Verrückte Selbstversuche Nobelpreis oder tot

Verrückte Selbstversuche: Nobelpreis oder tot Fotos
AP/Corbis

Sie tranken Cholera-Erreger, spritzen sich Pfeilgift oder erhängten sich zu Versuchzwecken: Aus Wissensgier und Ruhmsucht machten Forscher den eigenen Körper zum Experimentierfeld. Einige entdeckten Sensationelles, andere starben tragisch - einestages erinnert an die verrücktesten Selbstversuche. Von

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Er hätte das Experiment jetzt liebend gerne abgebrochen. Sofort. Jetzt, wo sein Puls wie wild raste und sein Blutdruck hochschnellte. Wo sich eine nicht enden wollende Menge Schleim und Speichel in seinem Rachen sammelte, die er nicht mehr herunterschlucken konnte. Er hatte das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen - er war sich sicher, gerade an seinen eigenen Körpersekreten zu ertrinken. Doch niemand bemerkte seine Todespanik. Niemand konnte sie bemerken. Frederick Prescott lag einfach reglos und stumm da, unfähig, auch nur den kleinen Finger zu heben: Sein Muskelapparat war komplett paralysiert.

Kurz zuvor hatte sich der britische Arzt eine Dosis d-tubocurarin spritzen lassen. Das war nichts anderes als das biologische Nervengift Curare, mit dem schon die Indianer Südamerikas ihre Pfeile zu tödlichen Waffen gemacht hatten. Prescott war überzeugt, dass Curare das Schmerzmittel der Zukunft sein könnte. Doch der gelähmte Arzt blieb während des ganzen Experiments bei Bewusstsein und verspürte sogar dann einen "beträchtlichen Schmerz", als ihm sein Kollege ein Pflaster von der Haut zog. Sein spektakulärer Selbstversuch bewies nur: Das Pfeilgift war gut für einen veritablen Horrortrip.

Radikale Forschung

Frederick Prescott befand sich mit seinem lebensgefährlichen Selbstexperiment von 1944 in bester Gesellschaft. Seit Jahrhunderten hatten Ärzte, Professoren oder Autodidakten ihren Körper im wahrsten Wortsinne für die Wissenschaft geopfert: Sie hängten sich zu Versuchzwecken am Galgen auf, schlossen sich in luftdichte Kammern ein oder setzen ihren Körper den Beschleunigungskräften einer Rakete aus. Sie wälzten sich sogar in Kot oder tranken Blut, um Übertragungswege von potentiell tödlichen Krankheiten auszuschließen.

Einige taten es auf der Jagd nach Ruhm oder dem entscheidenden Wissensvorsprung. Andere waren extrovertierte Außenseiter, überzeugt von einer verrückten Idee, belächelt von der Mehrzahl der arrivierten Kollegen. Mal aus Narzissmus, dann wieder aus Sorge um das Leben Dritter testeten sie ihre unglaublichen Thesen lieber am eigenen Fleisch - mit sehr unterschiedlichem Erfolg: Selbstversuche wurden mit Nobelpreisen belohnt, doch einige Forscher bezahlten ihre Wissensgier auch mit dem Leben.

Martialisch brüstete sich 1892 auch der Münchner Hygiene-Professor Max von Pettenkofer, er stürbe gerne im "Dienste der Wissenschaft wie ein Soldat auf dem Feld der Ehre". Dann kippte sich der 74-Jährige vor den Augen seiner entsetzten Studenten ein Glas mit rund einer Milliarde Kommabazillen hinunter - dem Erreger der Cholera. Damit wollte Pettenkofer seinem Dauerrivalen Robert Koch endgültig beweisen, dass die Bazillen nicht die entscheidende Ursache für den Ausbruch der Krankheit sein könnten - sondern Umwelt- und Bodenverhältnisse.

