Verlassenes Detroit Die Wrack-Stadt

Verlassenes Detroit: Die Wrack-Stadt Fotos
Yves Marchand, Romain Meffre/Steidl

Mit Vollgas in den Niedergang: Detroit war bis Mitte des 20. Jahrhunderts die bedeutendste Industriestadt der Welt - und Albert Kahn ihr Architekt. Der Sohn deutscher Einwanderer baute Fabriken und Wolkenkratzer wie am Fließband. Doch so schnell, wie "seine" City wuchs, wurde sie verlassen. einestages zeigt Fotos aus der verwaisten Metropole. Von

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 10 Kommentare
    4.7 (101 Bewertungen)

Der alte, weißhaarige Mann war mit der Medaille für hervorragende Kriegsdienste ausgezeichnet worden und das "Time"-Magazin feierte ihn enthusiastisch: Der Beitrag Albert Kahns zur Niederlage der Achsenmächte sei größer als der der meisten anderen, schrieben die Journalisten im Juni 1942. Dabei hatte der 73-Jährige die Frontlinien des Zweiten Weltkriegs nie gesehen. Wenn überhaupt, kämpfte er an seinem Schreibtisch in seinem Detroiter Büro im Nordosten der USA.

Albert Kahn war Architekt. Seine Flughäfen, Marinestützpunkte und Fabriken bargen einen Großteil der amerikanischen Rüstungsgüter. Niemand entwarf, plante und baute schneller, effizienter und preiswerter als er. Seine Auszeichnung mitten im Krieg hatte er sich am Zeichenbrett verdient. Kahn, Sohn eines aus Deutschland in die USA eingewanderten Rabbiners, war der Architekt der Moderne und des modernen Krieges.

Sein Büro befand sich nicht zufällig in Detroit, jener Metropole, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu einer der bedeutendsten Industriestädte der Welt aufgestiegen war. Ein Zentrum des modernen Kapitalismus, Welthauptstadt des Automobilbaus. Hier hatte Henry Ford seine revolutionäre Highland-Park-Fabrik errichtet und mit der Fließbandfertigung des Modells T das Auto zum begehrtesten Konsumgut gemacht. Hier hatte der Pionier der industriellen Massenproduktion viele Nachahmer gefunden. Während des Zweiten Weltkriegs wurde Detroit zum wichtigsten Lieferanten der Armee, den USA galt die Stadt als "Waffenschmiede der Demokratie". Ihr Aufstieg schien unaufhaltsam. Und mit ihr auch der von Albert Kahn - ihrem Erbauer.

Fabrikant der Fabriken

Die Karriere des Architekten von Detroit hatte 1907 begonnen, als ihn der Luxus-Automobil-Hersteller Packard Motors mit dem Entwurf seines neuen Werks beauftragte. Statt traditioneller Materialien wie Holz und Stein entschied sich Kahn für eine Konstruktion aus Stahlbeton, die nicht nur feuerfest war, sondern auch besonders große, helle und damit praktische Räume ermöglichte. Es dauerte nicht lange, da erkannte der Autobauer Henry Ford eben diese architektonischen Qualitäten und engagierte Kahn für sein eigenes innovatives Projekt.

Alles unter einem Dach, so hatte Fords Auftrag gelautet und Kahn selbst gelang im Stadtteil Highland Park Revolutionäres: eine Fabrik, tageslichthell auf vier Etagen - für bis zu 70.000 Arbeiter. Die Massenproduktion am Fließband wurde zum Symbol der modernen Zeit. Und Highland Park war der Ort, an dem "das 20. Jahrhundert geboren wurde", wie der Historiker Bob Casey schrieb. Als die Fabrik zu klein wurde, entwarf Kahn für Ford eine neue Anlage in der Nähe von Detroit - den 1927 eröffneten River-Rouge-Komplex, mit mehr als 90.000 Arbeitern die damals größte Industrieanlage der Welt.

