Verschossene Elfmeter Anlauf, Schuss und Oaaaaahhhhh

Verschossene Elfmeter: Anlauf, Schuss und Oaaaaahhhhh Fotos
Bongarts/Getty Images

Antreten, zutreten … betreten: 1986 hatte Werder-Spieler Michael Kutztop beim entscheidenden Elfmeter die Meisterschaft auf dem Fuß. Er verschoss. einestages erinnert an die schlimmsten Minuten in Kutztops Profilaufbahn - und zeigt die legendärsten vergeigten Elfer. Von

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Kein Drehbuchautor hätte es besser konstruieren können: Eine ganze Bundesliga-Saison entscheidet sich in einem einzigen großen Showdown. Das Mannschaftsspiel verdichtet sich plötzlich zum Duell - Schütze gegen Torwart, Mann gegen Mann. Wie in einem guten Western. Mehr Drama geht nicht.

Es ist der 22. April 1986, der 33. und vorletzte Bundesliga-Spieltag steht auf dem Programm. Spitzenreiter Werder Bremen empfängt den Tabellenzweiten Bayern München, der Jäger spielt beim Gejagten. In Bremen herrscht Ausnahmezustand. Die ganze Stadt ist in ein einziges Werder-Grün-Weiß getaucht: die Auslagen der Schaufenster, die Menschen auf den Straßen, erst recht das Weserstadion, das aus allen Nähten platzt. 40.800 drängen sich auf den Tribünen. Und auch in der Stadthalle, wo das Schlagerspiel auf einer Großbildleinwand zu sehen ist, ist kein Stehplatz mehr zu ergattern. 15.000 Bremer bevölkern zudem erwartungsfroh den Domhof in der Innenstadt. Partystimmung.

Alle wollen live dabei sein und miterleben, wie Werder den "Deckel zumacht" und seine tolle Saison krönt. Ein Sieg noch, ein einziger Sieg und nach 21 langen Jahren käme die "hässliche Salatschüssel", die Meistertrophäe des Deutschen Fußball-Bundes, endlich wieder an die Weser.

Geheimwaffe Völler

Das Privatfernsehen überträgt live, die Fußballnation klebt an diesem späten Dienstagabend geschlossen und gebannt an der Mattscheibe. Das Spiel lebt von der Spannung. Bis zur 89. Minute steht es 0:0, ehe Rudi Völler den großen Showdown einleitet. Ausgerechnet Völler!

Der Nationalspieler ist erst acht Minuten zuvor von Werder-Trainer Otto Rehhagel als "Geheimwaffe” eingewechselt worden. Ein Psychotrick? Es ist schließlich Völlers erster Einsatz nach 150-tägiger Verletzungspause. Beim Hinspiel in München hatte ihn sein Bayern-Gegenspieler Klaus Augenthaler mit einem üblen Tritt fernab des Balles äußerst schmerzhaft in den Krankenstand befördert. Seither waren zwischen den beiden Meisterschaftsanwärtern aus Bremen und München, vor allem zwischen den Managern Willi Lemke und Uli Hoeneß, zahlreiche verbale Giftpfeile hin und her geflogen. Folgt nun die persönliche Rache des Stürmers?

Das ist passiert: Völler setzt sich auf der rechten Seite durch und dringt in den Münchner Strafraum ein. Sein Versuch, den Ball nach innen zu lupfen, bleibt an Bayern-Verteidiger Søren Lerby hängen. Und plötzlich ertönt ein Pfiff: Elfmeter! Der Däne soll den Ball regelwidrig mit der Hand gespielt haben.

"Nix! Nix war des! Nur ins Gesicht ist ihm der gegangen", ereifert sich SAT.1-Co-Kommentator Paul Breitner nach dem Betrachten der Zeitlupe. Obwohl er als ehemaliger Bayern-Spieler nicht gerade der Neutralität verdächtig ist, hat Breitner Recht. Der Elfmeterpfiff ist eine krasse Fehlentscheidung. Doch Schiedsrichter Volker Roth, als einer der besten seiner Zunft vom Weltverband FIFA gerade für die einige Wochen später stattfindende Weltmeisterschaft in Mexiko nominiert, lässt sich nicht beirren. Der Unparteiische ist sich seiner Sache völlig sicher. Später diktiert er den Journalisten in die Blöcke: "Für mich war das ein klares Handspiel, da gibt es überhaupt keine Zweifel. Ich hätte auch im Münchner Olympiastadion so entschieden."

