Verlegerlegende Lord Weidenfeld "Ich konnte nie antideutsch sein"

Er erlebte die Nazis in Wien, traf de Gaulle im Exil und war die rechte Hand von Israels erstem Präsidenten: George Weidenfeld war so dicht dran an den Weichenstellungen des 20. Jahrhunderts wie wenige andere. Im September 2009, zu seinem 90. Geburtstag, traf SPIEGEL ONLINE die Verlegerlegende in London.

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Ein Interview von


Arthur George Weidenfeld wurde am 13. September 1919 in Wien geboren. Als 18-Jähriger floh er vor den Nazis nach London und arbeitete für die BBC und gründete nach dem Krieg den Verlag Weidenfeld & Nicolson. Der überzeugte Zionist und Liebhaber deutscher Kultur ist für ungezählte wohltätige Initiativen tätig und erhielt ebenso zahllose Ehrungen. 1976 wurde er als Lord Weidenfeld of Chelsea in den nichterblichen Adelsstand erhoben.

einestages: Lord Weidenfeld, Sie sind einer der prominentesten Zeitzeugen des 20. Jahrhunderts, haben viele der mächtigsten Frauen und Männer kennengelernt - in Wien, Tel Aviv und London. Welche Jahre haben Sie am meisten geprägt?

George Weidenfeld: Meine Jugendjahre in Wien. Es war eine sehr untypische Zeit, wirtschaftlich schwierig, politisch ungewiss. Die Österreicher mussten sich daran gewöhnen, nicht mehr Mittelpunkt eines großen Reiches zu sein. Ich bin in einem intellektuellen Milieu aufgewachsen, in dem deutsche Literatur eine wichtige Rolle spielte. Ich habe immer einen großdeutschen Kulturidealismus vertreten, daher konnte ich auch in meinem späteren Leben nie antideutsch sein.

einestages: Wie haben Sie den Aufstieg der Nazis erlebt?

Weidenfeld: Ich war schon als Kind sehr politisch. Mit 12, 13 Jahren gehörte ich dem Bund der sozialistischen Mittelschüler an. Ich war vor den Kopf gestoßen, als man uns 1934 verboten hat. Danach bin ich dann in der zionistischen Bewegung aktiv geworden.

einestages: Was dachten Sie damals über Hitler?

Weidenfeld: Das, was ich heute über ihn denke. Es gab ja bereits eine sehr lebhafte Emigrantenliteratur. Rudolf Oldens Biografie über Hitler hatte ich damals schon gelesen. Ende der Zwanziger habe ich von unserem Balkon in der Alserstraße die ersten Aufmärsche der Braunhemden und Weißhemden gesehen. Die haben mich mehr beeindruckt als später. Da war eine Urkraft da, ein Fanatismus, gerade weil sie noch nicht so organisiert waren. Sie brüllten: "Juda verrecke, Deutschland erwache!" Ich war auf einer großbürgerlichen Schule, aber in meiner Klasse war bestimmt die Hälfte in der Hitlerjugend.

einestages: Im März 1938 kam der Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich, der Ihr Leben entscheidend veränderte.

Weidenfeld: Ich habe noch jede Sekunde dieses unseligen Wochenendes vor mir. Am Freitag, als Hitler die Weisung für den Einmarsch nach Österreich gab, bin ich mit anderen Studenten zum Ballhausplatz gezogen, wo der österreichischen Regierung gehuldigt werden sollte. Aber als wir zur Ringstraße kamen, 20 Minuten von unserem Ziel entfernt, gab es schon plötzliches Murmeln überall, und aus den Seitenstraßen stießen dann weißbestrumpfte illegale Nazis und sangen in Sprechchören "Volksabstimmung abgesagt, Volksabstimmung abgesagt". Das geplante Referendum über die Unabhängigkeit fiel aus, der Anschluss ans Deutsche Reich wurde einfach vollzogen. Im Radio lief zum letzten Mal die heimische Bundeshymne, nach zehn Sekunden folgte, in einem schnelleren Marschtempo, das Deutschlandlied. Österreich war zu Ende. Zu Hause saß die Familie ums Radio, Vater, Mutter, zwei Tanten. Das ganze Wochenende hörten wir die Einzelheiten zum Einmarsch. Um 7.15 Uhr am Montag erschien ein Hilfspolizist mit einer SA-Binde und führte meinen Vater weg.

einestages: Hatten Sie mit der Festnahme gerechnet?

