Versteigerung von Weltkriegsfotos Letzter Akt für das Nazi-Artefakt

Es ist das Schlusskapitel einer unglaublichen Geschichte: Vor einigen Monaten war in New York ein mysteriöses Fotoalbum aufgetaucht, mit einzigartigen Bildern von der Ostfront - und Hitler. Die "New York Times" und einestages lüfteten gemeinsam mit Lesern das Rätsel um das Album und den Urheber. Jetzt wird das Buch versteigert.

Privatkollektion via "New York Times"

Von , New York


Daile Kaplan hat die Spürnase und den Ehrgeiz einer Detektivin. Sie begann ihre Karriere in den Katakomben der Kongressbibliothek, wo sie Hunderttausende alter Fotos durchforstete - unsortiert, unbeschriftet, unidentifiziert. Damals suchte sie nach Aufnahmen des Fotojournalisten Lewis Hine, der unter anderem die Immigranten im Durchgangslager von Ellis Island und den Bau des Empire State Buildings dokumentiert hatte.

"Ich fand exakt 325 Bilder", erinnert sich die New Yorkerin lachend. "Es dauerte Jahre."

Lange ist das her. Kaplan schrieb zwei Bücher über Hine und arbeitet seit 20 Jahren bei Swann Galleries, New Yorks ältestem Spezialauktionshaus, dessen Vizepräsidentin sie ist. Nebenher jobbt sie als Foto-Expertin für die populäre TV-Serie "Antiques Roadshow" und hält den Auktions-Weltrekord für den Verkauf eines alten Fotobuches: 43.700 Dollar brachte die Ausgabe des "Atlas Photographique de la Lune" von 1903.

Ein Schatz zwischen zwei Buchdeckeln

Die Frau versteht also etwas von historischen Fotografien. Weshalb ihre Aufregung umso bemerkenswerter ist. "Dies ist ein Schatz", sagt sie und nimmt das Album vorsichtig aus der schützenden Luftpolsterfolie. "Es sich anzusehen, ist ein wahres Erlebnis."

Kaplan sitzt im fünften Stock eines unscheinbaren Gebäudes an der East 25th Street in Manhattan, in dem das Auktionshaus Swann seine Räumlichkeiten hat. Ringsum sind Helfer dabei, gerahmte Fotos aufzuhängen, in Vorbereitung für die nächste Auktion an diesem Dienstag. "Fine Photographs" heißt diese Auktion Nr. 2257 einfach nur: 327 Lose, bestehend aus einem oder einer Gruppe historischer Fotos.

Viele bekannte, fast schon ikonische Motive sind dabei: Landschaftsaufnahmen von Ansel Adams aus dem Yosemite Valley, Fotogravuren von Alfred Stieglitz, Andreas Feiningers Schwarz-Weiß-Skylines, das berühmte Foto von der Erschießung des Kenney-Mörders Lee Harvey Oswald, laszive Porträts von Legenden - Greta Garbo, Marilyn Monroe, James Dean.

Zwischen Krieg und Idyll

Der stille Star der Auktion aber liegt vor Kaplan auf dem Tisch - und kommt aus Deutschland. Los 134: "World War II" - ein altes Fotoalbum mit 214 Aufnahmen aus dem Zweiten Weltkrieg.. Mindestgebot: 25.000 Dollar.

Das Album hat eine lange, abenteuerliche und tragische Geschichte, die hiermit nun ihr würdiges Finale findet. Es ist eine Geschichte, die einestages erst im Juni enthüllt hatte, in Zusammenarbeit mit "Lens", dem Fotoblog der "New York Times" - und aufmerksamen Lesern.

Auf den ersten Blick zeigt das Album wahllose Weltkriegsszenen: schockstarre Soldaten, gefangene Juden, zerbombte Städte - und mittendrin Hitler. Gestochen scharf und aus nächster Nähe protokollierte der Fotograf die Gräuel an der Ostfront 1941. Dazwischen finden sich immer wieder Bildnisse eines privaten Idylls, auf diesen Bildern ist oft eine junge Frau zu sehen.

Die Leser lösten das Rätsel

Die Herkunft des Albums war lange ein Rätsel. Wer war der Fotograf? Wieso hatte er solch direkten Zugang sowohl zu Hitler als auch zu seinen Opfern? Und wer stellte die Bilder zusammen?

Über Umwege war das Album in den Besitz eines Geschäftsmanns aus New Jersey gelangt. Der wusste jedoch lange auch nicht, woher es kam. "Ich hatte keine Ahnung", sagte der 72-Jährige, der bis heute anonym bleiben möchte. "Der Fotograf musste im innersten Zirkel verkehrt sein."

Um das Rätsel zu lösen, veröffentlichten einestages und "Lens" eine Auswahl der Fotos, mit der Bitte an die Leser, bei der Lösung des Geheimnisses mitzuforschen. Diese brauchten nur Stunden, um das größte Mysterium zu lüften - die Identität des Lichtbildners: Es handelte sich um den Österreicher Franz Krieger, den "Doyen der Salzburger Pressefotografen".

