Heß-Akte gefunden Die größten Geheimnisse des Hitler-Stellvertreters

Heß-Akte gefunden: Die größten Geheimnisse des Hitler-Stellvertreters Fotos
DER SPIEGEL

In den USA wird ein spektakulärer Aktenfund versteigert: rund 300 Seiten handschriftliche Notizen des NS-Reichsministers Rudolf Heß. Der Hitler-Stellvertreter trug das Dossier mit dem Vermerk "Most Secret" 1945 zum Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess bei sich. Seither galt es als verschollen. Von Axel Frohn

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Der feindliche deutsche Flieger hatte seinen Fuß verstaucht und war noch damit beschäftigt, seinen aufgeblähten Fallschirm zusammenzuraffen, als er am 10. Mai 1941 kurz vor Mitternacht auf einer Wiese der Floors Farm in Schottland von Farmer David McLean gestellt wurde. Er gab sich als Hauptmann Alfred Horn aus, doch bereits wenige Stunden, nachdem ihn der Bauer an eine Einheit der Home Guard übergeben hatte, stand seine wirkliche Identität fest: Der gefangene Bruchpilot war Rudolf Heß, der Stellvertreter des Führers.

Seither ist viel darüber gerätselt worden, was den dritthöchsten Mann im "Dritten Reich" zu seinem Flug nach Schottland veranlasst haben mag, was er mit seiner Mission erreichen wollte und ob er sie auf eigene Faust oder mit Duldung, wenn nicht gar im Auftrag seines Führers Adolf Hitler unternahm.

Ein sensationeller Aktenfund könnte jetzt neues Licht auf den Heß-Flug werfen. Im Katalog für seine nächste Versteigerung am 10. September bietet das US-Auktionshaus Alexander Historical Auctions in Maryland ein knapp 300 Seiten umfassendes Dossier an, das Heß 1941 während seiner Gefangenschaft in England angelegt haben soll.

Quelle anonym

Heß hatte eine solche Akte mit einem roten “Most Secret”-Stempel im Oktober 1945 bei sich geführt, als er von den Briten zum Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher nach Nürnberg überstellt wurde. Auszüge aus einem der Schriftstücke fanden Eingang in das veröffentlichte Beweismaterial des Internationalen Militärgerichtshofs ebenso eine Auflistung des restlichen Akteninhalts. Doch seit dem Prozess galt das gesamte Konvolut als verschollen.

Dass die jetzt zur Versteigerung stehende Heß-Akte mit diesem verschwundenen Dossier identisch ist, lässt sich anhand des Nürnberger Inhaltsverzeichnisses eindeutig belegen. Ein Schriftenvergleich des Bundesarchivs hat außerdem keinen Anhaltspunkt dafür ergeben, dass es sich bei der Akte um eine Fälschung handelt.

Im Auktionskatalog heißt es geheimnisvoll: Der ungenannte Anbieter habe das Dossier "vor etwa 20 Jahren" aus anonymer Quelle erhalten. Der unbekannte Wohltäter muss höchst großzügig gewesen sein, denn heute wird der Wert der Papiere auf 200.000 bis 300.000 Dollar geschätzt.

In den vergangenen zwanzig Jahren hatte nur eine Person behauptet, die Heß-Akte zu besitzen: der niederländische Journalist Karel Hille. Er gab 1997 an, Sir Maurice Oldfield, der frühere Chef des britischen Geheimdiensts MI6, habe "eine 'Most Secret'-Heß-Akte aus dem Jahr 1941 aus Whitehall herausgeschmuggelt und an Historiker weitergegeben, die sie kurz vor seinem Tod im Ausland in Sicherheit gebracht" hätten. Hille wollte diese Akte in einem Dokumentarfilm zeigen. Ob diese Geschichte stimmt und was später mit den Papieren geschah, ist unklar.

Einzigartiges Schriftstück

Entgegen seinem verharmlosenden Ruf als "Friedensbote" war Heß tief in die Verbrechen des Nazi-Regimes verstrickt. Als engster Vertrauter Hitlers hatte er den Führerkult geschaffen und nach der Machtergreifung 1933 eine bedeutende Rolle bei der Errichtung der NS-Diktatur gespielt. Hitler berief ihn zum Reichsminister; 1934 war er in die Ermordung der SA-Führung um Stabschef Ernst Röhm verwickelt, und die Rassengesetze zur Entrechtung der Juden trugen seine Unterschrift. Doch nachdem die NS-Macht im Innern gefestigt war und außenpolitische Ziele in den Vordergrund rückten, verlor er an Bedeutung. Heß flüchtete sich in Krankheit, obskure Heilmethoden und Sterndeuterei.

