Verlorene Orte Festung unter der Stadt

Hundert Jahre lang bauten die Preußen Köln zur mächtigen Festung gegen französische Invasoren aus. Krieg und Abriss ließen davon kaum etwas übrig. Doch Spuren der Bollwerke lassen sich im Stadtbild bis heute finden - wenn man genau hinsieht.

Sammlung Robert Schwienbacher

Von Georg Ruppert


Wenn man sich Köln über Google Earth aus der Luft nähert, fallen sofort die konzentrischen Kreise im Stadtbild auf: Ringstraßen und Grüngürtel in regelmäßigen Abständen durchziehen die Domstadt. Sie markieren die Überreste eines wenig bekannten Teils der Geschichte Kölns: die vielen Festungsbauten, mit denen die Preußen ihre rheinische Besitzung, fern des preußischen Kernlandes gelegen, im 19. Jahrhundert vor feindlichen Attacken schützen wollten.

Schon im Mittelalter war Köln als bedeutendes Handelszentrum und lange größte Stadt Deutschlands von einer für damalige Verhältnisse mächtigen Stadtmauer von fast fünfeinhalb Kilometern Länge, bestückt mit 52 Wehrtürmen, umgeben. Allerdings konnten die meterhohen Steinmauern, Wälle, Zwingen und befestigte Stadttore nicht verhindern, dass in der Neuzeit erst die Franzosen (1794-1814) und, nach dem Wiener Kongress 1815, die Preußen Köln besetzten.

Letztere waren dann fast hundert Jahre lang damit beschäftigt, Köln in eine große Festung zu verwandeln. Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs hatte das Bollwerk am Rhein 183 Verteidigungsanlagen, die in einem Radius von 42 Kilometer um den Stadtkern angeordnet waren - gewaltige Baumaßnahmen, im preußischen Einflussgebiet ihres Gleichen suchten.

Karnevalisten in der Kaponiere

Aus Sorge vor einer französischen Invasion ließen die neuen Herren zunächst Teile der mittelalterlichen Stadtbefestigung ausbauen und verstärken. Ein Beispiel für einen solchen Rückgriff auf bestehende Anlagen ist die Ulrepforte am Sachsenring, die etwa um 1815/1816 mit einem mit Schießscharten versehenen Grabenwerk, einer sogenannten Kaponiere, bestückt wurde. Bis heute kann man das seltene Zeugnis aus dieser ersten Ausbaustufe voll erhalten betrachten - dank eines traditionsreichen Kölner Karnevalsvereins, der Turm und vorgelagerte Kaponiere als Heimstätte nutzt, ist das Bauwerk in einem sehr guten Zustand.

In den Jahren 1816-1821 entstand der eigentliche innere Festungsgürtel, der aus anfangs fünf Forts auf der linken Rheinseite bestand und später auf insgesamt zehn Forts erweitert wurde. Charakteristisch für die frühen Bauten der ersten preußischen Befestigungsphase sind die runden und in Ziegeln gefertigten Kernwerke ("Reduits") sowie ein in Feindrichtung pfeilförmig ausgelegter, mauerverstärkter Graben. Artillerie auf dem Fort sowie Bauten zur Nahverteidigung sollten den Feind an der Eroberung der reichen Stadt hindern.

Von den zehn ursprünglichen Forts sind nur noch vier Werke in Teilen erhalten, die Forts I, IV, V und X. Sie sind heute bis auf eines Bestandteile von Parkanlagen - etwa Fort X in direkter Nachbarschaft zu Kölns alter Eissporthalle mit einem wunderschönen Rosengarten.

Die übrigen nicht mehr existierenden inneren Festungsanlagen sind allenfalls an Straßennamen heute noch präsent - zum Beispiel im rechtsrheinischen Stadtteil Poll, wo eine Straße den Namen Fort Rauch trägt.

Grünlanlagen dank freier Schussbahn

Die Sorge vor möglichen Begehrlichkeiten der Franzosen trieb die Preußen dazu, die Kölner Festungsanlage ständig zu verbessern. Im Zuge dieser Überlegungen wurden einige der frühen Forts als inzwischen militärisch wertlos eingestuft und bei den weiteren Planungen nicht mehr berücksichtigt. Ein Beispiel hierfür ist die ab 1882 errichtete Stadtumwallung, die die mittelalterliche Verteidigungslinie ersetzte und dabei nur noch wenige Bauten des inneren Festungsrings einbezog. Von dem gut drei Meter tiefen und sechs Meter breiten gemauerten Trockengraben künden heute nur noch die Straßennamen, deren Bestandteil "Wall" auf die frühere Funktion und Lage hinweisen - Neusser Wall, Gladbacher Wall und Bonner Wall etwa.

