mit jenem Massaker auseinandergesetzt hat, das heute kaum noch jemand kennt, etwa als Sprecher einer Vereinigung ehemaliger Workuta-Häftlinge. "Vergessene Tote" hat er schon vor 20 Jahren ein kleines Buch über das Massaker betitelt, und daran hat sich bis heute wenig geändert.

Naiver Widerstand

Dabei war der niedergeschlagene Streik der erste große Aufstand innerhalb des sowjetischen Lagersystems des Gulag. Ob es der blutigste war, lässt sich kaum sagen. Doch anders als andere Unruhen in sowjetischen Straflagern sind die Vorfälle von Workuta recht gut dokumentiert - auch weil dort besonders viele Deutsche interniert waren, die nach ihrer Freilassung 1955 im Westen davon berichteten.

Von diesen hatten viele längst den Glauben verloren, jemals in ihre ferne Heimat zurückkehren zu können. Horst Schüler etwa war zu 25 Jahren verurteilt worden, wegen vermeintlichen Widerstandes gegen das kommunistische System.

Seine Leidensgeschichte begann mit einer alten Blechbüchse, die Aufschrift "grüne Bohnen" war noch zu erkennen. Darin lag die Asche seines Vaters, ein überzeugter Sozialdemokrat, ermordet von den Nazis im KZ Sachsenhausen. Als Horst Schülers Mutter die Urne 1942 in den Händen hielt, zerbrach sie an dem Schock und verstarb ebenfalls wenige Monate später.

Der zurückgebliebene Sohn vergaß das nie. Auch dann nicht, als 1949 ein sowjetischer Geheimdienstoffizier ihn in Potsdam als Spitzel anwerben wollte. Inzwischen arbeitete Schüler als Redakteur für die "Märkische Volksstimme", und die Sowjetunion hätte gerne erfahren, was seine Zeitungskollegen für eine politische Einstellung haben. "Ich war empört", erinnert er sich, "mein Vater war einst denunziert worden, jetzt sollte ich andere denunzieren." Schüler lehnte ab, blieb einem zweiten Treffen mit dem sowjetischen Offizier einfach fern. Damals empfand er das als Widerstand, heute sagt er wieder diesen einen Satz: "Ich war naiv."

"Irgendwann unterschreibt man alles"

Er wäre besser sofort in den Westen geflohen. Denn als zwei Jahre später ein Bekannter von einem sowjetischen Militärtribunal wegen vermeintlicher Spionage zum Tode verurteilt wurde, wurden er und etliche Wegbegleiter des Verurteilten ebenfalls festgenommen. Der Journalist kam in das Potsdamer Gefängnis in der Lindenstraße, in denen die Nazis einst seinen Vater gesteckt hatten. Hier hatte Horst Schüler ihn das letzte Mal gesprochen, hier wurde er nun selbst gefoltert.

"Irgendwann unterschreibt man alles", sagt er nur. Das Urteil, 25 Jahre, "ein Schock". Anfang 1952 kam der Deutsche in Workuta an und wurde für die zweitschwerste Arbeitskategorie eingeteilt: Der 28-Jährige musste in einem nahen Steinkohle-Bergwerk schuften; Workuta war einer der wichtigsten Kohleregionen der Sowjetunion - auch deshalb ließ Stalin dorthin Hunderttausende verschleppen, die sich in Dutzenden Schächten zu Tode arbeiteten.

Zwei Kilometer Fußweg musste Schüler jeden Tag zum Bergwerk laufen, allein das eine Tortur bei bis zu minus 50 Grad. Danach musste er acht Stunden Kohle schaufeln, meist in den engen Flözen liegend oder kniend. Dafür gab es am Tag einen Kanten Brot, zwei Wassersuppen und eine Kelle Hirsebrei - dazu alle zehn Tage ein Stückchen Zucker.

Aufkeimende Hoffnung

Anfang der dreißiger Jahre, als die ersten Strafgefangenen nach Workuta gebracht worden waren, war es den Menschen noch schlimmer ergangen. Es gab keine Holzbaracken, die ersten Zwangsarbeiter mussten sich Löcher in den tiefgefrorenen Boden schlagen, um darin nachts, dicht aneinandergedrängt, ein wenig Wärme zu finden. Der Bau der Eisenbahnlinie wurde derart rücksichtslos vorangetrieben, dass es bald hieß, unter jeder Bahnschwelle liege ein toter Häftling.

Im Frühjahr 1953 starb mit Stalin jener Mann, der dieses System der menschenunwürdigen Ausbeutung über Jahrzehnte perfektioniert hatte - und in Workuta jubelten viele der Häftlinge. Würde das Regime nun seine Zügel lockern?

