Verrückte Diäten Krank und schlank

Verrückte Diäten: Krank und schlank Fotos

Kippen statt Kuchen, luftgefüllte Wunderwindeln und im Zweifelsfall einfach nur Fett essen: Diät-Wundermittel versprechen Gewichtsverlust ohne Anstrengung, sind aber meistens reine Geldmacherei. einestages zeigt die verrücktesten Diäten aus mehr als hundert Jahren Schlankheitswahn. Von Fabienne Hurst

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Herman Taller war ein ganz schlauer Fuchs. Er hatte den Diätwahn seiner Zeitgenossen durchschaut: Sie wollten schlank sein, aber trotzdem schlemmen. Sportlich aussehen, ohne zu schwitzen. Im Jahr 1961 gab der Frauenarzt aus Brooklyn ihnen endlich, wonach sie schon immer gegiert hatten: Die ultimative, ja revolutionäre Wunderdiät mit dem sagenhaften Konzept: "Fett macht schlank."

In wenigen Tagen schnellte sein Schlankheitsratgeber "Calories Don't Count" auf eine Spitzenposition der amerikanischen Bestsellerliste für Sachbücher. "Einer der heißesten Kassenschlager der jüngeren Geschichte des Verlagswesens", schrieb das Nachrichtenmagazin "Newsweek".

Es war nicht der erste sonderbar anmutende Vorschlag für komfortablen Gewichtsverlust. Der zu diesem Zeitpunkt mehr als ein Jahrhundert alte Schlankheitswahn hatte eine ganze Reihe absurder Diäten mit sich gebracht: von der Zigarettenkur über die Schlankheitsseife bis hin zu Appetit zügelnden Buttertrüffeln. Doch Tallers Methode war womöglich die dreisteste - kein Wunder, dass er sechs Jahre später wegen Betrugs vor Gericht stand.

"Fettwanst Forever"

Bei der neuen Diätmethode sollte "fast alles" erlaubt sein, Wurst und Käse und Fleisch, vor allem aber pflanzliches Fett. Kein lästiges Kalorienzählen, kein schlechtes Gewissen, nicht einmal Sport steht auf dem Abspeckplan. Einzig Kohlenhydrate sollte man meiden, kein Brot, kein Zucker, aber auch kein Obst, kein Fruchtsaft. Stattdessen sollten 65 Prozent der Nahrung aus Fett bestehen, 30 Prozent aus Eiweiß. Tallers paradoxe Überzeugung: "Fett kurbelt die Verbrennung im Körper an und verbrennt das überschüssige Fett."

Als lebenden Beweis für den Erfolg seiner Methode inszenierte sich der 50-Jährige selbst. "Ich bin immer ein Fettwanst gewesen", sagte der 1,80 Meter große Mann, der zeitweise bis zu 120 Kilo gewogen hatte. "Die Fettsucht steckte in der Familie: Mein Bruder war dick, meine Schwester war dick." Durch seine Wunderdiät habe er innerhalb weniger Monate mehrere Dutzend Pfund abgenommen - und zwar ohne zu hungern.

Das angebliche Geheimnis: Nach jeder Mahlzeit muss der Abnehmwillige zwei Kapseln schlucken, gefüllt mit einem speziellen Samenöl. Dieses aus einer Distelpflanze gewonnene Öl ist reich an ungesättigten Fettsäuren und sollte die Fettverbrennung in Gang bringen. Deshalb wurden in den Schaufenstern neben den Diätbüchern stets ein paar Packungen der im Ratgeber empfohlenen Kapseln angeboten. Diese wurden vom Pharma-Unternehmen Cove hergestellt - einer Firma, zu deren Hauptanteilseignern nicht nur zwei Vizepräsidenten des Buchverlags gehörten, sondern auch Taller selbst.

Dieser "Zufall" weckte das Misstrauen der Food and Drug Administration (FDA), der US-Aufsichtsichtbehörde für Lebensmittel und Medikamente. Sie begann, gegen den selbsternannten Diät-Guru wegen "irreführender Werbung" zu ermitteln. Allein in Brooklyn beschlagnahmten die Fahnder rund 2000 Exemplare des Buches. Ein FDA-Sprecher begründete das Einschreiten der Behörde damit, dass das Buch hauptsächlich "der Absatzförderung eines kommerziellen Produktes und der finanziellen Bereicherung Tallers" diene.

