Flüchtlinge nach dem Zweiten Weltkrieg "Wie Vieh abgeschätzt"

Die aktuellen Flüchtlingszahlen sind gering im Vergleich zur Nachkriegszeit: Allein in Westdeutschland suchten damals zehn Millionen Menschen Zuflucht. Die Vertriebenen wurden als "Polacken" und "Zigeuner" angefeindet.

Stadtarchiv Offenburg

Hass und Ausrufezeichen sind Geschwister. Gleich zwei brauchten die beiden Männer für ihr Plakat: "Badens schrecklichster Schreck, der neue Flüchtlingstreck!!" Die Parole stammt nicht etwa aus diesen Tagen, in denen Anhänger von Pegida gegen Flüchtlinge protestieren, Flüchtlingsheime angegriffen werden und eine grölende Horde Frauen und Kinder in einem Bus tyrannisiert. Sie stammt von einem Fastnachtsumzug aus dem badischen Städtchen Lahr Ende der Vierzigerjahre. Derweil kursierte im Emsland der Spruch von den drei großen Übeln: "Wildschweine, Kartoffelkäfer und Flüchtlinge".

1941 hatten Wehrmacht und SS den Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion begonnen. Vier Jahre später flüchteten Hunderttausende aus den deutschen Ostprovinzen vor der heranstürmenden Roten Armee. Millionen Deutsche wurden später aus Polen, der Tschechoslowakei, Jugoslawien und anderen Staaten in die spätere Bundesrepublik Deutschland vertrieben. Ohne Hab und Gut, für immer.

Eine Willkommenskultur? Damals völlig unbekannt.

"Die Flüchtlinge hinauswerfen"

"Keiner hat 'Hier' geschrien, wenn es darum ging, Flüchtlinge aufzunehmen", sagt der Historiker Andreas Kossert von der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung (SFVV). Zwar wurden viele Flüchtlinge und Vertriebene in Lagern zusammengepfercht, in denen zuvor Zwangsarbeiter gelebt hatten, oder fanden Platz in notdürftig errichteten Nissenhütten. Aber ein Großteil der Menschen wurde in privaten Haushalten oder Bauernhöfen einquartiert - und sei es gegen erbitterten Widerstand der Eigentümer. Bisweilen mussten alliierte Besatzungssoldaten zu den Waffen greifen, um den Vertriebenen zu einer Unterkunft zu verhelfen.

Für die Einheimischen waren die Neuankömmlinge im Nachkriegsdeutschland schlicht Nahrungskonkurrenten. Wie die siebenjährige Helga Bianca Kränicke. Als das Flüchtlingskind aus Pommern 1946 in der neuen Heimat Schleswig-Holstein einen Apfel vom Weg auflas, verdrosch der Eigentümer mit einer Harke ihren Großvater, dann nahm er dem Mädchen das angebissene Obst weg, wie Kränicke in dem Buch "Flüchtlingsland Schleswig-Holstein" berichtete.

Als "Polacken" oder "Zigeuner" beschimpften Einheimische die Vertriebenen, auf die nun der von den Nationalsozialisten gegen die slawischen "Untermenschen" im Osten geschürte Rassenhass zurückfiel. 1947 tönte der bayerische Bauernfunktionär Jakob Fischbacher: "Die Preußen, dieses Zeugs, und die Flüchtlinge müssen hinausgeworfen werden, und die Bauern müssen dabei tatkräftig mithelfen. Am besten schickt man die Preußen gleich nach Sibirien."

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Die Geschichte der deutschen Vertriebenen zeigt, welches Wahngebilde die von den Nazis beschworene "Volksgemeinschaft" war. "In der Rückschau wird immer behauptet, dass damals Deutsche zu Deutschen kamen", sagt Andreas Kossert. "Aber schauen Sie sich einmal an, wo diese Menschen alle herstammten: Es kamen nicht nur sogenannte Reichsdeutsche aus Ostpreußen, Schlesien oder Pommern, sondern auch Deutsche von der russischen Wolga, aus dem Baltikum, aus Böhmen oder Rumänien, Donauschwaben aus Jugoslawien. Das war eine Mischung von Menschen, die das Schicksal des Heimatverlusts und eine Affinität zur deutschen Sprache und Kultur teilten. Trotzdem waren sie aufgrund von Bräuchen und der konfessionellen Zugehörigkeit sehr unterschiedlich."