"Ein wildes Gerücht jagte das nächste", erinnert sich Schüler. "Doch dann tat sich überhaupt nichts, und die aufkeimende Hoffnung schlug in Verzweiflung und Resignation um."

Die Stimmung kippte. Am 21. Juli 1953 entschlossen sich die Häftlinge in Schacht 7 zum Generalstreik. Es folgten die Schächte 14, 16 und auch 29, nachdem dort Wachposten Gefangene mit Brettern geprügelt hatten. Arbeiter ritzten in Grubenhölzer die Botschaft "Streik" und informierten damit auch Arbeiter aus den anderen Lagern. Etwa 70.000 Häftllinge waren 1953 in Workuta interniert - schon bald beteiligten sich rund 15.000 an dem Streik. Mit Andrej Derewjanko, dem verhassten Befehlshaber in Workuta, wollte niemand verhandeln - verlangt wurde nach einer hochrangigen Delegation aus Moskau.

Ein letztes Ultimatum

Der Streik nahm Züge eines Aufstandes an. Überall wurden Spitzel vertrieben und Wachposten ausgesperrt. Die Streikkomitees forderten weitgehende Reformen: Ende der Willkür und der menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen. Überprüfung der Gerichtsurteile. Gefangene sollten nachts nicht mehr in ihren Baracken eingeschlossen werden und einmal im Jahr Besuch empfangen dürfen. Die Deutschen in Workuta hofften zumindest, erstmals Briefe in die Heimat senden zu dürfen - dort wusste seit Jahren niemand, ob sie überhaupt noch lebten.

Und Moskau reagierte, wenn auch zögerlich, es war die erste Bewährungsprobe für die neuen Machthaber. Eine Kommission unter Armeegeneral Maslennikow, einer der drei stellvertretenden Innenminister, fuhr nach Workuta. Verbesserungen wurden zugesichert, doch mit der Zeit verschärfte sich der Ton, und die Verhandlungen stockten. Am Abend des 31. Juli wurden Granatwerfer um das Lager 10 aufgestellt. Am nächsten Morgen stellte Maslennikow dann ein Ultimatum: Binnen fünf Minuten sei der Streik zu beenden!

Niemand folgte dem Aufruf. Dann betrat der Oberst mit gezückter Pistole das Lager 10, und jener verhängnisvolle Schuss fiel, der das Massaker einleitete.

Bis heute lässt sich nicht rekonstruieren, wer jener Oberst war, der den ersten Todesschuss abgab. Hatte er auf eigene Faust oder auf höhere Order gehandelt? Waren die Feuerstöße danach geplant gewesen oder Folge einer plötzlichen Eskalation?

Geschönte Opferzahlen

Die Lagerverwaltung sprach später in einem Bericht von "Warnschüssen", die vor dem Feuer abgegeben worden seien - was den Erinnerungen aller Zeitzeugen widerspricht. 53 Tote listet der Bericht auf, auch das dürfte geschönt sein: "Nach dem Massaker mussten im Lager 10 die Strafgefangenen 64 Särge zimmern", erinnert sich Zeitzeuge Schüler. Er vermutet heute, dass es einen Befehl aus Moskau gegeben habe, den Streik gewaltsam zu beenden.

Und genau das gelang. Wenige Stunden nach dem Massaker wurde in allen Schächten von Workuta wieder gearbeitet. Doch Moskau blieb dieser harten Linie nicht lange treu: Zur Überraschung der Häftlinge verbesserte sich die Lage nach dem Massaker merklich. In den Baracken wurden die Gitter von den Fenstern entfernt, die Verpflegung wurde besser und der Kontakt zu den Angehörigen vereinfacht.

Die Deutschen bekamen nun regelmäßig Pakete aus der reichen Heimat, darin Luxusgüter wie Zigaretten, Schokolade und Kaffee. Damit konnten sie sich in den Bergwerken leichtere Arbeitstätigkeiten erkaufen.

Vergessen vom eigenen Staat

Und doch mussten die Deutschen noch einmal um ihr Leben bangen. 1955 hatte Adenauer bei seinem Moskau-Besuch die Freilassung deutscher Kriegsgefangner und politischer Häftlinge verhandelt. Doch die etwa 120 Deutschen aus dem Lager 10 in Workuta wurden in einem getrennten Zug Richtung Osten geschickt, bis ins ferne sibirische Irkutsk. "Wir fragten uns schon, ob man uns dort als Zeugen des Blutbades einfach verschwinden lassen wollte", erinnert sich Schüler. Doch dann wurde der Zug plötzlich Richtung Westen geleitet.