Erhalten geblieben ist das für Forts typische freie Sicht- und Schussfeld, das "Glacis". Diese für den Verteidigungsfall in verschiedene Zonen eingeteilten Flächen im sogenannten Festungsrayon durften gar nicht oder - je nach Lage - nur mit schnell niederzureißenden Gebäuden in Leichtbauweise bebaut werden. So haben diese Brachen die Zeit überdauert und bilden heute den inneren Grüngürtel. Er verläuft heute in einem Halbkreis um das Stadtzentrum; im Norden von der Zoo-, im Süden durch die Südbrücke begrenzt - Beispiele für stadtbekannte ehemalige Glacisstreifen sind die Uni-Wiese der Universität zu Köln oder das Parkgelände um den Aachener Weiher.

Mit der Weiterentwicklung der Waffentechnik - gezogene Geschützrohre sorgten für präziseren und weiterreichenden Beschuss - änderte sich Ende des 19. Jahrhunderts abermals das Bedrohungsszenario für Köln. Zugleich sorgte beständiges Bevölkerungswachs für eine expandierenden Stadtfläche Die logische Konsequenz war, die bestehenden Fortifikationen durch einen weiter vom Stadtkern entfernten Ring rund um Köln mit neuen Verteidigungswerken abzulösen.

Geschütze auf dem Fortdach

So begannen ab 1877 erneut Bauarbeiten für noch modernere Festungstypen im äußeren Festungsgürtel. Zwölf große, aus Ziegelbrandstein errichtete Forts und 23 ebenfalls geziegelte Zwischenwerke bildeten das Rückgrat der insgesamt 182 Bauten zählenden und 42 Kilometer langen Festungsrings in beschusssicherer Entfernung vom damaligen Kölner Stadtzentrum. Den architektonischen Grundtypus lieferte der Chef des Ingenieurkorps und General-Inspekteur der Festungen, Alexis von Biehler (1818-1886). Ein trapezförmiges Trockengrabensystem umgab das eigentliche Kernwerk, das in zwei Bauteile gegliedert war. Der stadtzugewandte Bauteil trug den Begriff Kehlkaserne. Hier war der Großteil der militärischen Besatzung eines Forts untergebracht. .

Ein zentraler Tunnel (Haupthohlgang) in Richtung "Feind" führte zum zweiten Gebäudeteil, der sogenannten Spitzenkaserne. In ihren räumlichen Ausmaßen wesentlich kleiner, nahm sie in Bereitschaft stehende Soldaten auf, die im Falle einer Alarmierung innerhalb kürzester Zeit zu den Geschützen auf dem Fortdach gelangen sollten. Sämtliche Grabenabschnitte - Front, Flanken, Kehle - waren mit Grabenwehren bestückt, die einen Angreifer am Eindringen hindern sollten. Heute kann diese Grundform - die auch in anderen Festungsstädten wie Mainz, Koblenz, Metz, Straßburg oder Berlin Verwendung fand - noch im Zwischenwerk VIII b studiert werden, wo wesentliche Teile über die vielen Jahrzehnte erhalten geblieben sind.

Die fast schon am romantische Burgen erinnernden Ziegelwerken wurden bis zum Ersten Weltkrieg durch kleinere Wehrbauten von deutlich schlichterer Bauweise ergänzt. Manche wurden bereits mit dem damals modernen Baustoffen wie Stampf- oder Basaltbeton gefertigt und hatten schon eine gewisse Ähnlichkeit mit den später im Zweiten Weltkrieg errichteten Bunkerbauten. Ihrer Funktion gemäß trugen sie die Bezeichnung Artillerie-, Infanterie-, Wacht- oder Munitionsraum, hießen Vorfeld-, Zwischenraum- oder Grabenstreichen oder wurden Anschluss-Flankierungsbatterie oder auch Infanteriestützpunkt genannt.

Vielsagende Erderhebungen am Wegesrand

Bei Ende des Ersten Weltkriegs 1918 zählte Köln 147 dieser kleineren Bauten im äußeren Festungsgürtel. Ausgerechnet diese jüngsten Teile der preußischen Festung Köln sucht man heute fast vergeblich, sie wurden nach den Bestimmungen des Versailler Vertrags geschleift. Allerdings weisen Trümmerstellen und Bodenformationen im Kölner Stadtwald entlang der alten Militärringstraße immer noch auf die einstige Existenz dieser Generation Festungswerke hin. Bei einem Spaziergang etwa vom Geißbockheim, dem Mannschafts- und Trainingsquartier des 1. FC Köln in der Nähe des Decksteiner Weihers kann man in nördliche Richtung etwa alle 50 Meter Trümmer oder Erderhebungen rechts- und links am Wegesrand entdecken.

Doch nicht die gesamte Festung Köln fiel den Versailler Bestimmungen zum Opfer. Konrad Adenauer setzte sich als Kölner Oberbürgermeister in den zwanziger Jahren für die Rettung einiger Festungsteile ein und sorgte im Rahmen eines grünen "Masterplans" für die Umwidmung von 26 Militäranlagen in Parks, pädagogische Stätten und Sportanlagen. Das Geißbockheim des 1. FC ist dafür das wohl prominenteste Beispiel - dort kann man die alten Gewölbe im Inneren noch immer gut erkennen. Auch die Freiluft- und Gartenschule (Freiluga) ist ein Adenauersches Umnutzungsbeispiel, das seit den Zwanzigern als Ort der Naturerlebnisbildung dient.

