Verrückte Sportarten Wettkampf? Lachkrampf!

Verrückte Sportarten: Wettkampf? Lachkrampf! Fotos
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Sargrennen? Monster-Wrestling? Schafrodeo? Seit Jahren reist Sol Neelman auf der Suche nach den irrsten Sportdisziplinen um die Welt. Der US-Fotograf entdeckte dabei jahrhundertealte Extremsportarten - und vollkommen durchgeknallte Wettbewerbe, die erst vor wenigen Jahren ins Leben gerufen wurden. Von Christoph Gunkel

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Nein, ein Schwein sein möchte man wahrlich nicht in Tillamook, dieser gemütlichen, kleinen Küstenstadt am Pazifik im US-Bundesstaat Oregon. Schon gar nicht im August.

Denn immer im August tobt in diesem sonst so friedlichen 5000-Seelen-Nest der pure Wahnsinn. Und das seit nunmehr 86 Jahren. Dann strömen die Bauern von ihren Feldern und Weiden und die Arbeiter aus der großen Käsefabrik, in der der beste Cheddar Oregons hergestellt wird. Sie alle haben nur eines im Kopf: das in der Region längst legendäre Pig'n'Ford Race, das Schweine-Autorennen, einmalig auf der Welt, und der ganze Stolz Tillamooks.

Wo sonst auf dem Globus kann man schließlich verschwitzte Männer beobachten, die in Windeseile Schweine aus einem kleinen Stall holen, sich die quiekenden Viecher hastig unter den Arm klemmen und damit zu einem alten Ford Model T rennen? Um dann auch noch mit dem Schwein unter dem Arm den Motor des Oldtimers per Kurbel anzulassen, sich in den Wagen zu schwingen und auf einer Rumpelpiste mit Vollgas eine Runde zu drehen?

Schwein rein, Schwein raus

Damit nicht genug: Hat der Fahrer die Runde geschafft, ohne dass ihm dabei das nervöse Tier stiften geht, muss er das Schwein wieder in den Stall werfen und sich ein neues holen. Und das immer wieder: Schwein fangen, Motor ankurbeln, Gasgeben, Motor wieder ausmachen, altes Schwein rein, neues Schwein raus. Wer nach drei Runden die schnellste Zeit hingelegt hat, ist der neue Pig'n'Ford-Champion.

Was ist das? Bauer sucht Schwein? Völliger Irrsinn? Tierquälerei? Für die Bewohner von Tillamook ist die Sachlage eindeutig: Die Rennen sind für sie ein Sport wie jeder andere, zwar ohne große Anhängerschaft und Millionengagen, dafür aber mit einer langen Tradition.

Vermutlich irgendwann 1924 oder 1925, so haben es zumindest die Landwirte ihren Kindern und Enkeln erzählt, mussten sich ein paar Farmer auf die Suche nach entlaufenen Schweinen machen. Sie setzten sich in ihre Model-T-Ford, und hatten bei der Jagd so eine Mordsgaudi, dass daraus die Idee eines jährlichen Wettbewerbs mit festen Regeln entstand: Es war die Geburtsstunde einer neuen Sportart.

Surfende Hunde

Der Fotograf Sol Neelman ist in Portland aufgewachsen, keine zwei Stunden von Tillamook entfernt, und irgendwie haben die Schweine auch sein Leben auf den Kopf gestellt. Nicht nur die Schweine natürlich, sondern all die verrückten Sportarten, nach denen er inzwischen selbst ganz verrückt geworden ist. So verrückt sogar, dass er seinen sicheren Job beim "Oregonian", einer der auflagenstärksten Tageszeitungen der USA, aufgegeben hat. Warum? Um mehr Zeit zu haben für Menschen, die sich als Hasen verkleidet auf Kinder-Dreirädern Wettrennen liefern. Die unter Wasser Hockey spielen. Sich hinter Käserädern den Hang hinterstürzen, bäuchlings in Schlammgruben springen, auf Schlittschuhen Rodelbahnen hinunterrasen oder ihren Hunden das Surfen beibringen.

Seine Freude an ungewöhnlichen Sportarten entdeckte Sol Neelman im Jahr 2005. Damals, erzählt er im Interview mit einestages, sah er ein Roller-Derby in Seattle, eine lange totgeglaubte Sportart aus den dreißiger Jahren, bei der die Mannschaften auf Rollschuhen gegeneinander antreten. "Die Sonne schien, der Himmel war wolkenfrei. Schüler, Lehrer, Angestellte, alle hatten wahnsinnig viel Spaß bei dem Derby, das war eine unglaublich positive Atmosphäre", erinnert sich Neelman. Jetzt war er angefixt.

