Vergessener Radiopionier Der Mann, der den Fußball-Funk brachte

Er kam, sah und wollte begeistern: Doch statt eines packenden Kommentars von Bernhard Ernst lief bei der ersten Fußball-Radioübertragung in Deutschland 1925 nur Rauschen über den Äther. Am Ende ging der Sportreporter doch noch auf Sendung - mit einem Telefonhörer statt einem Mikrofon.

ullstein bild

Von Andreas Wittner


Das waren noch Zeiten, als Fußballfans gar nichts anderes übrigblieb, als sonnabends ins Stadion zu stapfen, wenn sie mit ihrer Elf um den Sieg zittern wollten. Zittern war oft genug auch dann angesagt, wenn das Spiel strunzlangweilig war - in Regen, Kälte, Donnerwetter.

Das änderte sich für immer am 1. November 1925. An diesem Tag setzte sich ein gewisser Dr. Bernhard Ernst neben einem Fußballplatz im westfälischen Münster vor ein unförmiges Mikrofon am Spielfeldrand, um das erste Fußballspiel überhaupt live im Radio zu kommentieren. Der Reporterplatz befand sich hinter einem der beiden Tore, um so nah wie möglich am Geschehen dran zu sein. Zur Befestigung - und zum Schutz - des Mikrofons diente ein mit Maschendraht versehenes Hockeytor.

Die Rundfunkübertragung schlug ein wie eine Bombe. Die Zahl der Hörer des neuen Mediums explodierte in diesen Jahren. Nur 10.000 waren es im Jahre 1924. Als im Juni 1926 das Endspiel um die Deutsche Meisterschaft zwischen der Spielvereinigung Fürth und Hertha BSC Berlin (4:1) übertragen wurde, schätzte man die Zahl der Fußballverrückten, die zu Hause am Rundfunkgerät live mit dabei waren, bereits auf etwa 400.000. Ende 1926 hatte das neue Medium gar 780.000 Anhänger erreicht.

Nackt am offenen Fenster

Wie viele Hörer zu Allerheiligen anno 1925 vor den Empfängern saßen, als Radiopionier Ernst zur Fußballpremiere im Äther bat, ist nicht überliefert - sehr viele werden es kaum gewesen sein. Schließlich übertrug Ernst nur das Oberliga-Spiel Preußen Münster gegen Arminia Bielefeld, und die Sende- wie Empfangsmöglichkeiten waren beschränkt.

Überliefert ist allerdings, mit welchen Problemen Ernst sich damals herumschlagen musste, um seine historische Reportage zu senden. Eigentlich schien alles gerichtet, nichts stand nach Meinung der Macher der "Westdeutschen Funkstunde" (dem Vorgänger des heutigen WDR) der Uraufführung im Wege. Doch als Reporter Dr. Ernst kurz vor dem Anstoß seine Hörer begrüßen wollte, drang keines seiner zuvor wohlüberlegten Worte nach draußen. Enttäuschung machte sich breit. Schließlich hatte bei der Generalprobe am Vortag alles wie am Schnürchen geklappt.

Nun herrschte kollektive Ratlosigkeit. Wie konnte das passieren? Technische Probleme? Ernst mag gar an Sabotage gedacht haben - schließlich hatte er sich während seiner kurzen Rundfunktätigkeit durchaus nicht nur Freunde gemacht. Gerade einmal zwei Monate zuvor hatte er für einen Skandal und ein großes Hallo in der Hörerschaft gesorgt. Seinen "Funk-Gymnastikkursus", mit dem er die Hörer zur Morgengymnastik animieren wollte, hatte er mit den Worten beendet: "Konzentration - offenes Fenster - möglichst nackt!" Ein Aufruhr war die Folge, und die Sache hatte sogar die Staatsanwaltschaft in Münster beschäftigt. Aber sollte dies etwas mit dem nun drohenden großen Malheur zu tun haben?

Fehlschaltung beseitigt

Auf die Schnelle jedenfalls war es unmöglich, den Grund für das sich anbahnende, dramatische Misslingen der deutschen Fußballpremiere im Radio zu finden. Trotzdem wollte sich das Team um Dr. Ernst nicht geschlagen geben. Zwecks Verständigung mit dem Funkhaus hatte man eine zweite, jedoch nur einfache Telefonleitung geschaltet. Nun kam einem Techniker die Idee, das Mikrofon einfach an diese Leitung zu klemmen. Und zum großen Erstaunen aller gelang so die Übertragung - wenn auch unter erschwerten Umständen. Den bedeutenden Moment deutscher Rundfunk- und Fußballgeschichte schilderte Bernhard Ernst Jahre später so: "Also begann ich mit einiger Verspätung, dazu mit einem sehr merkwürdigen Gefühl und mit aus technischen Gründen gebotener, ungewohnter Stimmstärke meinen ersten Fußballbericht."

