Verrückte Maschinen Klick, ratter, boing - Überraschung!

Verrückte Maschinen: Klick, ratter, boing - Überraschung! Fotos

Warum einfach, wenn's auch kompliziert geht? In den zwanziger Jahren erfand der US-Comic-Zeichner Rube Goldberg Maschinen, die absurde Dominoeffekte auslösten. Eine faszinierende Kettenreaktion begann: Künstler, Regisseure und Popstars bauten ihre eigenen Apparate - hier sind die spektakulärsten. Von Karin Seethaler

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Vier verblüffende Minuten dauert das Musikvideo, das die Band OK Go beim Tanz mit einer gigantischen Maschine zeigt. Die Maschine, das ist eine schier endlose Konstruktion aus Schienen, Bahnen, Hebeln, Wippen, aufgebaut in einer riesigen Halle. Metallkugeln schießen dort über schmale Leisten, Becher fallen um, Flaggen werden entrollt. Vier Minuten lang klappert, klackt und klimpert es im Takt der Musik. Doch diese fulminante Kettenreaktion hat am Ende nur einen profanen Zweck: eine Farbkanone in Betrieb zu setzen, die jedem Bandmitglied einen bunten Klecks ins Gesicht feuert. Das hätte man auch einfacher haben können.

Doch der komplizierte Umweg ist bei Maschinen wie dieser Methode: Man baue einen Apparat, der größtmögliche Absurdität mit geringstmöglichem praktischen Nutzen verbindet. OK Go wurden damit 2010 zu einem der YouTube-Hypes des Jahres, doch das Prinzip ist viel älter. Es geht auf einen Mann zurück, der die mechanische Gaukelei vor knapp hundert Jahren erfand: den Cartoonisten Rube Goldberg. Dieser machte den irren Dominoeffekt erst zum Star seiner satirischen Zeichnungen - und dann zu einem weltweiten Phänomen, das von Künstlern kopiert wurde und es bis nach Hollywood schaffte.

Heute kennt jeder die Goldberg-Maschinen: Filmliebhaber von den Knetgummierfindungen aus den "Wallace und Gromit"-Filmen; Kunstkenner aus dem Film "Der Lauf der Dinge" des Schweizer Duos Fischli und Weiss. Und nicht nur in der Popkultur haben sie dauerhafte Spuren hinterlassen: Seit 1989 werden in den USA an Highschools und Colleges auch landesweite Goldberg-Maschinen-Wettbewerbe veranstaltet. Dabei gewinnt diejenige Konstruktion mit dem ausgefeiltesten Design – und den bizarrsten Effekten. Doch Rube Goldberg, der die Kettenreaktion in Gang brachte, kennt kaum jemand. Wer war der Mann, über den der Comic-Autor Jim Ivey 1987 in einer Hommage schrieb: "Goldbergs Arbeit war immer unbeschwert. Es war keine Spur Bösartigkeit darin"?

"Automatische Gewichtsreduktionsmaschine"

Goldberg wurde 1883 in San Francisco geboren, und er verdankte seiner Unbeschwertheit seinen ersten Job. Er betrat Ende 1906 das Büro von Fred Wenck, einem Redakteur bei der "New York Evening Mail", legte ihm ein paar Cartoon-Skizzen auf den Tisch und bat höflich, unter Vertrag genommen zu werden. Eine Chance, das sei alles, was er wolle. Wenck warf eher aus Höflichkeit einen Blick auf die Zeichnungen. Stutzte. Hielt inne. Grinste - und stand Minuten später mit dem Packen Papier unter dem Arm im Büro seines Chefredakteurs: "Da draußen ist ein junger Mann, den wir einstellen sollten." Es war eine Entscheidung, die die "New York Evening Mail" nicht bereuen sollte. Binnen kurzer Zeit wurden Goldbergs Cartoons zu einem Highlight des Blattes.

Dann kamen die Maschinen.

Sie tauchten zunächst unregelmäßig in Goldbergs täglichen Cartoons auf, in Werbeanzeigen und als Sondernummern in Zeitschriften wie "Time" und "Newsweek". Wann genau Goldberg die Idee dazu entwickelte, ist ungewiss, doch es muss wohl so um 1914 gewesen sein. In diesem Jahr zeichnete er die "Automatische Gewichtsreduktionsmaschine" – eine komplizierte Vorrichtung, die übergewichtige Menschen in einen engen Raum lockte, aus dem sie sich erst wieder befreien konnten, wenn sie ein paar Kilo abgenommen hatten.

War dieser bizarre Diätapparat für sich genommen schon ein Paradebeispiel technischer Eulenspiegelei, so wusste sich Goldberg später in dieser Disziplin noch selbst zu übertreffen. In den Cartoons, die er in den folgenden Jahren entwarf, wimmelte es nur so von komplizierten Dominoeffekten, von denen einer absurder war als der andere. Bald unterhielt er ganz Amerika mit Erfindungen wie der "Automatischen Serviette" oder seiner Beschreibung eines "Einfachen Wegs, um eine Olive aus einer dieser langhalsigen Flaschen herauszupulen".