Das private Drama des Fotografen

Die Geschichte Kriegers ist so faszinierend wie seine Bilder. In der dreißiger Jahren machte er sich mit Fotos von den Salzburger Festspielen einen Namen - und von deutschen Filmgrößen: Marlene Dietrich, Hans Albers, Emil Jannings.

Als Kriegsberichterstatter zog Krieger 1941 mit dem "Reichsautozug Deutschland", einem NSDAP-Propagandatross, bis ins zerstörte Minsk, wo er Gefangene und das Ghetto fotografierte. Auf dem Rückweg nach Berlin dokumentierte er ein Treffen Hitlers mit Admiral Miklos Horthy, dem Regenten Ungarns.

Doch das Album birgt auch noch eine andere Geschichte, Kriegers privates Drama: Die lachende Dame in den undatierten Privataufnahmen ist Kriegers Ehefrau Frieda. Sie und Heidrun, ihre zweijährige Tochter, kamen 1944 im US-Bombenhagel in Salzburg um.

Das neue Leben des alten Fotoalbums

All diese Zusammenhänge offenbarten sich aber erst, als einestages und "Lens" die Fotos publizierten. Was hier vorlag, so stellte sich heraus, war eine einzigartige Dokumentation.

"Dies ist eine äußerst seltene Kombination aus Privatem und Historischem", sagt Kaplan und blättert langsam durch die Kartonseiten. Normalerweise zeigten ähnliche Fotokollektionen nur einzelne Ereignisse, hier zeige sich die ganze Spannbreite des Kriegs. "Krieger war enorm talentiert", sagt Kaplan. "Er wusste genau, was er darstellen wollte." Die 70 Jahre alten Fotos sind außerdem in erstaunlichem Zustand: Kaum verblasst oder verfärbt durch den Klebstoff auf der Rückseite.

Der Wert ist nach Angaben der Expertin jedoch nur schwer zu schätzen. Swann versucht vor jeder Auktion, "das weitmöglichste Netz" auszuwerfen, um Interessenten anzulocken: Privatsammler, aber auch zusehends Institutionen - historische Gesellschaften, Museen, Universitäten. "Letztere fänden wir am besten", sagt Kaplan. "Die Bilder brauchen eine Struktur und den richtigen Kontext."

Apropos Kontext: Bis heute ist ungeklärt, wer das Album zusammengestellt hat - und wie es in den USA landete. Historiker mutmaßen, dass Krieger die Fotos während des Kriegs in Bayern versteckte und sie von einem GI als Kriegsbeute in die Heimat mit zurückgenommen wurden.

Dem bisherigen Besitzer ist es jedenfalls egal. Er will das Album von einem Bekannten bekommen haben, der als Gärtner für einen Exildeutschen in New Jersey gearbeitet habe, und lässt es nun versteigern, um Schulden zu begleichen. Erste Schätzungen, privat angestellt, beliefen sich auf 15.000 Dollar.

Dann kamen einestages, "Lens" und unsere Leser - und die erfahrene Expertenhand von Daile Kaplan. "Es ist jetzt ein Artefakt", sagt sie und legt es sanft wieder in die Schutzfolie. "Das Album beginnt nun sein nächstes Leben."

Nachtrag der Redaktion: Das Fotoalbum fand bei der Auktion "FINE PHOTOGRAPHS" am 18. Oktober 2011 keinen Bieter. Nach Angaben des Auktionshauses Swann hatten sich zwar zwei potentielle Interessenten als Telefon-Bieter angemeldet, dann aber auf ein Gebot verzichtet.



