Verlassener Armeestützpunkt Die verbotene Stadt der Sowjets

Verlassener Armeestützpunkt: Die verbotene Stadt der Sowjets Fotos
Jörg Rüger

Ein Hauch von Moskau - mitten in Brandenburg: Nach dem Zweiten Weltkrieg zogen 50.000 Rotarmisten in die winzige Gemeinde Wünsdorf. Die wichtigste sowjetische Militäranlage Deutschlands lag verschanzt hinter Mauern und Stacheldraht. Heute erobern Fotografen die Anlage und dokumentieren ihren Verfall. Von

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Mit strengem Blick schaut Wladimir Iljitsch Uljanow, besser bekannt unter seinem Kampfnamen "Lenin", über den verwaisten Appellplatz von Wünsdorf in die Ferne. Der letzte Appell hier liegt lange zurück, Lenins steinerne Züge sind verwittert und von Flechten überzogen. Die Natur spricht eine deutliche Sprache: Hier wird niemand mehr den Tagesbefehl entgegennehmen.

Der Name Wünsdorf sagt heute vielen nichts mehr. Doch die unscheinbare Gemeinde, seit 2003 ein Ortsteil der Kleinstadt Zossen, war einst der größte Militärstandort Europas. In den achtziger Jahren lebten hier, rund 20 Kilometer südlich von Berlin, 60.000 sowjetische Armeeangehörige und Zivilisten. Wünsdorf war der Standort des Oberkommandos der Sowjet-Streitkräfte in Deutschland. Als die Sowjetarmee schließlich 1994 abzog, schwand auch die Bedeutung des Ortes. Heute leben hier nur noch etwa 6000 Menschen.

Auch mir sagte Wünsdorf zunächst nichts. Erst durch Ruinenbilder, auf die ich im Internet stieß, wurde ich auf diesen Ort aufmerksam. Die Aufnahmen der riesigen leerstehenden Militäranlagen faszinierten mich. Warum hatte ich dort noch nicht selbst fotografiert? Aufgrund seines historischen Hintergrunds hätte mir dieser Ort eigentlich bekannt sein müssen.

Geheimobduktion im Lazarett

Denn die Entwicklung Wünsdorfs zum Militärstandort begann schon lange vor den Tagen der Sowjet-Kasernen - in der Kaiserzeit. Bereits 1910 wurden hier erste Militärgebäude errichtet. Hierzu gehörte auch das sogenannte "Halbmondlager", welches zu Beginn des Ersten Weltkriegs als Lager für Kriegsgefangene, muslimische Araber, Inder und Afrikaner aus der britischen und französischen Armee errichtet wurde. Dort waren damals etwa 30.000 Kriegsgefangene interniert.

Berühmtheit erlangte Wünsdorf im Sommer 1919 durch eine prominente Tote: Am 1. Juni war eine Leiche aus dem Landwehrkanal in Berlin gezogen worden, von der vermutet wurde, dass es sich dabei um die sterblichen Überreste von Rosa Luxemburg handelte. Nach ihrer Ermordung am 15. Januar 1919 war es zu bürgerkriegsartigen Unruhen gekommen. Um erneute Aufregung und Protestaktionen zu vermeiden, wurde der Leichnam nun zur Obduktion in die Provinz transportiert - in das Garnisonslazarett von Wünsdorf.

Im Laufe der Jahre baute das Militär den Standort Wünsdorf immer weiter aus: Während der Zeit des Nationalsozialismus entstanden hier riesige Kasernenkomplexe und Bunkeranlagen. Zwischen 1939 und 1945 war in Wünsdorf sogar das Oberkommando des deutschen Heeres untergebracht.

Eine sowjetische Stadt mitten in Deutschland

Doch kurz nach der Kriegsniederlage Deutschlands und der Auflösung der Wehrmacht zogen neue Bewohner in die Wünsdorfer Militäranlagen ein - die Armee der Sowjetunion. Das Oberkommando der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland richtete sich hier ein. Der Standort wuchs rasch und wurde wegen seiner taktischen Bedeutung strikt von der Umgebung abgeschottet.

So entstand eine sowjetische Stadt mitten in Deutschland. Das Militär schuf sich die notwendigen Bedingungen für ein vollkommen autarkes Leben in der Fremde: Neben Kasernenanlagen und Wohnhäusern baute man eigene Brotfabriken, Warenhäuser und Geschäfte. Schulen, ein Kulturzentrum mit Theater und ein eigenes Krankenhaus entstanden. Und um die Anbindung an die Heimat der hier stationierten Soldaten zu gewährleisten, wurde eine direkte Eisenbahnlinie nach Moskau eingerichtet - mit täglich verkehrenden Zügen.

Engerer Kontakt der Sowjetbesatzung zur deutschen Bevölkerung war seitens der Armee nicht erwünscht. Wurde etwa festgestellt, dass ein Soldat sich mit einer deutschen Frau angefreundet hatte, wurde dieser sofort in die UdSSR zurückversetzt oder sogar vollständig aus den Streitkräften entlassen. So blieb das Leben hinter den Mauern dieser Stadt der deutschen Bevölkerung weitestgehend verborgen - jedenfalls bis zum Abzug der Truppen im Sommer 1994. Noch am Morgen vor der Abreise soll der kommandierende Generaloberst Matwej Burlakow im Schwimmbad der Militäranlage seine letzten Bahnen gezogen haben. So erzählen es jedenfalls die Mitarbeiter des Fördervereins Garnisonsmuseum, die heute Besuchergruppen über das Gelände führen, um ihnen die Geschichte der Militäranlage näherzubringen.