In seine Geburtstadt Potsdam wollte Schüler nicht zurück, er ließ sich in der Bundesrepublik nieder. Als er seine Frau zum ersten Mal nach vier Jahren sah, erfuhr er von einer unfassbaren Groteske: Während seiner Abwesenheit hat das Kreisgericht des Landkreises Potsdam ihn schriftlich als neuen Schöffen vorgeschlagen.

Irgendwie hatte die Verwaltung der DDR gar nicht mitbekommen, dass ihr Bürger jahrelang in das Lager des großen sozialistischen Bruders verschleppt worden war.

Zum Weiterlesen: Wladislaw Hedeler/Horst Hennig: Schwarze Pyramiden, rote Sklaven. Der Streik in Workuta im Sommer 1953, Leipziger Universitätsverlag 2007.

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1.
Michael Engelhardt 02.08.2013
Der Mann hat wirklich Schlimmes erlebt. Erst sein Vater, und dann er, beide unschuldig. Was aber eigenartig ist, dass die DDR davon angeblich nichts wußte. Was hat seine Frau und haben seine Angehörigen nach seiner Verschleppung getan ?? Nichts ??
2.
Thomas Marx 02.08.2013
Von wegen nichts gewusst. Mein Vater war 1948 - 1956 in Workuta. Sein Haus wurde vom Bürgermeister des Dorfes bei Cottbus, in dem er gewohnt hatte, dem Spitzel, der ihn dem NKWD verraten hatte, "übereignet", weil mit seiner Rückkehr nicht gerechnet wurde. Von dieser Übereignung erfuhren wir erst nach der Wende, weil das Urteil von 25 Jahen Zwangsarbeit gegen meinen Vater noch rechtsgültig war - es wurde 2002 vom Generalstaatsamwalt der Streitkräfte der GUS offiziell zuückgenommen. Deshalb konnte er die DDR zu Lebzeiten nicht mehr betreten. Die Behörden der heutigen Bundesrepublik Deutschland bezeichnen die Übereignung seines Hauses übrigens als "rechtmässigen Akt", an dem man nichts ändern könne.
3.
Siegfried Wittenburg 02.08.2013
@ Michael Engelhardt Mich hat dieser Beitrag ebenfalls erschüttert und an einen mir bekannten Mann erinnert, dem Ähnliches widerfahren ist, im gleichen Zeitraum. Seine Frau und er hatten eine kleine Tochter, 1951 geboren, und er kam eines Tages von der Arbeit als Ingenieur nicht nach Hause. Die Frau hat alles unternommen, um ihn zu finden, bis sie herausfand, dass bereits mehrere Männer auf mysteriöse Weise verschwunden sind und wahrscheinlich die Sowjets dahinter stecken. Täglich einmal ist sie mit dem Kind auf dem Arm zu den DDR-Behörden gegangen und hat nachgefragt, bis sie erfuhr, dass ihr Mann in einem sowjetischen Lager ist. 1955 stand er plötzlich wieder in der Tür, gefoltert, ausgemergelt und kaum wiederzuerkennen. Der Hintergrund war, dass die Sowjets von ihm Informationen erpressen wollten, die er gar nicht hatte. Über solche Erlebnisse zu sprechen, war in der DDR tabu. So etwas hat es offiziell nicht gegeben.
4.
Horst Behrens 02.08.2013
Horst Behrens "Was haben seine Angehörigen nach der Verschleppung getan?" - Was konnten sie denn tun? - Nichts! Die Eltern eines meiner Freunde, als Student in Leipzig von der Volkspolizei (VP) verhaftet, dann den Russen übergeben und ebenfalls zu 25 Jahren Workuta verurteilt, wollten, benachrichtigt von der Zimmerwirtin, über das Verschwinden von der VP Information erlangen. Dort wurde ihnen beschieden: Ihr Sohn ist sicherlich in den Westen abgehauen und Sie wollen uns unterstellen, wir hätten etwas mit seinem Verbleib zu tun; wir raten Ihnen, so etwas künftig zu unterlassen, sonst könnte es sehr unangenehm für Sie werden!
5.
Thomas Marx 03.08.2013
Übrigens war mein Vater zeitlebens der Meinung, Adenauer habe sich nur für die Kriegsgefangenen, nicht für die politischen Gefangenen aus der sowjetischen Besatzungszone eingesetzt. Deren Entlassung und seine Entlassung wären adminstrative Irrtümer der Russen gewesen, durch die die politischen zusammen mit den Kriegsgefangenen nach Hause geschickt wurden. Deshab blieben alle Urteile auch rechtskräftig (Solange bis das Urteil zwei Jahre nach dem Tod meines Vaters von den Russen unaufgefordert zurückgenommen und als "Unrechtsurteil" anerkannt wurde. Die wissen wenigstens, wie man die eigene Vergangenheit ehrlich und ehrenhaft verarbeitet).
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