Er überlebte und bekam nur eine Darmverstimmung. Damit fühlte sich der Professor erst recht in seiner Annahme bestätigt - die dennoch falsch war. Vermutlich hatte er sich schon Jahre zuvor mit Cholera infiziert, so dass der Krankheitsverlauf nun glimpflich verlief.

Pillen aus Erbrochenem

Anders als der damals schon hochbetagte Pettenkofer riskierte Stubbins Ffirth sein Leben sogar schon in jungen Jahren. Im Alter von 18 wollte der ambitionierte Medizinstudent beweisen, dass Gelbfieber nicht von Mensch zu Mensch übertragen werden konnte - obwohl eigentlich alles für diese Vermutung sprach: die Krankheit verbreitete sich in epidemieartigen Wellen. Ffirth wagte am 4. Oktober 1802 einen radikalen Gegenbeweis.

An zwanzig Körperstellen schnitt er sich ins eigene Fleisch und träufelte in die frischen Wunden das Erbrochene eines Gelbfieberpatienten. Nichts passierte. Er setzte daraufhin Erbrochenes auf eine Kochstelle, inhalierte den Dampf, presste sich sogar Pillen aus dem Erbrochenen. Schließlich schluckte er es unverdünnt, und "steigerte die eingenommen Menge von einer halben Unze auf zwei Unzen (56 Gramm)", wie er akribisch niederschrieb.

Immer noch nicht infiziert, probierte er Ähnliches mit Urin, Speichel und Blut, das er in "beträchtlichen Mengen" zu sich nahm oder in Wunden tröpfelte. Firfth blieb kerngesund, ohne allerdings irgendeinen praktischen Nutzen aus seinen Experimenten zu ziehen: Er wusste nicht, dass Mücken das Gelbfiebervirus übertragen. Und er ahnte nicht einmal, wie knapp er der gefährlichen Infektion entronnen war: Denn eine Ansteckung von Blut zu Blut wäre durchaus möglich gewesen.

Verjüngungskur mit Tierhoden

Noch näher am Tod war der rumänische Gerichtsmediziner Nicolas Minovici, der sich Anfang des 20. Jahrhunderts mit einem Gewinde insgesamt zwölf Mal eigenhändig mit einem Seil aufhängte. "Das Gesicht wurde rot", notierte Minovici danach eifrig, "dann blau, die Sicht verschwommen, in den Ohren begann es zu pfeifen." Dennoch machte er weiter, bis er es 26 Sekunden am Galgen aushielt. Er habe dabei Verletzungen "von einer großer Vielfalt" erhalten, schrieb er fast liebevoll. "Frakturen von Kehlkopf und Zungenbein sind fast unvermeidlich." Seine Erkenntnis, neben höllischen Schmerzen und vielfarbigen Blutergüssen: Die meisten Erhängten dürften wohl nicht ersticken, sondern an der unterbrochenen Blutzufuhr zum Gehirn sterben.

Der Grat zwischen ernsthaftem Erkenntnisgewinn und Effekthascherei war bei solchen Experimenten stets ziemlich schmal. So pürierte der eigentlich angesehene Mediziner Charles-Edouard Brown-Séquard 1889 in Paris die Hoden eines jungen Hundes, vermischte diesen Brei mit destilliertem Wasser und injizierte sich das Ganze in den Unterarm - als Verjüngungskur. Schon bald fühlte er sich leistungsfähiger, was er auch an kruden Messgrößen wie der Stärke seines Urinstrahls festmachte. Der habe deutlich zugelegt, "was die Distanz betrifft, die er zurücklegte, bis er im Pissoir zu Boden kam".

Als Brown-Séquard dann auch noch nebulös andeutete, seine sexuelle Leistungsfähigkeit habe zugenommen, begann in der Hauptstadt der Liebe ein wahnwitziger Run auf das scheinbare Wundermittel. Der Erfinder selbst verlor darüber die Kontrolle; etliche zweifelhafte Unternehmer warben nun mit seinem Namen. Die Ernüchterung ließ nicht auf sich warten: Viele Patienten holten sich von der Hoden-Kur eine deftige Blutvergiftung.