Doch von den 26 Anlagen überstanden nur 15 Relikte die Zeitläufte bis heute. Sie bilden den Rest der einst mächtigen Verteidigung. Was der zweite Weltkrieg mit seiner zerstörerischen Wirkung nicht schaffte, erledigte die Öffentliche Verwaltung. Ohne durch Denkmalschutzbestimmungen eingeschränkt zu sein, war sie froh, dass sie die in die Jahre gekommenen und teilweise sehr maroden Anlagen entfernen konnte. Noch bis in die siebziger Jahre hinein gingen so alte preußische Festungsbauten für immer verloren. Erst mit der Verabschiedung neuer Denkmalschutzbestimmungen besann man sich eines Besseren und stellte die noch verbliebenen Festungsrelikte unter Denkmalschutz. Infolgedessen verzichteten die Behörden auf weitere Abrisse, etwa durch "Übererdung" ganzer Anlagen wie etwa dem Fort XII in Köln-Stammheim.


Um den Erhalt gefährdeter Bausubstanz und die Dokumentation des geschichtlichen Erbes bemühen sich in Köln seit Jahren mehrere Vereine und Initiativen. Gemeinsam und unterstützt durch die Stadt Köln veranstalten sie einmal im Jahr den "Tag der Forts", an dem alle noch verbliebenen Festungdanlagen und Relikte gezeigt werden. 2008 findet der "Tag der Forts" am 8. Juni der statt. Neben den militärhistorischen Zusammenhängen stehen dieses Jahr die Umnutzung der Festungswerke zum Bestandteil von Kölns Großstadtgrün im Mittelpunkt des von Ehrenamtlichen organisierten "Tag des Forts". Um den Erhalt, Dokumentation und geschichtsbewusste Umnutzung bemühen sich Vereine, Initiativen, engagierte Einzelpersonen sowie die Stadt Köln.

Hier eine Auswahl des vielfältigen Engagements:

AFK e. V. - Arbeitsgemeinschaft Festung Köln

Der Verein richtet sein Augenmerk hauptsächlich auf die Erforschung der Kölner Preußenfestung. Sein besonderer Schwerpunkt ist die Darstellung militärischer Vergangenheit durch historische Uniformen und die praktische Arbeit vor Ort durch Grabungsarbeiten.

www.ag-festung-koeln.de

CRIFA e. V. - Cologne Institute of Fortification Architecture

Die wohl älteste Organisation, die sich gezielt mit der Festung Köln und vergleichbaren militärischen Zweckbauten beschäftigt. Gegründet bereits im Jahre 1999 unterhält sie weitreichende Kontakte zu vielen namhaften Festungsforschern und - Institutionen im In- und Ausland. CRIFA organisiert regelmäßig geschichtliche Exkursionen, Themenabende und kümmert sich um den Erhalt und die wissenschaftliche Dokumentation des Zwischenwerks VIIIb, wo es im ersten preußischen Festungsmuseum Besuchern Führungen anbietet.

www.crifa.de

RVDL e.V. - Rheinischer Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz

Eigentlich nicht auf militärische Bauten konzentriert, hat er in den letzten beiden Jahren das Thema "Kölner Forts" für sich entdeckt. Der im Bereich rheinischer Kunst- und Geschichtsstätten hoch angesehene Verein setzt sich seit vielen Jahrzehnten für eine Vielzahl von Denkmälern und Kulturschätzen im Rheinland ein.

www.rheinischer-verein.de

Stadt Köln

Durch ihr Amt für Denkmalschutz kümmert sich die Stadt Köln im Rahmen der ihr möglichen finanziellen und personellen Mitteln um den Erhalt und um Fragen der (Um-)Nutzung. Die Stadt Köln ist Initiator des "Tag der Forts", dessen Schirmherrschaft der Oberbürgermeister übernommen hat.

www.stadt-koeln.de

Stiftung Grün gGmbH

Die 2004 durch die Nachfahren Konrad Adenauers, Paul Bauwens-Adenauer und Dr. Patrick Adenauer, gegründete Stiftung engagiert sich für den Erhalt des Kölner Stadtgrüns, in dem die ehemaligen preußischen Festungswerke nun integriert sind. Das selbst gesteckte Ziel ist die Schärfung des Bewusstseins von Bürgern und Politik sowie die Förderungen von Erhaltungsmaßnahmen für Kölns Grünanlagen.

www.koelner-gruen.de

Universität zu Köln und Fachhochschule Köln

Seit kurzer Zeit ist auch an den Hochschulen das Interesse an den historischen Bauwerken gestiegen. Sowohl der Geschichtslehrstuhl der Uni Köln als auch das Architekturinstitut der Fachhochschule vergeben Semesterarbeiten zu unterschiedlichen Themen rund um die Fortanlagen.

www.uni-koeln.de www.fh-koeln.de



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Seite 1
C.F. Romberg, 09.06.2008
1.
es wäre toll wenn dem bericht ein google earth mit allen placemarks beigefügt wäre, am besten mit detaillierten overlays... das wäre sehr anschaulich....!!! danke
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