Im Nachhinein gelang es auch, den Verantwortlichen für das gerade noch verhinderte Fiasko zu ermitteln: Ein ebenso gewissenhafter wie unwissender Posttechniker stieß irgendwo in den Eingeweiden des in den Kinderschuhen steckenden Telekommunikationsnetzes auf die neue, bisher nie dagewesene Schaltung für die Übertragung, die er sich nicht erklären konnte. Also brachte er die vermeintliche Fehlschaltung kurzerhand wieder in Ordnung.

Während bei der Premiere ein Postmitarbeiter fast für das Scheitern der Übertragung sorgte, verdankten die Radioleute bei der ersten Live-Übertragung eines Länderspiels einem Postmitarbeiter deren Gelingen. Als sich am 18. April 1928 im Düsseldorfer Rheinstadion Deutschland und die Niederlande gegenüberstanden, war auch Dr. Ernst am Mikrofon wieder mit von der Partie. Allerdings ging es auch diesmal nicht ohne zahlreiche unvorhersehbare Hindernisse und reichlicher Verspätung ab.

10.000 Zuschauer stürmen das Stadion

Wie zuvor in Münster hatte sich Kommentator Ernst mit seinem Mikrofon im Stadioninnenraum hinter einem der Tore eingerichtet. Anders als im beschaulichen Münster kam es nun in Düsseldorf zu einem Ereignis von in Deutschland noch nie dagewesener Dimension: Über 10.000 Zuschauer ohne Eintrittskarten stürmten das erst knapp drei Wochen zuvor eröffnete Stadion, in dem sich bereits 60.000 Besucher befanden. Tausende der Fans wurden von den Einströmenden in das Innere der Arena gedrängt, und im Chaos wurden sämtliche Leitungen zum Reporterplatz gekappt. Erneut stand die Radio-Übertragung auf des Messers Schneide.

Zwar hatte das Rundfunk-Team, durch Erfahrung klug geworden, ein zweites Mikrofon an einem sicheren Platz auf der Tribüne aufgebaut. Dort hin zu gelangen, erwies sich für den Sportreporter allerdings unter den gegebenen Umständen als nahezu unmöglich. Obwohl das Match mit über einstündiger Verspätung begann, erreichte Ernst den Ersatz-Berichterstatterplatz erst eine halbe Stunde nach dem Anpfiff - nur um verwundert festzustellen, dass sich ein fußballbegeisterter Postinspektor spontan des verwaisten Mikrofons angenommen hatte und das Spielgeschehen durchaus fachkundig für die Fans an den Rundfunkempfängern kommentierte.

"Das, was am 1. November 1925 die Hand eines Postbeamten dem Rundfunk angetan, wurde hier in Düsseldorf durch den Mund eines Postkollegen reichlich wiedergutgemacht", kommentierte Ernst Jahrzehnte später. Auch an das Düsseldorfer Spiel erinnerte er sich bestens: "Auf einem Bein stehend" habe er den weiteren Verlauf des Spieles verfolgt, so Ernst rückblickend: "Wie beneidete ich in dieser Lage die 22 Spieler da unten, die einen Raum von 110 mal 60 Meter ihr Eigen nennen konnten." Immerhin versuchten Umstehende, den Reportern ihre unangenehme Lage zu erleichtern: "Über die Kopf an Kopf Stehenden reichte man uns ein kühles Glas Bier. Postrat, Sendedirektor und Sprecher teilten sich den Inhalt."

Der vergessene Held von Bern

Und noch einmal, ein gutes Vierteljahrhundert später, sollte der Kommentator Ernst Fußballgeschichte schreiben - nur weiß es heute fast niemand mehr. Als am 4. Juli 1954 in Bern das deutsche Team um Fritz Walter die ungarische "Wunderelf" vom Platz fegte, war es Bernhard Ernst, der den Live-Kommentar zu den Fernsehbildern vom "Wunder von Bern" sprach. Hunderttausende Deutsche erlebten den Triumph unterlegt mit der Stimme von Bernhard Ernst. Doch Ton- wie Bildmaterial der Live-Übertragung konnten damals aus technischen Gründen nicht konserviert werden - und so wurde ein anderer zum Medienheld von Bern und zum Kultkommentator: ein gewisser Herbert Zimmermann, dessen sich überschlagende Stimme beim Abpfiff ("Aus! Das Spiel ist aus!") auch heute noch Hörern eine Gänsehaut macht.



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