Versunkenes Ferienparadies Argentiniens Atlantis

Versunkenes Ferienparadies: Argentiniens Atlantis Fotos
Alberto Clavería

Geisterstadt vom Grund des Sees: Vor 90 Jahren entstand der argentinische Badeort Villa Epecuén. Zehntausende Urlauber besuchten das florierende Touristenparadies, bis ein Damm brach und das Städtchen versank. Mittlerweile sind die Ruinen wieder aufgetaucht - und ein Abenteuerspielplatz für Fotografen. Von

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Da war die Spitze des Hauses, ein Teil des Daches, das tapfer aus dem Wasser ragte. Norma Berg hat sie jahrelang nicht aus den Augen verloren, immer wieder ist sie an den Rand der großen Laguna Epecuén gegangen und hat rübergeschaut zu dem Rest des Dachs, diesem letzten Relikt ihrer Kindheit und Jugend.

23 Jahre ihres Lebens hatte sie dort mit ihren Eltern und ihrem Bruder verbracht, bis am 10. November 1985 nach heftigen Regenfällen ein Damm brach und ihr Haus in den Fluten versank. So wie der ganze Kurort Villa Epecuén, jenes Urlaubsparadies mit seinen 250 Hotels und all den luxuriösen Thermalbädern. 25.000 Kur-Urlauber waren jedes Jahr zwischen Dezember und März in das 1500-Seelen-Dorf gekommen; wer hier wohnte, hat ziemlich gut vom Tourismus gelebt.

"Die Katastrophe", nennen Menschen wie Norma Berg die Überflutung nur, weil sie dieses blühende Geschäft abrupt und dauerhaft ertränkte. "Es war fürchterlich, es war schmerzhaft, wir hatten alle unsere Häuser verloren, es gab keine Arbeit mehr, dann kam die Inflation", erinnert sich die 49-Jährige. Und mit den steigenden Preisen wuchs auch die Wut auf die Regierung, die nichts gemacht habe gegen die drohende Überschwemmung. Dabei hatten selbst ihre Katze und ihr Hund das Unglück gespürt, davon ist Berg überzeugt. Sie liefen weg, kurz bevor das Wasser kam und eine großartige Erfolgsgeschichte beendete, die vor 90 Jahren begonnen hatte.

Gründung aus Sehnsucht

Damals, 1922, hatten argentinische Juden den Ort Villa Epecuén offiziell gegründet; das erste Thermalbad war schon ein Jahr zuvor mit viel Pomp eingeweiht worden. Sehnsucht hat dabei wohl eine große Rolle gespielt.

Denn der angrenzende, etwa 10.000 Hektar große Lago Epecuén erinnerte sie an Palästina, das Gelobte Land auf der anderen Seite des Globus: Die Salzkonzentration hier war fast so hoch wie im Toten Meer, weil der riesige See extrem flach war und daher große Mengen von Wasser verdunsteten. Doch während das Tote Meer weltberühmt war und Menschen mit Schuppenflechten oder Rheuma auf seine heilende Wirkung schworen, war Epecuén bestenfalls ein Geheimtipp.

Der Tourismus dort hatte allerdings schon vor der Gründung Epecuéns Fuß gefasst. Er begann mit dem Ausbau des argentinischen Eisenbahnnetzes. 1899 bekam der nur wenige Kilometer vom See entfernte Ort Carhué seinen ersten Bahnanschluss mit dem rund 550 Kilometer entfernten Buenos Aires, wenig später folgten zwei weitere Zugstrecken. Carhué, dieses Nest am Rande der argentinischen Pampa, war auf einmal gut an den Rest des Landes angebunden.

Bald erkannten auch Investoren den touristischen Wert des mineralreichen Gewässers. Erst wurden nur behelfsmäßige Umkleidebaracken an das Seeufer gestellt, dann hölzerne Stegs und einfache Unterkünfte gebaut. Carhué hatte nur ein Problem: der Ort lag nicht direkt am See, sondern ein paar Kilometer abseits. Kutscher transportierten die ersten Touristen an den See.

Ein Palast zum Erholen

Die Gründer von Villa Epecuén errichteten den neuen Badeort deshalb extra acht Kilometer nördlich, direkt am Seeufer. Diese Nähe zum Wasser war verantwortlich für seinen rasanten Erfolg - und später für seinen tragischen Untergang.

Schnell lief die Neugründung der Konkurrenz aus Carhué den Rang ab und mauserte sich zu einem Touristenmagneten mit internationalem Flair. Schon in den zwanziger Jahren entstanden mondäne Thermalanlagen wie das "Hotel Royal" oder das "Balneario Minas de Epecuén": ein hufeneisenförmiger Erholungsort für geplagte Minenarbeiter und ihre Familien. Die Urlauber konnten direkt über dem Wasser auf einem hundert Meter langen Holzsteg flanieren, der in einem palastartigen Torbogen mündete. Im Hydrothermalbad wurden medizinische Behandlungen angeboten, zur Anlage gehörten Tennisplätze und ein Süßwasser-Schwimmbecken, das abends mit Laternen beleuchtet werden konnte. Den Strom lieferte ein eigenes Elektrizitätswerk.