Weidenfeld: Wir waren vollkommen überrascht. Mein Vater saß im Aufsichtsrat einer Versicherungsgesellschaft namens Phoenix. Ihm wurde vorgeworfen, Propaganda gegen das Dritte Reich finanziert zu haben. Die frühe Festnahme hat sich hinterher als ein Glück erwiesen, denn er wurde auf dem Gerichtsweg eingesperrt und nicht in ein KZ geschickt, wo man keine Kontrolle mehr gehabt hätte. Ich konnte ihn später nach London nachholen.

einestages: Sie besuchten damals die Konsularakademie, eine Schule für angehende Diplomaten.

Weidenfeld: Es war eine sehr elitäre Einrichtung. Mir wurde noch gestattet, bis Ende Juli meine Prüfungen vorzubereiten. Ich durfte aber die Akademie nicht mehr betreten. Da hat Kurt Waldheim, ein älteres Semester, mir geholfen und die Skripte abends nach Hause gebracht. Ohne ihn hätte ich wohl meinen Abschluss nicht geschafft. Er hat sich sehr anständig verhalten.

einestages: Haben Sie später den Kontakt zu ihm gehalten, als er österreichischer Bundespräsident war und seine NS-Vergangenheit zu vertuschen suchte?

Weidenfeld: Ich sah ihn öfters, war und bleibe überzeugt, dass seine NS-Vergangenheit weit übertrieben wurde und man ihn ärgstenfalls als einen passiven Mitläufer, aber auf keinen Fall als einen aktiven Nazi anprangern kann. Ich veröffentlichte seine Memoiren und hatte viele Gespräche mit ihm, die mich davon überzeugten.

einestages: Nach dem Anschluss 1938 fassten Sie den Entschluss, auszuwandern. Warum sind Sie nicht schon früher gegangen?

Weidenfeld: Viele von uns dachten, Hitler würde es nie wagen, weil der italienische Diktator Benito Mussolini Österreich nicht fallenlassen würde und dies öfters proklamierte. Und wir dachten auch, dass Hitler eine vorübergehende Phase der deutschen Geschichte sei.

einestages: Warum landeten sie in England?

Weidenfeld: Es war nicht meine erste Wahl. Wir waren nie besonders anglophil, ich sprach fließend Französisch und Italienisch, aber nicht so gut Englisch. Zuerst hatte ich an Amerika oder Palästina gedacht. Aber die USA hatten dieses schreckliche Quotensystem, was eine Einreise unmöglich machte. Und die Engländer ließen keine Juden nach Palästina, da hätte ich illegal einreisen müssen. Das war meiner Mutter zu unseriös. Sie wollte eine ordentliche Auswanderung. Freundlicherweise stellte uns der Englisch-Tutor meiner Diplomatenschule dem Passbeamten der englischen Botschaft vor. Der sagte: "Ich kann Ihnen leider nicht helfen, Sie haben nicht genug private Mittel, um in England allein zu leben." Da hat meine Mutter angefangen zu weinen. Der Beamte wusste nicht, was er tun sollte. Er riss mir fast wütend den Pass aus der Hand. "Geben Sie schon her", hat er gesagt und einen Stempel draufgeknallt. Drei Monate Visum.

einestages: Am 8. August 1938 kamen Sie in London an. Sie waren 18 Jahre alt und allein. Wie war der Empfang in der fremden Stadt?

Weidenfeld: Ich fuhr mit dem Zug über Zürich, Ascona und Paris, wo mein Vater gute Beziehungen hatte. So hatte ich zehn, zwölf Einführungsbriefe in der Tasche, als ich in London ankam - von Persönlichkeiten im Banken- und Versicherungsgeschäft. An Bargeld hatte ich nur 16 Shilling, was heute etwa acht Pfund wären oder neun Euro.

einestages: An wen haben Sie sich zuerst gewandt?

