Weltkriegsfund in Burma Das Rätsel der vergrabenen "Spitfires"

Weltkriegsfund in Burma: Das Rätsel der vergrabenen "Spitfires" Fotos
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Ein englischer Hobbyarchäologe will eine spektakuläre Entdeckung gemacht haben: Mehr als 100 "Spitfire"-Kampfflieger aus dem Zweiten Weltkrieg sollen in Burma vergraben sein, verpackt in riesigen Kisten und "fast perfekt" erhalten. Nun soll der mysteriöse Schatz im Dschungel gehoben werden. Von

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Rangun, 17. August 1945. Auch in Asien ist der Krieg vorbei, vor zwei Tagen hat Japan kapituliert. Wochen zuvor haben die Alliierten bereits ganz Burma von den japanischen Besatzern befreit. Auf dem Flughafen von Rangun gehen gewaltige Truppenbewegungen vor sich. Und mittendrin geschieht etwas Seltsames - etwas, das in diesen Tagen die Herzen vieler Briten höher schlagen lässt.

Neben einer Startbahn haben amerikanische Soldaten ein riesiges Loch ausgehoben, zehn Meter tief und etwa 100 mal 180 Meter groß. Burmesen werden beauftragt, es mit Balken aus Teakholz auszulegen. Auf diese Balken, geschützt vor Grundwasser, legen die Amerikaner tonnenschwere Kisten, rund zehn Meter lang, aber sehr schmal. Sie stammen aus England und sind mit Teer gegen Feuchtigkeit geschützt.

Dann schließen sie das Loch mit Erde, sehr sorgsam. So, als sollte das fabrikneue Kriegsgerät, das sie hier verbuddeln, eines Tages wieder hervorgeholt und benutzt werden.

Es hat 67 Jahre gedauert. Jetzt, so scheint es, ist dieser Tag gekommen.

Landwirt auf Schatzsuche

David Cundall, 63, ein Landwirt, Hobbypilot und besessener Flugzeugfan aus England, sammelt seit 16 Jahren Berichte über den merkwürdigen Vorfall in diesem August 1945. Unzählige Reisen hat er unternommen und ein kleines Vermögen ausgegeben, doch dabei stieß er auf alte Militärdokumente und auf immerhin acht Augenzeugen, Amerikaner, Briten und Burmesen. "Unabhängig voneinander haben sie mir alle dieselbe Geschichte erzählt", erzählt Cundall, und strahlt wie ein kleiner Junge. Und das sind nicht die einzigen Hinweise.

Geophysische Messungen von Wissenschaftlern der University of Leeds haben ergeben, dass im Boden an der fraglichen Stelle Metall vergraben ist. Bei einer Probebohrung stieß ein Forscher in Cundalls Auftrag auf Holzkisten mit fünf Zentimeter starken Wänden, deren Inhalt er allerdings nicht bestimmen konnte.

In der Gesamtschau gibt es für Cundall "absolut keinen Zweifel". Auf Ranguns internationalem Flughafen muss am Fuße einer längst außer Dienst gestellten Startbahn ein wahrer Schatz liegen: Dutzende zerlegte "Spitfire"-Jagdflugzeuge, "in nahezu perfektem Zustand", wie Cundall hofft. Und die zweite Sensation: Durch die Lagerung sei an ihnen kein Quäntchen Rost zu befürchten. Ein wahrer Schatz. Seit 1938 wurden mehr als 20.000 dieser legendären Kriegsmaschinen gebaut. Nur 35 davon sind heute noch flugtauglich, jede davon ist Sammlern mehr als eine Million Pfund wert.

Doch wenn sich bewahrheitet, wovon Cundall ausgeht, könnten bald ganze Weltkriegs-Geschwader über London ziehen. Insgesamt 124 vergrabene "Spitfires" glaubt Cundall an drei verschiedenen Orten in Burma geortet zu haben, 37 davon, so sieht es sein im Oktober geschlossener Vertrag mit der neuen Regierung in Naypyidaw vor, würden ihm gehören.