insgesamt 7 Beiträge
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Robert Laber, 18.10.2011
1.
Das "Wirtshausfoto" scheint im Kasino der Festung Breendonk im belgischen Willebroek bei Mechelen aufgenommen zu sein.
Thomas Wolf, 18.10.2011
2.
@ Robert Laber Ergebnis der Diskussion zum "Wirtshausfoto" war, daß es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um ein Lokal in Tiegenhof/Nowy Dwor bei Marienburg handelt. Der Spruch an der Wand war in der Weichselniederung bekannt ("Lieber in der Niederung versaufen als auf der Höhe vertrocknen") und ist im lokalen Niederdeutsch verfaßt. Außerdem steht auf dem Tisch eine Flasche "Stobbe's Machandel", erkennbar an der typischen Flaschenform. Aufgrund der anderen Fotos (Hitler/Horthy in Marienburg) ist ein solcher regionaler Bezug auch eher wahrscheinlich als ein Ort in Belgien/Niederlande.
Scharnberg Harriet, 18.10.2011
3.
Sehr geehrter Herr Pitzke, wir haben Zeit, Mühe und Expertenwissen eingesetzt, um Ihnen bei der Ermittlung des Fotografen und der Erhellung der Umstände seiner Fotos zu helfen. Dass Sie die gewonnenen Erkenntnisse nun dazu verwenden, den Auktionserlös der Bilder in die Höhe zu treiben, finden wir sehr ärgerlich. Unserer Meinung nach sollte sich niemand durch den Verkauf von Holocaustfotografien bereichern. Skandalös wird die Angelegenheit aber dadurch, dass der Wert des Albums durch die Lösung des Rätsels natürlich eigentlich eklatant gemindert wurde ? wenn man alle Fakten kennt und benennt. Denn wie sich ja herausstellte, handelt es sich bei den Fotos in dem Album weder um Unikate noch um ?nie-gesehene? Bilder: Man findet hier lediglich einige hundert zeitgenössische Abzüge eines weitaus größeren Bestandes von Fotografien des Fotografen Franz Krieger, der vollständig in Negativen im Stadtarchiv Salzburg überliefert ist. Wenn es hier also überhaupt eine Sensation gibt, wäre es dieser Archivbestand ? nicht aber das Album. Dass Sie in einem derart werbenden Artikel über die Auktion Ihr Wissen um den Salzburger Archivbestand und um den von Peter Kramml veröffentlichten Bildband über Kriegers Fotografien, in dem ja bereits 2008 ein großer Teil der nun zum Verkauf stehenden Bilder veröffentlicht wurde, Ihren Lesern vorenthalten, ist in unseren Augen höchst problematisch und das absolute Gegenteil eines kritischen und unabhängigen Journalismus. Mit freundlichen Grüßen Dr. Peter F. Kramml, Leiter Stadtarchiv Salzburg Harriet Scharnberg, Historikerin, Hamburg/Münster
Benjamin Maack, 18.10.2011
4.
Sehr geehrte Frau Scharnberg, sehr geehrter Herr Kramml, die Faszination des Albums, die wir beschreiben, ist ausschließlich eine journalistische. Historiker und Sammler mögen darüber ihre eigenen und offenbar sehr verschiedenen Auffassungen haben, und der wahre Wert dürfte auf der Auktion durch deren Sachverstand bestimmt werden, nicht durch unseren Bericht. Sie sprechen vom Wert der Fotos per se, unsere Geschichte dagegen spricht vom Wert des ALBUMS. Dass sich Versionen der einzelnen Fotos z.T. im Salzburger Stadtarchiv befinden, haben wir in unserer vorherigen Geschichte mit ausführlichen Zitaten von ihrer Seite erwähnt. Der damalige Text vom Juni ist mit dem aktuellen verlinkt, unseren Lesern wird also nichts vorenthalten. Der alte Text geht auch ausführlich auf die Geschichte des ALBUMS ein, und wir haben jetzt nur das letzte Kapitel dieser Geschichte geschildert, diesmal mit Zitaten einer weiteren Expertin, Daile Kaplan. Diese ist eine Expertin für historische Fotografien, die das ALBUM u.a. als einen "Schatz" bezeichnet. Diese Einschätzung bezieht sich, wie wir auch deutlich machen, nicht auf die Fotos selbst, sondern auf deren private Zusammenstellung innerhalb des ALBUMS - diese Zusammenstellung ist wirklich einzigartig, denn es existiert nur dieses eine Album. Wenn Sie also Probleme mit der Wertschätzung des ALBUMS haben, müssten Sie sich mit Mrs. Kaplan auseinandersetzen, nicht mit uns. Mit freundlichen Grüßen, Marc Pitzke, Spiegel Online
Sönke Ibs, 20.10.2011
5.
Sehr geehrter Herr Pitzke, Sie beschreiben in Ihrer Antwort an Herrn Kramml und Frau Scharnberg einige Dinge, die ich gerne aus Lesersicht kommentieren möchte: 1. dass die Faszination des Albums ausschließlich eine journalistische sein soll, ist schwer zu glauben. 2. Sie beeinflussen durch Ihren Bericht sehr wohl den Ausgang der Auktion, wenn Beteiligte ihren Artikel gelesen haben und sich deshalb an der Auktion beteiligen. 3. Mir wurde durch das Lesen des Artikels nicht klar, dass es sich bei dem Fund nicht um Foto-Unikate handelt, weil der Bericht nicht mit expressiven journalistischen Ausdrücken spart. 4. Wer sich nicht die Mühe macht, auch die Artikel hinter den Links zu lesen (ich habe das nicht getan) bekommt selbstverständlich nicht mit, dass es das Archiv gibt. 5. Von der Mühe, die Kramml und Scharnberg beschreiben, bekommt man beim Lesen auch nichts mit, dort ist nur lapidar von Lesern die Rede. Ihrem Artikel würde in meinen Augen sehr gut tun, mit zwei, drei eingestreuten Sätzen diesem Eindruck, den Kramml und Scharnberg beschreiben und den ich auch z.T. hatte, entgegenzuwirken. Mit freundlichen Grüßen, S. Ibs
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