"Devise: Friss oder stirb"

Lediglich die Jungen und Kräftigen waren als billige Arbeitskräfte begehrt. Sie ersetzten die alliierten Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter, die vor Kriegsende für die Deutschen geschuftet hatten. "Wir wurden von den Bauern wie Vieh abgeschätzt. Die Bauern nahmen nur die, die arbeiten konnten", erzählte ein Schlesier, den es als Siebenjährigen mit Mutter und Geschwistern ins Emsland verschlagen hatte. Kossert zitiert ihn im Buch "Kalte Heimat. Die Geschichte der deutschen Vertriebenen nach 1945".

Rund zehn Millionen Flüchtlinge und Vertriebene mussten sich damals in West-Deutschland eine neue Heimat aufbauen. Dieser gewaltige Bevölkerungszuwachs sollte Westdeutschland verändern. So lebten 1939 in Schleswig-Holstein erst knapp 1,6 Millionen Menschen, Ende 1946 waren es über 2,5 Millionen.

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Angesichts zerbombter Städte wurde ein Großteil der Neuankömmlinge auf dem Land untergebracht - eine permanente Herausforderung. "Sie haben Hierarchien infrage gestellt", sagt Kossert. "Wenn zum Beispiel zahlreiche katholische Schlesier ins protestantische Norddeutschland kamen, erschütterten sie die alten konfessionellen Strukturen. Dadurch ist Deutschland massiv durcheinander geraten."

Indes wäre das sogenannte Wirtschaftswunder ohne die Flüchtlinge und Vertriebenen nicht denkbar gewesen. Nicht alle erlebten den Aufschwung der Bundesrepublik. Die alte Heimat verloren, keine neue gefunden, besitzlos und ausgegrenzt - manche verzweifelten daran. Ein vergiftetes Mädchen im Alter von 14 Jahren wurde im Mai 1947 auf einem bayerischen Bauernhof entdeckt, die Mutter hatte sich die Pulsadern geöffnet, die Großmutter erhängt. Den Schmerz der Entwurzelung hatte Erich Kästner 1945 in seinem bekannten "Marschlied" ausgedrückt:

"Und mein Herz ist so durchbrochen,
daß man's kaum für möglich hält."

"Es galt die Devise: Friss oder stirb", beschreibt Andreas Kossert den Integrationsdruck auf die Vertriebenen. "Diese Menschen hatten ja alle keine Rückfahrkarte." Trotzdem träumten die meisten Entwurzelten von einer Rückkehr in die verlorene Heimat. Diese trügerische Hoffnung wurde auch von politischen Parteien immer wieder geschürt.

Wie ein Blitzableiter

"Verzicht ist Verrat", tönte etwa die SPD in einem Telegramm zum Treffen der Schlesier 1963 - in Missachtung der politischen Lage in Europa. Vor Schlesien, Pommern, Ostpreußen und anderen Gebieten war der Eiserne Vorhang niedergegangen, ein Rückerwerb von Polen und der Sowjetunion völlig illusorisch.

"Es war wie ein Blitzableiter", sagt Kossert. "Eine Art Ventil, Forderungen zu stellen, die überhaupt nicht realisierbar waren. Das hatte die innenpolitische Funktion, Druck aus der Vertriebenenfrage rauszunehmen." Als Bundeskanzler Willy Brandt 1970 mit den Ostverträgen die Oder-Neiße-Linie als Polens Westgrenze anerkannte, waren viele Vertriebene empört.


Flüchtlinge 1945: In vollen Zügen gen Westen (britische Wochenschau)


Viele Nachfahren hingegen verstanden die Sehnsucht der Alten nach der Heimat kaum. "Meine Großmutter weinte, mein Großvater weinte, meine Tanten und Onkel weinten, auch die Angeheirateten weinten, die Ostpreußen gar nicht kannten", beschreibt die Schriftstellerin Petra Reski in ihrem Buch "Ein Land so weit" Familienfeiern, bei denen das Ostpreußenlied gesungen wurde. "Meine Cousins und ich tranken Eierlikörflip und aßen dazu Salzstangen."

Aber auch Menschen aus der ersten Vertriebenengeneration machten ihren Frieden. "Für mich ist Europa die Zukunft und nicht das Land der Nationalstaaten", sagte der aus dem Memelland stammende Robert Brokoph in der ARD-Dokumentation "Fremde Heimat" von 2011, "denn Nationalismus hat so viel Blut und Elend über die Menschen gebracht. Ich möchte das nicht wieder sehen".