Im Mai 1941 aber schien ihm der Zeitpunkt gekommen, das alte Ansehen wiederzugewinnen: Er war entschlossen, den Krieg mit Großbritannien zu beenden und Hitler den gewünschten Bundesgenossen sozusagen vor die Füße zu legen. Hitler hatte in "Mein Kampf" geschrieben, dass "kein Opfer zu groß" sein dürfe, um die Rückendeckung Englands bei der Expansion des Reichs nach Russland zu gewinnen.

Bereits am Tag nach seiner Ankunft in Schottland erhielt Heß in seinem Glasgower Gewahrsam in einer Kaserne der Highland Light Infantry Besuch vom Herzog von Hamilton. Der Adlige war bei der Royal Air Force zuständig für die Luftverteidigung im Süden Schottlands. Heß sah in ihm einen potentiellen Gegner Winston Churchills, der bereit sein könnte, den Premierminister zu stürzen und die frühere nachgiebige Politik gegenüber Hitler fortzusetzen.

Hamilton hatte die Zusammenkunft am 11. Mai 1941 ausführlich beschrieben, doch Heß’ handschriftliche Aufzeichnung zu diesem Treffen war bislang unbekannt. Das einzigartige Schriftstück ist in dem jetzt zum Verkauf stehenden Dossier enthalten.

"Wie der Führer", notierte Heß darin seine Überlegungen, sähe auch er "den Krieg zwischen unseren Ländern als ein Unglück für alle Beteiligten" an. "Schwere Opfer müssten auf beiden Seiten gebracht werden, ohne dass irgendetwas erreicht würde, das auch nur entfernt dieser Opfer wert sei."

Er wisse, dass es der britischen Regierung "aus Prestigegründen unmöglich sei, ohne entsprechenden Anlass auf das Verständigungsangebot des Führers einzugehen" - gemeint war Hitlers erneuter "Friedensappell" vom Juli 1940 -, doch wolle er durch sein Kommen genau diesen Anlass geben. Heß' Vorstellungen sind von entwaffnender Naivität: Die britische Regierung könne sich doch nun öffentlich "auf der Grundlage der durch Reichsminister Heß gemachten Vorschläge" - also zu Hitlers Bedingungen - zu Verhandlungen bereit erklären.

"Der Herzog war sichtlich ergriffen", vermerkte Heß, aber "nicht von der Überzeugung abzubringen, dass Deutschland die Weltherrschaft anstrebe". Prophetisch habe Hamilton geäußert, "Deutschland gehe schweren Zeiten entgegen". Er versprach jedoch, in London "den entsprechenden Stellen" und dem König zu berichten.

71 Seiten Protokoll

Heß musste einen Monat warten, bis er seine Vorschläge der britischen Regierung unterbreiten konnte. Er wurde zunächst in einer Offizierswohnung im Tower, dann im schwer bewachten Landhaus Mytchett Place südwestlich von London untergebracht. Dorthin entsandte Churchill am 9. Juni den früheren Außenminister und Appeasement-Politiker Lord Simon, um Heß’ Friedensvorstellungen auszuforschen.

Die Unterredung oder genauer der Monolog des Reichsministers, der nur von wenigen Fragen unterbrochen wurde, dauerte drei Stunden. Das Protokoll, das sich in der Heß-Akte befindet, umfasst 71 maschinenschriftliche Seiten und zahlreiche Blätter mit Notizen in Heß’ Handschrift, alles wie eine Notarsurkunde zusammengebunden und gesiegelt.

Erst gegen Ende des Gesprächs gestand Heß ein, dass er "ohne Kenntnis" des Führers gekommen sei und "ohne Auftrag". Allerdings gebe er die "Ideen des Führers" wieder. Demnach solle die gegenseitige Anerkennung von Interessensphären als Verständigungsgrundlage "zur Vermeidung künftiger Kriege" dienen. Der deutsche Einflussbereich sollte den europäischen Kontinent mitsamt Russland bis zum Ural umfassen ("das asiatische Russland interessiert uns nicht"), die englische Sphäre das Empire. Außerdem forderte Heß die ehemaligen deutschen Kolonien zurück.

Die Frage, welche Stellung etwa Holland, Norwegen oder Griechenland nach dem Krieg in einem von Deutschland dominierten Europa einnehmen würden, konnte Heß nicht beantworten. "Der Führer hat mir da keine Angaben gemacht."

Alles was Heß zu bieten hatte, waren Hitlers alte und von Churchill längst abgewiesene Friedensbedingungen. Spielraum für Verhandlungen ließ sich nicht erkennen, nur ein deutsches Diktat. "Wenn England auf diese Verständigungsgrundlagen nicht eingehen würde", drohte Heß, käme "über kurz oder lang der Tag, wo es gezwungen ist, darauf einzugehen".