"Spitfires", Retter der "Britishness"

Cundall glaubt, dass die Maschinen zwar einer Restaurierung bedürfen, aber dass sie "nur ein bis vielleicht drei Jahre" dauern werde. Dann sollen die alten Jäger auf Flugschauen in aller Welt für Begeisterung sorgen, "nicht mehr als Werkzeug des Krieges, sondern als Werkzeug der Freundschaft".

Anfang Januar fängt Cundall mit einem Team von Archäologen an zu graben. "Die erste Maschine werden wir Mitte Januar geborgen haben", sagt er. Mit Flieger-Altmetall hat der Mann Erfahrung: Seit 35 Jahren betreibt er das Aufspüren von abgestürzten Kriegsflugzeugen als Hobby.

Dieser Fund jedoch ist etwas ganz besonderes für Cundall. Nicht nur wegen der schieren Masse an Fliegern und des wahrscheinlichen Zustands, sondern weil es sich um "Spitfires" handelt. "Die 'Spitfire' hat einen ganz besonderen Platz inne in den britischen Herzen", glaubt Cundall.

Im Rest der Welt bringt der Flugzeugtyp höchstens das Blut derer in Wallung, die sich auch sonst für Militaria und Panzerschlachten interessieren. In Großbritannien ist das anders. Hier geht von der eleganten "Spitfire" eine Art nationaler Schöpfungsmythos aus. Ohne sie, das lernt jedes Kind in der Schule, hätten die Briten während der Luftschlacht um England 1940/41 die Nazi-Invasion kaum abwehren können. Ohne sie wäre es vorbei mit Freiheit, Unabhängigkeit, mit der "Britishness" selbst.

"Niemand weiß, was da liegt"

Sie hat daher auch ihren ganz besonderen Platz im britischen Alltag. Ein Thronjubiläum der Königin oder auch eine Prinzenhochzeit ist erst dann perfekt, wenn eine "Spitfire" über den Buckingham Palace donnert. Die Royal Air Force muss zwar eisern sparen und hat sich aus Kostengründen sogar von ihrer Flotte von "Harrier"-Senkrechtstartern getrennt - doch ihre "Spitfire" gibt sie nicht her.

Es gibt sogar ein "Ale", ein britisches dunkles Bier, das als "Spitfire" in den Regalen steht. Auf einem ansonsten stagnierendem Markt ist es ein Sensationserfolg. "Dieses Flugzeug", urteilt der Archäologe Andy Brockman, "macht seltsame Dinge mit der Psyche der Engländer".

Auch Brockman ist mit von der Partie, wenn Cundall Anfang des Jahres graben geht. Wenn er über das Projekt spricht, klingt er jedoch weniger euphorisch: "Wir haben bisher keinen wirklichen Beleg. Niemand weiß, was da liegt. Vielleicht haben die Truppen damals einfach nur Müll vergraben." Das Ganze sei wie ein Krimi: "Es gibt zwar einen Verdächtigen, aber der Fall ist noch längst nicht abgeschlossen. Wir ermitteln in alle Richtungen."

Auch der Rest der Abenteuergeschichte harrt der Aufklärung. Weshalb sollten amerikanische Truppen unmittelbar nach Kriegsende neue britische Flugzeuge vergraben? Wenn sie sicher gehen wollten, dass diese nicht in falsche Hände gerieten, dann hätten sie die Jäger doch besser verbrannt, einplaniert oder im Meer versenkt. Und warum gingen sie beim Verbuddeln so sorgfältig vor? Manche von denen, die diese Arbeit verrichteten, haben sich noch Jahrzehnte später über den seltsamen Befehl gewundert - wodurch Flugzeugfan Cundall erst aufmerksam wurde auf das Rätsel des "Spitfire"-Grabes.

"Wie ein Abenteuer von Indiana Jones"

Die Antwort liegt auf der Hand. Die Maschinen waren nie dazu bestimmt, verschrottet zu werden. Sie sollten weitere Verwendung finden und bis dahin nur etwas Zeit überbrücken. Vielleicht waren sie eine diskrete Schützenhilfe für Waffenbrüder.