Dabei konnte Goldberg auch auf Erfahrungen aus seinem eigenen Ingenieursstudium zurückgreifen. Auf Druck des konservativen Vaters hatte er sich als junger Mann an der University of California in Berkeley für Bergbautechnik eingeschrieben. Eine Ausbildung, aus der er schließlich jedoch vor allem eines mitnahm: die tiefe Überzeugung, dass hinter einem Großteil der Technik, mit der sich die Menschen tagtäglich umgeben, nicht mehr steckt als hochkomplexer Irrsinn.

Anstoß für ein Phänomen

"Ich hatte da ein Seminar in analytischer Mechanik", beschrieb Goldberg einen der prägendsten Eindrücke, den das Studium bei ihm hinterlassen hatte. Der Professor dort habe über eine gigantische Maschine verfügt, mit der die Studenten der Reihe nach experimentieren sollten. Die Aufgabe: Mit dem Technikmonster das Gewicht der Erde zu ermitteln. "Für mich gab es nichts, was lächerlicher gewesen wäre", erinnerte sich der Zeichner noch im hohen Alter. "Es war mir völlig egal, was die Erde wog."

Es war diese Skepsis gegenüber der Fortschrittsgläubigkeit, die viele Landsleute mit Goldberg zu teilen schienen: Seine Technikkarikaturen wurden so beliebt, dass sie dem Cartoon-Autor sogar einen eigenen Eintrag im "Merriam-Webster Dictionary" verschafften. Seit 1931 steht "Rube Goldberg" dort für: "etwas auf komplexe Weise tun, was auch viel einfacher erreicht werden könnte".

Wie verbreitet der Gebrauch seines Namens in den Dreißigern war, zeigt auch eine Anekdote, die der Zeichner und Autor Jim Ivey in einem Artikel im "San Francisco Examiner" 1964 anführte. Auf dem Weg zu einem Interview mit dem Künstler habe der Taxifahrer ihm gegenüber erklärt: "Diese Kiste wird zusammengehalten wie die reinste Rube-Goldberg-Maschine".

Goldberg hatte den Anstoß für ein Phänomen geschaffen, das bald die gesamten USA beschäftigen sollte. Erste Nachahmer ließen nicht lange auf sich warten. Bald tauchten mehr oder weniger originelle Adaptionen in den unterschiedlichsten Zusammenhängen auf: In beliebten Zeichentrickserien wie den "Looney Tunes" etwa, wo eine Episode aus dem Jahr 1958 eine raffinierte Vorrichtung zeigte, mit der die Figur Wile E. Coyote versucht, seinem Intimfeind, dem Road Runner, nachzustellen. Aber auch Brettspiele, wie das 1963 veröffentlichte "Mausefalle", wurden von Goldberg und seinen irrwitzigen Apparaten inspiriert.

Hassbriefe für den Cartoonisten

Dieser selbst wandte sich mit Mitte 50 indes von seinen Maschinen ab und versuchte sich unter anderem als politischer Cartoonist. Das brachte ihm zwischen 1938 und 1964 eine Flut an Hassbriefen, 1948 aber auch einen Pulitzer-Preis für die Zeichnung "Peace Today" ein. Das Bild zeigt ein idyllisches Eigenheim, das auf eine riesige Atombombe gebaut ist. Die wiederum kippelt bedrohlich an einem Abgrund hin und her.

Eingefleischte Cartoon-Fans konnten diesen neuen Arbeiten allerdings kaum etwas abgewinnen. Manche sahen Goldbergs inhaltliche Umorientierung gar als Verrat an der komischen Sache. So bemerkte etwa Thomas Craven in dem Buch "Cartoon Cavalcade": "Jahr um Jahr brachte er Millionen zum Lachen, brüllendem Lachen, dass das Zwerchfell erschütterte und keinen Sinn ergab. Dann, aus keinem besonderen Grund, änderte er seine Richtung, verlor die Phantasie, sank tiefer und tiefer und wurde schließlich politischer Cartoonist."

Doch während der Künstler selbst mehr und mehr aus dem Fokus der Öffentlichkeit verschwand, entwickelten seine mechanischen Konzepte im Lauf der Zeit eine immer größere Eigendynamik. Auch nach dem Tod des Zeichners im Jahr 1970 lebten sie weiter.

Was genau die Menschen bis heute an den Goldberg-Maschinen fesselt, ist einerseits ein Rätsel – andererseits scheint es auch gar nicht so wichtig. Ihr Schöpfer selbst jedenfalls verwehrte sich stets gegen jede Analyse. Für tiefschürfende Deutungen hatte Rube Goldberg nur ein Wort: "Schmonzes".

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1.
Rudolf Molt 24.04.2012
Es scheint, die Bundesregierung hat die Methode, mit möglichst viel Aufwand eine umfassend banale Wirkung zu erzielen, ebenfalls verinnerlicht.
2.
Denise Hansen 25.04.2012
Nun bin ich aber enttäuscht, dass in der Fotoreihe nicht die wunderbaren Apparaturen von Doc ("Sie sind der Doc, Doc!") Brown aus 'Zurück-in-die Zukunft' auftauchen!
3.
Thilo Schwarz 25.04.2012
Herr Molt, Sie irren. Das war die EU.
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