Pure Geldmacherei

Von Wissenschaftlern belächelt und als "abwegig" bezeichnet, erwies sich Tallers Methode als pure Geldmacherei. Ernährungsexperten widerlegten beinahe jede These des Buches, in dem es vor Fehlern nur so wimmelte. Atome und Moleküle wurden verwechselt, der menschliche Stoffwechsel geradezu stümperhaft erklärt, Fachbegriffe falsch geschrieben.

Wer durch die Einhaltung der vorgegebenen Regeln abnahm, tat dies aufgrund der geringeren Kalorienzufuhr durch den Verzicht auf Kohlenhydrate. Fett mache nicht schlank, schrieb ein Fachjournalist 1962 in der "Sunday Times", und Kalorien zählten eben doch. Auch wenn Taller von "seinem neuen Ernährungsprinzip" schrieb, verdrehte er die Tatsachen: Bereits 1953 war der Amerikaner Alfred Pennington davon ausgegangen, der Körper könne Fett anders als Kohlenhydrate in beliebig hohem Maße verbrennen. Eine Theorie, die zwei Jahre später widerlegt worden war.

1967 stand Herman Taller wegen seines Diätbuchs vor Gericht. Der Vorwurf: "Einem leichtgläubigen Publikum wird eine unsinnige Maßnahme aufgehalst." Wegen Betrugs wurde er zu einer Geldstrafe von 7000 Dollar und zwei Jahren Bewährung verurteilt. Zu dem Zeitpunkt waren jedoch bereits zwei Millionen Exemplare von "Calories Don't Count" über den Ladentisch gegangen.

Schlank, schön und sportlich - und alles ohne Anstrengung! einestages präsentiert die absurdesten Diäten der vergangenen hundert Jahre.

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1.
Hans Maus 12.08.2013
Mein Arzt hat mir auch mal geraten: "wenn Sie ohne Sport und Umstellung der Ernährung abnehmen wollen dann fangen Sie mit dem Rauchen an! Pro Bein bringt das mindestens 15 Kilo...."
2.
Maja Ilisch 12.08.2013
So ernst gemeint die meisten dieser Diätmodelle auch sein mögen - die "Diät-Seife" aus der Weekly World News hat in dieser Zusammenstellung nichts verloren. Diese Zeitschrift, hier großzügig als "Boulevard-Blatt" beschrieben, war ein lautes, grelles Magazin, das keinen Hehl daraus machte, dass ausnahmslos alle Schlagzeilen erfunden waren - die besten konnte man sogar als T-Shirt-Motiv kaufen. Und selbst wenn vereinzelte Leser Artikel und Seife ernstgenommen hätten, gab es das vorgestellte Produkt doch niemals irgendwo zu kaufen. Wenn hier schon Satiren mitaufgeführt werden, fehlt ganz eindeutig "Neue Diät verspricht Abnehmerfolg durch nasale Nahrungsaufnahme" vom Postillon.
3.
Claus Rohde 13.08.2013
Verglichen mit der Werbung von heute, hat das "It´s toasted" doch ausgesprochen Charme, da bekommt man Lust auf Abnehmen!
4.
Anja Dostert 13.08.2013
Wie schade, da hätte es doch eine viel schönere Quelle gegeben, frisch aus der Druckerei: Dr. Anja Dostert Die verrückte Geschichte der Diät: Schlankheitswahn und Schönheitskult 132 Seiten, Paperback 13,90 ? (D) ISBN: 978-3944729114 Vertrieb: Amrun Verlag Freundliche Grüße!
5.
Lutz Beyering 14.08.2013
Hach ja, das waren noch Zeiten. Aber heute ist man wenigstens mit Anstand dick und nimmt sich selbst auf die Schippe, wie z.b. Käthe Köstlich mit ihrem "Sixpack", gesehen auf youtube unter dem Link:http://www.youtube.com/watch?v=Q8wyjJXv2So
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