Womöglich, so spekuliert ein Experte aus Cundalls Umfeld, sollten sie später ausgegraben und von den Karen genutzt werden - einer mit Großbritannien verbündeten Volksgruppe, die sich vorbereitete auf einen möglichen Unabhängigkeitskampf. Ihnen, so lautet die Theorie, waren die Briten etwas schuldig. Sollte sie stimmen, so ist auch offenkundig, dass die Karen nie zum Zuge gekommen sind.

Bezahlt wird die "Spitfire"-Suche übrigens von dem sehr erfolgreichen Computerspielunternehmen "Wargaming", das für Millionen Spielteilnehmer im Internet historische Panzerschlachten veranstaltet. Eine Million Dollar hat Victor Kislyi, der aus Weißrussland stammende Firmenchef, vor rund sechs Monaten in das Burma-Projekt gesteckt - und zwar ohne jedes Zögern.

"Dies ist ein Abenteuer wie von Indiana Jones", freut er sich, "und wer würde nicht in Indiana Jones investieren wollen?" Geld will er mit den "Spitfires" dennoch nicht verdienen - und selber eine fliegen will er anders als Cundall schon gar nicht. "Wir wollen nur helfen", sagt Kislyi, "dieses Mysterium aufzuklären."

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1.
Rudolf Dertinger 29.11.2012
Ich hoffe, dass nicht die Flieger gefunden werden sondern die Flugzege.
2.
Dominic Grigg 29.11.2012
Zu korrigieren. Sie haben geschrieben: Quote In der Tat wächst dieser Markt immer weiter. Ale ist momentan sehr a la Mode und es gibt im UK monentan doppel so viele lokale 'Craft Breweries' wie vor 10 Jahren. Das gleiche passiert auch in den USA die in den letzten Jahren Ale entdeckt haben. 'Spitfire' ist populär eher weil es gut schmeckt als wegen des Namen!
3.
Daniel Apostol 29.11.2012
>Ich hoffe, dass nicht die Flieger gefunden werden sondern die Flugzege. Guter Punkt, die Flieger wären ja womöglich auch in ca. 5cm dicken Holzkisten ;) anyway, wenn da tatsächlich ein paar duzend Spitfires fabrikneu auftauchen wurden, fertig zur Montage, das wäre ja fantastisch!!! Nicht verbastelt, nicht off-frame-"restauriert"... kann nicht erwarten die ersten fliegen zu sehen.
4.
Martin Baute 29.11.2012
Das mit dem "Mythos" der Spitfire ist genau das, ein Mythos... die Hauptlast der "Luftschlacht um England" trug die Hawker Hurricane. Aber zugegeben, die Spitfire ist ein eleganter Vogel...
5.
Ingo Meyer 29.11.2012
Es wäre eine kleine Sensation, wenn "vergrabene" Jagdflugzeuge gefunden würden. Ich verstehe auch gut, daß die Briten stolz auf diesen Vogel sind, der Görings Luftwaffe in Schach gehalten hat. Es war ja eine ständige wechselseiteige technische Aufrüstung zwischen den deutschen Jagdflugzeugen (Me 109 ff/ Focke-Wulff 190) Mal waren die Einen besser - mal die anderen. Aber eines sollte nicht vergessen sein: Die Deutschen haben eher mit ihrer Benzinuhr , als mit dem Gegner gekämpft und Bleitretraäthyl hatten wir auch nicht. Letztendlich war hier die Ursache für die Überlegenheit der Royal-Airforce zu suchen. Aber Legenden, wie die Spitfire, lassen ja andere, ganz banale Ursachen verblassen. Aber die Bedeutung dieser Luftschlacht für den gesamten Ausgang des WW II wegen, sollten wir uns und den Briten die Legende Spitfire gönnen. Und den "Archeologen" einen sensationellen Fund!
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