Fords Werke waren das Ergebnis einer perfekten Symbiose, in Kahn hatte der Automobilhersteller seinen idealen Baumeister gefunden. Dessen Fähigkeit, Fabriken schneller als jeder andere zu errichten, resultierte aus einer klugen Kombination von Ingenieurwissen und straffer Unternehmensorganisation - ganz wie im Automobilbau. Kahn übertrug die Grundsätze der Massenproduktion auf die Kunst der Architektur. Sein Detroiter Büro war zu einer Fabrik der Fabrikplanung geworden: Sobald sich ein neuer Job ankündigte, setzte sich ein ganzes Team in Bewegung, das nicht nur Baupläne erarbeitete, sondern zugleich Auftragnehmer suchte und Materialangebote einholte. Kahn baute Fabriken fast wie am Fließband.

Das Auto formt die Stadt

"Als ich anfing", so erzählte Albert Kahn später einmal, "entwarfen Architekten nur Museen, Kathedralen, Monumente und Kapitole. Für Fabrikgebäude war der Bürogehilfe gut genug. Nun bin ich immer noch der Bürogehilfe, der Fabriken entwirft. Meine Würde hat das nicht beeinträchtigt."

Und auch Kahns Ansehen schadete es nicht, im Gegenteil: Mehr als tausend Bauten errichtete der Architekt für die Autobauer von Detroit, darunter das mächtige General Motors Building, Hauptquartier der Company und nach seiner Fertigstellung in den zwanziger Jahren das größte Bürohaus der Welt. Sein 30 Stockwerke hohes Fisher Building wurde 1928 zum Wahrzeichen der Stadt. Kahn und andere Stararchitekten des frühen 20. Jahrhunderts wie Whitney Warren und Charles Wetmore, Daniel Burnham und Eliel Saarinen formten eine Skyline, die sich verschiedenster historischer Stile bediente. Die kreativen Schöpfer verzierten ihre Wolkenkratzer mit Mamorsäulen, extravaganten Ornamenten und vergoldeten Mansarden.

Massenhaft waren Arbeitsuchende seinerzeit nach Detroit geströmt, der wirtschaftliche Aufschwung machte die Stadt zu einer der reichsten der Welt - und seine Architektur spiegelte den Reichtum wider. Entlang breiter, Ulmen gesäumten Alleen reihten sich elegante Villen aneinander, geräumige Auffahrten führten zu den Luxus-Quartieren - der öffentliche Verkehr und vor allem das Aufkommen des Automobils formten die moderne Stadt.

Auftrag von Stalin

Die Entwicklung Detroits beeindruckte sogar den Herrscher der Sowjetunion. Der diktatorische Machthaber Josef Stalin sah in der Industrialisierung einen Weg, das Agrarland aus seiner Rückständigkeit zu befreien - und heuerte den Architekten an. In nur zweieinhalb Jahren errichtete Albert Kahn im Auftrag des Sowjetführers mehr als 500 Fabrikanlagen.

Begonnen hatte er 1929/30 mit dem Stalingrader Traktorenwerk "Felix Dserschinski", das Jahre später noch eine besondere Rolle spielen sollte - im Krieg gegen die deutschen Angreifer. Die Kämpfe um den Industriekomplex waren die bis dahin härtesten und verlustreichsten, das Gelände der Traktorenfabrik wurde zum Austragungsort der entscheidenden Schlacht um Stalingrad - einem Wendepunkt im Zweiten Weltkrieg.

Detroits Aufstieg als Industriemetropole hielt auch noch nach dem Krieg an. Fast zwei Millionen Menschen lebten Anfang der fünfziger Jahre in der Stadt; wegen der guten Bezahlung in der Automobilbranche war für viele hier der amerikanische Traum vom eigenen Heim greifbar nah. Doch "Motor City" hatte ihren Glanzpunkt bereits überschritten; erste Anzeichen machten sich in den fünfziger Jahren bemerkbar.

Die US-Regierung befürchtete, wichtige Industriezentren im Land könnten Ziel nuklearer Angriffe werden. Sie ermutigte daher Unternehmen, die großen Städte zu verlassen und ihre Produktionsstätten auszulagern. Highways verbanden die neuen Standorte in Kleinstädten und Vororten. In den alten Fabriken wurden die Belegschaften reduziert. Das Leben organisierte sich nun um diese neuen Beschäftigungszentren.