Weidenfeld: Das Jewish Refugee Comittee, wo die Mutter von Sir Evelyn de Rothschild ehrenamtlich tätig war, hat mir ein Quartier besorgt. Das Ehepaar gehörte den Plymouth Brothers an, einer sehr missionarischen protestantischen Sekte. Es waren liebe fanatische Christen, die mich wie ein Kind aufnahmen. Mein Gastgeber las jeden Tag die Bibelzitate in der "Times". Eines lautete: "Wer nicht wagt, der nicht gewinnt." Und er zeigte mir eine zweiseitige Anzeige der BBC. Da stand, als Teil der Notstandsmaßnahmen gründe man eine Auslandsabteilung und suche deutsche Muttersprachler.

einestages: Von denen gab es damals ja einige in London.

Weidenfeld: Tatsächlich dachte ich, ich hätte keine Chance neben all den bekannten, gut ausgebildeten deutschen Flüchtlingen. Nach mehreren Sprachprüfungen und einem Gesinnungstest sagte die BBC: Wir haben noch nie jemanden in Ihrem Alter eingestellt, es ist ein großes Experiment, aber wir geben Ihnen einen dreimonatigen Probevertrag.

einestages: Und bald analysierten Sie die Kriegspropaganda der Nazis, schrieben die Studie "Das Goebbels-Experiment" und waren im Apparat der Psychological Warfare Executive (PWE) für die britische Gegenpropaganda zuständig.

Weidenfeld: Ich habe schon bei der BBC eine verhältnismäßig wichtige Karriere gemacht. Die BBC wurde zur Schule meines Lebens. In den letzten drei Jahren des Krieges war ich diplomatischer und politischer Kommentator im englischsprachigen World Service der BBC. Damit war ich eine Art Verbindungsmann zu den Exilregierungen des besetzten Europas - dem Franzosen Charles de Gaulle, dem Tschechen Eduard Benes, dem polnischen General Wladyslaw Sikorsky. Diese Beziehungen haben mir später als Verleger sehr geholfen. Zu meinem Aufgabengebiet gehörte auch, über die zionistische Führung in London, die einen jüdischen Staat vorbereitete, Bericht zu erstatten. So lernte ich den größten Zionistenführer Chaim Weizmann kennen.

einestages: Der machte Sie nach dem Krieg zu seinem Bürochef, als er erster Präsident Israels wurde.

Weidenfeld: Es war die intime Freundschaft eines alten Mannes zu einem jungen. Menschen in Weizmanns Umgebung fragten, mich Ende 1948, ein halbes Jahr nach der Gründung Israels, ob ich nicht sein Stabschef werden wollte.

einestages: Aber Sie hatten schon einen Job.

Weidenfeld: Ich war in einem furchtbaren moralischen Dilemma. Ich hatte schon kurz nach dem Krieg einen Verlag gegründet, mit dem Vertrauen und Geld der einflussreichen Nicolson-Familie und einer großen Druckerei. Wie sollte ich mich entscheiden?

einestages: Wer hat Sie aus dem Dilemma erlöst?

Weidenfeld: Harold Nicolson, Vater meines Partners, sagte, es sei Ehrensache, dass ich nicht meine eigene Neugründung im Stich lassen sollte. Aber erlaubte mir, für ein Jahr nach Israel zu gehen und dann zurückzukehren.

einestages: Warum ließ er Sie ziehen?

Weidenfeld: Damit ich mir nicht mein ganzes Leben vorwerfen müsste, eine Rolle bei der Staatsgründung Israels ausgeschlagen zu haben.

einestages: Und als Sie Ihre Erfahrung gesammelt hatten, kehrten Sie Tel Aviv den Rücken?

Weidenfeld: Weizmann war enttäuscht. Der Abschied war kühl, wir haben uns jedoch später wieder versöhnt, und ich blieb mit seiner Witwe befreundet. Doch damals habe ich mir geschworen, für die Sache Israels stets einzustehen und zu kämpfen. Für mich ist es keine Phrase, jeden Tag an Jerusalem zu denken, sondern Wirklichkeit.

einestages: Haben Sie die Entscheidung je bereut? Denken Sie manchmal darüber nach, was aus Ihnen geworden wäre, wenn Sie in Israel geblieben wären?

Weidenfeld: Nein, ich habe es nicht bereut. Ich wäre wahrscheinlich in der Politik geblieben. Vielleicht wäre ich heute ein Politiker oder Diplomat a. D., aber ich fühle, dass ich vielleicht mehr erreichen konnte, indem ich mich für die Idee und Wirklichkeit Israels von außen mit aller Kraft einsetze.



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