Ein zerbrochener Flügel liegt auf dem Boden

Als ich am 5. Mai 2010 selbst vor dem Schwimmbad stehe, ist keine Spur mehr zu finden von Generaloberst Burlakow und seinen Soldaten. Selbst das Wasser im Schwimmbad ist schon lange abgelassen worden. Während ich weiter durch die leeren Hallen, Korridore und Treppenhäuser der riesigen Anlage gehe und ihren Verfall mit meiner Kamera festhalte, bedarf es schon einiger Phantasie, um mir vorzustellen, dass hier einst Zigtausende gelebt und gearbeitet haben.

Trotzdem übt dieser Ort einen seltsamen Reiz auf mich aus. Das einfallende Licht, die ausgeblichenen Pastelltöne der Wände, der abblätternde Lack der Türen verleihen der Militärarchitektur eine sonderbar nostalgische Atmosphäre. Die langen Flure, einst erfüllt vom Stimmengewirr hunderter Soldaten, liegen nun in völliger Stille da. Nur hier und da findet man noch zurückgelassene Gegenstände in den Räumen - etwa einen kaputten Flügel, der mit abgebrochenen Beinen im Staub liegt. Die meisten ihrer Habseligkeiten haben die einstigen Bewohner mitgenommen, als sie aufbrachen.

17 Jahre ist der Abzug der Sowjet-Truppen nun her. In der Zwischenzeit hat sich das einstige militärische Zentrum Wünsdorf wieder in eine zivile Stadt zurückverwandelt. Ein Förderverein betreibt ein Museum und arbeitet die Geschichte der Stadt als Garnisonsstandort auf. Interessierten Besuchern bietet der Verein Führungen durch die ehemaligen Militärgebäude an. Der größte Teil der ehemaligen militärischen Anlagen liegt unterdessen noch immer brach und wartet auf Investoren, die die ungewöhnlichen Räumlichkeiten einer neuen Nutzung zuführen.

Doch bis dahin wartet Genosse Lenin weiterhin mit steinerner Miene auf Gesellschaft auf dem Appellplatz von Wünsdorf.

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1.
Karsten Herger, 28.11.2011
Seltsame Überschrift! Wünsdorf war Garnison und Kaserne. Garnisonen und Kasernen haben nun mal die Eigenschaft für unbefugte geschlossen zu sein. Ich schlage einen Artikel vor mit der Überschrift: Der verbotene Stadteil ! Campbell Barracks (HQ USAREUR) (Heidelberg-Rohrbach)
2.
Siegfried Jung, 28.11.2011
Im Sommer 1983 war ich als Besucher in Wünsdorf, im beindruckenden Diorama der Schlacht um Berlin . Der Weg dort hin durch mit Schranken und Posten gesicherte Bereiche, eben ein Militärobjekt von Weltgeschichte!
3.
Lutz Leichtfuss, 29.11.2011
Beim Abzug der Russen war Wünsdorf intakt und funktionsfähig. Warum dort später nicht die BND-Zentrale eingezogen ist, (hervorragend zum Tarnen und Täuschen geignet) bleibt mir ein Rätsel. Stattdessen einen Riesenbau im Zentrum von Berlin, nach all den Erfahrungen, den Berlin mit Geheimdienst- zentralen in den letzten 100 Jahren gemacht hat.
4.
Horst Jungsbluth, 29.11.2011
Als ich im Sommer 1990 das erste Mal von Berlin (West) aus mit dem Auto nach Wünsdorf fuhr, da erbilckte ich zu meiner grossen Überraschung ein Trupp sowjetischer Soldaten in Ausgehuniform, die nicht mit Kalaschnikows bewaffnet waren, sondern stolz die prall gefüllten Tüten bekannter Warenhäuser in den Händen hielten. Es gab dort ausserdem neben dem Bahnhof ein ramponiertes Hotel, einen (Schwarz)Markt und ich bemerkte, dass viele Soldaten nicht den bewachten Eingang zu dem gesperrten Militärgelände nutzten, sondern dieses durch ein Loch im Zaun betraten.
5.
Martin Tauchnitz, 30.11.2011
An sich ein recht nett geschriebener Artikel - als Ansatzpunkt für Interessierte sicher gar nicht schlecht. Allerdings erlaube ich mir mal eine Richtigstellung: Alle Bilder stammen aus dem "Haus der Offiziere" (ehemals Kaiserliche Heeres-Turnlehrer-Anstalt, später Infanterie-Schießschule des Heeres). Wenn also von den "Soldaten" die Rede ist, die sich dort erholten ... sind damit ausschließlich die Offiziere gemeint! Für die Mannschaftsdienstgrade war DAS genauso eine "verbotene Stadt", wie das Gesamtobjekt für Deutsche. Da hat Jemand von sich (bzw. ggf. der Bundeswehr) aus Andere geschlossen - "Erholung" für die Mannschaften war für die Rote Armee so was von irrelevant... So nett (und gut gemacht!) die Fotos sind - es ist nicht mal ein kleiner Ausschnitt aus der Gesamtanlage, schon gar kein repräsentativer. Darauf hätte man fairerweise hinweisen sollen. Die allermeisten der alten Kasernen sind mittlerweile Wohnhäuser, in den technischen Bereichen sind Firmen oder Museen untergebracht und das eigentliche Herzstück der Anlage, das Bunkergelände ist ein Freilichtmuseum. Dort gibt?s ausgesprochen interessante Führungen von den Kollegen des Museums oder "Bunkerführungen zu Quad". Sooo ausgestorben, wie der Verfassen uns glauben machen will, ist das Objekt nicht. ;)
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