Ein vergessener Held

Andere Selbstversuche endeten noch tragischer: Der Chirurg William Halsted experimentierte mit Kokain als Betäubungsmittel - und wurde abhängig. Der Brite Andrew White vermutete, Malaria könnte gegen Pest immun machen, steckte sich mit beiden Erregern an und überlebte keine Woche. Der peruanische Medizinstudent Daniel Alcides Carrión wiederum wollte sich eigentlich mit der in seiner Heimat weit verbreiteten Hautkrankheit Verruga Peruana infizieren - doch 39 Tage später starb er überraschend am Oroya-Fieber.

Damit hatte Carrión zumindest post mortem einen Zusammenhang zwischen beiden Krankheitsverläufen nachgewiesen und wurde fortan in Peru als Märtyrer und Volksheld verehrt. Andere Forscher hingegen überlebten ihre irrwitzigen Selbsteingriffe - und wurden von der Fachwelt dennoch mit Häme gestraft.

So erging es Werner Forßmann, der den wohl berühmtesten medizinischen Selbstversuch der Geschichte unternahm. Sein Chef empfand das Ganze später als eine dumme "Zirkusnummer", der Medizin völlig unwürdig. Gutmeinende Kollegen warnten den deutschen Provinzarzt aus Eberswalde, er könne wegen seiner Experimente durchaus eine Karriere im Zuchthaus beginnen. Was war passiert?

1929 erfüllte sich der gerade einmal 25-jährige Assistenzarzt einen Traum. Er punktierte sich seine linke Ellenbogenvene und schob sich einen langen, dünnen, mit sterilem Olivenöl eingefetteten Schlauch in die Vene. Tiefer, immer tiefer, bis ins Herz. Er verspürte immer noch keinen Schmerz, sondern nur "ein Gefühl leichter Wärme", wie er später berichtete. Dann lief er während seiner Selbst-OP ein Stockwerk tiefer, zum Röntgengerät. Dort ließ er die Beweisaufnahme machen, die die Welt elektrisieren sollte: Forßmann hatte sich soeben den ersten Herzkatheter der Medizingeschichte gelegt.

Die Medien feierten ihn wie einen Popstar. Immer mehr Details kamen ans Licht: Forßmanns Vorgesetzte hatte den Versuch strikt untersagt. Kurz vor dem Experiment war Forßmann sogar von einer Krankenschwester erwischt worden. Um ihn aufzuhalten, bot sie sich sogar selbst als Versuchskaninchen an. Nur zum Schein ging der Arzt darauf ein; als die Schwester hilflos auf dem OP-Tisch geschnallt war, begann er mit der Arbeit – an sich selbst.

Die Fachwelt ignorierte den renitenten jungen Arzt, obwohl ihm neun weitere Versuche gelangen und er ein klares Ziel hatte: die Diagnostik des Herzens zu verbessern. Nach einem erfolglosen Zwischenspiel bei der Berliner Charité landete Forßmann wieder in seinem Provinzkrankenhaus in Eberswalde.

Schon in Vergessenheit geraten bekam er 27 Jahre nach seinem Selbstversuch Post aus Stockholm. Forßmann hatte gerade den Nobelpreis für Medizin gewonnen.

Zum Weiterlesen:

Reto U. Schneider: "Das neue Buch der verrückten Experimente" C. Bertelsmann Verlag, München, 2009.

Reto U. Schneider: "Das Buch der verrückten Experimente" C. Bertelsmann Verlag, München, 2004.

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1.
Matthias Winkelmann 09.11.2010
Statt Ruhmsucht und Wissensgier wäre "Mut und Interesse" auch geeignet gewesen, und etwas weniger negativ für diese Wissenschaftler die teilweise unzähligen Menschen geholfen haben.
2.
Roland Repczuk 04.11.2012
Das ist eindeutig eine Männerwelt!
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