Elf Meter bis zum Meistertitel

Der Tumult ist gewaltig. Die Bayern-Spieler, allen voran Dieter Hoeneß und Kapitän Klaus Augenthaler, bestürmen Roth. Die aufgestauten Emotionen brauchen ein Ventil. Münchens Co-Trainer Egon Coordes drischt den Spielball weg. Aus Wut? Oder ist es schon Taktik? Natürlich wissen die Bayern, dass der Schiedsrichter seine Entscheidung nicht mehr revidieren wird. Ein paar Gemeinheiten ins Ohr geflüstert, hier ein Tritt auf den Fuß, dort wie zufällig den Ball wieder vom Elfmeterpunkt wegbugsiert - die üblichen Sperenzchen, um den Schützen zu verunsichern.

Der Schütze, das ist Michael Kutzop. Der großgewachsene Blondschopf ist der beste Mann für diesen Job, eine absolut sichere Bank. Kutzop versteht das "Fußwerk" vom Punkt wie kein Zweiter im deutschen Profifußball. Bis zu diesem 22. April 1986 hat der gelernte KFZ-Mechaniker stets Präzisionsarbeit abgeliefert. 22 Elfer für Kickers Offenbach in der ersten und zweiten Liga, dazu allein sieben weitere in der laufenden Spielzeit für Werder. Insgesamt 29 Strafstöße - alle drin, Erfolgsquote: 100 Prozent! Was soll da schief gehen?

Nur noch elf mickrige Meter sind die Bremer vom Titel entfernt. Die Situation ist wie geschaffen, einen strahlenden Helden hervorzubringen, doch sie gebiert einen tragischen Verlierer.

125 Sekunden Ewigkeit

"Vielleicht hatte ich zu viel Zeit zum Nachdenken.", erinnert sich Michael Kutzop später. "Einen Ersatzball gab es nicht. Angeblich hat es 15 Minuten gedauert, bis die Kugel endlich auf dem Punkt lag. Ich weiß aber nicht, ob das stimmt. Mir kam es jedenfalls wie eine halbe Ewigkeit vor." Es sind exakt 125 Sekunden, die verstreichen, ehe der Strafstoß ausgeführt werden kann. Kutzop nimmt fünf Meter Anlauf, verzögert ein wenig und schickt Bayern-Torwart Jean-Marie Pfaff in die falsche Ecke. Der Bremer macht eigentlich alles richtig. Fast alles. Er dreht den Innenrist seines rechten Fußes vielleicht ein winziges Grad zu weit nach außen. Bei seinem 30. Profi-Elfmeter sind die 17,9 Quadratmeter Trefferfläche zum ersten Mal zu klein. Der Ball segelt an den Pfosten und springt von dort ins Toraus.

Das Geräusch, das das Leder produziert, als es auf das Aluminium des Torgestänges klatscht, werden die dicht dabeistehenden Ohrenzeugen wohl nie vergessen. Für die einen ist es der süße Klang des Glücks, für die anderen der hässliche Ton des Scheiterns.

Kutzop selbst erlebt den Aufschrei des Entsetzens nur noch in Trance. "Was danach passiert ist, weiß ich nicht mehr genau. Das war wie ein Filmriss." In den letzten beiden Spielminuten schleicht er wie ein Gespenst über den Rasen. Der 1,87-Meter-Hühe ist tief gebeugt, wie von der Last niedergedrückt. Mitspieler Bruno Pezzey schickt seinen Manndecker vorsichtshalber vor ins Mittelfeld und übernimmt selbst die Bewachung von Bayern-Stürmer Dieter Hoeneß. Als alles vorbei ist, stapft Kutzop leichenblass vom Platz. Wie zum Hohn stehen im Kabinengang ein paar Flaschen Sekt bereit. Alle schleichen daran vorbei.

Die Analysen folgen unmittelbar. TV-Experte Paul Breitner krächzt ins Mikro: "Ich würde sagen: ausgleichende Gerechtigkeit - so leid es mir für die Werderaner beziehungsweise ihre Fans tut." Bremens Trainer Otto Rehhagel bemüht ebenfalls das Fair Play und versucht, im Hinblick auf das abschließende Saisonspiel Optimismus zu versprühen: "Wären wir durch die Fehlentscheidung Meister geworden, hätte dieser Titel immer einen bitteren Nachgeschmack gehabt. So müssen wir in Stuttgart alles klar machen, und ich bin sicher, dass wir dazu keine Geschenke brauchen."