Postkarten aus dieser Zeit zeigen Urlauber, die in feinen Sonntagskleidern und mit Sonnenschirmen über die breiten Holzstege stolzieren oder im Badeanzug vor den modernen Thermen posieren.

Verhängnisvolles Experiment

Die einzige Gefahr für den Tourismus war das unberechenbare Klima. Besonders die dreißiger und vierziger Jahre waren sehr niederschlagsarm. Wie das Tote Meer schrumpfte auch die Laguna Epecuén stetig. Selbst das hatte seinen Reiz, zumindest für Fotografen: Aufnahmen jener Zeit zeigen Touristen vor weiten, menschenleeren Ufern, in der Ferne schimmert der See. Manchmal ging das Wasser sogar so weit zurück, dass unter den hölzernen Stegen und in den Thermen kaum noch Wasser war.

Auch deshalb beschloss die Regierung der zuständigen Provinz Buenos Aires 1975, den sterbenden See mit dem Bau eines Kanals zu versorgen. Der 25 Kilometer lange Ameghino-Kanal sammelte seitdem Wasser aus weiter entfernten Seen und Flüssen und leitete es in ein System von sechs großen Seen, die auf natürlichem Weg miteinander verbunden sind. Das letzte Glied in dieser Kette von Seen ist Epecuén.

Ökologisch war das ein riskantes Experiment, denn dadurch sank die Salzkonzentration in Epecuén - einst der Grund für den Tourismus-Boom. Als sich dann das Klima in den achtziger Jahren erneut drastisch änderte und es 1985 auf einmal fast dreimal so viel regnete wie in den trockensten Jahren, wurde das System der miteinander verbundenen Seen zum Auslöser der Überschwemmung.

Außer Kontrolle

"Sie haben zugeschaut und nichts gemacht ", sagt Norma Berg immer noch ein wenig fassungslos. Sie ist überzeugt, dass die Katastrophe ganz einfach zu verhindern gewesen wäre, wenn man den Ameghino-Kanal geschlossen hätte. "Es war eine bewusste politische Entscheidung, das nicht zu tun." Die heute für die Regulierung des Wassers zuständige Behörde, das "Oficina de Control y Seguimiento Hídrico" erklärt hingegen auf ihrer Internetseite, dass die Überschwemmung nur deshalb eingetreten sei, "weil zu keinem Zeitpunkt irgendjemand die Wassermengen kontrollierte, die durch den Kanal flossen."

Am 10. November 1985 hielt der Damm, der Villa Epecuén seit 1980 schützte, dem Wasserdruck nicht mehr stand - und stellte das Leben der 1500 Einwohner auf den Kopf. Viele flohen ausgerechnet nach Carhué, dem Städtchen, von dem der gerade versunkene Kurort einst die Touristen weggelockt hatte. Das machte die Situation nicht einfacher, manchmal brachen alte Rivalitäten auf, erzählt Norma Berg. Sie kam bei Bekannten in Carhué unter, bis die argentinische Regierung zwei Jahre später ihren Eltern und anderen Flutopfern ein neues Haus baute.

An Tourismus war trotzdem noch nicht zu denken: Die Überschwemmung hatte nicht nur die Infrastruktur zerstört, sondern auch die Salzkonzentration nachhaltig verändert: Hatte man 1934 noch 382 Gramm Salz pro Liter im Wasser gemessen, waren es 1987 nur noch 37 Gramm. Warum sollten Urlauber noch hierhin fahren? Erst in den neunziger Jahren kamen sie wieder vermehrt nach Carhué.

Die langsame Wiedergeburt

Ironischerweise war es aber erneut die alte Rivalin Villa Epecuén, die Carhué die Show stehlen sollte: Denn erneut wandelte sich das Klima, die Region wurde wieder von Trockenperioden heimgesucht. Nach und nach sank der Spiegel des Sees, so dass die Ruinen des versunkenen Dorfes nach mehr als zwei Jahrzehnten wieder auftauchten. Seit vier Jahren ist es sogar wieder zu Fuß zu besichtigen, und Norma Berg spürt die Begeisterung.

"Alle, die nach Carhué kommen, wollen unbedingt das untergegangene Dorf sehen", sagt sie. Fast jeden Tag führt sie Touristen zu ihrer alten Heimat. Der morbide Charme des argentinischen Atlantis fasziniert. Das einstige Urlaubsparadies ist nun ein El Dorado für Fotografen.

Da ist zwischen den Ruinen noch ein verrostetes Bett oder eine alte Badewanne zu finden, windschiefe Strommasten zeugen von einer besseren Zeit, abgestorbene Bäume recken ihre Äste geisterhaft in den Himmel, vieles steht noch knöcheltief im Wasser. Die Dorfkirche ist längst zusammengebrochen, doch das wuchtige Schlachthaus, entworfen von einem italienischen Architekten, hat der Überflutung bis heute getrotzt.

Und dann gibt es noch diese eine Ruine, die Norma Berg jedes Mal besucht, wenn sie hierher kommt. Es ist das Haus ihrer Eltern, von dem sie so lange nur die Spitze erspähen konnte.

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1.
Christoph Schmid 07.05.2012
leider geil
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