Systematisch machte sich der Fotograf nun in seiner Freizeit auf die Suche nach bizarren, aussterbenden oder unbekannten Sportvarianten. Die Zeit reichte ihm bald nicht mehr; schon zwei Jahre später schmiss er seinen Zeitungsjob. Sein ganzes Berufsleben hatte Neelman sehr erfolgreich aktuelle Fotos gemacht und Aufnahmen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft geliefert. Er hatte in "Time Magazine", "Newsweek" und "Penthouse" veröffentlicht und gehörte sogar zu einem Team von 30 Journalisten, das für eine regionale Reportageserie aus dem Jahr 2006 den Pulitzer-Preis erhielt.

Ein sportverrückter Anti-Athlet

Doch jetzt, ein Jahr nach dem Pulitzer-Erfolg, wollte sich ausgerechnet er, der sich als "gescheiterter Athlet" bezeichnet und nur gelegentlich Basketball spielt, nur noch einer Sache widmen: dem Sport. Dem verrückten Sport.

Er hat es nicht bereut. "Die seltsamen Sportarten haben mein Leben verändert", sagt der 41-Jährige heute. "Sie haben mich nicht nur zum Lachen gebracht, sondern mich besonders daran erinnert, was wichtig ist in meinem Beruf." Lange war es für ihn der Stolz, wenn er Bilder auf die Titelseite oder in eines der renommierten Magazine gehievt hatte. Jetzt merkte er, dass etwas anderes viel wichtiger war. Die Freude und der Spaß am Fotografieren. Die verrückten Sportarten haben sie ihm zurückgegeben.

Neelman, der kürzlich einen beeindruckenden Bildband ("Weird Sports", Kehrer Verlag) mit den besten Aufnahmen seiner Jagd auf die skurrilsten Sportarten herausgegeben hat, ist kein Einzelfall. So lange Menschen sich auf offiziellen Wettkämpfen wie den Olympischen Spielen oder den großen nationalen Meisterschaften messen, haben sie immer wieder versucht, auszubrechen aus dem engen Korsett der für sie langweiligen und arrivierten Spielarten.

Brennende Todesfelder, brechende Bleistifte

Manche wollten unbedingt Aufmerksamkeit erheischen oder Tabus brechen - und spielen nackt Football oder rennen mit Särgen um die Wette. Andere möchten sich auch noch als Erwachsene wie Kinder fühlen und erfanden Wettbewerbe, bei denen sie sich gegenseitig exzessiv mit Bleistiften bekämpfen, um die Wette Schnupftabak inhalieren oder sich so lange regungslos in die Augen starren, bis endlich einer die Fassung verliert.

Eine dritte Fraktion wiederum will es einfach immer wilder und heftiger, als es in den offiziellen Sportarten möglich wäre: Sie fahren ihre Autos schrottreif, stürzen sich mit Pferden fast senkrechte Hänge hinunter, rennen durch brennende "Killing Fields" und kriechen unter einem nur 50 Zentimeter über dem Boden platzierten Stacheldraht herum - selbstverständlich durch Schlammpfützen.

Vieles von dem, was früher bizarr erschien, hat längst seinen Außenseiterstatus verloren. In den USA gibt es inzwischen Dutzende Unterwasserhockey-Vereine und etliche Roller-Derby-Meisterschaften - mit konkurrierenden Regeln und Verbänden. Selbst das einstige Kinderspiel Dodgeball, eine Variante des Völkerballs, ist in Amerika so beliebt geworden, dass sogar Hollywood der einstigen Randsportart ein Denkmal setzte: 2004 wurde "Dodgeball: A True Underdog Story" mit Ben Stiller in der Hauptrolle ein Kassenschlager.

Nicht ganz ausgeschlossen also, dass irgendwann auch einmal das traditionelle Schweinerennen in Ford-Oldtimern zur neuen Volkssportart aufsteigt. Die Tiere in Tillamook hätte es übrigens noch schlimmer treffen können: In manchen US-Bundesstaaten müssen sie in einer kreisrunde Arena voller Schlamm gegen manschliche Kontrahenten antreten. Wobei? Beim Schweine-Wrestling natürlich.

Zum Weiterlesen:

Sol Neelman: "Weird Sports". Kehrer Verlag, Heidelberg 2011, 96 Seiten.

Das Buch erhalten Sie im SPIEGEL-Shop.

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1.
Nicolas Elsen 01.12.2011
Auch interessant: Deutschlands Offizielles Bürostuhlrennen http://www.buerostuhlrennen.de/html/deutschlands_offizielles_buros.html
2.
Peter Zürker 03.12.2011
Die schrägste Kultveranstaltung der Pfalz: Der Kalmit-Klapprad-Cup www.kalmit-klapprad-cup.de
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