Beeinflusst die historische Erfahrung von Flucht und Vertreibung die heutige Situation, in der Hunderttausende Menschen auf der Flucht nach Deutschland kommen? "Der Kontext ist natürlich vollständig unterschiedlich", sagt Andreas Kossert. "Es gibt aber Millionen Menschen in Deutschland, die selbst einen Flucht- und Vertreibungshintergrund haben und wissen, wie schnell man selbst zum Flüchtling werden kann. Vielleicht ist es tatsächlich so, dass die Deutschen aus diesem Grund in der Flüchtlingsfrage anders handeln als einige Nachbarländer."

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insgesamt 65 Beiträge
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Seite 1
Johannes Höper, 01.04.2016
1. Kräftig schütteln....
Die Durchmischung vormaliger geschlossener Strukturen war natürlich für die Bertoffenen hart - Die "Eingeborenen" mussten sich bewegen (natürlich weniger als die Neuankömmlinge) und die Flüchtlinge hatten den Verlust Ihrer alten Heimat und die Abwehrhaltung in der neuen Heimat zu tragen. Aber: Die Durchmischung hatte durchaus sein Gutes - vuielleicht in der Rückschau sogar mehr Gutes als Schlechtes. Beide Parteien wurden mit neuen Ideen konfrontiert, es gab den Willen (vielleicht sogar den inhärenten Zwang) für die Flüchtlinge sich zu behaupten und etwas aufzubauen (mit Arbeit ließen sich ja auch Krieg und verschiedene Verbrechen verdrängen), die zusätzlichen Menschen brachten zusätzliche Nachfrage und Wirtschaftsaktivität. Man war mit Überleben und Wiederaufbau beschäftigt und hatte keine Zeit für revanchistische Ideen. Wichtig für das Gelingen dieser Integration scheinen mir - neben äußerem Frieden - zwei Voraussetzungen: Es gab eine gemeinsame Sprache und ein gemeinsames Kulturverständnis. Letzteres hatte seine Wurzeln zwar noch vielfach im Nationalsozialismus - aber es war eine Gemeinsamkeit. Möglicherweise hat der NS-Staat mit Kinderverschickung sowie Unterbringung von Bombenkriegsopfern in ländlichen Gegenden sogar die mentale und organisatorische Vorbereitung auf die Flüchtlingswelle nach dem Krieg geliefert.
Sebastian Lac, 01.04.2016
2. Nicht per se einfach nur Fluechtlinge
Diese Menschen damals, die gefluechtet sind waren ja nicht nur per se Fluechtlinge. Sie waren Deutsche, sie hatten den gleichen kulturellen und religioesen Hintergrund und sprachen Deutsch was eine Integration nicht noetig machte. Es war leichter uns sogar hilfreich fuer das Land diese Menschen aufzunehmen, da die meisten sogar eine Hochausbildung und wenn nicht dann Basisbildung mitbrachten.
Mihaela Stan, 01.04.2016
3. Äpfel und Birnen
Meine Großmutter war eine der damligen Flüchtlinge. Das Interessante zu der damaligen Zeit: Die Flucht passierte sozusagen innerhalb eines Landes! Also waren die "Neuankömlinge" keine Flüchtlinge in unserem heutigen Verständnis, sondern vielmehr Staatsbürger auf Wanderschaft. Auch interessant wie sich der Begriff des Flüchtling mit der Zeit geändert hat.
Alex Murr, 01.04.2016
4. damals und heute...
(...) "Sie haben Hierarchien infrage gestellt", sagt Kossert. "Wenn zum Beispiel zahlreiche katholische Schlesier ins protestantische Norddeutschland kamen, erschütterten sie die alten konfessionellen Strukturen. Dadurch ist Deutschland massiv durcheinander geraten." (...) und in unserer Zeit wird das nicht geschehen ? es ist vollkommen normal, dass es Reibungspunkte geben wird - leider wird das weggeleugnet.
Neapolitaner, 01.04.2016
5. Es waren Deutsche, die kamen
und da gab es nichts zu "integrieren". Es mussten Jobs für die Leute her. Den Rest würde die Zeit besorgen und so ist es ja auch gekommen. Dass es in Westdeutschland zu heftigen Zeichen der Ablehnung kam (nicht durchgängig) ist vor allem der Not geschuldet. Zur gleichen Zeit, als die Flüchtlinge kamen, waren Millionen Ausgebombte auf Notunterkünfte angewiesen. Von der katastrophalen Ernähungslage ganz zu schweigen. Parallelen zur heutigen Situation herleiten zu wollen - das erscheint schon sehr konstruiert und hat mit der Realität nichts zu tun.
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