Beinbruch

Als eine Antwort auf sein "Angebot" ausblieb und die Aussichten auf ein deutsch-englisches Bündnis noch vor dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 schwanden, beschloss Heß, seinem Leben ein Ende zu setzen. Seine "selbst gewählte Mission" war gescheitert. Am 15. Juni stürzte er sich über ein Treppengeländer in die Tiefe. Doch das Haus war eingeschossig, und so führte sein Sprung nicht in den Tod, sondern nur zu einem Beinbruch.

Das Heß-Dossier enthält ferner den Briefwechsel und Heß’ Aufzeichnung zu einer Unterhaltung mit Lord Beaverbrook, dem anglo-kanadischen Pressemagnaten und Churchills Minister für Nachschub, vom September und Oktober 1941; eine von Heß verfasste "Erklärung zur 'Atlantik-Kundgebung'"; und seine Denkschrift "Deutschland-England unter dem Gesichtspunkt des Krieges gegen die Sowjet-Union".

Die Schrift gipfelte in der Frage, ob es sich für England lohne, "unter größten Opfern den höchst unsicheren Versuch zu machen, die ‘Achse’ zu besiegen, um dafür mit Sicherheit in Kauf zu nehmen, dass ihm im bolschewistischen Russland ein weitaus gefährlicherer Gegner für sein Empire erwächst".

Brief an den König

Wie schon früher in Deutschland, so flüchtete sich Heß auch nach dem Scheitern seiner Mission und seinem missglückten Suizid wieder in Krankheit. In einem ebenfalls in der Akte enthaltenen "Brief an den König von England" vom November 1941 beklagte er sich, dass ihm seine Bewacher und Ärzte "in Speisen und Medikamenten" einen Stoff mit so "starker Wirkung auf Hirn und Nerven" verabreicht hätten, dass er "die Überzeugung erhielt, wahnsinnig zu werden". Eine "von der Regierung unabhängige Kommission", so bat er den König, möge seine Anklage untersuchen.

Zwei Monate später schrieb Heß erneut an Georg VI. Ein Wachoffizier hatte vor Heß' Augen eine Handvoll der Tabletten geschluckt, von denen er behauptet hatte, dass sie vergiftet seien. Heß nahm seine Anschuldigungen zurück und musste sich "zu der Überzeugung durchringen, dass meine diesbezüglichen Beschwerden das Ergebnis einer Autosuggestion sind".

Die Heß-Akte zeigt einen höchst neurotischen, selbstzerstörerischen Mann, dessen Mission nicht die geringste Aussicht auf Erfolg hatte. Er verfügte über keine Verhandlungsvollmacht und konnte den Briten nur ein unannehmbares deutsches Friedensdiktat bieten. Ein großes Geheimnis enthüllen die Papiere nicht. Stattdessen bestätigen sie den britischen Historiker David Stafford, der schon vor einem Jahrzehnt meinte, das einzige Geheimnis um den Heß-Flug bestehe darin, "weshalb noch irgendjemand glaubt, es gäbe eins".

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1.
Hartmut Simon 10.09.2013
... wie viele Jahre haben die jetzt gebraucht um den STERN zu kopieren ???
2.
Manfred vom Hoevel 10.09.2013
Ja wie? Lebt denn Konrad Kujau noch -oder wieder??
3.
Albert Augustin 10.09.2013
Ich begreife nicht, dass ein derartiger Aktenfund zur Versteigerung kommt. Das Dossier dürfte sicher eine gewisse Bedeutung haben und von daher, sozusagen ex officio, in Historiker Hände gegeben werden ! Albert Augustin CH - 4460 Gelterkinden / Schweiz
4.
Dieter Freundlieb 10.09.2013
Überschrift: "Die größten Geheimnisse des Hitler-Stellvertreters" Zitat: Ein großes Geheimnis enthüllen die Papiere nicht. Stattdessen bestätigen sie den britischen Historiker David Stafford, der schon vor einem Jahrzehnt meinte, das einzige Geheimnis um den Heß-Flug bestehe darin, "weshalb noch irgendjemand glaubt, es gäbe eins". Ja was denn nun? Bitte um Aufklärung.
5.
Lennon Eales 10.09.2013
Wie kann diese Akte in den USA versteigert werden? Ist sie nicht Eigentum der Heß-Nachkommen (Heß hatte einen Sohn und dieser widerum 3 Kinder) bzw. der Bundesrepublik Deutschland als Rechtsnachfolger des Deutschen Reiches?
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