Verrückter Rekordversuch Ritt auf der Benzinbombe

Verrückter Rekordversuch: Ritt auf der Benzinbombe Fotos
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Ritt auf der Benzinbombe: Vor 25 Jahren versuchten zwei Flugverrückte, als Erste die Erde ohne Zwischenstopp und Auftanken zu umrunden. Sie starteten in einem ultraleichten, extrem engen Fluggerät, das tonnenweise Treibstoff geladen hatte - und erlebten einen Horrortrip. Von

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Das Gewicht ist ihr größter Feind. Jahrelang haben die Piloten und Konstrukteure des Flugzeugs "Voyager" wie besessen gerechnet. Sie haben um jedes Gramm gerungen, sie haben auf Metall verzichtet und nur das leichteste Material verwendet: in Harz getränktes Papier, überzogen mit Schichten aus Graphitfasern. Jede Schraube, jedes Detail wurde auf seine unbedingte Notwendigkeit geprüft.

Ein elektrischer Anlasser für den hinteren Propeller? Zu schwer. Lieber den Motor per Hand anwerfen. Eine Kabine, in der man stehen kann? Unnötig. Eine schmale Röhre von sechzig Zentimetern Durchmesser tut's auch. Hüftlange Haare? Weg damit! Kopilotin Jeana Yeager hat ihre Mähne auf ein paar Zentimeter gestutzt, um Gewicht zu sparen. Pilot Dick Rutan hat sie auch deshalb zu seiner Kopilotin gemacht, weil sie nur 50 Kilogramm wiegt. Und extrem wenig isst und trinkt, wie er in einem Interview einmal geschwärmt hat.

Was für ein Aufwand für ein Projekt ohne jeden zivilen und militärischen Nutzen. Den beiden US-Piloten geht es allein um Abenteuer und Ruhm. Sie wollen die Welt ohne Zwischenstopp und Auftanken umrunden. Wenigstens ein einziges Mal.

Ein gigantischer fliegender Benzintank

Dick Rutan möchte ihn unbedingt knacken, diesen letzten großen Rekord in der Fliegerei. Bisher endeten alle Versuche spätestens nach der Hälfte der Erdumrundung - fünf Jahre und 22.000 Arbeitsstunden haben Yeager und Rutan investiert, um das zu ändern. Gelingt ihnen der Coup, stünden sie auf Augenhöhe mit Fluglegenden wie Charles Lindbergh.

Am Morgen des 14. Dezembers 1986 ist es soweit. Die "Voyager", diese eigenwillige Konstruktion mit einer riesigen Tragfläche von 33 Metern Spannweite und einer nur zwei Meter langen Pilotenkapsel, soll von der kalifornischen Luftwaffenbasis Edwards abheben. Jetzt wird sich zeigen, ob die Rechenspiele aufgehen. Unbeladen wiegt die Maschine nur rund tausend Kilogramm, doch in ihren 17 Tanks lagern noch 3180 Kilogramm Treibstoff. Reichen zwei 110 PS-Motoren überhaupt aus, um den tonnenschweren Riesenvogel in die Luft zu hieven?

Die Startpiste ist mit 4572 Meter eine der längsten der Welt, doch das Flugzeug ist so langsam, dass auch das Bodenpersonal immer nervöser wird. Nach gut drei Kilometern Fahrt auf dem Rollfeld wirkt die "Voyager" immer noch träge. Kraftlos baumeln ihre überlangen Tragflächen nur wenige Zentimeter über den Asphalt. Und dieses Ding soll in wenigen Sekunden abheben?

Ruppiger Start

Plötzlich fangen die flexiblen Tragflächen wie wild an zu wippen. Jetzt kommt Leben in die "Voyager". Zu viel Leben. Entsetzt notiert die Bodenkontrolle, dass der rechte Flügel auf dem Asphalt aufsetzt. Dann folgt der linke. Und es sind nur noch ein paar hundert Meter bis zum Ende der Startpiste.

Dann geschieht das Wunder: Auf einmal reicht die Geschwindigkeit, und der Luftstrom ist stark genug, um die extrem dünnen und elastischen Flügel nach oben zu drücken. Jubel bricht bei der Bodenkontrolle aus. Zum ersten Mal wirkt die Maschine majestätisch wie ein Adler. Sie hebt ab und nimmt Kurs auf Hawaii. Die Winglets, die äußersten Spitzen der Tragflächen, sind zwar beschädigt und brechen kurz nach dem Start ab, doch der "Voyager" scheint das nichts auszumachen. In etwa zehn Tagen, nach einem Flug von 40.000 Kilometern über den Pazifik, Australien und Südafrika, soll sie wieder zurück sein.

Es ist der spektakuläre Beginn einer riskanten Reise. Stürzt das heillos mit Benzin überladene Flugzeug ab, endet das Abenteuer im Flammeninferno - auch deshalb soll die "Voyager" überwiegend über die Weltmeere fliegen. Aber auch eine Notwasserung würde einen Wettlauf gegen die Zeit auslösen. Die Notverpflegung auf dem kleinen Schlauchboot ist für maximal zwei Tage ausgelegt.

Die Angst des Kampfpiloten

Solche Unwägbarkeiten beschäftigen selbst einen hartgesottenen Typen wie Dick Rutan. Der ehemalige Air-Force-Kampfpilot, Spitzname "Killer", war im Vietnamkrieg 325 Einsätze geflogen und mit Medaillen überhäuft worden, darunter dem Purple Heart. Doch kurz vor dem Start zeigt sich der "Killer" ungewöhnlich besorgt: "Dies ist das einzige Flugzeug, in dem ich ein gewisses Gefühl von Unsicherheit verspüre", sagt er in einem Interview. "Weil die Maschine nur auf Reichweite getrimmt ist, hat sie seltsame Flugeigenschaften. Bei den ersten Testflügen brauchte man schon Mut, um überhaupt in das Ding einzusteigen."

Der 48-Jährige, der in Vietnam einmal abgeschossen worden war und seinen Kriegsdienst später als "Unsinn" bezeichnet hatte, fürchtet das Wetter jetzt so sehr wie einst den Vietcong. Für ihn ist es der größte Unsicherheitsfaktor. Kann die ultraleichte "Voyager" heftige Turbulenzen überstehen? Ist sie in einem Sturmtief überhaupt manövrierfähig? Anderseits weiß Rutan, dass er Schlechtwettergebiete auch nicht zu weiträumig umfliegen darf. Denn jeder Umweg kostet wertvolles Flugbenzin - und gefährdet damit den Rekordversuch.

Es dauert nur wenige Stunden, bis seine Befürchtungen wahr werden. "Das beste Wetter liegt bereits hinter uns", heißt es am Montag von der Bodenkontrolle. Da ist die "Voyager" gerade einmal einen Tag unterwegs. Jetzt kündigt sich über dem Südwestpazifik der Tropensturm "Marge" an.

In der "Folterkammer" durch den Sturm

Zwölf Stunden werden die beiden Amerikaner am Randgebiet des Wirbelsturms in ihrer niedrigen und engen Kabine durchgeschüttelt, die ungefähr die Größe einer liegenden Telefonzelle hat. "Folterkammer" hatte Jeana Yeager ihr enges Zwangsdomizil einmal genannt, und jetzt wird sie so heftig umhergeschleudert, dass sie sich am ganzen Körper Prellungen und blaue Flecken zuzieht. Kurz danach kündigt sich das nächste Unwetter an.

Doch die Feuertaufe ist überstanden und Ingenieur Burt Rutan, der Bruder des Piloten, erleichtert. Schließlich ist die "Voyager" seine Konstruktion. Den ersten Entwurf für das seltsame Flugobjekt hat er im Dezember 1980 auf eine Papierserviette gezeichnet, als er mit seinem Bruder und Jeana Yeager in einem japanischen Restaurant speiste.

Es war das Treffen dreier Flugverrückter. Dick Rutan hob schon mit 15 Jahren ab - lange, bevor er Auto fuhr. Jeana Yeager hatte er 1980 auf einer Flugschau kennengelernt und sich sofort in die Texanerin verliebt. Die beiden wurden ein unzertrennliches Paar und Yeager fand eine Stelle als Testpilotin in der Firma von Dicks Bruder Burt, dem dritten Flugnarren: Der Ingenieur hatte sich auf ungewöhnliche Konstruktionen spezialisiert - etwa solche mit sogenannten Entenflügeln.

Ein genialer Entwurf auf einer Papierserviette

Diese stummeligen Tragflächen stammten noch aus den Kindertagen der Fliegerei und waren lange in Vergessenheit geraten. Dabei haben sie einen großen Vorteil: Sie halten das Flugzeug stabil, schützen es vor plötzlichem Absacken und dienen als Auftriebshilfe bei geringer Fluggeschwindigkeit. Genau dieses Prinzip sollte den Flugrekord nun möglich machen: Schwere, schnelle Maschinen waren für eine Weltumrundung ohne Stopp ungeeignet, weil sie zuviel Sprit fraßen. Leichtflugzeuge hingegen galten als zu schwachbrüstig, um dass Vielfache ihres Eigengewichts transportieren zu können.

Burt Rutan war anderer Meinung. Er zeichnete drei Striche auf die Serviette: der Haupt- und die Nebenrümpfe. Vorne verband er sie mit einem kurzen Strich, den Entenflügeln, hinten mit einem langen Strich, der XXL-Tragfläche. "Wir werden nur sechs Monate und ein paar Dollar brauchen", kündigte er großspurig an, "es ist eine ziemlich einfache Sache".

Es dauerte zehnmal so lange und kostete zwei Millionen Dollar. Kein großes Unternehmen wollte als Hauptsponsor ein so wahnwitziges Unternehmen unterstützen. Spartanisch lebend stemmten Rutan und Yeager das Projekt mit eigenen Mitteln, unterstützt von etlichen Privatspendern und Flugenthusiasten.

Das Ego des Piloten

Und die bangen nun, im Dezember 1986, um den angestrebten Rekordflug. Wegen des schlechten Wetters muss die "Voyager" mehrmals ihre Route ändern und dafür, anders als geplant, den vorderen Propeller anwerfen. Der ist eigentlich nur für den Start und Notsituationen gedacht. Die "Voyager" segelt zu wenig und fliegt zu viel. Nach der Hälfte der Strecke warnt die Bodenkontrolle, der Treibstoff könne womöglich nicht reichen.

Doch nicht nur außerhalb des Flugzeugs kommt es zu atmosphärischen Störungen. Eine bequeme Sitzposition ist nicht möglich, der Motor dröhnt pausenlos, Fäkalien müssen in kleinen Plastikbeuteln entsorgt werden, ein Platzwechsel ist nur mit viel Akrobatik möglich. In einem PR-Video vor dem Start hat das Liebespaar noch augenzwinkernd gesagt, dass sie sich gegenseitig den Rücken kratzen würden, weil es keine Dusche an Bord gibt. Jetzt ist jegliche Romantik verflogen.

Alle sechs Stunden wollten die Piloten sich beim Fliegen abwechseln. Doch in den ersten 72 Stunden sitzt fast ausschließlich Rutan auf dem Pilotensitz und ignorierte damit sogar ausdrückliche Anweisungen der Bodenkontrolle. "Das ist wirklich meine Mission", sollte er später mit einer Prise Narzissmus zu seinen Alleingängen sagen, "ich bin eben der Typ, der sein ganzes Leben lang geflogen ist".

Freier Fall

Immer mehr wird der Flug so zum Wettkampf gegen die Müdigkeit. "Manchmal sind sie so klar im Kopf wie am ersten Tag", berichtet Konstrukteur Burt Rutan der Presse, doch dann wieder "geben sie Angaben durch, die einfach keinen Sinn machen". Entnervt knipst Dick Rutan einmal die Sprechverbindung aus, und als kurz vor dem Ziel der Heckmotor ausfällt und die "Voyager" im freien Fall auf den Atlantik zurast, schnauzt er die Leitstelle an: "Lasst mich bloß in Ruhe hier oben. Ich will nichts hören!"

Doch irgendwie springt in nur noch 1000 Metern Höhe der Motor wieder an. Wenige Stunden später, am Morgen des 23. Dezember 1986, landet die "Voyager" unter dem Beifall von 15.000 Schaulustigen auf der Luftwaffenbasis Edwards - mit nur noch 55 Litern Treibstoff. Neun Tage, drei Minuten und 44 Sekunden waren die Piloten unterwegs und haben 40.211 Kilometer zurückgelegt. Jetzt sagen sie, dass sie sich "nie wieder" in diese Maschine setzen würden.

Doch der Rekord ist geschafft. Präsident Reagan ehrt sie mit der Presidential Citizens Medal, der zweithöchsten Auszeichnung des Landes für Zivilisten. Monatelang tingeln die neuen Volkshelden mit Vorträgen durch die Welt und bessern ihre arg gebeutelten Konten wieder auf. Doch das Happy End bleibt aus. Die Reise in der Beengtheit der "Voyager" hat das Pärchen nicht zusammengeschweißt. Sie heiraten nicht, sondern gehen wenig später getrennte Wege - und streiten sich 1995 sogar vor Gericht über den gewerblichen Umgang mit ihrem historischen Flug.

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1.
Ralf Drews 24.12.2011
Ich glaube nicht, daß die Voyager über ein paar abgestellte Boeing 707 fliegt. Diese Maschinen sehen mir sehr nach Convair CV-880 aus.
2.
Peter Scha 24.12.2011
Man hätte nebenbei erwähnen sollen, dass Burt Rutan auch der Konstrukteur von u.a. SpaceShipOne und SpaceShipTwo ist. Der Mann ist einer genialsten Luftfahrtingineure aller Zeiten!
3.
Gerhard Dilger 24.12.2011
Kleine Anmerkung: Bei den als "Boeing 707" betitelten Flugzeugen in Bild 9 handelt es sich um Convair 880 in neutralisierter TWA-Bemalung.
4.
Peter Thomsen 27.12.2011
Peter Thomsen Erstaunlich, wie im zweitletzten Absatz der Heckmotor wieder anspringt. Er hat doch, wie wir weiter vorn erfahren, gar keinen Anlasser!
5.
Volker Steinmetz 27.12.2011
>Peter Thomsen >Erstaunlich, wie im zweitletzten Absatz der Heckmotor wieder anspringt. Er hat doch, wie wir weiter vorn erfahren, gar keinen Anlasser! Im Flug kann man den Propeller als Anlasser benutzen.
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