Mannschaft mit "gezogenem Stecker"

Tatsächlich: Werder, das seit dem 2. Spieltag ununterbrochen an der Spitze der Bundesliga-Tabelle steht, hat zwar einen dicken Matchball vergeben, doch immer noch alles selbst auf dem Fuß. Ein Remis zum Abschluss vier Tage später beim VfB Stuttgart würde immer noch reichen. Doch die Voraussetzungen für diese Bremer Mission sind alles andere als günstig: Zum einen ist der psychologische Knacks gewaltig (Manager Lemke erinnert sich an eine "Mannschaft, bei der der Stecker herausgezogen war"), zum anderen die Motivation des nächsten Gegners immens. Stuttgarts Nationalspieler Karl Allgöwer erklärt: "Wir wollen den FC Bayern als Meister, dann sind wir auf jeden Fall im Europapokal dabei." Und so kommt es: Der VfB besiegt Werder 2:1 (zwei Tore durch Allgöwer), während der FC Bayern zeitgleich Borussia Mönchengladbach mit 6:0 abfertigt und wegen der besseren Tordifferenz die Meisterschaft erringt.

Kutzop erhält anschließend eine Woche Sonderurlaub. Er fährt zu seinen Eltern und Geschwistern nach Offenbach. Doch richtig abschalten kann er nicht. Stattdessen studiert er seinen Fehlschuss auf Video. Einmal, zehnmal, immer wieder. Bis er für sich persönlich den Fehler gefunden hat, der die Meisterschaft entschied: "Der Anlauf hat nicht gestimmt. Da war so ein komischer Wechselschritt. Stehengeblieben bin ich zwischendurch, mittendrin. Das war’s."

Ein paar besonders witzige Bayern-Fans rufen mehrfach Kutzops Privatanschluss an, um sich für den verschossenen Elfmeter zu bedanken. Von Mitspielern und eigenen Fans gibt es keine Vorwürfe, allenfalls ein paar Frotzeleien. Jonny Otten etwa meinte Jahre später im Scherz, Kutzop habe ihn um eine Eigentumswohnung gebracht. Und beim Saisonabschluss zerreißt Trainer Rehhagel demonstrativ den Vertrag des Verteidigers, nur um gleich danach zu erklären: "Michael, Sie genießen mein volles Vertrauen. Wenn es wieder einen Elfmeter gibt, dann schießen Sie den." Gesagt, getan: Nach dem 22. April 1986 schreitet Kutzop insgesamt noch neun Mal für Werder am Punkt zur Tat. Er verwandelt immer. Umso bitterer wirkt dieser eine Fehlschuss nach.

Von einem "Trauma" möchte Kutzop heute nicht sprechen, auch wenn er gelegentlich noch das Geräusch im Ohr hat. Dieses Geräusch, wie sein Ball auf den Pfosten trifft. Schlaflose Nächte, so wie direkt nach dem verhängnisvollen Spiel, hat er deswegen schon lange nicht mehr. Damals, morgens so gegen fünf Uhr, hatte es ihm sein langjähriger Kumpel und Mitspieler Rudi Völler beim x-ten Frustbier prophezeit: "Micha, dein Name wird immer verbunden bleiben mit dieser Fahrkarte. Davon reden die Leute noch in zehn, zwanzig Jahren." Oder sogar in fünfundzwanzig.

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Michael Kunert 23.04.2011
Das war grossartig. Habe mangels Privatfernsehen am Radio mitgefieberet und wäre schier gestorben. Elfer in der 90. Minute, nachdem Bremen schon so viele Spiele in der Saison kurz vor Schluss entschieden hatte und die Bayern trotz grandioser Rückrunde (50 Tore) auf Distanz halten konnte. Und dann auch noch so unberechtigt. Nach Kutzops Fehlschuss glaubte ich wieder an Gerechtigkeit. Und freute mich, hatte ich doch schon lange zuvor (als Werder chon als sichewre meister galt) Tickets für das Gladbach-Spiel gekauft. Alles war offen mit immer noch klarem Vorteil Werder. Aber was am letzten Spieltag geschah war dann unglaublich, als um die 20. Minute ein Rumoren im Olympiastadion begann... Gänsehaut noch heute...
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