Flucht aus der Stadt

Dass vor allem die Mehrheit der weißen Bevölkerung die Detroiter Innenstadt verließ, dazu hatten 1967 auch Rassenunruhen beigetragen. Viele siedelten in die Vororte um. Die City entvölkerte noch mehr, als in den siebziger und achtziger Jahren viele Jobs durch die zunehmende Konkurrenz aus Deutschland und Japan wegfielen. Arbeitsplätze in der Peripherie waren nur von Leuten zu erreichen, die selbst ein Auto besaßen. Die Errungenschaft der modernen Zeit wurde zu einer existentiellen Frage.

Die einst gefeierte Metropole der Moderne hatte ihre besten Zeiten hinter sich: Innerhalb von einem halben Jahrhundert verlor Detroit fast eine Million Menschen und damit die Hälfte seiner Bevölkerung. Viele Gebäude in der Innenstadt sind inzwischen verlassen. Als die letzten Mieter auszogen, wurden die Heizungen runtergedreht, der Strom abgeschaltet. In die leerstehenden Gebäude sickerte Wasser ein, der Frost sprengte Risse in Wände und Säulen, Fenster zerbrachen. Die Abrissbirne gab vielen Bauten den Todesstoß.

35 Prozent des Stadtgebiets sind inzwischen unbewohnbar. Eindrucksvoll haben die französischen Fotografen Yves Marchand und Romain Meffre zu Beginn des 21. Jahrhunderts den Verfall dokumentiert - ihre Bilder zeigen das Ende einer Ära. Der Architekt von Detroit, Albert Kahn, erlebte diesen Niedergang nicht mehr. Nicht einmal den Ausgang des Kriegs. 73-jährig starb er noch im Dezember 1942, wenige Monate nach der Auszeichnung für seine Kriegsdienste am Schreibtisch.

Zum Weiterlesen:

Yves Marchand/Romain Meffre: "The Ruins of Detroit". Steidl-Verlag, Göttingen 2010, 227 Seiten.

Das Buch erhalten Sie bei Amazon.

Artikel bewerten
4.7 (101 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 10 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Juergen Frey 17.01.2011
Alles ist vegaenglich. Leider erlebe ich es nicht mehr wenn S21 marode wird, oder vielleicht doch??
2.
Johansson Tronig 17.01.2011
Zumindest zum Fall Cass Tech Highschool sei dies gesagt: http://atlasobscura.com/uploads/assets/casstech.jpg Rechts zu sehen das neue Gebäude, direkt neben dem alten, hier abgebildetem, Gebäude. Nicht alles ist so, wie es auf den ersten Blick scheint. Interessierte kann ich diese Reportage empfehlen, sie zeigt die andere Seite der "Wrack Stadt" auf: http://www.vbs.tv/de-de/watch/uneven-terrain/palladium-detroit-full-new-credits--3
3.
Klara Schusterhuss 17.01.2011
Die Reportage von vbs.tv habe ich ebenfalls gesehen. Ich kann sie auch nur wärmstens empfehlen.
4.
Andreas Severin 18.01.2011
There is only one thing to say: Gad bless America! Yes, we can! Gelle? Der 'Success' der calvinistischen Puritaner, die Resultate ihres 'pursuit' of happiness, sind ihnen zu gönnen - besonders nach all dem Unheil, das sie im Rest der Welt durch ihre schwachsinnige Raffgier angerichtet haben. No, we can not.. See? Get lost.
5.
Andrea Gresko 19.01.2011
I am a native Detroiter and a university educated and experienced Journalist. I must say that your "report," which is based on a book published six months ago by photographers that I believe are not on your staff (while technically accurate) offers only one side of a very complex disaster that has occurred in Detroit. Did you bother to research that Albert Kahn's architecture firm has been going for 115 years strong and is still headquartered in the Albert Khan building in Detroit? ( http://www.albertkahn.com/home.cfm ) Did you do ANY research on the efforts being made to restore the historic buildings of the city? (e.g. http://www.preservationnation.org/take-action/awards/2009-national-preservation-awards/the-ferchill-group.html ) I'm still trying to decide if this is an outdated book review or an unbalanced, lazy and sensationalistic representation. You have reporters here for the North American International Auto Show - could you have bothered to send them out on an assignment? I realize you do not have a duty to the heartbroken people of this city, but you do have a duty to uphold the standards of fair and balanced reporting.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH